Überkonsumption und erzwungenes Sparen

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von Roger W. Garrison

aus dem Englischen von Maximilian Tarrach und Remo Haufe

Erstveröffentlichung unter dem Titel: Overconsumption and Forced Saving in the Mises-Hayek Theory of the Business Cycle, in: History of Political Economy 36 (2004) 2, 323—349.

Dank

Wir bedanken uns bei Duke University Press für die freundliche Genehmigung, die deutsche Übersetzung des Textes von Roger W. Garrison online stellen zu dürfen.

 

Zusammenfassung

Überkonsumption und erzwungenes Sparen sind, obwohl sie auf den ersten Blick Antonyme zu sein scheinen, eigentlich äußerst verwandte Begriffe, die einfach nur verschiedene Phasen des Konjunkturwechsels beschreiben. Dies wird unter „Österreichischen“ Ökonomen allerdings unterschiedlich verstanden. Den Zusammenhang zu erkennen, in dem diese beiden Bezeichnungen übereinstimmend verwendet werden, wird helfen, terminologische und substanzielle Probleme innerhalb der Österreichischen Schule zu lösen und zu zeigen, warum die Bezeichnung erzwungenes Sparen für so viele Missverständnisse gesorgt hat – sowohl innerhalb als auch außerhalb der österreichischen Schule der Ökonomik. Die Aufarbeitung des Begriffes der Überkonsumption (genauso der Überinvestition) wird eine Versöhnung der Österreichischen mit der Mainstream-Sicht erlauben und zugleich die interne Logik der Österreichischen Schule befördern . Als ein wichtiger Nebenaspekt werden unbekannte oder wenig beachtete Mängel in F. A. Hayeks Theorie aufgegriffen, die vielleicht helfen zu erklären, warum Hayek in der Erwiderung auf seine Gegner so wenig erfolgreich war und warum er unfähig war, eine frühzeitige Kritik auf Keynes Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes zu schreiben.

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Die Theorie der Konjunkturwechsel wurde von Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek während der Zwischenkriegsperiode entwickelt und ist eine Theorie des nicht nachhaltigen Booms. Als Reaktion auf die Politik des billigen Geldes kann sich die Ökonomie auf einem Wachstumspfad befinden, der mit der Realität, der ihm zugrundeliegenden Volkswirtschaft, nicht mehr übereinstimmt.1 Schlussendlich führen dann die Spannungen innerhalb der Marktkräfte, die die Konsumptions- und Investitionsentscheidungen bestimmen, eine Rezession herbei.

Dieses Verständnis der dem Markt zugrundeliegenden Prozesse, die beständig Auf- und Abschwünge hervorrufen, wurde Stück für Stück herausgearbeitet und bedeutete einen erheblichen Fortschritt in von Mises’ und Hayeks Schriften. Mises drückte dieser Theorie als erster seinen österreichischen Stempel auf, nämlich in seiner Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel von 1912. Klar ist, dass diese Theorie aus einer Kombination der Zinsraten-Theorie, die von dem schwedischen Ökonom Knut Wicksell ([1898] 1962) eingeführt wurde und der österreichischen Kapitaltheorie, welche von Carl Menger ([1871] 1981) erstmals umrissen und unter Eugen von Böhm-Bawerk ([1889] 1959) weiterentwickelt worden war, entstand. Die Divergenz des Zinssatzes, der auf dem verzerrten Markt entsteht, von der natürlichen Zinsrate führt zu einer fehlgeleiteten Allokation der Ressourcen in den zeitlich aufeinanderfolgenden Produktionsstufen. Die inneren Spannungen, die vor allem an dem Wendepunkt des Zyklus auftreten, manifestieren sich in Mises eigenen Worten als “negative Umkehrbewegungen“ in den Preisen der Konsumentengüter relativ gesehen zu den Preisen der Produktionsgüter. Diese relativen Preise fallen während des Booms, aber steigen dann möglicherweise wieder an, provozieren so weitere negative Umkehrbewegungen von Ressourcen und markieren den Übergang der Ökonomie vom Boom zum Bust.

Triangle

In der Mitte der 1920er-Jahre wendete Hayek Mises Theorie auf den politisch getriebenen Boom der Vereinigten Staaten von Amerika an. Überredet von Gottfried Haberler, der meinte, dass Mises ursprüngliche Form der Theorie noch zu lückenhaft war, um dieses Anliegen lösen zu können, fügte Hayek aber eine Fußnote von mehr als 500 Wörtern hinzu, um seine eigene Version der Misesschen Theorie darzulegen.2 Die Umkehrbewegungen in Hayeks Darstellung manifestieren sich in Form von Veränderungen in der Nachfrage für Rohmaterialien in den frühen Stationen der Produktion. Wenn der Zinssatz künstlich niedrig ist, ist diese Nachfrage hoch. Aber aufgrund der unumstößlichen Ressourcenrestriktionen und dringlicherer Nachfrage an anderen Stellen, muss diese früher oder später einbrechen.

