Herausforderung Kompromisslosigkeit

Ludwig von Mises gehört zu den großen Ökonomen und Sozialphilosophen. Seine Bekanntheit wächst seit der Finanzkrise in kleinen Schritten. Das ist nicht zuletzt ein Verdienst des Ludwig von Mises Institut Deutschland, dessen Präsident Thorsten Polleit eine Einführung in sein Werk, verständlich für jedermann, in der Reihe Frankfurter Allgemeine Buch publiziert hat. Eingerahmt wird die Werkschau mit dem Schwerpunkt auf Mises’ Monographien durch Schilderungen des Lebens und Wirkens des Wiener und New Yorker Denkers, der nach dem Ersten Weltkrieg der informelle Chefökonom Österreichs war. Auf eine differenzierte Kritik von Werk und Person verzichtet Thorsten Polleit wie schon Guido Hülsmann in seiner voluminösen Ideenbiographie „The Last Knight of Liberalism“ weitgehend.

 

Bedenkenswerte Lehren

Die lesenswerte chronologische Übersicht über Mises’ Schaffen erfüllt das Ziel, einen Überblick zu geben und einen Zugang zu seinem Werk zu ermöglichen. Zugleich werden die Herausforderungen deutlich, die mit Kompromisslosigkeit und deren Lobpreisung verbunden sind. Dennoch, die Welt wäre eine bessere, würden die Lehren von Ludwig von Mises stärker berücksichtigt werden.

  • Die unaufhörliche Destabilisierung der Wirtschaft und die Privilegien basierte Bereicherung der Finanzindustrie durch die Zentralbanken würde aufhören, was dem Ruf des Kapitalismus gut tun würde.
  • Frieden statt national- und supranationalstaatlichem Streben nach Größe würde die Unterstützung von Eliten und breiten Bevölkerungsschichten genießen.
  • Schon die Kinder würden in der Schule das Elend des Sozialismus und seiner Spielarten lernen und verstehen.
  • Konsequenter Liberalismus wäre als Lehre weithin akzeptiert und das heute alltägliche Zuwiderhandeln würde als schädlich für die Bürger und das Gemeinwohl angesehen werden.

In einer Welt, in der Ludwig von Mises sich größerer Bekanntheit, geschweige denn Beliebtheit erfreuen würde als John Maynard Keynes, würden Bürger statt Bürokraten das Sagen haben. Politiker hätten eng beschränkte Aufgaben, zumal sich die Vielfalt von Staaten im Wettbewerb auf diejenigen Kernaufgaben beschränken würde, die tatsächlich einen Nutzen stiften – ohne Stimmenmaximierung zu betreiben, und nur solange wie die private Initiative diese wenigen Aufgaben nicht erfüllt.

  • Antikapitalismus wäre eine Denkhaltung, die vielleicht so kritisch gesehen würde wie heute der Faschismus, weil die Vernunft und der zwanglose Zwang des besseren Arguments sich durchgesetzt hätten; politische Emotionen wären chancenlos.
  • Die Geschichte der Neuzeit wäre in maßgeblichen Teilen umgeschrieben, denn nicht Kriege und große Männer oder böse Kapitalisten und gute Politiker stünden im Mittelpunkt, sondern das wenig organisierte Streben der Vielen und die Errungenschaften von Unternehmern, Entdeckern und Erfindern.
  • Schließlich wäre die Welt bunter und vielfältiger, die Menschen wären insgesamt eigentümlich freier, sie würden unaufhörlich danach streben, das Leben ihrer Mitmenschen zu verbessern, weil genau das die Grundlage für Ihr eigenes Gedeihen bilden würde.

