Die national-sozialistische Wehrwirtschaft – eine kollektivistische Organisation von Herrschaft und Gesellschaft

Politikökonomische Erklärungen des Wirtschaftssystems der Nationalsozialisten sind selten (geworden). Zugleich wirft die Eigenart der nationalsozialistischen Wirtschaftsweise eine Fülle von Fragen auf. Dazu gehört auch, ob es sich um ein sozialistisches System gehandelt hat. Die nachfolgende umfassende Analyse der Funktionsweise der NS-Wirtschaft kommt zu dem Ergebnis, dass es sich nicht um eine Plan-, sondern um eine Organisationswirtschaft gehandelt hat. Die Vermachtungstätigkeit der Nationalsozialisten nachzuvollziehen ist zeitlos lehrreich.

Download als pdf: FFG_160203_NS-WiS_MvP

 

Inhaltsverzeichnis

Überblick: Transformation der Wirtschaftsordnung durch nationalsozialistische Organisation    6

Die „Kultur des Krieges“ als Leitidee nationalsozialistischer Wehrwirtschaft…………………. 8

Die Pervertierung des Rechts und der Unternehmen…………………………………………………… 11

Wie organisierte das NS-Regime die Lenkung der Kriegswirtschaft?…………………………….. 13

Zentralisierung und Hierarchisierung: Die Aufteilung des Wirtschaftssystem in beherrschbare Organisationen   17

Politische Prozesse in Form von Machtkämpfen als Koordinationsprinzip………………….. 19

Organisation, nicht Planung, als Steuerungsmittel der Nationalsozialisten…………………….. 22

Die Vermachtung des Geldwesens……………………………………………………………………………. 24

Fazit und Bewertung: Das Scheitern des Nationalen Sozialismus…………………………………. 28

 

„Wirtschaftliches Kommando ist nicht nur das Kommando über einen Sektor der menschlichen Lebens, der von den übrigen getrennt werden kann; es ist die Herrschaft über die Mittel für alle unsere Ziele. Wer die alleinige Verfügung über die Mittel hat, muß auch bestimmen, welchen Zielen sie dienen sollen, welche Werte höher und welche niedriger veranschlagt werden müssen, kurz, was die Menschen glauben und wonach sie streben sollen.“

Friedrich August von Hayek[i]

 

Die Herrschaft über die Wirtschaft ist die Herrschaft über das Leben. Hitler und die Nationalsozialisten strebten nach dieser Herrschaft. Für die Verwirklichung ihrer kontinentalen Eroberungsziele benötigten sie umfangreiche Ressourcen; Ressourcen, die ihnen in einer (relativ) freien Marktwirtschaft und einer (relativ) freien Gesellschaft niemals zur Verfügung gestanden hätten. Bereits in Friedenszeiten wurde die Wirtschaft auf die Fähigkeit zum Kriegführen für die Schaffung eines germanischen Lebensraums ausgerichtet. Die Mobilmachung eines ganzen Volkes und die Hochrüstung des Militär bedurfte einer weitreichenden Lenkung der Wirtschaft. Innerhalb von fünf Jahren verzwanzigfachten die Nationalsozialisten den Anteil des Militärhaushalts am Sozialprodukt: „Das ‘Dritte Reich’ verlagerte mehr Ressourcen zu Friedenszeiten in die militärische Produktion, als es jemals ein anderer kapitalistischer Staat im Laufe der Geschichte getan hat.“[ii] urteilt der britische Historiker Adam Tooze, Verfasser der aktuellsten umfassenden Wirtschaftsgeschichte des Dritten Reiches. Die Lenkung äußerte sich in Form einer ns-spezifischen Mischung aus Kommando, Pervertierung des Rechts, Anreizen und Privilegien sowie bereitwilligem Engagement vieler Unternehmer, Wirtschaftsführer und Bürokraten. Maßgebliches Mittel zur Indienstnahme der Wirtschaft war eine umfassende Organisationstätigkeit, die nachfolgend erläutert wird. Bei aller Kontinuität und erheblichen Freiräumen im ökonomischen Alltag unterschied sich die nationalsozialistische Wehrwirtschaft der späten dreißiger Jahre durch ihren militärischen, rassischen und feudalen Charakter fundamental von der Weimarer Krisenwirtschaft.