Ein wichtiger analytischer Meilenstein gelang Hayek bei der Entwicklung der österreichischen Theorie während seiner Vorlesungen an der London School of Economics im Jahre 1931 durch seine Einführung eines grafischen Werkzeugs, um die durch die Veränderungen des Zinssatzes ausgelösten Effekte für die intertemporale Allokation der Ressourcen sichtbar zu machen. Das Hayeksche Dreieck (Bild 1) kann die Beziehungen zwischen 1) dem für die Ökonomie konsumierbaren Output und 2) der Zeitdimension des Produktionsprozesses, in der dieser Output entsteht, darstellen. Diese Beziehung wird nicht von technischen Faktoren konstant gesetzt, sondern variiert von Fall zu Fall durch die Veränderungen in den intertemporalen Präferenzen. Solche Veränderungen können auch von der Zentralbank in Gang gesetzt werden, wenn auch nicht zum Wohle der langfristigen makroökonomischen Gesundheit der Volkswirtschaft.

In ihrer einfachsten Variante messen die beiden Katheten des rechtwinkligen Dreiecks den Konsum und die dafür benötigte Produktionszeit (ausgedrückt in durchnummerierten Produktionsstufen) einer Ökonomie, welche ein intertemporales Gleichgewicht erreicht hat. Als ein einfaches Beispiel, um verständlich zu machen, was ein intertemporales Gleichgewicht ist und wie Veränderungen desselben im Zeitablauf entstehen, kann man sich Robinson Crusoe vorstellen, der für einige Zeit damit zufrieden ist, sich zu ernähren, indem er quasi ohne oder nur mit wenig Hilfe und keiner richtigen Ausrüstung Fische fängt. Ein größerer Output an Fischen ist möglich, aber nur wenn Crusoe bereit ist, Zeit, welche er zum Fischen hätte nutzen können, zu opfern, um z.B. ein Netz und möglicherweise sogar ein Boot herzustellen. Der konsumierbare Output muss, während der Produktionsprozess erweitert wird, fallen. Wenn nun der neue kapitalintensivere (und zeitintensivere) Prozess vollendet ist, wird das Niveau des Outputs über sein ursprüngliches Niveau steigen. Das neue intertemporale Gleichgewicht kann nun vom Hayekschen Dreieck durch eine längere Konsumptions-Kathete dargestellt werden, welche in unserem Beispiel einfach mehr Fische repräsentiert, und einer längeren Produktionszeit-Kathete, die den Anstieg der Zeit, die für die Bewältigung des neuen Produktionsprozesses benötigt wird, veranschaulicht.

Das Hayeksche Dreieck ist für eine Makroökonomie entwickelt worden, in der die Entscheidung heutigen Konsum zurückzustellen und sich später an einem höheren Komsumptionsniveau zu erfreuen auf der einen Seite, und die Entscheidung den Produktionsprozess zu erweitern, auf der anderen Seite, von verschiedenen Gruppen von Individuen getroffen werden. Die Entscheidungen über die Höhe der Ersparnisse der ersten Gruppe beeinflussen die Investitionsentscheidungen der zweiten Gruppe durch Veränderungen in der Zinsrate. Die Entscheidung der Einkommensbezieher mehr zu sparen, drückt den Zinssatz nach untern. Mit einer niedrigeren Zinsrate steigen die Investitionen. Diese Erkenntnisse stimmen großteils mit der vorkeynesianischen Loanable funds Theorie überein. Eine Theorie, auf der Mises und Hayeks Überlegungen in mehrfacher Weise fußen. Gemeinsam hat sie mit der österreichischen Theorie, dass mit Veränderungen der Zinsrate Veränderungen in der intertemporalen Struktur der Investitionen einhergehen. Eine durch erhöhte Sparquoten induzierte Verringerung der Zinsrate veranlasst Investitionen in den relativ frühen Stufen des Produktionsprozesses. Des weiteren werden diese Anreize, nämlich die Ressourcen von den Aktivitäten in späteren (dem Konsum näheren Anm. des Ü.) Stufen zu solchen in den früheren (dem Konsum entfernteren Anm. d. Ü.) Stufen zu transferieren, durch einen von der Nachfrage induzierten Effekt verstärkt, der sich in den späten Stufen der Produktion vollzieht: Die reduzierte Nachfrage nach aktuellen Konsumgütern führt auch zu einer reduzierten Nachfrage für die Ressourcen, die in den Stufen, die der finalen Stufe nahestehen, verwendet werden.

Während der Kapitalrestrukturierung lässt sich die Ökonomie durch ein Hayeksches Dreieck konstruieren, in dem sich die Konsumptions-Kathete verkürzt und die Kathete für die Produktionszeit verlängert. Der endgültige Effekt des Anstiegs der Investitionen und noch wichtiger der neuen Struktur der Investitions-Aktivitäten besteht darin, den konsumierbaren Output zeitlich hinauszuschieben. Wenn es nach den Österreichern geht, sind es genau diese Anpassungen, die durch die Reduktion der aktuellen Nachfrage nach Konsumgütern und durch niedrigere Zinsen hervorgerufen werden, die es der Marktwirtschaft erlauben, die Investitionsentscheidungen mit den veränderten intertemporalen Präferenzen in Übereinstimmung zu bringen. Demnach kann die Geldpolitik der Zentralbank diesen Anpassungsprozess stören, in dem sie eine Situation herbeiführt, die nicht mit den intertemporalen Präferenzen übereinstimmt.