 

Ankap-Perspektive

Bereits diese knappe Abstraktion von Kernaussagen wesentlicher Werke des klassischen Liberalen Ludwig von Mises weist auf eine enorme Diskrepanz zur heutigen Welt hin. Ginge es nach der Deutung der Rothbard-Hoppe-Schule, die der Darstellung von „Der kompromisslose Liberale“ zugrunde liegt, dann gäbe es absehbar (fast) keine Staaten mehr. Die anarchokapitalistische Schule interpretiert Ludwig von Mises als Vordenker der Privatrechtsgesellschaft und Murray N. Rothbard als (s)einen Vollender. Es gibt auch andere Sichtweisen auf Mises, darunter eine minimalstaatliche und die eines respektablen, aber umstrittenen wissenschaftlichen Außenseiters, die nicht erwähnt werden. Thorsten Polleit betont zudem, dass Mises’ Apriorismus, d.h. „Nationalökonomie als apriorische Handlungswissenschaft“, die einzig zulässige erkenntnistheoretische Fundierung der Ökonomik sein könne.

 

Konstruktive Kritik

Damit steht die Herausforderung im Raum, die mit der gewählten Darstellung von „Ludwig von Mises für Jedermann“ verbunden ist. Im wesentlichen handelt es sich um zwei mit einander verbundene Aspekte, die Kritiker thematisieren werden: fachliche Angreifbarkeit und beschränkte Vermittelbarkeit. An dieser Stelle soll eine etwas längere, konstruktiv gedachte Kritik erfolgen. Wie bei Freiheitsfreunden zuweilen üblich, richtet sich das Interesse weniger auf die Punkte, in denen man übereinstimmt als mehr auf die Differenzen.

 

Der Unfehlbare

Ludwig von Mises erscheint in dem einem Brevier ähnlichen Buch als der Weise, als das Vorbild, als unfehlbar. Andersdenkende sind Dilettanten. Der dort zitierte Hans-Hermann Hoppe sieht das Buch „Nationalökonomie“ beispielsweise als so bedeutend als, dass im Vergleich „die Arbeiten selbst der bedeutendsten seiner Vorgänger dilettantisch erscheinen.“ Selbst die Kollegen von Ludwig von Mises in den USA sollen ahnungslos und unverständig gewesen sein oder sich als öffentlich besoldete Karrieristen weggeduckt haben.

Das mag Wasser auf die Mühlen eingefleischter Mises-Fans sein. Wenn das Ziel, die Abgrenzung oder gar Abschottung ist und die eigenen Reihen fest geschlossen werden sollen, dann kann die Darstellung geeignet erscheinen. Wie werden indes Andersdenkende reagieren? Sie werden nicht nur nach Kriterien für Hoppes Behauptung fragen. Darüber hinaus erscheint fraglich, dass die nachfolgenden Feststellungen geeignet sind, für Mises’ Werk andersdenkende Anhänger zu gewinnen? So bezeichnet der Präsident des deutschen Mises-Instituts „Praxeologie als unumstößliche Wahrheit“. An anderer Stelle lesen wir: „In der Nationalökonomie führt der Positivismus-Empirismus wissenschaftliche ins Nichts.“ und „Für empirische Forschung gibt es keinen Bedarf.“

Nach wertschätzender Kommunikation klingt das nicht. Abgrenzung und Klarstellung ist immer wieder geboten, nur: Wie werden Empiriker zu Mises stehen, zumal diejenigen, die das gelesen haben? Wird das die Akzeptanz seines Werks befördern: „Widerspruchsfrei lässt sich Nationalökonomie nur als apriorische Handlungswissenschaft verstehen und betreiben.“ urteilt Thorsten Polleit, der auch „Adjunct Scholar“ am Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama ist.

 

Wettbewerb oder Opfer?

Der Doyen der Österreichischen Schule in den USA Peter Boettke von der George Mason University forderte wiederholt dazu auf, dass sich die Österreicher nicht beklagen sollen; es gehe vielmehr darum, die Herausforderung der etablierten Wissenschaft anzunehmen, d.h in den führenden Journals publizieren. Ohne Empirie wird das schwer. Folglich dürfte es auch im Wettbewerb der Ideen schwerer werden, als es die Hoffnung zum Ende des Buches erscheinen lässt.

