Was ist Geschichte? Ludwig von Mises Konzept der Geschichtswissenschaft

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Eine Darstellung von Helmut Krebs

Ludwig von Mises war nicht nur der bedeutendste Ökonom in der Tradition der klassischen Ökonomie und ein eigenständiger tiefschürfender Sozialphilosoph, sondern auch ein respektabler Geschichtsschreiber. Sein frühes Werk „Nation, Staat und Wirtschaft“ besteht in Teilen aus geschichtlichen Rückblicken, aber insbesondere sein Essay „Omnipotent Government“, das auf Deutsch unter dem Titel „Im Namen des Staates oder Die Gefahren des Kollektivismus“ erschien, sind unersetzbare Beiträge zum Verständnis der Geschichte des Liberalismus. Sowohl die Fachwerke der Ökonomie als auch die philosophischen Werke sind in ihrer Gedankentiefe und Materialfülle nur möglich auf dem Hintergrund eines breiten historischen Faktenwissens.

Mises legte – anknüpfend an den Methodenstreit seines verehrten Lehrers und Freundes Carl Menger mit der historistischen Schule der sog. Kathedersozialisten um Gustav von Schmoller – die methodologischen Grundlagen der Ökonomie sowie die Geschichtswissenschaften in Form eines systematischen und konsistenten Lehrgebäudes. Die herausragenden Zeugnisse dieser Epistemologie sind natürlich „Nationalökonomie“ bzw. „Human Action“, aber ganz speziell „Theorie und Geschichte“ und als Vertiefung und Fortsetzung „The Ultimate Foundations of Economic Science“. Wir können „Theorie und Geschichte“ als das epistemologische und methodologische Hauptwerk Ludwig von Mises ansehen. Er nahm die Gedanken der besten Denker seiner Zeit auf, von denen u.a. Dilthey, Windelband, Rickert, Bergson, aber insbesondere Max Weber für ihn prägend wurden.

Die grundlegenden epistemologischen Entscheidungen

Geschichte ist der Bericht von den Taten der Menschen, den Geschehnissen, mit denen die Menschen konfrontiert sind, den Tatbeständen, die ihnen vorausgehen. Die erste Frage einer historischen Methodologie muss lauten: Wer handelt? Sind es sich selbst bestimmende Individuen oder ist es eine übermenschliche Macht, die die Menschen nur als Spielfiguren ihres unbekannten Planes verwendet. Die Buchreligionen sind alle mehr oder weniger letzterer Meinung. Menschen sind in Gottes Hand und tun, was er ihnen vorausbestimmt hat oder was er ihnen zu tun eingibt. Diese Entscheidung für den heteronom agierenden Menschen fand zweierlei Ausprägungen im Gefolge des religiös begründeten Determinismus: a) die kollektivistischen Ideologien und die b) naturalistischen Ideologien. Zu ersteren rechnen wir die den politischen Strömungen des Marxismus, Nationalismus, Rassismus und des feministischen Sexismus zugrundeliegenden Annahmen. Die geistigen Urväter dieser Richtung waren Hegel und Schelling, die die Phänomene der sinnlich wahrnehmbaren Welt in der Tradition Platons und Plotins als Gaukeleien des einzig wahren und wirkenden Geistes annahmen. Zu den naturalistischen Deterministen rechnen wir z.B. die Panphysikalisten oder Behavioristen. In ihrem Denken folgen die Menschen zwar ihrem Willen, ihren Ideen oder Gefühlen. Aber ihr Wille ist nichts als die streng determinierte Folge einer Ursache-Wirkungs-Kausalkette der materiellen Grundlage, nämlich der vorhandenen physischen Welt. Diese reicht vermittelt durch den eigenen Körper bis zum Gehirn, das Ursache für Wollen und Tun des Menschen ist. Der Mensch handelt nicht, er verhält sich so, wie er sich nach diesem naturalistischen Determinismus verhalten muss. Im Rahmen dieser Denkweise wird etwa angenommen, dass der Menschen bestimmten Trieben folgt oder unter der Wirkung seiner Hormone steht. Nicht er denkt, sondern sein Gehirn, welches ihm die Denkinhalte auf den Monitor seines engen Bewusstseins promptet.

