Weltmacht im Niedergang?

Boston zählt zu den wohlhabendsten Städten der USA. Die größte Metropole der Region Neuengland hat nur gut 600.000 Einwohner, verfügt aber über eine große Freiheitsgeschichte. Die patriotischen Sons of Liberty sind hier zuhause – genauso wie Forscher aus der ganzen Welt, die an Eliteuniversitäten wie Harvard und dem MIT wirken. Die Boston Tea Party bildete den vorläufigen Höhepunkt der amerikanischen Auflehnung gegen die ungerechte und unterdrückerische britische Kolonialmacht. Wenig bekannt ist wie viel harte Arbeit notwendig war, um am 16. Dezember 1773 die 45 Tonnen Tee ins Wasser zu kippen.

Heute erinnert Boston an eine Mischung aus Hannover und Hamburg. Eine überschaubare, unspektakuläre Innenstadt – mit allerdings sehr schöner Skyline – profitiert vom Flair des Hafens, genauer von den zahlreichen Buchten am Atlantik.

Skeptischer Blick

Schon der erste Blick wirft indes Fragen auf. Zweifel wachsen mit jedem weiteren Einblick. Zu den anekdotischen Erkenntnissen gehören folgende: Die Wifi-Infrastruktur ist gut, am Flughafen sogar top. Sonst erscheint die Bezeichnung grottenschlecht kaum übertrieben zu sein. Öffentliche Verkehrsmittel fehlen weitgehend oder sind so unzulänglich wie in Washington auch. Blechlawinen quälen sich folglich zu fast jeder Tages- und Nachtzeit durch das hässliche, autobahnartige Straßengetümmel. Weder Staat noch private Initiative haben ein mit Hamburg, Hannover oder Berlin vergleichbares Verkehrsnetz geschaffen. Das ist einerseits typisch für das Land, das seit einem Jahrhundert die Führungsmacht der westlichen Welt ist, hat sich andererseits in den letzten Jahrzehnten noch verschlechtert. Die Straßen sind vielfach in traurigem Zustand. Schlaglöcher ohne Ende, verrostete Brücken, besonders sauber ist es auch nicht. Parkplätze sind Mangelware. Ist es einfach nur ein Knappheitsanzeiger, wenn bis zu 30 Dollar für 3 Stunden parken in der Innenstadt anfallen können oder 40 für 24 Stunden im Hotel? Nicht nur im Vergleich mit Löhnen für einfache Arbeiten mutet das aus deutscher Perspektive einigermaßen absurd an.

Die Qualität der Häuser und der handwerklichen Dienstleistungen ist im Vergleich zu Deutschland mies. Holzhäuser können hübsch aussehen, sind aber, zugespitzt formuliert, letztlich bessere Baracken. Und von Hochhäusern abgesehen sind die Häuser alle aus Holz. Leitungen verlaufen oberirdisch mit entsprechend störanfälligem Kabelsalat. Isolierung und Energieeffizienz sind Fremdwörter.

Die sprichwörtliche Schere

Das Gefälle zwischen Reich und Arm ist auch in Boston sichtbar, nicht nur in den Karawan- und Zeltstädten in vielen anderen Teilen der USA. Liberale sind Verfechter von materieller Ungleichheit. Ursachen und Therapien erfordern sorgfältige Betrachtungen. An dieser Stellen sollen zwei Fragen lediglich als Denkanstöße dienen: Ist es in Ordnung, wenn eine Blinddarmoperation für ein Kind den Abstieg aus der Mittelklasse bedeuten kann, weil die Gesundheitskosten horrend sein können und kein tragfähiges Gesundheitssystem existiert? Was lässt sich aus folgendem Preis folgern: Eine Jahreskarte für Heimspiele des weltbesten Football Teams, den New England Patriots, kostet unter freiem Himmel, wenn auch in bester Lage hinter der Mannschaft, im Abo bis zu 20.000 Dollar. Im Gillette Stadium werden auf Höchstleistungen für Sekundenaktivitäten trainierte Sportler von immer wieder supermopsigen Fans angefeuert. Bei allen Unterschieden bestehen auch offensichtliche Ähnlichkeiten mit Deutschland.

Eine Welt von gestern

Ein, wenn auch flüchtiger Eindruck lässt nirgendwo Anzeichen für Innovationen, Aufbruch, Prosperität erkennen. Uber ist klasse und mildert die Defizite bei der Beförderung von Personen. Der Online Vermittlungsdienst stammt aus Kalifornien, wo manches anders sein mag als an der Ostküste – gerade Washington gleicht auch in der Wahrnehmung der Bevölkerung einer weltfremden Blase. Die Hauptstadt bildet zugleich das entrückte Steuerungszentrum der Weltmacht. Zurück zu Boston. Dort kommt selbst bei einem Gang durch Harvard der Eindruck eines Lebens von der Substanz oder der guten alten Zeit auf. Aufbauschen ist verbreitet, Superlative gibt es nicht nur beim Shoppen und Sport. Beim Essen dominiert ungesunder Mampf. Zwischen Pommes und Fleischbergen sucht man Salat. Tolle Smoothies bietet Mother Juice – für 9 Dollar. Beim riesigen Supermarkt Target ist der Obst- und Gemüsebereich kleiner als die Sektion für Medikamente.

Wie ist es um das Land der unbegrenzten Möglichkeiten bestellt?

Mir drängen sich fünf Bücher oder Publikationen auf:

  1. Aufstieg und Fall der großen Mächte aus den 80er Jahren von Paul Kennedy thematisiert die militärische Überdehnung von großen Reichen, die im Innern erstarren. Die vier Phasen lauten: Aufstieg, Überdehnung, Erschöpfung, Abstieg.
  2. Tyler Cowens gerade erschienenes Buch The Complacent Class beschreibt – auf eine Fülle empirischer Beobachtungen gestützt – eine in bedenklichem Ausmaß nachlassende Produktivität und Dynamik in den USA.
  3. Gunther Schnabl hat in zahlreichen Publikationen analysiert, wie sehr die Geldpolitik das Vermögen der Reichen mehrt, während die Armen zurückbleiben, wie die Industrie verfällt und der privilegierte Finanzsektor künstlich prosperiert.
  4. In einer aktuellen, umstrittenen Untersuchung kommen Forscher um Thomas Piketty auf der Grundlage der bislang umfangreichsten Auswertung von Steuerdaten zu dem Ergebnis, dass die ärmere Hälfte der amerikanischen Gesellschaft seit 1985 keinen (!) realen Einkommenszuwachs erzielt hat, während die reichsten 1% riesige Zuwächse erzielen.
  5. Stichwort Plutokratie: Kevin Phillips politische Geschichte der amerikanischen Geldaristokratie schildert (bereits 2003) Zusammenhänge zwischen (dynastischem) Reichtum und Politik in den USA.

Sinkflug

Die hier geäußerten anekdotischen Erfahrungen und Überlegungen sind weder repräsentativ noch zeigen sie einen Determinismus auf. Gleichwohl erscheint mir unübersehbar, dass manches faul ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nicht nur 16 Jahre Kriegszustand (gegen den Terror) haben Spuren hinterlassen. Und bei allem Etatismus, der seit den 30er Jahren Raum greift, darf Skepsis geäußert werden, ob private Lösungen für soziale Fragen rechtzeitig zustandekommen. Viel Stoff zum Nachdenken, Beobachten, Diskutieren.