Vor diesem Hintergrund irritiert die Opferhaltung in der Werkschau: Mises sei leider nicht wertgeschätzt worden, habe leider im etablierten Wissenschaftsbetrieb keinen Lehrstuhl erhalten. Schließlich hat Mises nicht zuletzt die Konsequenzen seines Handelns tragen müssen, auch als er darauf beharrte in New York zu bleiben. Zudem stellt sich die Frage, warum es für Mises-Anhänger wichtig sein sollte, was die Mehrheit der Wissenschaftler für richtig hält. Das gilt umso mehr, wenn Mises tatsächlich die Wahrheit gefunden hat.

Die historische Lage war zudem etwas komplizierter als dargestellt. Hansjörg Klausinger hat in seinem berufungsgeschichtlichen Aufsatz „Krise und Niedergang der Nationalökonomie an der Wiener Universität“ aufgezeigt, dass der zunehmende Antisemitismus nicht ausschlaggebend dafür war, Mises keine ordentliche Professur zu geben. Salopp gesagt hatte Mieses einerseits Pech, weil er durch seine Kriegsteilnahme kaum Publikationen nach seiner Habilitation vorweisen konnte. Andererseits war sein persönliches Standing in der Fakultät nicht geeignet, um ihn zum Berufungsfavoriten bei einer der drei vakanten nationalökonomischen Lehrkanzeln zu machen, trotz einer Empfehlung von Max Weber, aber nicht zuletzt aufgrund der klaren Ablehnung durch Friedrich Wieser.

 

Kompromisslosigkeit als offenen Flanke

Kritiker könnten monieren, dass die Werkschau als Schwarz-Weiß-Denken konzipiert ist:

  1. „Entweder Kapitalismus oder Sozialismus; ein Mittelding gibt es nicht.“ urteilte Ludwig von Mises. Das Urteil erscheint zeitgebunden. Weder existiert der Sozialismus nach der Implosion des Ostblocks noch stellt er heute eine konkurrierende Weltanschauung dar. Vielmehr hat sich der Dritte Weg mindestens seit dem Zweiten Weltkrieg als System der Eingriffe der Regierung als recht dauerhaft erwiesen, ohne in den Sozialismus zu führen. Großbritannien hat sogar erfolgreich eine Abkehr vom Sozialismus vollzogen, ohne als Musterbeispiel des Kapitalismus dienen zu können. Die Verstaatlichung durch eine schleichende Bürokratisierung ist heute die dunkle Bedrohung. Das gilt im Übrigen auch für die Privatwirtschaft, wo das Wachstum von Unternehmen über die Größe von Startups hinaus regelmäßig Vorschriften, Formalisierungen und Vereinheitlichungen hervorruft. Der Begriff Sozialismus ist zu eng. Und die Welt wird allen Interventionen zum Trotz anhand vieler messbarer Indikatoren immer besser.
  2. Mises hat tatsächlich wesentliche Erkenntnisfortschritte in der Geld- und Konjunkturtheorie erarbeitet. Es ließe sich argumentieren, dass Friedrich A. von Hayek zumindest einen Teil seines Nobelpreises Mises zu verdanken hat. Gleichwohl ergeben sich Probleme bei der Anwendung der Theorie. Die Empirie Rothbards in „America’s Great Depression“ ist kein starkes Argument. Zudem war bereits in den 1930er Jahren umstritten, ob ein unter den Marktzins abgesenkter Zins zu verlängerten Produktions(um)wegen führt. In der letzten großen Finanzkrise ab 2007 lassen sich statt derartigen Produktionsumwegen vielfältige Formen von Vermögenspreisinflation beobachten. Monetäre Krisen haben stets monetäre Ursachen und Krisen haben regelmäßige verschiedene Ursachen, in der Zwischenkriegszeit etwa ein gestörtes internationales Wirtschaftssystem, Strukturwandel und fundamentale politische Konflikte.
  3. Aus vergangenem, menschlichem Handeln lassen sich zwar keine Gesetzmäßigkeiten ableiten, aber Muster die für Prognosen über zukünftiges menschliches Handeln wertvoll sind. Bedingungen unter denen Menschen handeln sind nicht vollständig zeitpunktabhängig. Es gibt Konstanten. Gleiches gilt für Ziele, Mittel und Präferenzen. Es gibt auch beim Menschen Pfadabhängigkeit. Menschen können zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich, aber auch gleich handeln. Mises war z.B. wiederholt kompromisslos und soll wiederholt aufbrausend reagiert haben. Humor und Hilfsbereitschaft zeichneten ihn auch aus. Es gibt ein herrliches Foto auf dem er zusammen mit Henry Hazlitt aus vollem Herzen lacht. Die Fragen, die sich nun stellen, lauten: Ist alles damit gesagt, wenn man erkennt, dass menschliches Handeln nicht vollständig in Gesetzmäßigkeiten erfassbar ist? Lassen sich wertvolle empirische, theoriegestützte Aussagen über das Handeln von Menschen machen, die zudem Prognosen mit Wahrscheinlichkeitsangaben erlauben? Wer Prognosen über Entscheidungen von US-Präsident Trump, dem russischen Präsidenten Putin oder der EU zur nächsten Regulierung anstellen kann, der besitzt einen Erkenntnisfortschritt.