Dem stellt Mises in der Tradition der Aufklärungsphilosophen, unter ihnen insbesondere Hume und Kant, sein Konzept des autonom und rational handelnden Menschen entgegen. Es geht ihm darum, das freie Individuum, den verantwortlichen Bürger gegen seine Entthronung und Entmachtung zu retten und damit die Grundlagen des Liberalismus. Die Freiheit des Denkens wird in unserer und Mises Zeit nicht mehr vor allem durch die geistige Oberherrschaft der Kirche, durch die Theologie bedroht, sondern durch einen Staat, der sich in den Händen von Kräften befindet, die einem kollektivistischen Denken verfallen sind. Das ist Mises scharf bewusst. In seiner epistemologischen Untersuchung geht er den genannten Alternativen auf den Grund bis hin zu den ihnen innewohnenden Widersprüchen, die sie nicht auflösen können. So bringt er diese theoretisch mit der Waffe der Kritik zu Fall. Sein eigenes Konzept der Geschichtswissenschaft entfaltet er in „Theorie und Geschichte“ nicht als systematische Lehre, sondern jeweils im Kontrast zur kritisierten Gegenmeinung. Wir müssen daher die Lehre extrahieren. Folgen wir den einschlägigen Kapiteln, die ich paraphrasierend zusammenfasse und deren epistemologischen Kern freilege.

Die Sozialwissenschaft im Spannungsfeld von Geschichtsphilosophie und Aufklärung (Kapitel 8)

1.* Ausgangspunkt der Geschichtsschreibung ist der handelnde Mensch, bzw. in Gruppen handelnde Menschen. Handeln ist bewusstes Reagieren auf die Lebensumstände der handelnden Menschen mit dem Ziel der Veränderung.

2. Das Handeln der Menschen ist von Werturteilen und Zielen geleitet, die ihrerseits von ideologischen Sichtweisen abhängen. Ideologien sind nicht statisch. Sie entspringen dem Denken Einzelner und verändern sich mit der Zeit.

3. Der Ursprung der Ideen sind nicht physische und physiologischen Gegebenheiten. Diese bilden nur die Herausforderungen, denen der Mensch handelnd begegnen muss, sie liefern aber nicht die Gedankeninhalte.

4. Der eigentliche Inhalt der Geschichtsschreibung sind die Ideen, die die Menschen bewegen, denn die letzten Gründe handelnder Menschen sind immer Ideen.

5. Demgegenüber geht die sogenannte Geschichtsphilosophie (Hegel, Marx) vom Walten eines Gesamtplanes der Menschheitsgeschichte aus. Dieser wirkt auch ohne bewusste und absichtliche Unterstützung der Menschen, sogar gegen ihren Willen. Das Individuum ist ein Werkzeug der Vorsehung.

6. Fortschritt und Rückschritt werden von der Geschichtsphilosophie als Annäherung oder Entfernung des vorgegebenen Zieles interpretiert. Sie sind nicht wertneutral. Fortschritt ist per se gut, weil er Erfüllung des Gesamtplanes bedeutet.

7. Die Geschichtsphilosophie ist inkonsistent: Erstens muss sie das Ziel der Geschichte benennen können und zweitens die Mittel, durch die die Menschen dazu gebracht werden, es zu erreichen. Das Ziel kann nicht anders als durch Intuition des Philosophen bestimmt werden. Es ist ein subjektives, willkürliches Postulat. Damit muss der Philosoph die absolute Autorität seiner Führerschaft beanspruchen. Für die Wahl der Mittel gibt es zwei denkbare Lösungen: Erstens, dem charismatischen Führer zu folgen, der im Alleinbesitz der letzten Weisheit ist. Da verschiedene Führer miteinander konkurrieren und die Wahrheit nur bei einem liegen kann, liegt es in der Logik dieser Denkweise, dass diese sich im unversöhnlichen Antagonismus zueinander befinden und darauf aus sind, sich gegenseitig auszumerzen. Die andere Antwort liegt in der Bedeutung des Ausdrucks „List der Vorsehung“ (Hegel): Die Menschen werden durch eine dunkle Macht irgendwie dazu gebracht, der Vorsehung entsprechend tätig zu sein. Doch auch dieser mutmaßliche Tatbestand muss wiederum durch Intuition erkannt werden. Beide Lösungen sind keiner rationalen Klärung zugänglich. Sie enden in einer arbiträren Setzung. Daher sind die auf der Grundlage geschichtsphilosophisch bedingter Ideologien errichten Staaten notwendig tendenziell totalitär.

