Hayeks Hütte: eine andere Perspektive auf Städte

Was ist eine Stadt? Wozu dient eine Stadt primär? Und wie kann sich eine Stadt zum Nutzen der Menschen entwickeln? Diese grundsätzlichen und viele weitere Fragen sollten sich jeder Stadtplaner und Architekt stellen. Ausgerechnet ein Ökonom und Sozialphilosoph hat dazu viel zu sagen. Die Rede ist von Friedrich August von Hayek. Wir können zu diesem Thema einiges von ihm lernen, mancherlei Inspiration erhalten. 

F. A. Hayek – Quelle: Sotheby’s

Wie das? Hayek lebte von 1899 bis 1992 und ist weder als Architekt noch als Städteplaner in Erscheinung getreten. Hayek-Fans sowie Freunde von Forum Freie Gesellschaft werden rasch einige Schlagworte durch den Kopf gehen: Wissen und Anmaßung von Wissen, Planung und spontane Ordnung, Preise, die uns sagen, was wir zu tun haben, aber auch Interventionismus und Regulierung gehören dazu.

Hayeks Algerien-Connection

Wer mehr erfahren möchte, der kann einem Gespräch in Hayeks Hütte am Rande der Bucht lauschen. Russ Roberts und der algerischstämmige Urbanist Alain Bertaud sprachen auf Econtalk über dessen Buch „Order without Design: How Markets shape Cities“. Es ist frappierend wie viel Hayek in einer Stadt stecken könnte und wie viele Probleme sich so lösen ließen. Das gilt zuallererst für bezahlbare Wohnungen. In Berlin sollen dazu derzeit die klassischen Fehler der Sozialisten wiederholt werden. Bekanntlich hatte bereits in den frühen 1920er Jahren Ludwig von Mises in Wien maßgeblich dazu beigetragen die Wohnungsmisere zu überwinden – mit mehr Marktwirtschaft statt mehr Bürokratie. 

Genau hier liegt der Schlüssel der Erkenntnis: Das was man sieht, was im überschaubaren täglichen Umfeld so schlüssig und einfach erscheint, nämlich jemand müsse nur etwas tun, einfach handeln, regelmäßig die Probleme verschlimmert, weil erst die vielfältigen, anonymen Bemühungen vieler derart komplexe Herausforderungen meistern können wie bezahlbare Wohnungen zu schaffen. Wer sich an die Geschichte „Ich, der Bleistift“ erinnert, der wird beinahe ehrfurchtsvoll auf die ungleich komplexere Aufgabe schauen, die das Bauen einer Wohnung oder eines Hauses mit sich bringt. 

Urbane Trends

Städte wie Berlin stehen heute vor eine Reihe von Herausforderungen, zum Beispiel:

– Das Bevölkerungswachstum durch Zuwanderung, international und vom Land, aufgrund der Attraktivität von Städten als komplexe politische, wirtschaftliche, kulturelle und soziale Netzwerke – in Berlin von 1990 rund 2,2 Mio. Einwohner auf 2000 rund 3,4 Mio. und 2017 gut 3,6 Mio. Einwohner. 

– Von den rund 1,8 Mio. Haushalten in Berlin bildeten 2011 mit über 880.000 die Singles die größte Gruppe.

– Berlin-Brandenburg als Metropolregion kennt seit etwa 15 Jahren das Phänomen eines nicht nur etwas wachsenden sogenannten Speckgürtels mit Häusern bauenden Familien am Stadtrand, sondern auch positive Wanderungssalden in Städten, die als zweiter Ring verstanden werden, darunter Jüterbog, Neuruppin, Eberswalde, Luckenwalde oder auch Brandenburg/Havel.

– Wachsende Mobilität macht moderne Verkehrssysteme erforderlich, innerhalb der Stadt und für die Verbindung der Stadt mit urbanen Zentren außerhalb – sowohl für arbeitende Pendler als auch für die Ver- und Entsorgungslogistik. 

– Bezahlbare Wohnungen und entsprechende Infrastruktur bis hin zu Schulen und Kindergärten für die unterschiedlichen Bedürfnisse von Singlehaushalt und Familien, von Rentnern und Pendlern, die nur die Werktage in der Stadt verbringen, sowie Touristen. 