Bei allem gilt, dass es einen fundamentalen Unterschied gibt zwischen dem simplen Schluss von Beobachtungen auf die Realität, geschweige denn Kausalitäten und dem Denken über Beobachtungen.

 

Rigoros oder realistisch?

Das rigorose, das kompromisslose Denken und Handeln wird von Thorsten Polleit als Vorzug herausgestellt. Dem lässt sich manches abgewinnen. In einer Zeit der Beliebigkeit braucht es einen Kompass oder eine kraftvolle Stimme der Vernunft, die Irrtümer und Fehler entlarvt. In der Finanzkrise hieß es: „Wo ist (der heutige) Ludwig von Mises?“ Interessanterweise hat Ludwig von Mises selbst einmal geäußert, dass die Welt nicht ihn noch einmal brauche, sondern Friedrich August von Hayek. Meiner Erinnerung nach hatte er Hayeks smartere öffentliche Wirksamkeit im Sinn. Dazu würde passen, dass das Harte, Kompromisslose angreifbar macht und Ablehnung auslöst.

Zudem hat Politik mindestens zwei Seiten: Da ist zunächst die Realpolitik, die sich auf Macht und auch Vernunft gründet. Politik besitzt darüber hinaus eine emotionale Komponente. Allein mit Vernunft kam man schon in der Antike nicht weiter, dort entstand die Rhetorik. Vernunft ist die Stärke des Liberalismus, die emotionale Seite fehlt der Lehre fast vollständig – aus gutem Grund, weil Liberalismus keine politische Doktrin ist.

Vor diesem Hintergrund dürfte es besonders schwierig sein, wenn die vorliegende Mises-Deutung auf das Ideal hinweist, das es derzeit nicht gibt und das schwer zu erreichen sein dürfte: der vollkommen freie Markt. Sollte alles vom Ideal Abweichende lediglich als schlecht und verwerflich angesehen werden, drohen nicht nur Reformen zum Besseren wie von Erhard und Thatcher, wie in Schweden und selbst in China abgetan zu werden. Es gäbe dann auch keine Brücke zum Besseren. Dass es keine prinzipiellen Interessenkonflikte bei respektierten Eigentumsrechten gibt, mag eine wahre Aussage sein. Nur respektieren niemals alle Menschen Rechte.

