Ordnungspolitische Lehren aus Weimar

Führer – große Männer und Frauen – sind nicht die Lösung, sie sind vielmehr regelmäßig das Problem.

Statement für das Panel auf den Hayek-Tagen von Michael von Prollius

 

Wer auf Weimar als Weimarer Republik schaut, der schaut auch auf das Ende der Republik und damit den Anfang des Dritten Reichs. 

Welche ordnungspolitische Lehre können Liberale aus der Auflösungsphase der Weimarer Republik ziehen? 

Heute ist die Sehnsucht nach einem starken Mann weit verbreitet: Putin, Erdogan, Xi, sogar Trump gelten als erfolgreiche Führer. Zumindest drei werden zwar als Autokraten bezeichnet, und zugleich zumindest ein wenig bewundert. 

Schauen wir auf die Auflösungsphase der Weimarer Republik, so fallen eine Fülle von Belastungen und Konstruktionsmängeln ins Auge, die sich zu einer Staats- und Wirtschaftskrise verbanden – begleitet von einer Krise der öffentlichen Sicherheit bei prekärer sozialer Lage.

Für die Lösung all dieser Probleme richtete sich die Aufmerksamkeit voll und ganz auf die Regierung und den Kanzler. Die Gunst wechselte rasch von Brüning über Papen bis zu Schleicher. Die Medien jagten Sensationen hinterher: Wer wird neuer Reichskanzler? Unternehmer und Gewerkschaften bekundeten ihre Präferenzen. Die politischen Akteure betrieben ihr Gezerre hinter den Kulissen. Kein Wunder, der Gewinner würde 65 Millionen Menschen regieren. 

Vielleicht stellen Sie sich dieselbe Frage wie ich sie mir gestellt habe: Wie ist es möglich, von einem Menschen, von einer Regierung die Lösung derart komplexer Probleme zu erwarten? 

Anders gefragt, mit Blick auf die lange liberale Tradition: Wie kann Zentralisierung eine Antwort auf derart verwickelte Probleme sein?

Es ist nur zu menschlich, dass in Krisen die Hoffnung keimt, ein Heilsbringer könne diese überwinden. Stammesdenken, Horde und Koalitionsbildungsinteresse lassen grüßen. Das Kaiserreich war in Weimar zudem omnipräsent. 

Schauen wir uns den letzten Winter der Weimarer Republik, so fällt auf: Wenige Personen stellten im Zentrum der Macht die Weichen für die nächsten 12 Jahre. Im Mittelpunkt der Strippenzieher und der Kamarilla stand der greise Reichspräsident Hindenburg. Es fand keine Machtergreifung, sondern eine Machtübertragung an Hitler statt. Bis zur letzten Minute war das Zustandekommen von Hitlers Kanzlerschaft ein Drahtseilakt, ein Vabanquespiel.

Schauen wir nun sehr grundsätzlich auf die Konstellation: Die Verengung der Perspektive auf einen Führer, Präsidenten, Kanzler oder eine Institution in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist aus mehreren Gründen stets problematisch:

  1. Die Krisenursachen sind regelmäßig komplex und reichen geraume Zeit zurück. Komplexität und Trends lassen sich aber nicht mit einem simplen politischen Ansatz lösen: ein Mann, eine Tat, eine schöne neue Welt.
  2. Zentralisierung bedeutet Konzentration von Macht, Ressourcen und Fehlern. Die Folgen eines Missbrauchs und von fehlerhaftem Gebrauch sind gigantisch im Vergleich zu weit verstreuter Macht und auf viele Köpfe verteilte Ressourcen und in kleinen Einheiten gemachte Fehler. Wer schaute 1930-32 auf das Systemrisiko? Die Übertragung der Macht an Hitler verankerte den nationalen Sozialismus und endete in der Hölle. Der Schwarze Schwan landete am 30. Januar 1933 in der Reichskanzlei. In einem Reich, das einem Flickenteppich glich, wäre das nicht möglich gewesen. 

Kurz: Führer – große Männer und Frauen – sind nicht die Lösung, sie sind vielmehr regelmäßig das Problem. 

Das gilt sowohl für die Weimarer Republik als auch heute. Die Euro-Krise und die Krise der EU resultieren beide aus zunehmender Zentralisierung. Die Überwindung der Krise wird fast ausnahmslos in mehr Zentralisierung gesucht. Der französische Präsident Macron strebt nach einer Banken-, Kapital- und Fiskalunion sowie nach einem Europäischen Finanzministerium.

Welche Alternativen gibt es zur Zentralisierung? 

Der Namensgeber unserer Gesellschaft hat sich sein Leben lang mit der Problematik beschäftigt. Den machtvollen, urtümlichen Wirkungsmechanismen der Horde hat er die anspruchsvolle liberale Ordnung der Freiheit entgegengestellt. Sie stützt sich auf eine reiche Tradition – darunter die unsichtbare Hand und die Verfassung der Freiheit.

Was ist zu tun?

  1. Wir sollten die (allgemeine) Aufmerksamkeit weg vom tagespolitischen Getümmel auf die Ordnungsfrage lenken und damit auf das Systemrisiko (Dank an die Streiter im Parlament). Die kleinen Auf und Abs, Vor- und Rückschritte verblassen angesichts des politischen Supergaus eines 12 Jahre währenden 1000jährigen Reiches. (Und btw Politik ist keine Unterhaltung.) Eine Ordnung der Freiheit ist antifragil.
  2. Die Herrschaft allgemeiner Regeln statt der Herrschaft von Menschen über Menschen ist das zeitlose Gebot jeder Stunde. Weniger Politisierung, mehr Freiheit und weniger Bürokratisierung. Muten wir den Menschen zu ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen statt sich von kleinen und großen Führern verführen zu lassen. Das ist zugleich ein Lob für den Wettbewerb und Verschiedenheit – gerade auf politischer und rechtlicher Ebene. 
  3. Zurück zum menschlichen Maß: Stutzt den Riesen! Lob der Kleinheit – Small is beautiful. Lernende Systeme sind keine gigantischen hierarchischen Apparate. Das Individuum ist das Maß aller Dinge, nicht irgendeine kollektive Größe.                   Ein Rückbau von Zentralisierung und das Zulassen von dezentralen bzw. non-zentralen Entwicklungen ist die Herausforderung unserer Zeit. Ein dezentral gegliedertes Europa und Deutschland mit Maß und Mitte, auch als Konföderation, ist eine ordnungspolitische Lehre aus Weimar. 

So werden auch die wahren Helden des Alltags sichtbar: die vielen ganz normalen Männer und Frauen; sie sind die Lösung.