Warum auch ich kein Konservativer bin!

von Max Tarrach

Text als Junge Akademie Paper (pdf): FFG_150228_Tarrach_Kein Konservativer

Unter dem Titel „Why i am not a Conservative“ veröffentlichte Hayek einen seiner brilliante­sten Aufsätze. Er bildet das Nachwort seines Großwerks „Verfassung der Freiheit“. Hayek gibt hier jedem Liberalen die Kernargumente für die Überlegenheit des Liberalismus mit einer Genauigkeit und Sprachgewandtheit an die Hand, dass niemand um diese Schrift herumkommt, der mit Nicht-Liberalen streitet und sich mit der Aufgabe konfrontiert sieht, diese zu überzeugen. Hayek seziert nach allen Regeln der Kunst die Strömung des Konservativismus und zeigt ihre inhärenten Mängel auf. Der Aufsatz ist Zeugnis seiner Zeit und dabei doch zeitlos. Heutige Töne über Merkels sozialisti­schen Kurs in einer konservativen Partei, der Verfall christlicher und konservativer Werte im Allge­meinen oder Allianzen liberaler Streiter mit Rechtspopulisten erscheinen nach Hayeks Lektüre gera­dezu deterministisch. Es lohnt sich demnach bei dem Altmeister nachzulesen, denn der Konservati­vismus bildet trotz aller innerer Probleme noch immer die stärkste Strömung in unserem Land.

Das Reaktionäre Wesen des Konservativen

Die erste Feststellung Hayeks ist die, dass sich in einer Zeit, in der sich die Überzeugung, eine Kol­lektivierung weiter Lebensbereiche sei nötig, regen Zulaufs erfreut oder schon zum Common sense geworden ist, Liberale häufig auf Seiten jener wiederfinden, die grundsätzlich gegen Wandel sind. Obwohl selbst überzeugter Liberaler, gibt Hayek zu: „Der eigentliche Konservativismus ist eine legi­time, wahrscheinlich notwendige und sicherlich weit verbreitete gegnerische Einstellung zu starken Veränderungen.“ Hayek kritisiert den Konservativismus nicht einfach nur, weil er eine, möglicher­weise die stärkste, Konkurrenz zum Liberalismus darstellt, er seziert viel mehr den Konservativismus, zerlegt ihn in seine Bestandteile und zeigt seine inhärenten inhaltlichen Schwächen auf: „Es ist, dass er seiner ganzen Natur nach keine Alternative bieten kann zu der Richtung, in der wir uns bewegen. Es mag ihm gelingen, durch seinen Widerstand gegen die bestehenden Tendenzen unerwünschte Ent­wicklungen zu verlangsamen, aber da er keine andere Richtung anzeigt, kann er ihre Weiterentwick­lung nicht aufhalten.“ Der Konservative, was ja auch schon aus seinem Namen hervorgehen mag, bestimmt sich durch das Konservieren und Bewahren althergebrachter und aktuell für überlegen empfundener Werte. Was aber daran tragisch ist, ist die Tatsache, dass er im Zeitverlauf nicht mehr mitbestimmen kann, was als traditionell und althergebracht gilt. Er übergibt erzwungenermaßen diese Deutungshoheit an die übrigen Strömungen. Das führt dazu, dass es nicht „den Konservativismus“ geben kann. In Europa stand vor dem Aufkommen des Sozialismus der Konservativismus im 18. und 19. Jahrhundert alleine gegen den Liberalismus, weil die Konservativen die Monarchie und die Feu­dalgesellschaft befürworteten und die Liberalen die Gleichheit vor dem Gesetz verlangten. Seitdem der Konservativismus diese Tradition aufgegeben hat, besitzt er kein festes Fundament mehr, auf das er sich be­rufen könnte. Der Konservativismus ist zudem höchst inkonsequent, wenn er sagt, dass alte Werte grundsätzlich die besseren seien. Warum will er dann nicht zurück in die Höhle der Steinzeit? Warum sollte er sich auf christliche Werte beziehen, warum nicht auf die früheren heidnischen? Er kann nicht begründen, warum Werte für ihn entscheidend sind. Ein Liberaler steht für den Freihandel ein, weil er allen Menschen Nutzen bringt. Der Konservative kann nur auf das göttliche Gebot pochen.

