Zeitlose Torheiten – und Widerspruch

Wilhelm Röpke: Torheiten der Zeit. Stellungnahmen zur Gegenwart, Glock und Lutz Verlag, Nürnberg o.J., 172 S., antiquarisch erhältlich.

Wilhelm Röpke ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Das ist einerseits nicht verwunderlich, da der von den Nationalsozialisten vertriebene Wahlschweizer in erheblichem Maße publizistisch wirkte und Publizisten schnell in Vergessenheit geraten. Andererseits ist das gleichermaßen erstaunlich, bedauerlich und bezeichnend, denn Wilhelm Röpke ist einer der Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland und der Sozialen Marktwirtschaft, die durch sein von Konrad Adenauer beauftragtes Gutachten im Jahr 1950 entscheidenden politischen Rückenwind erhielt. Röpke erscheint heute in vielerlei Hinsicht unzeitgemäß, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Ökonom und Soziologe auch ein Kulturpessimist war und für Werte und Strukturen eintrat, die heute unmodern erscheinen. Indes lohnt sich das Nachdenken über das, was der vielleicht führende europäische Intellektuelle der 1940er und 1950er Jahre zu sagen hatte. Manches erscheint zudem sehr modern, wenn man es in unsere Zeit und Sprache übersetzt. Drei Beispiele aus dem posthum veröffentlichten Band „Torheiten der Zeit“ sollen an dieser Stelle genügen.

  1. Nicht nur die Welt der Manager, sondern insbesondere auch die Perspektive der Jugend ist heute eine globale. Reisen, Studieren, Nachrichten austauschen, all das kennt keine politischen Grenzen. In einer globalisierten Welt gibt es zugleich einen Trend zum Regionalen. Der Kiez ist der überschaubare Lebensraum. Die Nahrung aus der Region liegt voll im Trend. Wilhelm Röpke sprach von der Liebe zur Gemeinschaft und zur Heimat: „Was umschließt nicht alles das Wort ‚Heimat’, eines der schönsten der deutschen Sprache, voll Wärme und Innigkeit wie das Wort ‚Weihnachten’!“ Für liberale Architekten einer Verfassung der Freiheit bietet die Region zudem ein potenzielles Bollwerk gegen Zentralismus und Totalitarismus.
  2. In der modernen Massenwohlstandsgesellschaft spielt längst die Optimierung des Individuums eine zentrale Rolle. Vegane Ernährung, Detoxification, durch Fitness Trainer gestählte Körper, mental einerseits gestärkte und andererseits gezielt entspannte Hirne, sei es per Meditation, Klosteraufenthalt, Gedächtnistraining oder anderen Formen einer optimierten Persönlichkeit zählen zum modischen Angebot der Coaches und Berater. Es lohnt sich, manches Angebot auszuprobieren genauso wie mit Röpke – recht übersetzt – zu fragen: „Ist es ‚Romantik’, gegen die erschreckende Neigung zu kämpfen, überhaupt nicht mehr danach zu fragen, was dieser oder jener technische ‚Fortschritt’ wie etwa das Überschallflugzeug für Gesundheit und Glück der Menschen bedeuten mag?“

Je nach Betrachtungsweise scheint es, als ob der zuweilen als rückwärts gewandt beurteilte Humanist seiner Zeit nicht in mancherlei Hinsicht voraus war. Das gilt auch für seine Kritik an billigem Konsumismus und überbordendem Materialismus, an fachidiotischen Experten, denen es mangels Bildung und Herkunft an Substanz mangelt .

  1. In den Krisen der heutigen Zeit fehlt eine Elite mit Langfristperspektive, die tatsächlich das Gemeinwohl einer freien Gesellschaft im Auge und Herzen hat. Diese natürliche Aristokratie, Röpke thematisierte wiederholt die “Nobilitas Naturalis”, die frei ist von der stumpfen Massenbeschäftigung und den ideologischen Rechtfertigungszwängen politischer Korrektheit, verkörpert die unentbehrlichen Ligaturen einer freien Gesellschaft. Für Röpke besteht die Krux darin, dass die (wahren) Intellektuellen die moderne Industriegesellschaft, wenn nicht geschaffen, so ihr doch den Weg geebnet haben, um anschließend in der modernen Industriegesellschaft (scheinbar) überflüssig zu werden. Ob dem so ist, oder ob es nicht erneut eine verschwindend kleine Minderheit wahrer Intellektueller gibt, sei dahingestellt. Offenkundig ist jedoch, dass die flächendeckende Akademisierung nicht mit einer flächendeckenden Bildung einhergeht. Das gilt selbst für die Wissenschaft, in der er es bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert an „wirklich schöpferischen Forschern“ mangelte. Röpkes Diktum erscheint wegweisend und brandaktuell, wenn er vor der „industrialisierten, mechanisierten, entpersönlichten und bürokratisierten Wissenschaft“ warnte.

Kulturpessimismus muss nicht als unausweichlich angesehen werden. Der Weg zur Knechtschaft ist genauso reversibel wie der Untergang des Abendlandes. Es gilt nur die offensichtlichen Torheiten der Zeit zu benennen und stets zu widersprechen. Aber wer mag heute schon ein unangepasstes Leben führen – in der Brandung?

 

P.S. Wer mehr zu Wilhelm Röpke erfahren möchte, dem sei diese Rezension empfohlen: Torheiten der Zeit und ausführlicher die sehr lesenswerte Biographie von Hans Jörg Hennicke „Ein Leben in der Brandung“ (mit ebenfalls lesenswerten Besprechungen).