8. Der Ausgangspunkt der liberalen Aufklärung war die Erkenntnis, dass der seinen eigennützigen Interessen nachgehende Mensch letztlich die Interessen der Gesellschaft befördern. Wir erinnern uns an die Metapher von der „unsichtbaren Hand“. Sie ist uralt, wurde aber vor allem von Mandeville (Bienenfabel) aktiviert und von Hume und Smith in ihre Theorien integriert. Diese sind die eigentlichen Begründer des Paradigmas der sich selbst organisierenden Systeme, das heute das vorherrschende unter den Wissenschaften geworden ist.

9. Der Geschichtswissenschaftler dieser Denktradition befasst sich mit der Erhebung der Tatbestände der Vergangenheit. Er behauptet nicht, etwas über die Zukunft zu wissen.

10. Der Ökonom wie der Geschichtsschreiber bewertet den Fortschritt nicht. Ökonomie ist selbst wertfrei. Er nimmt die Werturteile der handelnden Menschen als Gegebenheiten an und zum Ausgangspunkt seiner Untersuchungen. Wenn diese die Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen als Fortschritt ansehen, dann ist ihm dies eine Gegebenheit.

11. Gegenüber der Aufklärung waren die kollektivistischen und universalistischen Geschichtsphilosophien Hegels, Comtes und Marx reaktionär. Die liberalen Ökonomen der Aufklärung glaubten, dass die autonom handelnden Menschen sich mit den aufstrebenden Verhältnissen selbst weiterbilden und entwickeln und dass dies die Garantie für eine immer weiter aufwärts strebende geschichtliche Tendenz sei (Meliorismus). Die Kollektivisten griffen auf mittelalterliche Ideen der göttlichen Vorsehung zurück, die das autonom handelnde Individuum zu bloßen Spielfiguren des Schicksals marginalisieren. Der Liberalismus von Ludwig von Mises (wie übrigens auch der Friedrich von Hayeks) lehnt nicht nur den Determinismus und Kollektivismus ab, er teilt auch nicht den naiven Optimismus der Aufklärer. Einerseits ist der handelnde Mensch durch seinen Verstand in der Lage, die richtigen Entscheidungen zu treffen, er kann sie aber auch verfehlen. Die geschichtliche Tendenz ist daher eine offene Frage. Der Historiker weiß nicht, was in Zukunft geschehen wird.

Das Konzept der geschichtlichen Individualität (Kapitel 9)

1. Das handelnde Individuum ist für die Geschichtswissenschaft ein Datum, dessen Handeln nicht weiter reduziert werden kann. Die dem Handeln zugrundeliegenden innerpsychischen Gegebenheiten gehen den Historiker streng genommen nichts an. Die charakteristischen Persönlichkeitsmerkmale der Individuen ist für ihn der Ausgangspunkt seiner Untersuchungen, gleichgültig, wie sich diese ursprünglich gebildet haben.

2. Subjekte (Agenten) des gesellschaftlichen Wandels sind die handelnden Individuen. Aufgrund ihrer Individualität ist der geschichtliche Wandel in gewisser Weise zufällig. Indem die Individuen handeln, wirken sie auf andere ein. Der Einzelne und die anderen sind sich wechselseitig Gegebenheiten. Aus der Beobachterperspektive ist der Gang der Geschichte selbst individuell oder zufällig, wenn auch das Handeln jedes Einzelnen aus der Innenperspektive einem Plan folgt. Hier haben wir die systemische Sichtweise.

3. Das Handeln der Individuen ist bedingt durch Ideen. Jeder Handlungsakt folgt einer Idee, die ihrerseits durch andere beeinflusst ist. Die liberale Sozialphilosophie fasst in einer Abstraktion von dieser Grundlage die Geschichte der Menschheit als eine Geschichte von Ideen auf, als einen Kampf der Ideen der handelnden Menschen miteinander. Die Ideen sind die letzten Gegebenheiten sowohl der geschichtlich Handelnden als auch des Geschichtsschreibers.

4. Kollektivideen und kollektives Bewusstsein sind epistemologisch betrachtet Hypostasien. Es gibt keinen absoluten, d.h. von lebendigen Menschen unabhängigen Grimmschen „Volksgeist“, kein absolutes proletarisches „Klassenbewusstsein“, keinen Schellingschen „Weltgeist“, keine „Urmutter“, keine „Natur“ im Sinne von handelnden Subjekten. Kollektive sind immer Gruppen von realen Einzelnen. Was unter einem Gruppenmerkmal verstanden wird, ist eine besondere Beziehung der Individuen zueinander, die Funktion ihrer Wechselbeziehungen. Real sind Gruppeneigenschaften nur in den Individuen.