 

Mises vs. Anarchismus

Wohin das führt, kann die Ablehnung des Staates verdeutlichen. Der Hinweis auf die ausnahmslose Schädlichkeit des Staates erscheint angesichts einer Geschichte der Menschheit, die sich fast ausnahmslos in einer Staatenwelt abgespielt hat, einseitig, zumal sie von dem dahinter liegenden Problem der Macht ablenkt. Eine Hackordnung gibt es bei Tieren und Menschen. Sie weist auf Macht als Herausforderung hin, die mit einem Abschaffen des Staates nicht verschwindet. Peter Cornelius Mayer-Tasch bemerkte in seiner klugen „Kleinen Philosophie der Macht“: Der Wett- und Kreislauf des Machtstrebens bleibe unaufhörlich und ende erst im Tode. Die Macht wohne im Menschen. Ihr Verzicht könne lediglich ein begrenzter taktischer, aber kein finalstrategischer Schritt sein. Insofern könne man das Phänomen weiter bewundern. Das passt zu Ludwig von Mises, der in seinem Buch Liberalismus schrieb: „Der Liberalismus ist somit weit entfernt davon, die Notwendigkeit eines Staatsapparates, einer Rechtsordnung und einer Regierung zu bestreiten“, um im nächsten Satz fortzufahren: „Es ist ein arges Mißverständnis, ihn irgendwie in Verbindung mit den Ideen des Anarchismus zu bringen.“

 

Apriorismus-Kritik

In dieser Buchbesprechung ist nicht genug Raum für eine sorgfältige Auseinandersetzung mit dem Apriorismus und daneben der Handlungstheorie. Insofern sei vor allem der Einwand erhoben, dass der Einführung in das Werk von Mises für jedermann ohne Entgegnung auf gängige Einwände auskommt.

Der Nutzen von apriori Aussagen wird sich für kritische Leser des Bandes am Erkenntniswert messen. Wenn jedes Ansteigen der Geldmenge die Preise über das Niveau erhöht, das sich ohne Ausweitung der Geldmenge einstellen würde, was bedeutet dann eine Ausweitung der Gütermenge über die Ausweitung der Geldmenge hinaus? Sie führt zum Sinken der Preise. Die Preise liegen zwar immer noch höher als ohne Geldmengenauswertung, aber niedriger als zuvor. Wohin führt diese Erkenntnis? Reicht tatsächlich jede Geldmenge in einer Wirtschaft aus? Wie gehen wir mit einer fixen Geldmenge bei wachsender Wirtschaft um, die eine Tafel Schokolade schließlich eine Millionstel Unze Gold kosten lässt? Und was bedeutet es, wenn jede nicht freiwillige Transaktion, wie Raub und Besteuerung, eine Partei besser auf Kosten der anderen Partei stellt, der Bau eines Flughafens, aber auch den besteuerten Freeridern nutzt, die aus diesem Grund keine Steuern bezahlen wollen?

 

Als Denkanstöße seien zudem folgende Aspekte erwähnt:

  1. a) Mises und Popper haben sich möglicherweise methodisch näher gestanden als in dem vorliegenden Buch dargelegt. Es besteht Grund zur Annahme, dass Mises Popper falsch verstanden hat. Poppers methodologischer Falsifikationismus unterscheidet sich fundamental vom neopositivistischen Ansatz.[1]
  2. b) Mises liegt sehr wahrscheinlich richtig mit seiner Auffassung, dass wir Menschen von unserem intuitiven Denken und den logischen Verbindungen dieser intuitiven Begriffe in der Wissenschaft ausgehen müssen. Gleichwohl bedeutet das nicht, dass diese Deduktionen notwendigerweise die Welt richtig beschreiben. Hintergrund ist ein Irrtum Kants, den Popper aufgezeigt hat: Die Welt beugt sich nicht unseren logischen Kategorien. Das wird bezeichnenderweise in den Naturwissenschaften in der Quantentheorie zunehmen deutlich. Deshalb müssen Theorien getestet werden.[2]Schließlich besitzen kontraintuitive Betrachtungen für die Analyse von sozialen Tatbeständen einen erheblichen Wert.
  3. c) Nach Mises’ Wirken wurde die Handlungstheorie um die Systemtheorie ergänzt. Systemlogiken unterscheiden sich von Handlungslogiken und lassen sich nicht aus ihnen erschließen. Gruppenhandlungen oder Handlungen vieler Menschen können Situationen erzeugen, die von keinem Handelnden angestrebt wurden. Zudem ist die Fähigkeit des menschlichen Gehirns beschränkt. Wir können etwa sieben Faktoren mit unserem Gehirn kombinieren (Kahneman/ Simon), haben aber bereits Schwierigkeiten, Rückkopplungseffekte und Entwicklungen in der Zeit in die Analyse von Systemen zu integrieren. Die Analyse der konkreten Handlungen und der Reaktion auf Handlungen ist nur empirisch möglich und bedarf einer Systemperspektive. Eine reine Handlungstheorie reicht hierfür nicht aus. Spieltheorie und dynamische Systemtheorien ergänzen Handlungstheorien.