Erzwungenes Sparen oder Überkonsumption?

Der Boom-Bust Zyklus ist, aus der österreichischen Sicht, ein Phänomen, bei dem der Zinssatz durch zentral angeordnete Kreditexpansion und nicht durch eine Änderung der intertemporalen Präferenzen heruntergedrückt wird. Um es mit wickselianischer Terminologie zu sagen, wird dabei die Marktzinsrate unter die natürliche Zinsrate gedrückt. Die Politik induzierten Absenkungen der Zinssätze bewirken, dass die Ökonomie in vielen Punkten so reagieren muss, als ob die zusätzlichen Investitionsgelder durch freiwilliges Sparen vorhanden gewesen wären. Deshalb wird der damit einhergehende Anstieg in den Investitionen in den frühen Stufen der Produktion mit dem gegensinnigen Ausdruck des erzwungenen Sparens belegt: Ressourcen befinden sich in einer Allokation (vor allem in der Anfangsphase des Booms), die sonst nur bei erhöhten Ersparnissen auftritt, obwohl diese Ersparnisse, die für solch eine Allokation benötigt werden würden, nicht freiwillig bereit gestellt wurden. Wenngleich sich das Sparen, in seinem wörtlichen Sinne verstanden als Abstinenz von Konsum, in keiner Weise erhöhte. Der Begriff des erzwungenen Sparens, wenn er in diesem Sinne verwendet wird, zeigt einen Konflikt zwischen Konsumenten und Produzenten auf und lässt darauf schließen, dass einige große Probleme bevorstehen. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass es sich um intertemporale Märkte handelt, die sich in ein Ungleichgewicht bewegen und dass es deshalb einige Zeit braucht, bis der Marktprozess, der die Allokation der Ressourcen intertemporal koordiniert, den Konflikt in eine Krise verwandelt. In Hayeks Werk Preise und Produktion ([1935] 1967), bei welchem es sich im Prinzip nur um die schriftliche Form seiner Vorlesungen von 1931 an der LSE handelt, wird das Wechselspiel von Boom und Bust mithilfe der Idee genau dieser „erzwungenen Ersparnisse“ erklärt.

In Mises anschließenden Ausführungen dazu in Human Action (1966) haben „erzwungene Ersparnisse“ jedoch eine gänzlich andere Bedeutung. Bei näherer Betrachtung sindMises Ausführungen über den Boom-Bust-Zyklus mit Hayeks übereinstimmend, aber dies wird erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Das große Problem der kreditinduzierten Aufschwünge wird von Mises an mehreren Stellen (1966, S.432, 470,563, 564, 565, 467, 569, und 575) mit unterschiedlichen Spielarten der Begriffe „Fehlinvestitionen und Überkonsumption“ zusammengefasst. Der Aspekt, der von dem ersten dieser beiden Begriffe aufgegriffen werden soll, ist von Hayek genau so beachtet und hervorgehoben worden wie von Mises. Die Fehlallokation der Ressourcen – zu viele Ressourcen, die in die frühen Stufen der Produktion geleitet wurden – kurz: Fehlinvestitionen. Aber was soll der Ausdruck „Überkonsumption“ bedeuten? Kann in einer Ökonomie gleichzeitig oder zumindest im selben Aufschwung sowohl erzwungenes Sparen als auch Überkonsumption vorliegen? Oberflächlich betrachtet, scheint dieses Wortpaar doch ein Gegensatz zu sein?3 Ein genaues Unterscheiden ihrer vielen Bedeutungen und Anwendungen auf den Boom-Bust-Zyklus kann den Widerspruch jedoch vollständig auflösen und helfen, ein tieferes Verständnis der Mises-Hayekschen Theorie des Konjunkturwechsels zu ermöglichen.

Die Idee, dass der Boom durch Überkonsumption gekennzeichnet ist, folgt auch aus der Loanable-funds-Theorie. Der Kreditmarkt – oder genauer gesagt der Markt für investierbare Ressourcen – wird durch die Bewegungen des Zinssatzes ins Gleichgewicht gebracht. Ein Anstieg der Ersparnisse würde eine Verschiebung der Angebotskurve nach rechts zur Folge haben. Der Markt und damit die Ökonomie bewegt sich nun entlang der Nachfragekurve bis ein neues Gleichgewicht mit einem niedrigeren Zinssatz gefunden wird, in dem sowohl Ersparnisse als auch Investitionen größer sein müssen als zuvor.