5. Ideen werden von Menschen hervorgebracht. Die meisten Menschen sind nur rezeptiv, aufnehmend und wiedergebend. Alle überlieferten Ideen lassen sich auf Ideen von genialen Köpfen zurückführen. Es sind die Bahnbrecher, die Neues schaffen. Die Dichotomie von Bahnbrecher und Masse ist grundlegend für die Geschichtsauffassung Mises.

6. Geschichte kann nicht geplant werden. Alles, was der Mensch planen kann, sind die Wirkungen seiner eigenen Handlungen. Große Gesellschaftspläne implizieren Starrheit. Kollektivismus ist tendenziell konservativ. Die Gesellschaft ist aber in unaufhörlicher Veränderung. Starrheit ist nur erzwingbar unter der Gewalt eines autoritären Staates.

Die Herausforderungen des Szientismus (Kapitel 11)

1. Szientismus ist der Versuch, das Handeln von Menschen nach dem Muster der Naturwissenschaften zu untersuchen und zu erklären. Er lehnt alle Wissenschaften ab, die nicht Naturwissenschaften sind. Diese sind kausalistisch im Sinne der causa causalis (nach Aristoteles). Sie kennen keine Teleologie, also eine Ursache-Wirkungs-Verknüpfung die auf die Zukunft gerichtet ist im Sinne der causa finalis. Menschliches Handeln ist aber nur teleologisch zu begreifen. Nur als auf die Zukunft gerichtet hat es Bedeutung und Sinn. Die Durchsetzung der kausalistischen Naturwissenschaft durch die Verdrängung des teleologischen Animismus war ein gewaltiger geistiger Fortschritt. Der Szientismus übergeneralisiert dieses Moment.

2. Der Positivismus leugnet, dass irgendein Untersuchungsgebiet für die teleologische Forschung offen steht. Dies ist selbst eine metaphysische Doktrin, womit er folglich gegen sein eigenes antimetaphysisches Tabu verstößt. Er grenzt die Aufgabe der Wissenschaft auf die Beschreibung und Deutung sensorischer Erfahrung ein und verwirft Introspektion und alle historischen Disziplinen und insbesondere die Ökonomie.

3. Herausragender Vertreter und Erfinder dieser Metaphysik war Auguste Comte, ein Zeitgenosse von Marx. Er übertrug biologische Konzepte auf die Gesellschaft. Comte schuf die Strömung der Soziologie. Er scheiterte gemessen an seinen eignen Ansprüchen.

4. Die Schule des Neopositivismus im 20. Jahrhunderts belebte Comtes Gedanken. Sie war totalitär ausgerichtet, stand im schroffen Gegensatz zur Ökonomie. Der Neopositivismus brachte zwei Hauptspielarten hervor: den Panphysikalismus (Lehre von der historischen Bedingtheit der Logik) und, auf soziale Felder bezogen, den Behaviorismus (Dogma der szientistischen Psychologie). Der Panphysikalismus verabsolutiert die Verfahrensweise der Physik für jede wissenschaftliche Erkenntnis. Auf die Gesellschaft angewandt soll er die Grundlage für das social engineering liefern: Die planmäßige Gestaltung der Gesellschaft durch einen allmächtigen Staat.

5. Panphysikalismus und Behaviorismus können nicht erklären, wie die Menschen sich Ziele stellen. Menschen reagieren auf Stimuli verschieden. Der Behaviorismus übernimmt den biologischen Begriff der Anpassung, um menschliches Verhalten zu erklären. Er kann nicht erklären, warum sich Menschen eines Kulturkreises auf andere Weise an dieselben Bedingungen anpassen als andere. Er versucht die biologischen und die entwicklungspsychologischen Termini (Reflexe, Instinkte, Automatismen) auf die Psychologie erwachsener Menschen zu übertragen. Er kann nicht erklären, aufgrund welchen Reflexes Menschen Kathedralen bauen und warum sie Brücken für eine bestimmte Belastung auslegen.

6. Die Naturwissenschaften müssen sich von der Darlegung finaler Gründe zurückhalten, nicht weil sie beweisen können, dass keine finalen Gründe wirksam sind, sondern weil sie unfähig sind, irgendwelche finalen Gründe zu entdecken. Dies gilt analog auch für die Sozialphilosophie: Nur der gleiche pragmatische Beweis, der zugunsten des ausschließlichen Gebrauchs kausaler Forschung im Gebiet der Natur erbracht werden kann, kann zugunsten des ausschließlichen Gebrauchs teleologischer Methoden auf dem Gebiet des menschlichen Handelns ins Gefecht geführt werden. Sie funktioniert, während die Idee, die Menschen wie Steine oder Mäuse zu betrachten, nicht funktioniert.

