Zentralbankunabhängigkeit? Marktabhängigkeit!

Für die Existenz von Zentralbanken wird gerne die Unabhängigkeit und zuweilen auch die Expertise der vermeintlich neutralen Technokraten ins Feld geführt. Es gibt zahlreiche historische und theoretische Widerlegungen dieser Behauptung, darunter die Bedeutung des Zentralbankchefs für die Geldpolitik, wie sie Milton Friedman und Anna Schwartz u.a. am Beispiel der Großen Depression aufgezeigt haben, und die Naivität, die Hjalmar Schacht gegenüber Hitler an den Tag gelegt hat. Die Anmaßung von Wissen und somit die mangelnde Expertise der Experten sind ein unüberwindbares Problem einer zentralen Steuerungsbehörde.

Tobias Schafföner fügt der Einschätzung, Zentralbankpolitik ist strukturell schädlich, ein weiteres, gewichtiges Argument hinzu. In seinem Beitrag „Data dependency oder market dependency? Der Weg zu einer finanzmarktabhängigen Fed, erschienen als Makroanalyse 15/9/2016 beim Flossbach von Storch Research Institute, wird deutlich, dass die Fed eine finanzmarktabhängige Institution ist, deren Politik von den Erwartungen der Marktteilnehmer bestimmt wird. Die Fed steckt demnach in einem „zirkulären Dilemma“ fest: „Die Fed versucht Rahmenbedingungen zu verändern, verändert damit Präferenzen und Pläne, was wiederum die Rahmenbedingungen für die Fed verändert.“ (S. 14) Dementsprechend verfolgen die Zentralbanker keine „neutrale“, rein auf Daten gestützte Geld- und Zinspolitik, sondern sie machen sich abhängig von den Erwartungen der Marktteilnehmer.

Bemerkenswert an dieser Konstellation ist nicht nur, dass ein Ausweg aus dem Dilemma schwerlich möglich ist, sondern auch, dass Zentralbanken sich auf einem Pfad bewegen, der geradezu zwangsläufig in dieses Dilemma führt. Zentralbanken verändern ihren institutionellen Charakter von zunächst stabilitätsorientierten Wächtern des Geldwerts zu wirtschaftspolitischen Akteuren bis schließlich zu finanzmarktabhängigen Mikromanagern, wie der Aufsatz eindringlich dokumentiert. Folglich nehmen die Risiken für die Stabilität des gesamten Finanzsystems stetig zu. Sowohl die Geschichte der Fed von Alan Greenspan über Ben Bernanke bis Janet Yellen als auch die von der Bundesbank zur EZB unter Mario Draghi bietet eine Fülle von Material, um diese Erkenntnis zu untermauern.

Das Problem ist struktureller Natur. Als Zentralplaner mit Monopolprivileg unterliegt keine Zentralbank dem Wettbewerb und damit dem Entdeckungs- und Entmachtungsverfahren. Ihr Geldsozialismus leidet unter den gleichen politikökonomischen Unzulänglichkeiten wie der real existierende, untergegangene. Es spricht viel dafür, dass eine Zerrüttung des Geldwesens ein elementarer Bestandteil des Zentralbanksystems ist – nicht zuletzt durch die Geister, die die Zentralbanker riefen und schufen.

Michael von Prollius