Wirtschaftspolitik in Deutschland 1917 – 1990

Werner Abelshauser u.a. (Hg.): Wirtschaftspolitik in Deutschland 1917 – 1990

Band 1: Das Reichswirtschaftsministerium der Weimarer Republik und seine Vorläufer hg. v. Carl-Ludwig Holtfrerich, Band 2: Das Reichswirtschaftsministerium in der NS-Zeit hg .v. Albrecht Ritschl, Band 3: Die zentrale Wirtschaftsverwaltung in der SBZ/DDR hg. v. Dierk Hoffmann, Band 4: Das Bundeswirtschaftsministerium in der Ära der Sozialen Marktwirtschaft hg. v. Werner Abelshauser, De Gruyter Oldenbourg, Berlin, Boston 2016, 2.838 S. (zahlreiche Abbildungen), 199,95 €.

Vier Bände, vier Herausgeber, 26 deutsche und internationale Autoren, 2.838 Seiten, ungezählte Archive. Die Geschichtskommission beim Bundeswirtschaftsministerium greift mit drei zusätzlichen Bänden weit über den üblichen Untersuchungszeitraum des Dritten Reiches hinaus, der im zweiten Bandes behandelt wird. Entstanden ist eine breite Dokumentation der Ursprünge und Entstehung sowie der Entwicklung und Wandlung des Reichswirtschaftsministeriums, seiner Vorläufer und von seinen Nachfolgern in West- und Ostdeutschland.

Betrachtet werden einerseits die Behörden mit ihren Aufgaben und Zuständigkeiten sowie ihrem Personal, andererseits, und darüber hinaus gehend, die Wirtschaftspolitik in Deutschland mit Blick auf, in und aus den Ämtern. Die Bände sind teils chronologisch, teil thematisch aufgebaut, darunter regelmäßig Kapitel zur Wirtschaftsstatistik. Es gibt abgesehen von einem knappen, wiederkehrenden Vorwort keine zusammenfassende Gesamtdarstellung. Die vier Einleitungen sind Ausdruck der individuellen Perspektiven der Herausgeber und ihrer (bisherigen) Arbeitsschwerpunkte – alle enthalten kurze Zusammenfassungen der jeweiligen Inhalte. So thematisiert der erste Band zunächst die Weimarer Republik insgesamt und legt dann den Schwerpunkt auf die Frage „Währungs- oder Bankenkrise 1931?“. Der zweite Band setzt sich einleitend mit der Nazifizierung des Reichswirtschaftsministeriums und dessen sinkender Bedeutung im Herrschaftsgefüge auseinander. Der dritte Band skizziert die DDR-Planwirtschaft als „Kontrastfolie“ des Bundeswirtschaftsministeriums. Der vierte Band beginnt dankenswerterweise mit Leitfragen zur Orientierung der Forschungsarbeit, um dann Grundzüge der deutschen Wirtschaftspolitik im 20. Jahrhundert, den Rekonstruktionsaufschwung und die Soziale Marktwirtschaft zu beschreiben. Das sind jedoch lediglich Themen der Einleitungen.

Die Bände enthalten eine Fülle von Details und neuen Informationen, mit denen sich die (Wirtschafts-)Historiker nunmehr auseinandersetzen und darauf aufbauen können. Dazu gehören etwa der Personalstand und die komplette Leitungsebene in der Entstehungszeit. Die „Generation 1880“ wirkte prägend bis in die Zeit der Bundesrepublik. Die Anfänge behördlicher Statistik und ihre Professionalisierung lassen sich seit Ernst Wagemanns Fragebogenaktion die sich an Verbände und Körperschaften richtete, nachvollziehen. Deutlich wird wie konzeptionslos das Reichswirtschaftsministerium zunächst agierte. Aufgezeigt wird noch einmal wie sehr die Behörde im NS-System machtpolitisch unter die Räder kam und welche Rolle es bei der Organisation der NS-Wirtschaft spielte. Die Rolle bei der Judenverfolgung wird ausführlich beleuchtet. In der Bundesrepublik begann in den 1960er Jahren erneut eine Abstiegsgeschichte – allerdings ohne Reputationsverlust. Indes lassen sich für aufmerksame Leser zwei klaffende Lücken erkennen: die eine zwischen dem ordoliberalen Selbstverständnis und der wirtschaftspolitischen Praxis und die andere zwischen dem (naiven) Glauben durch staatliche Eingriffe die Wirtschaft zu besseren Ergebnissen zu lenken oder gar zu steuern und der mangelhaften Wahrnehmung der durch Wirtschaftspolitik verursachten Probleme.

Die Bände enthalten eine Fülle von aktuellen Bezügen – von der Bankenkrise bis zu Stabilitäts- und Steuerungsfragen oder (Un)Gleichheit. Entstanden ist keine reine Behördengeschichte, sondern tatsächlich ein wirtschaftspolitisches Panorama, für deren Deutung und Perspektiven die jeweiligen Autoren stehen.

Michael von Prollius

Berlin

Quelle: erscheint in VSWG– Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.