7. Das Postulat des Behaviorismus, dass alle Menschen von Geburt an gleich sind, ist offensichtlich falsch. (Es ist übrigens auch im Denken der Frühaufklärung, bei Locke und den Amerikanern lebendig.) Die Gleichsetzung des Menschen mit Maschinen entlarvt die totalitäre Sichtweise. Der Neopositivist sieht sich als Herrscher des Menschenkollektivs.

8. Die moderne kollektivistische Philosophie ist ein grobschlächtiger Nebenzweig der alten Lehre des konzeptualistischen Realismus. Dieser nimmt die Inhalte von Wörtern, also die Ideen, für real vorhanden an unabhängig von den Menschen, die sie ausdrücken. Die modernen Kollektivisten unterscheiden sich von den Philosophen, die dem konzeptualistischen Realismus anhingen, nicht in epistemologischer Hinsicht, sondern durch die ihre politischen Tendenzen. Der Kollektivismus formt die erkenntnistheoretische Doktrin in einen ethischen Anspruch um. Er betreibt Moralpolitik, während der Liberalismus eine Politik auf der Grundlage des Rechts verfolgt. Die Kollektivisten sagen den Leuten, was sie tun sollten. Der Liberale achtet die Autonomie der Handelnden und betrachtet Moral und Religion als Privatsache.

9. Der Kollektivismus hypostasiert den Begriff der Klasse von Menschen, denen er sich verbunden fühlt, zu einem absoluten Wesen. Die Nation (Klasse, Rasse, das Geschlecht) existieren für ihn oberhalb und unabhängig von allen Individuen, die ihr angehören. Der Gattungsbegriff ist eine reale Entität für ihn. Der Liberalismus kennt nur die Realität lebendiger Menschen an. Gesellschaft ist eine Abstraktion gesellschaftsbezogenen Handelns der Einzelnen. Biologistische Metaphern wie das „Aufblühen der Kultur“ haben nur scheinbar eine beschreibende Kraft. Sie verkennen, dass Körperzellen keinen eigenen Willen haben. Aber handelnde Individuen haben im gesellschaftlichen Bezug eigenen Willen.

10. Der holistische Ansatz ist eine Spielart des kollektivistischen Realismus. Er verfehlt sein Ziel, weil die Ganzheit Gesellschaft nicht beobachtbar ist. Man kann daher nicht von der Gestalt dieser Ganzheit auf das Einzelne zurückschließen.

11. Marx verwendet den Begriff Gesellschaft in der Nachfolge Hegels und Schellings als Synonym für Staat. Es ist nur ein semantischer Trick.

12. Die Sozialwissenschaften in der Mitte der 1950er-Jahre (z.B. die Soziologie) unterliegen den Trugschlüssen des Kollektvismus. Sie setzen das Individuum zu einem bloßen Phantom ohne Realität herab. Handelnde seien die Kollektive, die Einzelnen nur Momente des Kollektivs. Sie übersehen, dass Menschen Mitglied verschiedener Gruppen sind, und als solche heterogene Ziele verfolgen, die sich situativ und wechselhaft äußern. Eine starre Zuordnung zu einem Kollektiv ist willkürlich.

13. Auch die Erfassung von Massenphänomenen setzt beim Studium der Individuen an. Statistische Korrelationen können mit hohen Koeffizienten auftreten auch bei Phänomenen, die nicht kausal miteinander verknüpft sind. Man kann nicht von der Statistik ausgehen. Massenphänomene sind ihrer Natur nach häufig auftretende und sich wiederholende individuelle Phänomene, die nur vom Individuum aus begriffen und verstanden werden können.

14. Unter den Menschen treten Bahnbrecher und Mitläufer auf. Massenpsyche und Massengeist sind Artefakte. Es gibt keine Massenpsyche und keinen Massengeist, sondern nur Ideen und Handlungen, die gedacht und ausgeführt werden von den Vielen, die die Meinungen der Bahnbrecher und Führer unterstützen und deren Verhalten nachahmen. Auch Rotten und Mengen handeln unter der Leitung von Rädelsführern. Die gewöhnlichen Menschen, aus denen sich die Massen bilden, zeichnen sich durch das Fehlen von Initiative aus. Sie sind nicht passiv, auch sie handeln, aber sie handeln nur auf Anstiftung der Mittäter.