Obwohl auch eine Kreditexpansion, d.h. ohne Erhöhung der Ersparnisse, die gleichen Anreize für die Geschäftswelt schaffen würde, sind die Endresultate fundamental unterschiedlich. In dieser politisch gewollten Veränderung der Marktverhältnisse entspräche die Rechtsverschiebung der Angebotskurve nur einer Erhöhung der Kreditmenge und keinem Anstieg der Ersparnisse. Ersparnisse werden einfach durch Kreditschaffung erhöht. Trotzdem wird der Zinssatz fallen und die Geschäftswelt wird dies dazu verleiten, zumindest anfänglich und zum Teil, kreditfinanzierte Investitionen in Ressourcen zu tätigen, die dann in die frühen Stufen der Produktion geleitet werden. Aber die Ersparnisse, immer noch durch die nicht angestiegene Angebotskurve repräsentiert, haben sich nicht verändert, somit bedeutet die niedrigere Zinsrate, dass das Ersparte aktuell aufgebraucht wird und sinkt.

Einzig und allein in dem extremen und unrealistischen Fall einer perfekt unelastischen Angebotskurve von Kapitalgütern würde kein Sinken in den Ersparnissen stattfinden. Mit einer normal ansteigenden Angebotskurve sinken durch die Kreditexpansion die Ersparnisse, was gleichbedeutend damit ist, dass der Konsum steigt. Dieser Anstieg des Konsums, der mit der politisch gewollten Kreditexpansion einhergeht, wurde von Mises eben als „Überkonsumption“ bezeichnet. Arbeiter und andere Eigentümer des Faktors Arbeit erhalten durch die Krediterweiterung höhere Gehälter, was tendenziell zu mehr Konsum bei ihnen führt als ihre eigentlichen Zeitpräferenzen es ihnen erlaubt hätten. Es besteht nun eine einfache, wenn auch nur partielle, Versöhnung zwischen Mises und Hayeks gegensätzlichen Formulierungen. Sie besteht darin, dass Hayeks erzwungene Ersparnisse, wie wir festgestellt haben, nicht das Antonym des Wortes Überkonsumption, sondern eher ein Synonym des Wortes Fehlinvestitionen sind. Bei, oberflächlich gesehen, extrem günstigen Kreditbedingungen handeln die Geschäftsleute natürlich so als ob Ersparnisse gestiegen wären, obwohl sie in Wahrheit sogar sinken. Hier besteht zwar kein Gegensatz zwischen Mises und Hayek, aber es wird von beiden diese Gegensätzlichkeit in den Marktkräften herausgestellt, die durch die künstliche Kreditausweitung entsteht. Es ist dieser Aufprall des Gegensätzlichen, welcher die Wurzel der Nichtnachhaltigkeit eines solchen Aufschwungs bildet. Für eine vollständigere Auflösung der Unterschiede zwischen Mises und Hayek braucht es eine genauere Untersuchung der Begriffe erzwungene Ersparnisse und Überkonsumption und vor allem der Art und Weise wie beide diese Begriffe benutzten.

Erzwungene Ersparnisse: Problem oder (partielle) Lösung?

In seinem 1932 erschienenen Aufsatz Note of the Development of „Forced Saving“ (Anmerkung zu der Verwendung des Begriffes der „erzwungenen Ersparnisse“) verfolgt Hayek ([139] 1975, S, 183-197) die Spuren seines Konzepts zurück bis zu den Schriften von Jeremy Bentham und Henry Thornton sowie J. S. Mill, Leon Walras, Knut Wicksell und, ohne es zu sagen, zu sich selbst. Fritz Machlup schrieb einmal (1963, S. 217), dass Joseph Schumpeter diese Bezeichnung für einen „extrem gut gewählten Ausdruck“ hielt, sie später jedoch als „misslungene Phrase“ gescholten haben soll, die man wohl „besser vermeiden sollte“. Machlup selbst fand 34 verschiedene Bedeutungen des Wortes erzwungene Ersparnisse. Bei John Maynard Keynes fand sie auch Verwendung in seiner Arbeit Vom Gelde (1930, 1. Auflage, S.171), aber in seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes ([1936] 1964, S.79-81) hielt er den Ausdruck für praktisch bedeutungslos. Es besteht hier kein Bedarf die vielen verschiedenen Bedeutungen und Interpretationen des Begriffes aufzuzählen. Unser Anliegen ist ein sehr eng gefasstes, denn wir wollen uns vor allem auf Hayeks Benutzung des Ausdrucks (auch seiner eigenen Unzufriedenheit mit dieser Auslegung) und auf Mises alternative Deutung fokussieren.

Irgendwann zwischen Hayeks Untersuchung des Begriffs und Machlups Nachforschungen über dessen ökonomische Semantik lernte die ökonomische Fachwelt, dass zwischen Ersparnissen und Investitionen scharf zu unterscheiden ist. Die Wörter bezeichnen zwei verschiedene Aktivitäten und können während eines Ungleichgewichts deshalb auch verschiedene Größen annehmen. Dies war eine Lektion, die gelernt wurde, während man sich mit der Allgemeinen Theorie von Keynes herumschlagen musste, in dessen Logik diese beiden zwar zwei Begriffe aber nur zwei verschiedene Perspektiven auf denselben Sachverhalt darstellten und es deshalb zu extremen Problemen kam, wenn diese beiden Größen nicht identisch waren.