Eine Bestätigung dessen, wie wandelbar der Konservativismus sein kann, sieht man heute an dem sozialdemokratischen Kurs der CDU, welcher nicht, wie viele fälschlicherweise annehmen, auf die Charakterschwäche der heute führenden Konservativen zurückzuführen ist, sondern vielmehr auf den allgemeinen Wertewandel der übrigen Gesellschaftsschichten. Der Konservative versucht heute ein Mittler zwischen Liberalismus und Sozialismus zu sein. Da die Mehrheit der Menschen sich allerdings zugunsten des Sozialismus entschieden haben, muss er sich auch zwangsläufig mit in diese Richtung bewegen. Er hat keine Prinzipien zur Bestimmung, ob diese Richtung richtig oder falsch ist. Nur weil sich die Gesellschaft wieder vermehrt falschen linken Illusionen hingibt, wird ein Mittelweg zwischen Liberalismus und Sozialismus, wie ihn der Konservative einfordert, jedoch nicht richtiger. Es ist viel­mehr verheerend, weil die Konservativen dem Irrsinn auch noch Zugeständnisse machen, in dem Glauben, nun beiden Gruppen, aufgrund ihrer Vorsicht, überlegen zu sein. Hayek bemüht dazu das berühmte Bild der „Bremse am Fahrzeug des Fortschritts“ und erwidert, dass ein Liberaler sich nicht damit zufrieden stellen könne, nur beim Betätigen der Bremse zu helfen.

„Was der Liberale zuallererst fragen muss, ist nicht, wie schnell oder wie weit, sondern wohin wir uns bewegen sollen.“

Damit ist klar: Nicht die kritiklose Verehrung der Vergangenheit steht beim Liberalismus im Mittel­punkt. Er ist vielmehr eine auf die Zukunft gerichtete Schule. In Hayeks Worten: „Während der Kon­servative einfach eine milde und gemäßigte Version der Vorurteile seiner Zeit hat, muss der Liberale heute einigen der grundlegenden Ansichten, die die meisten Konservativen mit den Sozialisten teilen, wirklich entgegentreten.“ Explizit in dieser Aussage sehe ich erstaunliche Aktualität. Sei es der Min­destlohn, die bedingungslose Rettung des Euro oder der fürsorgliche Wohlfahrtsstaat. Die Konservati­ven haben diese Dogmen nach langen Jahren der linken Propaganda einfach übernommen. Sie versu­chen die Eurorettung mit Auflagen zu mildern, die ökonomischen Folgen des Mindestlohns mit Aus­nahmeregelungen abzufedern und den Wohlfahrtstaat durch Schuldenbremse in seiner Ausweitung zu beschränken, aber sie können der allgemeinen sozialistischen Richtung keine eigenen Werte gegen­überstellen, an denen sie ihre Ziele ausrichten könnten. Der Liberale aber misst an zeitlosen Prinzipien die Richtigkeit seiner Ziele. Er wird immer gegen einen Mindestlohn argumentieren. Nicht weil es vorher keinen gab, sondern weil er zu allen Zeiten ein inadäquates Mittel zur Erhöhung der Löhne darstellt. Er lehnt die Eurorettung nicht ab, weil er zu alten Institutionen zurückkehren will, wie jetzt die Alternative für Deutschland zum Maastricht Vertrag, sondern weil eine zwangsmonopolisierte Papierwährung von Anfang an dem Untergang geweiht ist. Ganz davon abgesehen, dass beides die individuelle Freiheit einschränkt. Nicht das Reaktionäre bestimmt das Handeln des Liberalen, sondern seine Logik und seine eindeutigen Prinzipien, die ihn lehren, das Morgen nicht zu fürchten.

Keine Angst vor dem Fortschritt

„Das Wesentliche des Liberalismus ist jedoch, dass er nicht stillstehen, sondern in anderer Richtung fortschreiten will.“ Der Liberale hat nicht nur keine Angst vor dem Fortschritt, er wünscht ihn sich sogar. Noch nie waren alle Ideale des Liberalismus umgesetzt, deshalb kann es keine Verglorifizie­rung der Vergangenheit durch den Liberalen geben. Wieder trifft Hayek ins Schwarze: „Was die gegenwärtige Regierungstätigkeit betrifft, hat der Liberale sehr wenig Grund zu wünschen, dass die Dinge bleiben, wie sie sind.“ Woher kommt aber die Angst des Konservativen vor dem Neuen? Hayek gräbt tiefer und kommt zu dem Schluss, dass der Konservative die Gesellschaft nicht als evolutionären Prozess begreift. Dadurch, dass er nicht versteht, wie sich Gesellschaft bildet, misstraut er gesell­schaftlicher Entwicklung, er mißtraut Wissenschaft, im Kern mißtraut er aber dem Menschen selbst. Er zweifelt daran, dass es möglich ist, dass ein nicht überschaubarer dezentraler evolutionärer Prozess zu immer besseren Ergebnissen führt als ein von oben geplanter. Die unsichtbare Hand des Marktes bleibt ihm fremd und da er nicht verstehen kann, wie diese Prozesse mit Problemen und Herausfor­deru­ngen umgehen, traut er ihnen nicht zu, sich selbst zu regulieren. Sein Weltbild ist statisch und starr. Dazu schreibt Hayek: „Vielleicht trägt kein anderer einzelner Faktor so sehr zu dem häufigen Widerstand der Menschen bei, den Markt wirken zu lassen, wie ihre Unfähigkeit, sich vorzustellen, auf welche Weise sich ein notwendiges Gleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot, zwischen Ausfuhr und Einfuhr oder ähnlichem ohne bewusste Lenkung herstellen wird.“

