Die Mutter aller Finanzskandale

Wer hätte das gedacht? Im biederen München der 1870er Jahre verursachte eine Schauspielerin mit dem eigentümlichen Namen Adele Spitzeder für einen spektakulären Finanzskandal. Mehr als 30.000 Menschen, vor allem Arme und kleine Leute, darunter Handwerker, Soldaten und Polizisten, waren von der Implosion der sogenannten Dachauer Bank betroffen. München hatte damals nur rund 150.000 Einwohner.

Der Zusammenbruch des Schneeballsystems zog eine Selbstmordwelle nach sich. Über 10 Millionen Gulden Schulden standen einem Vermögen von nur 2 Millionen Gulden gegenüber. Attraktive Zinszahlungen wurden von Beginn an durch die Einzahlungen selbst geleistet. Flüsterpropaganda sorgte für Aufstieg und Fall der sozialen Wohlstandsillusion.

Julian Nebel ist es zu verdanken, dass die Geschichte anschaulich und kenntnisreich in einem schönen Band verfügbar ist. Viel Lokalgeschichte und Details aus München bilden den Rahmen für das Drama mit internationaler Bedeutung. Ob Gier das Phänomen erklären mag? Das scheint zu einfach. Naivität, verfehltes Vertrauen ohne Prüfung der Fakten – es fand nie eine Buchprüfung statt – und Gruppendynamik sind Aspekte eines systematischen Betrugs, der geschickt in Szene gesetzt wurde, auch mit sozialem Engagement, insbesondere einer Suppenküche. Nach ihrer Haftstrafe gelang Adele Spitzeder, die unrühmliche Berühmtheit erlangt hatte, das System in klein noch einmal für kurze Zeit zu wiederholen. 25 Jahre später schuf Charles Ponzi sein berüchtigtes Schneeballsystem in den USA.

Michael von Prollius

Julian Nebel: Adele Spitzeder. Der größte Bankenbetrug aller Zeiten, FBV, München 2018, 169 Seiten, 17,99 Euro.