Das Problem mit Hayeks erzwungenen Ersparnissen besteht darin, dass er sie zwar als Teil der Ersparnisse vorstellt, sie aber in seinem Kontext in starken Zusammenhang zu den Investitionen stellt. Hayek war sich dessen von Anfang an bewusst, sogar schon in seiner Schrift Geldtheorie und Konjunkturzyklus (Monetary Theory and the Trade Cycle). In einem Kapitel mit dem Titel Ungelöste Probleme in der Theorie über den Konjunkturwechsel (Unsettled Problems in Trade Cycle Theory) gibt Hayek zu ([1928] 1975, S. 220), dass es sich um eine „unglücklich gewählte Formulierung“ handelt. Er präferierte nun den Ausdruck „unnatürlich herbeigeführte Kapitalakkumulation“. In seiner anschließenden Note on the Development (Anmerkung zu den Weiterentwicklungen) antwortet Hayek ([1939] 1975, S.197) auf Keynes Auslassung des Begriffes in seiner Schrift Vom Gelde: „Keynes … hat die Terminologie [der erzwungenen Ersparnisse] zurückgewiesen und präferiert es, die Investitionen einfach größer als die Ersparnisse anzunehmen; und es spricht einiges für diese Vorgehensweise.“ Aber trotz dieser Bauchschmerzen Hayeks den Ausdruck erzwungene Ersparnisse eher für eine bestimmte Struktur der Investitionen als für die Ersparnisse selbst zu verwenden, gingen beide (der Begriff und die Interpretation) als das sine qua non der Österreichischen Konjunkturtheorie und vor allem Hayeks Prägung dieser Theorie in die Geschichte ein.

In seiner am weitesten entwickelten Auseinandersetzung mit dem ständigen Phänomen des Boom-Bust-Zyklus benutzt Mises (1966, vor allem S.548-565 und S.571-578) den Begriff erzwungenes Sparen gefühlte hundert Mal, aber er gibt ihm in seinen Erläuterungen eine geringfügig andere Bedeutung als Hayek. Amüsanterweise ist diese Auslegung des Begriffs von Mises exakt dieselbe wie die, die Piero Sraffa benutzte (1932) [Hayeks erbittertster Kritiker]. Kreditausweitung verteilt Reichtum von den Arbeitern, die meist niedrige Sparquoten aufweisen, zu Unternehmern und Kapitalisten, die meistens sehr hohe Sparquoten haben. Durch diese Wohlstandsumverteilung könnte es zu einem höheren Bestand an Ersparnissen führen und somit zu einer natürlichen und niedrigeren Zinsrate als zuvor. Mises nennt diesen zusätzlichen Anstieg der Ersparnisse erzwungene Ersparnisse ohne zu merken, dass Hayek diesen Begriff komplett anders benutzt. Diese erzwungenen Ersparnisse können einen weiteren Anstieg der Investitionen hervorrufen. Aber kann Umverteilung von Reichtum die Ersparnisse so groß werden lassen, wie es bei einem wirtschaftlichen Aufschwung der Fall gewesen wäre, der durch Änderungen in der Zeitpräferenz und nicht durch Kreditexpansion ausgelöst wurde? Sraffa (1932, S. 47-48) glaubte scheinbar daran. Zumindest tadelte er Hayek dafür, nicht das Gegenteil bewiesen zu haben. Mises (1966, S. 549) belegt, um es kurz zu machen, dass es nicht möglich ist.

Bei Mises (und Sraffa), im Gegensatz zu Hayeks Interpretation der erzwungenen Ersparnisse, wird mit der Bezeichnung ein Vorgang des Sparens und weniger ein Vorgang des Investierens beschrieben, welcher nicht in Übereinstimmung mit den Zeitpräferenzen der Menschen steht. Mises unterscheidet sich allerdings von Sraffa, indem er argumentiert, dass die Größe dieser Ersparnisse im Verhältnis zu den politisch herbeigeführten Investitionen nicht unbedingt ausreichend sein müssen, um diese auch wirklich zu Ende führen zu können. Mises stellt heraus, dass es noch nicht einmal der Fall sein muss, dass der Betrag dieser Ersparnisse positiv sein müsse, ganz von einem optimalen Betrag abgesehen. Die vollständigen Effekte auf die Ersparnisse nach einer Umverteilung des Wohlstands hängen von der jeweiligen Art der Umstrukturierung und von den Präferenzen der einzelnen Individuen ab, die durch diese Umstrukturierung entweder Vermögen gewinnen oder verlieren.