Deshalb klammert er sich an die Vorstellung einer höher gestellten Elite, welche die Gesellschaft vor Fehlentwicklungen durch ihr göttliches Wissen bewahren kann. Er ist also im Kern ein Anti-Rationa­list und hat immer einen Hang zu Autoritäten. Wie der Sozialist, macht sich der Konservative mehr Gedanken darüber, wer an der Macht ist, als in welchem System dieser eingebunden wird und wie man seine Macht beschränken sollte. Der Konservative glaubt, Ordnung könne nur durch Lenkung entste­hen und will deshalb eine Behörde, die über alles wacht und an möglichst wenige Prinzipien gebunden ist. Hayek konstatiert: „Eine Bindung an Prinzipien setzt ein Verständnis für die allgemeinen Kräfte voraus, durch die die Bemühungen der Gesellschaft koordiniert werden, aber gerade eine solche Theorie der Gesell­schaft und besonders des Wirtschaftsmechanismus fehlt dem Konservativismus in auffallender Weise.“

Der Konservative kann im Prinzip nur darauf hoffen, dass weise Führer weise Werte vertreten und durchsetzen werden. Der Liberale hingegen glaubt an den „ständigen Wechsel der Eliten“, ein Aus­druck den der Mathematiker Pareto prägte, und von dem er überzeugt ist, dass er jedem bewussten menschlichen Entwurf überlegen ist. Der Liberale erwartet sich viel vom Fortschritt, aber nicht mehr als erhofft werden könnte. Er freut sich nicht, wenn die Sozialisten immer erfinderischer darin sind, ihre alten Vorurteile und falschen Lehren als neue grüne umweltbewusste Ideen zu verkaufen. Aber er ist von der Macht und dem Sieg der besseren Ideen überzeugt. Wenn die Medizinforschung zu dem Schluss kommt, dass der Konsum von Marihuana nicht schädlicher ist als der von Alkohol oder Nikotin, so hat der Konservative Angst vor dieser Erkenntnis. Denn sie untergräbt eine weitere seiner alten Traditionen, an die er sich klammert. Der Liberale freut sich über den Zugewinn an Wissen, die die Forschung verspricht.

Aus diesem Grund lässt sich auch der Hang des Konservativismus zu nicht falsifizierbaren Lehren erklären. Sowohl die Rechtfertigung der Monarchie, als auch heute die Ablehnung der Stammzellen­forschung wurde und wird nicht mit logischen Argumenten vollführt, sondern mit göttlichem Recht begründet. Der Konservative fühlt sich bei der Religion wohl, da sie universell richtige Werte ver­spricht, die sich nie ändern. Der Liberale misstraut den Wissenschaftlern, aber passt sein Wissen an, wenn sein Gegenüber die besseren Argumente auf seiner Seite weiß. Da der Konservative eigentlich kein Argument für seine Sache hat, spricht er von göttlichem Willen, dessen Kern es ja grade ist, dass er der Untersuchung durch die Vernunft entzogen ist. Man kann nur glauben oder nicht glauben. Der Liberale nimmt hier eine Position zwischen Sozialisten und Konservativen ein: „Er ist ebenso weit von dem gröberen Rationalismus des Sozialisten entfernt, der alle sozialen Einrichtungen nach einem ihm von seinem individuellen Verstand vorgeschriebenen Plan umformen will, wie von dem Mystizismus, zu dem der Konservative so oft Zuflucht nehmen muss.“

Der Liberale zweifelt genau wie der Konservative an der Vernunft des Menschen. Aber Zweifel be­deutet nicht Ablehnung. Dieser Platzverweiß für spirituelle Lehren, wenn es um das Vor- oder Zu­rückstellen gesellschaftlicher Einrichtungen geht, darf Hayek nicht als Atheismus ausgelegt werden. Ein Liberaler kann gläubig sein, grade aus Skepsis vor der menschlichen Vernunft, aber wenn er es ist, dann für sich, im Privaten. Er will weder anderen seinen Glauben aufzwingen, noch braucht er ihn, wie der Konservative, zur Bekämpfung ihm nicht genehmer Entwicklungen.

