Der Dritte Weg führt nach nirgendwo

Philosophieren, vögeln, saufen. Das ist die herausragende Trias der 1940er Jahre in Paris, zumindest nach dem Ende der furchtbaren deutschen Besatzung, also nur für eine halbe Dekade. Dieser Eindruck entsteht, wenn man „Die magischen Jahre von Paris 1940 – 1950“ der Journalistin Agnès Poirier liest. Lag die Magie in der Zeit oder in einer sehnsüchtigen Betrachtung der Autorin? Vielleicht im Sowohl-als-auch. Politik hat eine reale und eine konstruktivistische Seite, genau wie das kaleidoskopartig betrachtete Leben und Arbeiten der sozialistischen Intellektuellen am linken Seineufer im Buch mit dem Titel „An den Ufern der Seine“.

Ein Leitfaden hätten Leben und Liebe, Arbeit und Innerlichkeit von Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir bilden können. Den gibt es aber nicht wirklich, auch wenn der Leser bei den beiden Existenzialisten ein wenig Halt findet. Vielmehr wird man hineingeworfen in einen Tanz auf einem Vulkan der Existenz. Am linken Ufer der Seine lebten viele schließlich sehr erfolgreiche schriftstellerisch-politische Existenzen vorwiegend französischer und amerikanischer Provenienz, die in dem Essay mit einigen Künstlern und Musikern garniert werden. Allein der Abschnitt „Handelnde Personen“, der dem Text vorangestellt wird, umfasst mehr als 30 Individuen – von Nelson Algren, der großen Chicagoer Lebensliebe von Simon de Beauvoir, über Albert Camus und den gewalttätigen Arthur Koestler bis zu Pablo Picasso und Richard Wright.

Keine Frage: die Intellektualität und Kreativität der unmittelbaren Nachkriegszeit beeindrucken und fesseln. Leider treten Inhalte regelmäßig hinter Erfolg und Reaktionen, hinter Fragmenten persönlichen Impressionen und Reaktionen zurück. Auf 450 Seiten wird der Leser mit journalistischen Schlaglichtern geradezu geblendet, aber auch vom Glanz erfüllt. Die Abschnitte sind zumeist mit Brückensätzen verbunden, aber inhaltlich zu selten durchkomponiert. Am Besten ist das Buch dort, wo mit etwas mehr Ruhe und Raum Inhalte und persönliche Beziehungen ausgebreitet werden. Gleichwohl entfaltet sich im Subtext die Magie, der sich auch dezidierte Liberale nicht unmittelbar entziehen können. Intellektuelle hatten etwas zu sagen, stritten leidenschaftlich, wurden gesellschaftlich und politisch gehört im geistig und körperlich ausgehungerten Paris der überaus lebendigen Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

Gelungen ist Agnès Poirier der erste Teil aus kurzem Krieg, furchtbarer Besatzung und erlösender, geradezu überschäumender Befreiung. Bedeutend, aber weniger klar, dafür lebenslebendig fällt der zweite Teil „Moderne Zeiten“ aus. Existenzphilosophie und Dritter Weg sind dafür elementar. Die letzten beiden Teile verschwimmen, gleichen ausfransenden Fortsetzungen.

Die Magie von Paris hat etwas Ambivalentes, im Kern dramatisch-destruktives. Das pralle Leben wirkt anziehend. Die echten Charaktere faszinieren als Persönlichkeiten. Ihr Erfolg hat etwas Hollywoodeskes, entgegen erklärter Denkhaltungen, im Streben der Intellektuellen und Kunstschaffenden nach Wahrnehmung, Anerkennung, Wirkung und letztlich Geld und Ruhm.

Aus dem Wohlstand unserer Zeit heraus lässt sich die abschreckende Armut glorifizieren. Als Simone de Beauvoir indes im Alter von 40 Jahren erstmals eine eigene Wohnung bezieht, kann sich der intellektuelle Weltstar nur ein kleines Zimmer leisten. Sie lebte in ihrer offenen, nicht formalisierten Ehe mit Sartre und verkörperte die moderne, emanzipierte Frau. Zugleich wollte sie mit der Ankunft von Nelson Algren in Paris nicht anderes als ihm ihre volle Aufmerksamkeit schenken, sich ihm ganz widmen und „wenigstens ein paar wenige Monate ihres Lebens in die Rolle der hingebungsvollen Ehefrau schlüpfen.“ Braucht es mehr, um das krachende Scheitern der verkopften Ideen des Sozialismus und Feminismus zu illustrieren?

Leider wird kaum deutlich wie sehr die Sozialisten aller Schattierungen in Paris irrten. Die zunehmenden Absetzbewegungen vom mörderischen Kommunismus führen nicht weg vom Luftschloss, zu dem ein Dritter Weg führen sollte. Die berauschenden Ideen sozialistischer Intellektueller brachten keine fruchtbaren Landschaften hervor. Sie wurden vielmehr überwältigt vom kapitalistischen Warenangebot 1949 nach dem Ende vieler Rationierungen und dem ersten Jahr amerikanischer Entwicklungshilfe per Marshallplan. Der Szientismus der Existenzialisten in ihren politischen Betrachtungen, ihre dem Historismus verwandte Weltsicht, die sich bei aller verbalen Tiefe an Symptomen abarbeitet ohne Verständnis von Ordnungen, wird lediglich geheilt durch ihren klaren Blick auf das Leben, auf die eindringliche Deutung von Kunst und das Gespür für individuelle und gesellschaftliche Emotionen. Dazu passt das ausschweifende Liebesleben, das letztlich haltlos von einer Person zur nächsten eilend doch nur auf das große Glück gerichtet ist.

Alle Magie entpuppt sich schließlich als Budenzauber, den immer noch viel zu wenige Menschen erkennen. Der Freiheitsdrang der Sozialisten in Paris verbindet sie mit Liberalen – Stil, Mittel, Wege trennen. Kommunismus war lange Zeit für viele Opium und politische Religion. Handelt es sich letztlich nur um Lebenslügen? Agnès Poirier schreibt: „Ein Heim bedeutete auch Familie, Ehe und Kinder, etwas, wovon sie sich für alle Mal abgekehrt hatten. Leicht war es nicht gewesen, vor allem für Simone, und es hatte großer mentaler und moralischer Stärke bedurft, aber sie blieben dabei. Viele bewunderten sie insgeheim dafür.“

Im Grunde wurden die Sozialisten vom linken Ufer der Seine nie erwachsen. Die Magie speist sich aus einem Portrait ungestümer Jugend in ihren 20er und 30er Lebensjahren. Ungezügelte Freiheit ohne die Tugend der Mäßigung und Verpflichtung. Das machte auch die Denker und Dichter nicht glücklich.

Michael von Prollius

Literatur: Agnès Poirier: An den Ufern der Seine. Die magischen Jahre von Paris 1940-1950, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2019, 508 S., 25,00 Euro (Hardcover).