„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“

Diese Frage stellt Paul Watzlawick in seinem gleichnamigen Buch bereits Mitte der 1970er Jahre. Der Psychotherapeut und Philosoph befasst sich mit Wahn, Täuschung und Verstehen. Die drei Teile des Buches sind mit Konfusion, Desinformation – passend zum Zeitalter des Kalten Krieges – und Kommunikation überschrieben. Die Quintessenz des Buches ist im ersten Satz enthalten: „Dieses Buch handelt davon, daß die sogenannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation ist.“

Auf beeindruckende und schräge Art und Weise zeigen Beispiele aus dem Tier- und Menschenreich, welche Verhaltensfolgen die Wahrnehmung und vor allem die Deutung von Ereignissen haben können. Das Beispiel der Ratte, die sich eine bizarre Tripple-Sprung-Schritt-Folge angewöhnt, um zu Futter zu gelangen ist ein besonders anschauliches Beispiel. Nicht die Schritte lösen die Essensausgabe aus, sondern lediglich eine bestimmte Zeit muss vergehen.

Verschwörungstheorien werden durch diese Sicht auf die Wirklichkeit(en) genauso verständlich wie Riten bei Sportlern und normalen Menschen, die Zusammenhänge zwischen Ereignissen herstellen, die es nicht gibt. Stets den rechten Schuh zuerst zubinden bringt Glück. Insbesondere der Mensch neigt dazu, Ordnung herzustellen, auch ohne Realitätsbezug, und hält aufgrund hoher emotionaler Kosten auch an völlig Widersinnigem fest. Dann werden auch unleugbare Tatsachen, die dieser Ordnung oder Erklärung widersprechen als unwahr oder unwirklich angesehen. Die Nähe zum Aberglauben und sogar zum Glauben liegt auf der Hand – heute auch die Nähe zu manchem als Wissenschaft bezeichneten Thema, darunter Gender- und manche Klimaforschung

In den Politikwissenschaften ist inzwischen neben der Realpolitik der Konstruktivismus, also die wahrgenommene und kommunizierte Realität, als zweite Haltungen und Handlungen bestimmende Größe fest etabliert. Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Wie passend, dass bald wieder Wahlkampfzeit ist.