Auf Hayeks Ausführungen zur Verbindung von Nationalismus mit dem Konservativismus sei hier verzichtet. Nicht, weil es nicht wichtig wäre, aber weil es wohl den Rahmen hier sprengen würde und es soll ja ein Anreiz bleiben, den Originaltext zu lesen. Nur ein Zitat dazu: „Je mehr jemand das Fremde ablehnt und seine eigene Art als die überlegene betrachtet, desto mehr neigt er dazu, es als seine Mission zu betrachten, andere zu „zivilisieren – nicht durch freiwilligen ungehinderten Verkehr, den der Liberale begünstigt, sondern indem er ihnen die Segnungen einer tatkräftigen Regierung bringt.“

Die Konservativen vertreten nach innen und nach außen eine unlogisch Lehre, die nicht hoffnungsvoll in die Zukunft blickt und damit zur Tat schreitet, sondern in einer statischen töten glorifizierten Ver­gangenheit verharrt. Und das alles nur aus Angst vor dem Erfindungsreichtum des Menschen.

Zurück zu den Old Whigs

Am Ende seiner Schrift stellt sich Hayek die Frage, was denn eigentlich der Kern der Einstellung ist, die er liberal nennt. Und ob das Wort liberal überhaupt noch zeitgemäß ist. Im englischen Sprachraum haben die Sozialisten sich als „Liberals“ etabliert, in Kontinentaleuropa weiß niemand mehr so recht, was liberal eigentlich mal bedeutete. Hayek schreibt: „Wenn man mit Lord Acton immer noch von Burke, Macaulay und Gladstone als den drei größten Liberalen sprechen könnte, oder wenn man mit Harold Laski immer noch Tocqueville und Lord Acton als die ‚maßgeblichen Liberalen des 19. Jahr­hunderts’ ansehen könnte, wäre ich gewiss nur allzu stolz, mich mit diesem Namen zu bezeichnen.“ Aber leider würden heute die Leute mit dem Begriff liberal etwas so völlig anderes verstehen als diese großen Geister. Ein anderer Begriff muss her. Was ist mit dem Libertarismus? „In den Vereinigten Staaten, in denen es fast unmöglich geworden ist, ‚liberal’ in meinem Sinn zu gebrauchen, wurde statt dessen der Ausdruck ‚libertär’ (libertarian) gebraucht. Dies mag eine Lösung sein; aber ich für mei­nen Teil finde ihn besonders unschön. Für meinen Geschmack trägt er zu sehr den Stempel des erfun­denen Wortes und des Ersatzes.“ So verwirft Hayek diese Idee. Nein, es muss für Hayek ein traditio­nelleres Wort sein. Er kommt auf den Partei-Namen der englischen Liberalen des 17. und 18. Jahrhun­derts, der Whigs. „Es waren die Ideale der englischen Whigs, die später in ganz Europa als liberale Bewegung bekannte Strömung angeregt haben und die Vorstellungen schufen, die von den amerikani­schen Kolonisten mitgenommen wurden und sie in ihrem Kampf um die Unabhängigkeit und bei der Aufstellung ihrer Verfassung leiteten.“ Es war ihre Idee, dem göttlichen Recht ein höheres Recht ge­genüberzustellen, die alles veränderte, so Hayek.

„Es ist die Lehre, die der gemeinsamen Tradition der angelsächsischen Länder zugrunde liegt. Es ist die Lehre, aus der der kontinentale Liberalismus nahm, was in ihm wertvoll ist. Es ist die Lehre, auf der das amerikanische Regierungssystem beruht.“

Es ist die Lehre, so möchte ich ergänzen, die als einzige ein klares Konzept für das friedliche Zusam­menleben von Menschen unterschiedlicher Überzeugungen, Glaubensrichtungen, Ethnien, Nationen und Begabungen vorweisen kann. Es ist die Lehre, die in der Zukunft hoffentlich, nach nun fast 2 Jahrzehnten seit Hayeks Tod, als eine Bewegung, bestehend aus lauter Old Whigs, die Massen für sich begeistern kann und den Konservativismus in die verdiente Bedeutungslosigkeit entlässt.