Philosophische Deutungen der Geschichte (Kapitel 15)

1. Geschichtsphilosophie interpretiert Geschichte als einen Ablauf auf ein feststehendes Ende hin. Philosophische Deutungen der Geschichte tun dies nicht.

2. Die Milieutheorie behauptet, dass der geschichtliche Wandel von der Umwelt erzeugt wird. Umwelt wird entweder physisch oder sozial verstanden. Geographie ist kein aktiver Faktor. Der Mensch reagiert auf die Umwelt, aber wie er reagiert wird nicht von der Geographie vorgegeben. Dies gilt auch für die soziale Milieutheorie.

3. Egalitarismus: Die Menschen sind nicht von Natur aus gleich. Aber ihre Denkstruktur ist gleich. Der Polylogismus behauptet, dass in jedem Kollektiv eine andere Logik gelte. Dieser Standpunkt hat keine haltbare Grundlage: die weiße Physik der Nazis, die proletarische Biologie oder die weibliche Logik sind Fabelwesen. Es gibt nur eine Logik und die ist universell gültig. Die geistigen Kräfte sind individuell verschieden, wie auch die Körperstatur. Die egalitaristische Spielart des Sozialismus postuliert milieutheoretisch, dass die Ungleichheit der Menschen sich aus ihrer sozialen Stellung herleitet. Rousseau, Babeuf und Lenin vertraten diesen Standpunkt. Das Sein prägt den Charakter und der Charakter sucht sich das passende Sein, ein Schurke wird Kapitalist. Marx interpretiert dies in „Kapital“ (Bd. 1) anders. Die Menschen sind durch die Geschichte an den jeweiligen Ort gestellt und Folgen dem Schema der geschichtlichen Entwicklung unabhängig von individuellen Charaktereigenschaften. An anderer Stelle vertreten Marx und Engels aber den rousseauistischen Standpunkt. Noch niemals hat eine Gesellschaft funktioniert, die auf egalistischer Grundlage organisiert wurde.

4. Rassismus: Die Existenz von rassischen Unterscheidungsmerkmalen ist nicht zu leugnen. Die „kaukasische Rasse“ brachte die westliche Zivilisation zuwege. Daraus lässt sich aber nicht auf eine rassenbedingte Höherstellung schließen, weil es nicht möglich ist, diese Leistung auf die Rassemerkmale zurückzuführen. Aus dem Neid auf die Vorzüge der westlichen Zivilisation entsteht rassisch gefärbter Hass. Es ist nicht möglich vorauszusagen, dass Angehörige anderer Rassen bei ihrem Bestreben, die zivilisatorischen Errungenschaften des Westens für sich zu verwirklichen, scheitern werden. Die Biologie konnte keinen Nachweis für eine rassische Unterlegenheit liefern.

5. Der Antisäkularisus ist eine Methode, die Erfolge des Kapitalismus zu schmälern. Er unterscheidet zwischen materiellen und geistigen Gütern und ordnet die materiellen Güter dem Kapitalismus zu. Dieser sei nur materiell erfolgreich sei, während die eigene Kultur geistig höher stehe. Dieser Säkularismus-Vorwurf geht fehl in seiner Begründung. Der Antisäkularismus liefert zum Beleg Beispiele, in denen er die Ideale der geistigen Welt mit der Realität gleichsetzt. Das von den Romantikern verklärte Mittelalter war nicht die Zeit, in der die Evangelien Geltung hatten, sondern haben sollten. Das paneurasische Programm Alexander Dulgins ist Antisäkularismus. Die humanistischen Wertvorstellungen der Religionen verwirklichen sich im Kapitalismus besser als in anderen Ordnungen.

Gegenwartstrends und die Zukunft (Kapitel 16)

1. Vom siebzehnten Jahrhundert an begannen die Philosophen die Probleme der Freiheit und der Knechtschaft zu reflektieren. Sie entwickelten die Idee, dass der Mensch ursprünglich frei war und ihm seine Freiheit geraubt wurde (Naturrechtsphilosophie). Die naturrechtlich fundierte Freiheitsbewegung war anfänglich dem Ziel verpflichtet, durch einen gottgefälligen Lebenswandel die verheißene Freiheit wiederzuerlangen. Mit Hume wurde diese metaphysische Freiheitsidee auf die Füße gestellt. Freiheit wurde nun verstanden als rechtliche Gleichstellung aller Bürger. Begründung dafür war das Prinzip der unsichtbaren Hand, nach der die ihren eigennützigen Zielen zustrebenden Freien den maximalen Nutzen für alle bewirken und folglich keiner obrigkeitlichen Lenkung bedürfen. Während der Zeit der Aufklärung wurde die Idee der Republik und der Demokratie vertreten. Der Liberalismus blühte auf und mit ihm die Idee der Demokratie. Die englischen Könige ließen sich nach epochalen Kampf in eine bloß zeremonielle Funktion zurückdrängen. Die kontinentalen Dynastien wehrten sich noch lange Zeit erfolgreich dagegen.