Des Weiteren arbeitet Mises die Überkonsumption als ein Charakteristikum des Booms heraus, welche quasi garantiert, dass die Nettoersparnisse, wenn überhaupt positiv, ausreichend weit von einer effizienten Verteilung entfernt sind. Wie Mises es in einer eigenen Zusammenfassung darstellt (1966, S.575f), „ist es sehr fragwürdig, ob erzwungene Ersparnisse jemals mehr sein können, als ein bloßer Ausgleich für die Kapitalkonsumption, die während des Booms stattfindet.“ Hayek ([1928] 1975, S. 226) war sich dieser Interpretation des Begriffes, verstanden als eine Teillösung des Problems (da Ersparnisquelle) und nicht als das Problem selbst (als Auslöser einer nichtnachhaltigen Investitionsstruktur), bewusst: „Es ist möglicherweise besser, erzwungene Ersparnisse als den Kern der wirtschaftlichen Krise anzusehen, als zu erwarten, dass diese die Kapitalstruktur der Produktion wieder gesunden ließe.“

Erst Überkonsumption, dann erzwungenes Sparen

In einigen Beispielen benutzt Mises den Begriff erzwungenes Sparen in einer Weise, die gar nichts mit der Umverteilung des Wohlstands, die mit einem kreditfinanzierten Aufschwung einhergeht, zu tun hat. In diesen Beispielen meint er mit dem Begriff ein Ansteigen der Ersparnisse kurz vor dem Ende des Booms. Konsumgüter erfreuten sich einer hohen Nachfrage während des Booms, aber deren Angebot verringert sich nun zusehends, da zu viele Ressourcen in die Produktion geleitet wurden, so dass diese den konsumierbaren Output regelrecht verdrängen. Die Preise der Konsumgüter werden hochgeboten, was nach Mises (1966, S.556), „die Tendenz in Richtung erzwungener Ersparnisse ausschlagen lässt.“ Um diese Richtung wieder umzukehren, verändert sich der Zinssatz während dieser Periode des Zyklus (S. 558). Unternehmer, die nun versuchen noch weitere Kredite zu beantragen, um weitere – aber zunehmend knapper werdende – Ressourcen zur Vollendung ihrer Fehlinvestitionen sichern zu können, treiben den Zinssatz in die Höhe, ein Umstand, der den Anreiz für mögliche Konsumenten enthält, das Geld lieber zu sparen.4

Wenn das Konzept der erzwungenen Ersparnisse so angewendet wird, stimmt dieses Konzept vollständig mit dem Konzept der Überkonsumption überein. Die beiden Bezeichnungen zusammengenommen lassen ein Zusammenspiel von Konsumption und Investition erkennen, welches den Boom-Bust-Zyklus ausmacht. Wenn der Boom beginnt, ist die Nachfrage nach Konsumgütern, relativ gesehen, höher als vor der Kreditexpansion.Einkommen der Arbeitnehmer und andere Faktoren der frühen Stufen der Produktion werden für Konsumgüter ausgegeben. In dem Ausmaß in dem die hohe Konsumnachfrage durch erhöhte Allokationen in die späten Produktionsstufen abgepasst wird, werden Ressourcen doppelt fehlalloziert.. Diese Faktoren der erhöhten Nachfrage und der Zeitdiskontierung senden die Ressourcen in genau gegensätzliche Richtungen.

Das Hayeksche Dreieck wird an beiden Enden verlängert und damit in der Mitte zusammengestaucht. Die Produktionsaktivitäten in der Mitte des Produktionsprozesses, die bis zum Äußersten ausgenutzt wurden, da in allen anderen Stufen (frühen und späten) eine höhere Nachfrage bestand, sind möglicherweise nun fertig gestellt, allerdings zu Gewinnspannen, die sowohl in der Boomphase als auch im Vor-Expansionsniveau völlig ineffizient sind. Genau an diesem Punkt fangen die Konsumentenpreise an zu fallen, so wie sie es nun einmal tun müssen, und das Sparen wird erhöht. Hayek hatte nicht vor, das Konzept der erzwungenen Ersparnisse in diesem Kontext zu benutzen – er lehnte sogar, wie wir noch sehen werden, das Konzept der Überkonsumption ab –, es wurde von Mises aber mitgemeint. Interessanterweise wurde dieses Ausweiten des Produktionsprozesses an beiden Enden exakt genau auf diese Art und Weise von Richard Stigl herausgearbeitet, so sah es zumindest Fritz Machlup5. Bei Strigl ([1934] 2000, S.131) lautet die Passage so:

„Grundvoraussetzung für (die Erweiterung und Ausbildung der) Produktionsumwege in einer Ökonomie ist natürlich das Vorhandensein des dazugehörigen Angebots an Konsumgütern, welches hilft die Produktion der ursprünglichen Produktionsfaktoren zu stärken. In diesem Fall [einer Kreditausweitung] können wir auf der einen Seite die Ausweitung des Angebots an Konsumgütern und auf der anderen Seite eine Verdichtung und stärkere Verlängerung der Produktionsumwege beobachten. Beide Prozesse arbeiten Hand in Hand und äußern sich dadurch, dass die ausgedehnte Bereitstellung auf Kosten des Kapitalangebots geht. … Der Verbrauch von Kapital kann allerdings nur temporär eine solche Expansion möglich machen, dauerhaft kann eine solche Ausweitung durch Verbrauch von Kapital nicht auf diesem Niveau aufrechterhalten werden. Zusätzlich würde es einem immerwährenden Angebot an Kapitalgütern aus der Vergangenheit bedürfen, um die Produktionsstruktur erweitern zu können und die Zeitspanne zu überbrücken, bis die neue Produktionsstruktur einsatzbereit ist. Einfach gesprochen: Eine Ausdehnung der Produktion von Konsumgütern auf Kosten von Kapitalaufzehrung wird nur die Schwierigkeiten erhöhen, die sich sowieso bei einer Ausweitung der Produktionsstruktur ergeben.“

