Wachstumsfetischismus

Wachstum! So lautet die Parole der Postmoderne. Wachstum statt Reformen soll aus der Euro-Krise helfen. Die von der EU verabschiedeten Wachstumsstrategien, im Jahr 2000 die „Lissabon-Strategie“ und 2010 „Europa 2020“, waren bereits vor ihrer Verkündung Makulatur. In Berlin analysiert ein weltweit renommierter Ökonom anlässlich der XI. Ludwig-Erhard-Vorlesung Gründe für den nachlassenden Wachstumstrend – Ökonomie degeneriert dort zum Denken in Aggregaten, abgekoppelt von menschlichem Handeln. Der Internationale Währungsfonds verordnet Entwicklungsländern Wachstumsreformen und zieht den Zorn der Bevölkerung auf sich. Kein Wunder, eine Rechnung ohne Menschen, lediglich politische Kartelle bereichern sich. Medien berichten permanent über das Wachstum von Unternehmen und Volkswirtschaften: größer, schneller, bloß nicht still stehen! Wer nicht zur Ruhe kommt, der redet viel, hat aber nichts zu sagen.

Wachstum ist in der politisierten Szene lediglich eine abstrakte Residualgröße, ein ex post ermitteltes statistisches Aggregat. Die Aussagekraft des BIP ist begrenzt genauso wie die alternativer Wohlstandsberechnungen, darunter der Human Development Index der VN oder das Bruttonationalglück des Königs von Buthan. Dafür gibt es viele Gründe, auch die Berücksichtigung von Konsumausgaben des Staates und das Fehlen familiärer Leistungen. Wachstum steht in keinem direkten Zusammenhang mit der Lebenssituation des Einzelnen. Was hat der einzelne Mensch, was haben die Familie, das Dorf oder ein Unternehmen von volkswirtschaftlichem Wachstum, das im Bau einer Brücke nach nirgendwo besteht? Nur der einzelne Mensch kann beurteilen, welche Ziele für sein Handeln richtig erscheinen, um seine unbefriedigten Zustände zu überwinden. Die Selbstbestimmung des Einzelnen ist unantastbar. Niemand darf über das Glück eines anderen Menschen bestimmen.

Wachstum lässt sich nicht politisch erzeugen. Das Wissen von Regierenden, Bürokraten und Wirtschaftswissenschaftlern ist viel zu begrenzt. Ökonomische Suggestionen wie Innovationsförderungen, Konjunkturprogramme oder Stärkung von Angebot und Nachfrage zeugen lediglich von einem bürokratisierten Wirtschaftsverständnis und der Versuchung, lenken, steuern, herrschen zu wollen.

Einen wesentlichen Beitrag kann die Politik allerdings leisten. Zieht sich der Staat mit seinen Anmaßungen aus dem Leben der Bürger zurück, beseitigt er die schwersten Störungen der individuellen Verfolgung von Wohlstand, Wachstum und Glück. Erforderlich ist gleiches Recht für alle statt einer politischen Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft durch die Regierenden. Mit dem Schutz der Rahmenbedingungen wird auch das größtmögliche individuelle und aggregierbare Wachstum möglich. Allerdings entfällt dann die alltägliche Politshow. Und wer mag schon auf diesen Fetisch verzichten?