2. Die Sozialisten bekämpften nicht nur den „Kapitalismus“, sondern auch die freiheitliche Demokratie, die sie als Plutokratie verleumdeten. Ihr Ziel war die Errichtung einer Wohlfahrtsdiktatur. Mit dem Aufschwung des Sozialismus verband sich die Abschaffung der Demokratie und eine aggressive Außenpolitik, die in zwei Weltkriegen mündete.

3. Geschichtlicher Ursprung des Egalitarismus: Die Ungleichheit der Menschen war bis zum Aufkommen des Sozialismus nie ein Problem. Die Standesvorrechte wurden mit der Entstehung von großen Heeren in Frage gestellt. Das Ansehen der Adligen begann zu schwinden, je mehr der Kriegserfolg von der Masse der Heere bestimmt wurde. Die revolutionären und sozialistischen Ideen nahmen ihren Ausgang von dem Anspruch auf Beteiligung der Soldaten an der Kriegsbeute in den modernen Kriegen seit Napoleon. Die napoleonische Armee war ein Feld, welches den sozialen Aufstieg von Gemeinen in die herrschende Klasse ermöglichte. Die Stellung in der Gesellschaft nach Verdienst anstelle nach Herkunft wurde zu einer populären Idee. Die Selbsterhebung Napoleons zum Kaiser bewirkte eine Abspaltung der sozialistischen Tendenz von der nunmehr militärkaiserlichen Herrschaft, die ursprünglich eine bürgerlich-revolutionäre war. Dies war der Nährboden für egalistische Ideologien.

4. Die Forderung nach Gleichheit des Grundbesitzes: Diese nun wiederbelebte Idee ist uralt (Gracchen des antiken Roms, Jesuitenrepublik von Paraguay, Thomas Jefferson, Sozialrevolutionäre). Man glaubte, dass die Vermögensunterschiede aus der ungleichen Landverteilung herrührten. Die Forderung nach einer gleichmäßigen Landverteilung sollte die materielle Gleichheit aller Landbewohner herbeiführen. Kritik aus ökonomischer Sicht: Hofgröße und Effizienz hängen miteinander zusammen. Die Größen sind abhängig von den geographischen Bedingungen und dem unternehmerischen Erfolg der Wirte. Gleichmacherei führt zu Senkung der Produktivität und langfristig zu erneuter Ungleichheit.

5. Die Geschichtsphilosophie strebt nach einer Vollkommenheit des geschichtlichen Stadiums: Diese Idee ist logisch inkonsistent, denn Vollkommenheit bedeutet Stillstand, ein Zustand, der praktisch nie eintreten kann.

6. Noch heute glauben viele an einen Fortschrittsautomatismus: Aus der Unmöglichkeit einer Vollkommenheit ergibt sich logisch die Unmöglichkeit eines unvermeidlichen Trends zum Fortschritt. Wenn es kein feststehendes Ziel gibt, kann es auch keinen unverrückbaren innewohnenden Trend geben, da dieser sich aus jenem ableitet. Die Zukunft ist offen. Es gab in der Vergangenheit weder Einheitlichkeit noch Kontinuität in der Abfolge der geschichtlichen Ereignisse, vielmehr Ungleichzeitigkeit und Entwicklungsbrüche. Es ist noch weniger erlaubt, die geschichtlichen Veränderungen als Wachstum und Niedergang, als Fortschritt und Rückschritt, Verbesserung und Verfall zu bezeichnen, wenn der Geschichtsschreiber oder Philosoph nicht willkürlich vortäuscht zu wissen, zu welchem Ziel das menschliche Streben führen muss. Der zivilisatorische Fortschritt, den wir unter ökonomischen Begriffen erfassen, ist eine Akkumulation von Kapital, die die Vermehrung der Bevölkerung übersteigt. Die Prokopfquote an Kapital muss wachsen.