Bürokratische statt organische Städte

Diesen Herausforderungen stehen gewachsene Strukturen von Städten gegenüber, die zumeist durch die Planungen weniger Experten und Entscheidungen weniger Politiker und Bürokraten in den Stadtverwaltungen bestimmt wurden. Diese sehen sich wiederum dem Druck organisierter Interessengruppen ausgesetzt. Die Politiker und die Stadtverwaltungen arbeiten mit den bekannten bürokratischen Werkzeugen. Dazu gehören Bevölkerungsvorausberechnungen, Bebauungspläne und zahllosen Bauvorschriften, Mietspiegel und Mietpreisdeckelungen sowie staatlicher Wohnungsbau, staatliche Ausschreibungen und staatliche Versorgungsbetriebe, gestützt auf Gesetze zur Planung, Bebauung, Ordnung und dergleichen mehr. 

Gerade in Städten treffen zwei Welten aufeinander: die spontane Ordnung der Menschen auf Märkten und das bürokratische System von Politik und Verwaltung. Die Welten müssen nicht inkompatibel sein, etwa wenn es um Sicherheitsstandards geht, aber sie geraten relativ schnell in Konflikt, weil Politik und Bürokratie ihre Sphäre regelmäßig, rasch und weitreichend ausdehnt auf die Sphäre, in der sie nichts zu suchen hat und leider viel Schaden stiftet. Thomas Sowell hat das beispielsweise anschaulich in seinem konzisen Buch „The Housing Boom and Bust“ 2009 mit dem Blick auf die Finanzkrise geschildert.

Zurück zum Urbanisten Alain Bertaud, der weltweit in Städten wie Bangkok, San Salvador, Port Au Prince in Haiti, Sana’a in Jemen, aber auch New York und Paris sowie Tlemcen in Algerien und Chandigarh in Indien gearbeitet hat, auch für die Weltbank. Dabei muss er sich wiederholt in Hayeks Hütte zurückgezogen haben, um der Natur der Dinge auf den Grund zu gehen, insbesondere dem Verhältnis von Stadtentwicklungen, Immobilienmärkten und Regulierungen.

Perspektivwechsel noch und nöcher 

Welche Lektionen bietet der gerade in seiner Zunft quer denkende Stadtplaner?