Das vorangestellte Zitat stammt aus dem Bestseller des liberalen Ökonomen und Sozialphilosophen Friedrich August von Hayek „Der Weg zur Knechtschaft“, der Anfang 1944 in England veröffentlicht wurde und 2011 geraume Zeit an der Spitze der amerikanischen Amazon Verkaufsrangliste stand. Es weist auf den totalitären Herrschaftsanspruch Hitlers und des NS-Regimes hin und damit auf die Instrumentalisierung der Wirtschaft. Deren Ausmaß (Hayek: „alleinige Verfügung über die Mittel“) wird in der historischen Forschung in Form widerstreitender Einschätzungen von Zwangslagen, Handlungsspielräumen und Handlungsweisen für Unternehmen im NS-Wirtschaftssystem diskutiert.[iii] Zugleich spielt die von Hayek betonte Einheit von Wirtschaft und Gesellschaft (Hayek: „nicht … von den übrigen getrennt“) heute zumindest partiell eine Rolle, eine Tatsache, die neben Hayek weitere hellsichtige zeitgenössische Beobachter wie Wilhelm Röpke, Alexander Rüstow, Walter Eucken und Ludwig von Mises stets betont haben.[iv] Von hier aus lässt sich ein Bogen zur „Kulturrevolution“ schlagen, die die Nationalsozialisten durchführten. Der Bruch, den die Nationalsozialisten mit der europäischen Kulturtradition vollzogen, bedeutete, dass wirtschaftliches Handeln nun vielfach unter perversen Rahmenbedingungen stattfand und nicht der Wohlfahrt, sondern dem Krieg diente; Rechtfertigungen und Handlungsgrundlagen für „Arisierungen“, Zwangsarbeit und wirtschaftliche Raubzüge in Europa sowie Vernichtung durch Arbeit waren ökonomischer Ausdruck dieses Kulturbruchs. Hayeks Diktum weist schließlich auf die Endzwecke nationalsozialistischen Handelns hin (Hayek: „welchen Zielen sie dienen sollen …“), die nicht ökonomischer Natur waren. Die Verfügung über die dafür allerdings erforderlichen ökonomischen Mittel gewaltigen Ausmaßes führt zur Dichotomie aus Befehlen, Anreizen, Raub und Engagement zurück – zur Organisation der ökonomischen Lenkung einer NS-Wehrwirtschaft.

Die nachfolgenden Überlegungen konzentrieren sich auf die Friedenszeit von 1933 bis 1939. Sie versuchen der Vielgestalt und Widersprüchlichkeit der nationalsozialistischen Wirtschaftsweise auf den Grund zu gehen, die zahlreiche historiographische Kontroversen ausgelöst hat: Primat der Politik oder Primat der Wirtschaft? Monokratische Herrschaft oder polykratische Herrschaft? Intention oder Improvisation? Klassenstaat oder Rassenstaat? Modernisierung oder vorgetäuschte Modernität?[v] Mit Blick auf die Wirtschaftspolitik: Verfügten die Nationalsozialisten über ein wirtschaftstheoretisches Konzept, über einen zumindest annähernd kohärenten Entwurf, der handlungsleitend wirkte, oder waren ihre Maßnahmen aus dem Moment heraus geboren? Beruhte die nationalsozialistische Lenkung der Wirtschaft überwiegend auf Zwang oder verfügten die Unternehmen über (breite) Handlungsspielräume, die sie auch weitgehend folgenlos nutzen konnten und gegen NS-Ambitionen widerstehen ließen, so dass Anreize und freiwilliges Engagement treffendere Charakterisierungen sind? Schließlich funktionierte das unklare und inhomogene System in der Konjunktur-, Beschäftigungs-, Rüstungs- und Kriegswirtschaftspolitik außerordentlich erfolgreich. Wie lässt sich vor diesem Hintergrund die Wirtschaftspolitik insgesamt charakterisieren, wenn Intention, Planmäßigkeit und Rationalität zugleich Zufall, Improvisation und Irrationalität gegenüberstehen?

Naturgemäß können diese Fragen allenfalls gestreift werden, aber – so die Absicht – zumindest ist das Ziel, einen gemeinsamen Dreh- und Angelpunkt für eine tragfähige Erklärung zu finden. Die hier gegebene Antwort lautet: Die nationalsozialistischen Machthaber waren in ständiger Organisationstätigkeit begriffen – institutionell und funktional. Sie schufen Großorganisationen wie den Reichsnährstand, die Deutsche Arbeitsfront und den Vierjahresplan und änderten die Wirtschaftsordnung grundlegend durch „ad hoc“-Interventionen, insbesondere prozessual ausgerichtete Bürokratisierungs- und Lenkungsmaßnahmen, aber auch tiefgreifende rechtliche Änderungen. Ziel war die Vorbereitung eines rassistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieges. Den Schlüssel bildete die Wirtschaft, welche die erforderlichen Ressourcen bereitstellen musste. Dafür war eine (Um)Lenkung der wirtschaftlichen Produktion in eine Kriegswirtschaft bereits im Frieden erforderlich. Infolgedessen wurden wichtige Entscheidungen im Zuge „Politischer Prozesse“ getroffen, als Ergebnis von Machtkämpfen hinter den Kulissen. Wie die Organisationstätigkeit verliefen sie „emergent“, d.h. weniger planvoll als mehr aus Augenblick und Gelegenheit geboren. Zugleich entstand eine „Kultur des Krieges“, also eine grundlegende Veränderung gesellschaftlicher Normen und Werte. Zusammen mit marktwirtschaftlichen und pseudomarktlichen Prozessen, die von nationalsozialistischer Organisationstätigkeit überlagert, verdrängt und kanalisiert wurden, kennzeichnen diese Muster eine eigenständige, spezifisch nationalsozialistische Ordnung, die vielfältige geistige Wurzeln und praktische Gemeinsamkeiten mit dem sowjetischen Sozialismus aufweist.