In einer Vorlesung von 1933 an der Columbia Universität (s. Fußnote 5) ergänzt Machlup Strigls Ausführungen mit einem expliziten Hinweis auf die verschiedenen Produktionsstufen, die das Hayek‘sche Dreieck ausmachen:

„Die zusätzlichen Kredite führen, ohne große Zeitverzögerung, zu einer erhöhten Nachfrage nach Konsumgütern. Der Output an Konsumgütern ist elastisch, und somit dehnen sich sowohl die Produktion der Kapitalgüter als auch der Konsumgüter aus. Wir können im gleichen Zeitraum sowohl Symptome einer Erweiterung als auch einer Schrumpfung des Produktionsprozesses beobachten, ein Anschwellen an beiden Enden der Kapitalstruktur auf Kosten einiger mittlerer Teile der Produktionsstufen.“

Das sich vollziehende Reifen der Produkte der mittleren Stufen ist gleichbedeutend, und genauer betrachtet synonym mit dem Phänomen des erzwungenen Sparens. Aber niemand weder Strigl noch Sraffa oder irgendjemand anders würde behaupten, dass dieser Anstieg in den Ersparnissen reichen würde, um die höhere Nachfrage der Geschäftswelt auffangen zu können. Geld und Ressourcen, die benötigt würden, um die Projekte, die während des Booms initiiert wurden, bis zu Ende zu führen, sind schlicht und einfach nicht vorhanden. Das ist der Kern der inneren Konflikte der Marktkräfte, die durch eine Kreditexpansion ausgelöst werden. Genauso wie Überkonsumption schlussendlich erzwungenes Sparen nach sich zieht, so folgt aus den Fehlinvestitionen mit Gewissheit die Liquidation. Diese beiden Ausdrücke in dieser Weise zu verwenden, behält das Verhältnis von Sparen und Investieren aufrecht, während es gleichzeitig die eigentliche Natur und den zeitlichen Charakter des Boom-Bust-Zyklus herausstellt.

Überkonsumption ist dann nicht mehr die Verneinung des Phänomens der erzwungenen Ersparnisse, wie es von Hayek verstanden wurde, sondern eher eine Erweiterung des Problems, das mit dem Begriff der erzwungenen Ersparnisse einhergeht. Das heißt, dass die Marktbedingungen während des Booms noch unhaltbarer, also instabil sind. Dies entspricht der Situation, wenn Ersparnisse mehrheitlich unfreiwillig zu Stande gekommen oder nicht gestiegen wären. Das Problem, dass die erzwungenen Ersparnisse (sprich: Fehlinvestitionen) aufwerfen, liegt an dem gleichzeitigen Absinken in den Ersparnissen (sprich Überkonsumption). Mises war sich dieser zusammenwirkenden Effekte schon in seinem ältesten Werk bewusst ([1913] 1953, S. 362), als er noch dazu neigte die Bezeichnung Unterhaltsmittel (für Konsumgüter) der klassischen Ökonomen zu verwenden:

„Es kommt notwendigerweise ein Zeitpunkt, in dem die genussreifen Unterhaltsmittel aufgezehrt sind, ehe die in der Produktion tätigen Kapitalgüter sich in Konsumgüter verwandelt haben. Dieser Augenblick muss umso schneller eintreten, als ja das Sinken des Kapitalzinses den Anreiz zur Ersparung schwächt und damit das Tempo der Kapitalbildung verlangsamt.“

Unerklärlicherweise beachtete Hayek selbst nie die Überkonsumption als Folge der Kreditausweitung, noch erkannte er ihre Möglichkeit überhaupt an.6 Bei einer Auseinandersetzung mit Arthur Spielhoffs Erkenntnissen7, bezog er sich auf die Knappheit des umlaufenden Kapitals am Ende des Booms und nannte dies „relative Überkonsumption“. Das „relativ“ soll hier suggerieren, dass Konsum nur im Verhältnis zu dem aktuellen Bestand an vollendeten Projekten, die während des Booms begonnen wurden, als exzessiv betrachtet werden kann. Diese Bezeichnung lässt keinen Raum für exzessiven Konsum im Verhältnis zu dem Vor-Aufschwungsniveau.