 

Wer die Dogmatik aus Mises’ Denken herausnimmt, kann dennoch dessen Genialität herausstellen. Es ist nicht einfach, bessere Theorien aufzustellen – nur zu! Eine Behauptung, Mises sei gleichsam das Ende der Geschichte der Handlungstheorie, schafft indes eine unnötige Distanz zwischen dem großen Ökonomen und Sozialphilosophen einerseits und anderen Wissenschaftlern andererseits.

 

  1. d) Praxeologie ist eine Disziplin, aber keine Methode. Die Nationalökonomie oder Ökonomik ist lediglich ein Zweig der Praxeologie, aber nicht mit ihr identisch. Die Praxeologie ist die Wissenschaft vom menschlichen Handeln und nicht die Ökonomik. Rothbard setzt jedoch – anders als Mises – Ökonomik und Praxeologie gleich, wie Adam Knott aufzeigt.[3]
  2. e) Der Unterschied zwischen Sozial- und Naturwissenschaften ist wahrscheinlich nicht so absolut wie in der von Thorsten Polleit vertretenen Denkschule. Maximilian Tarrach schreibt, dass es sich „in beiden Wissenschaften .. um konstruierteGegenstände und Tatsachen dreht, erklärt nicht die absolut nicht-triviale Realität, dass soziale Entitäten ebenso einfach falsifiziert werden können wie physikalische.“[4]Es lohnt sich weniger rigide vorzugehen, um das Problem der heutigen Sozialwissenschaften nicht gleichsam mit dem Popperschen Bade auszuschütten, d.h. Popper zu positivistisch auszulegen und zugleich zu ignorieren, dass Popper eindeutig ein Primat der Theorie vor der Empirie vertreten hat.

 

Das gemeinsame Ziel der Freiheitsfreunde ist das Bemühen darum, die Welt besser zu machen. Vor diesem Hintergrund lässt sich mit Ludwig von Mises schließen, genauer mit einem Zitat, das auch auf seine Arbeit bezogen werden kann, ohne diese zu schmälern: „Das Wesen der Freiheit eines Individuums ist die Möglichkeit, von den traditionellen Denkweisen und Handlungsweisen abzuweichen.“

Michael von Prollius

 

Literaturhinweis: Thorsten Polleit: Ludwig von Mises für jedermann. Der kompromisslose Liberale, FAZ Verlag 2018, 272 Seiten, 17,90 Euro.

Endnoten:

[1]Siehe dazu: Apriorismus und Falsifikationismus. Mises und Popper über die Erforschbarkeit von Handlungen und sozialen Phänomenen, von Francesco Di Iorio, aus dem Englischen von Maximilian Tarrach, veröffentlicht bei Forum Freie Gesellschaft.

[2]Maßgebliche Anregungen verdanke ich Maximilian Tarrach.

[3]Sie dazu: Die Praxeologie und die Rothbardianer, Teil 1, von Adam Knott, aus dem Englischen von Maximilian Tarrach, veröffentlicht bei Forum Freie Gesellschaft.

[4]Siehe Maximilian Tarrach: (11) (PDF) Die Falsifikation in den Sozialwissenschaften. Available from: https://www.researchgate.net/publication/316360453_Die_Falsifikation_in_den_Sozialwissenschaften[accessed Feb 23 2019].