  1. Alain Bertaud sieht eine Stadt vorrangig als großes Netzwerk eines Arbeitmarktes. Kurze, schnelle Arbeitswege seien in dieser Hinsicht ein entscheidendes Standortmerkmal. Das gelte sowohl für maximal 30 Minuten Entfernungen innerhalb der Stadt zur Arbeit als auch für dieselbe Zeit, um Pendler aus dem Umland in die Stadt gelangen zu lassen. Stets könne es nicht nur um bestehende Arbeitsverhältnisse gehen, sondern auch um Optionen eines raschen Wechsels des Arbeitsplatzes und die Entstehung neuer, andersartiger Formen der Arbeit. Hayeks Wettbewerb als Entdeckungsverfahren spielt hier offensichtlich eine Rolle.
  2. Konsumenten, also Mieter und Immobilienkäufer, könnten sehr gut ihren Bedarf und die dazu passenden Angeboten einschätzen – viel besser als durchaus wissensreiche Regulatoren und andere unbeteiligte Dritte. Für die Regulierung folge daraus eine Zweiteilung: Konsumenten sollten nicht reguliert werden, Sicherheitsbelange und externe Effekte wie Brandschutz, Statik und Mindestanforderungen an Beton sowie Ver- und Entsorgung hingegen schon, zumal diese von Konsumenten weitaus schwerer zuverlässig eingeschätzt werden könnten. Das bedeute auch, Mindestgrößen für Wohnraum und Grundstücke abzuschaffen. Hayeks Betonung von Wissen und die fatalen Irrtümer von Sozialisten und Bürokraten spielen hier eine Rolle.
  3. Arbeitsmärkte und Wohnungen lassen sich unmöglich zentral planen. Stadtsozialismus ist ungeeignet, um die Herausforderungen einer komplexen Koordination von Bedürfnissen und Ressourcen noch dazu im Verlauf der Zeit zu bewältigen. Die Mitglieder der spontanen Ordnung generieren durch ihre Interaktionen überhaut erst die Informationen, auf die nur Menschen auf Märkten, angemessen flexibel reagieren können. Alain Bertaud betont, nur die Konsumenten selbst könnten entlang ihrer Präferenzen entscheiden, welche Kombination aus Arbeitsweg und Wohnungsgröße/-komfort für sie passend erscheine. Der Preis als Informationsanzeiger spielt dabei eine unverzichtbare Rolle. Mit Hayeks Worten: Preise sagen uns, was wir zu tun haben, und es ist regelmäßig etwas anderes als wir erwartet haben.
  4. Der Preis für Immobilien werde maßgeblich durch das verfügbare Land zur Bebauung beeinflusst. Bebauungspläne engten die Verfügbarkeit unnötig ein. Das Zeitalter lauter, schmutziger Industriebetriebe ist ohnehin vorüber. Auch die Regulierung der Anzahl von Wohnungen pro Einheit von Grund und Boden stelle eine unnötige Blockade dar – genauso wie eine Begrenzung der Bebauungshöhe. Wie das Beispiel München zeigt, kann man nicht beides haben oder alle drei Dinge: bezahlbare Wohnungen, kurze Arbeitswege und eine Stadtästhetik, in der moderne Bauten nicht höher als Kirchtürme sind. Zur Bebauung zählt Alain Bertaud nicht nur die Bebauungshöhe, sondern auch die Möglichkeit, unter der Erde Immobilien und Transportwege zu bauen. Problematisch sind Bebauungspläne zudem, weil sie auf zu lange Dauer den Verwendungszweck von Grund und Boden festschreiben und so flexible Antworten auf wechselnde Herausforderungen blockieren. Wahlmöglichkeiten werden eingeschränkt.
  5. Alain Bertaud misst der Trennung von öffentlichen und privaten Flächen eine entscheidende Bedeutung zu. Eine rechtzeitige sinnvolle Festlegung beeinflusse den Erfolg einer Stadt maßgeblich. Das gelte einerseits für den öffentlichen Verkehr – Autos allein könnten den Transportherausforderungen nicht gerecht werden und verstopften Städte. Oberirdische Parkplätze in Ballungszentren wie Manhattan seien ohnehin Platzverschwendung, die unter ökonomischen Gesichtspunkten unbezahlbar sein müssten. Über eine Großstadt hinaus, nämlich in Megastädten, seien Autos kontraproduktiv. Insbesondere die Vernetzung von Ballungszentren mit 60 und mehr Millionen Menschen wie derzeit in China gelinge mit Hochgeschwindigkeitsbahnen, nicht aber mit U- und S-Bahnen. Dementsprechende Produktivitätsgewinne ließen sich im Standortwettbewerb realisieren – nicht aber in Los Angeles, dem Ruhrgebiet oder einer vergleichsweise kleinen Großstadt mit Umland wie Berlin ließe sich hinzufügen.
  6. Bezahlbare Wohnungen sind in dieser erweiterten Perspektive Bertauds primär wichtig für den städtischen Arbeitsmarkt. Dazu gehöre auch eine kontinuierlich verbesserte Bildung und Ausbildung, für die Lehrer und Ausbilder in der Nähe ihrer Schulen und Ausbildungsstädten Wohnungen benötigten. Die Bezahlbarkeit resultiere offenkundig aus Angebot und Nachfrage, wobei das Angebot maßgeblich durch Restriktionen negativ beeinflusst werde. Diese sorge leider dafür, dass sich viele Menschen in der Stadt keine Wohnung leisten könnten, währen die Schuld ungerechtfertigt auf die Immobilienbesitzer abgewälzt werde. Märkte, bemerkt Alain Bertaud treffend, passen sich den jeweiligen Rahmenbedingungen an, auch solchen, die durch Regulierung verzerrt werden.
  7. Die tieferen Ursachen für das Versagen bezahlbarer Wohnungen ließen sich noch weiter ergründen. Schlechtes tun in guter Absicht, ist eine naheliegende Hypothese, die Alain Bertaud mit Russ Roberts diskutiert. Inkompetenz dürfte, als Feststellung, nicht als Vorwurf, eine weitere sein. Planer sind leider ökonomisch nicht (hinreichend) ausgebildet und können daher mit Knappheit und der Koordination von Ressourcen nicht umgehen, obwohl sie dafür die Rahmenbedingungen festsetzen. Ihre eigentliche Aufgabe wäre es, Mobilität zu gewährleisten, Flexibilität zu ermöglichen. Leider ist heute die Infrastruktur der Städte nicht deren Wachstum gefolgt. Es gibt offensichtlich viel zu tun. Für den Berliner Senat bedeutet das: Hände weg von den Mietpreisen, Hände weg vom Eigentum und alle Kraft auf Deregulierung, Anti-Bürokratisierung und eine bessere Infrastruktur richten, darunter auch Fahrradtrassen und zuverlässigere Bahnverbindungen in und aus der Stadt. Ob Bürokraten das schaffen oder eher Unternehmer in privaten Städten? 

In Hayeks kleiner Hütte wird ein völlig anderes Verständnis der Funktionsweise und Entwicklung einer Stadt möglich. Im Grundsatz geht es darum wie eine Gesellschaft lebt: primär geplant und organisiert oder spontan und offen. Alain Bertaud bringt Hayeks Inspirationen im Titel seines Buches zur Geltung, allerdings wäre der Konjunktiv heute noch passender: Ordnung ohne Planung – wie Märkte Städte besser werden lassen könnten.