7. Für den Liberalismus ist Fortschritt eine besondere Idee, die sich auf die Beschaffenheit der Zivilisation bezieht. Der zivilisatorische Fortschritt hängt von der Wirksamkeit der Fortschrittsidee ab. Die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen die arbeitsteilige Gesellschaft ihre Güter und Dienste tauscht, sind entscheidend für die Quote der Kapitalbildung. Da Ideen immer nur von Einzelnen entwickelt und vertreten werden und die Masse ihnen nachläuft, kommt es darauf an, welchen Ideenträgern und welchen Ideen die öffentliche Meinung anhängt. Dabei gibt es keine Muster und keinen Trend. Die Verbreitung der Fortschrittsidee ist die ureigene Aufgabe der Liberalen.

8. Freiheit ist die Voraussetzung für Fortschritt: Die individuelle Freiheit in politischer und ökonomischer Hinsicht ist die Grundlage für Fortschritt. Die Menschen entscheiden sich nicht automatisch für die Freiheit. Sie haben sich immer wieder freiwillig der Knechtschaft unterworfen. Die heutige Ideologie der Unfreiheit ist der Sozialismus. (Wir dürfen hinzufügen, daneben heute auch der Ökologismus.)

9. Die Ungewissheit der Zukunft: Der herausragende Tatbestand der Geschichte ist, dass sie eine Folge von Ereignissen ist, die niemand voraussagen kann, bevor sie geschehen sind.

Zusatz: Historismus (Kapitel 10)

1. Der Historismus entstand als konservative Reaktion auf die liberalen Ideen, insbesondere auf die französische Revolution. Als philosophische Position behauptet er, aus dem Studium der Geschichte Erkenntnisse für die Gegenwart ziehen zu können.

2. Der Historismus ist Empirismus und verbindet sich mit dem Positivismus. Die Geschichte weist keine Ordnung der Phänomene auf. Soziale Gesetze lassen sich nicht aus dem empirischen Befund der Geschichte herausziehen.

3. Der Stoß des Historismus richtet sich gegen die Ökonomie. Seine Kritik setzt an dem Postulat objektiver ökonomischer Gesetze an, die zeitlos, wenn auch nicht unbedingt gültig sind. Wenn es keine objektiven ökonomischen Gesetze gibt, lassen sich gar keine Gesetze erkennen. Ökonomie müsste durch Wirtschaftsgeschichte ersetzt werden.

4. Geschichte ist eine Folge von Erscheinungen, die durch Einzigartigkeit charakterisiert sind. Merkmale, die ein Ereignis mit anderen gemein hat, sind nicht historisch. Wir können aus der Geschichte nichts lernen.

5. Das rückwärtsgewandte Schmachten des romantischen Historismus verkennt das ökonomische Gesetz, dass jeder Erfolg mit einem Preis zu bezahlen ist. Die Nutzung der Natur für die Interessen der Menschen wird bezahlt mit einer Veränderung der vormals unberührten Natur. Wer sich diese wieder zurückwünscht muss es mit dem Verlust der Zivilisation bezahlen.

6. Historistische Geschichtsphilosophen zwängen die letztlich chaotische Geschichte in ein dreigliedriges Entwicklungsschema, das eine Analogie zum Organischen hat: Entstehen, Blühen und Vergehen. Aber die Geschichte ist keine Pflanze. Solche Schemata sind willkürlich. (Vico, Spengler, Toynbee) Zivilisationen sind individuell, also einzigartig.

7. Der Historismus bringt Tendenzen einer artifizielle Geschichtsbezogenheit hervor, etwa die Bestrebungen, abgestorbene Sprachen wieder zu revitalisieren. Doch diese Versuche scheitern daran, dass die Institutionen und Ideen der heutige Zeit im Wortschatz der Vergangenheit nicht auszudrücken sind. Der moderne Ire spricht englisch.

8. Der Historismus bringt Tendenzen hervor, die wirtschaftlichen Errungenschaften schlecht zu reden und von vergangenen Verhältnissen zu schwärmen. Die Erscheinungen der Massenproduktion werden gegen die Individualproduktion des Mittelalters ausgespielt. Aber der Preis, der für eine Rückkehr zur Kleinproduktion bezahlt werden muss, sind die Armut, Hungersnöte, Plagen, Kriege und die Gesinnungsverfolgungen der damaligen Zeit.

* Paragraphen von mir eingefügt – H.K.

Bestelladresse:

Ludwig von Mises: Theorie und Geschichte – Eine Interpretation sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung. H. Akston Verlags GmbH, München, 2014, ISBN: 9783981600834. Mit einer Hinführung von Rolf W. Puster und dem Vorwort der amerikanischen Ausgabe von Murray N. Rothbard, übersetzt von Helmut Krebs. 364 Seite, 49,00 Euro.