Für Hayek ([1928] 1975, S.218-219) schließt das Konzept der erzwungene Ersparnisse das Konzept der Überkonsumption kategorisch aus: „Dieses Phänomen, was wir verstehen wollen, besteht aus einer Erweiterung der Kapitalgüter auf Kosten des Konsums, welche durch die Vergabe von zusätzlichen Krediten möglich gemacht wird, ohne, dass ein freiwilliger Konsumverzicht seitens des Individuums stattgefunden hätte, und ohne, dass sie einen direkten Gewinn daraus hätten ziehen können.“ (Hayek machte diese Aussage als die „generelle Darlegung“, nur einwendend, dass es möglicherweise eher über eine Veränderung des gesamten Geldwerts anstelle einer Veränderung der relativen Preise stattfinden wird.) In „Preise und Produktion“, schloss Hayek ([1935] 1967 S. 88) sogar überhaupt die Möglichkeit des Phänomens der Überkonsumption, wie es später Mises herausarbeiten sollte, aus. Seine Überlegungen über den niedrigzinsfinanzierten Boom bringen es auf den Punkt: „Wenn die Dinge so bleiben, wie sie sind, wird die gesamte Gesellschaft nach einiger Zeit den Konsum unfreiwillig einschränken müssen.“8 Hayek hält einen Anstieg der Nachfrage nach Konsumgütern für äußerst naheliegend und auch damit einhergehende extreme Änderungen im Preisgefüge, allerdings hält er einen positiven Mengeneffekt in den frühen Stufen der Produktion für nicht möglich. Er tut so als ob das Angebot an Konsumgütern perfekt unelastisch wäre. Er arbeitet sogar heraus, dass Anstiege in den Einkommen der Arbeiter und anderer Besitzer von Produktionsfaktoren, die zu höherer Konsumnachfrage führen, die Konsumgüterpreise in die Höhe treiben. Hayek ([1935] 1967 S.89) beharrt darauf, dass während des Booms „diese Entscheidungen (d.h. gestiegene Konsumnachfrage) nicht den Bestand an aktuell verfügbaren Konsumgütern ändern können.“

Wenn wir uns kurz auf das Wort aktuell fokussieren, so könnte man meinen, dass Hayek hier einen sehr einfachen und offensichtlichen Aspekt herausstellt, nämlich, dass diese Güter nicht einfach per Knopfdruck hergestellt werden können. Alle Produktionsaktivitäten bedürfen Zeit. Ressourcen müssen realloziert werden. Hayeks eigene Darstellung macht klar, dass er damit aber etwas anderes meint. Für ihn bildet der mögliche Anstieg der Konsumnachfrage das Hauptmerkmal dafür, dass das Ende des Booms eingeleitet wird. In Kursivschrift stellt er den „fundamentalen Aspekt“ heraus, dass der Anstieg der Nachfrage nach Konsumgütern „eine neue und umgekehrte Veränderung in den Proportionen zwischen der Nachfrage nach Konsum- und Produktionsgütern [darstellt] und zwar zu Gunsten der ersteren.“ Zusammengefasst kann man sagen, dass Hayek den Boom-Bust-Zyklus vor allem durch die Brille des erzwungenen Sparens sieht, welche optional von einer erhöhten Nachfrage nach Konsum begleitet werden kann. Wir verstehen jetzt, dass Hayeks erzwungene Ersparnisse und Mises Überkonsumption ein und dieselbe Sache sind. Aber wie gehen wir jetzt mit den unterschiedlichen Kontexten, in den der Begriff Konsum gestellt wird, um?

An diesem Punkt scheint es bei den beiden verschiedenen Sichtweisen keine Versöhnung zu geben. Wir müssen uns fragen: Was ist mit unseren übrigen Ansichten über die Marktkräfte, die bei einem kreditfinanzierten Boom wirken, konsistent? Einige Umstände sprechen dafür, dass Mises Sicht die konsistentere und auch plausiblere von beiden ist.

Erstens, wenn Hayeks Darlegungen stimmten, müsste es eine Zeitverzögerung zwischen der zunehmenden Allokation der Ressourcen hin zu den frühen Stufen der Produktion und der anschließenden Reallokation zurück zu den späten Stufen der Produktion geben. Warum sollten Arbeitnehmer und Besitzer ursprünglicher Produktionsfaktoren ihr höheres Einkommen nicht sofort für Konsumgüter ausgeben? Warum sollten Unternehmer auf die erhöhte Nachfrage nicht adäquat reagieren, so dass es nur nicht zu einem Preiseffekt, sondern auch zu einem Mengeneffekt kommt. Das sind auch genau die Kritikpunkte, die John Hicks (1967) an Hayeks Version der Konjunkturtheorie anmeldete. Hicks konnte keinen Grund für die oben beschriebene Zeitverzögerung finden und schloss mit der Erkenntnis, dass Gegenbewegungen der Ressourcen bei gegebenen Bedingungen sofort einsetzten. Der Hayeksche Konjunkturzyklus würde genauso schnell enden wie er gekommen war.9 Wenn man Hayek nun mit Mises vergleicht (oder Hayek und Strigl) kann man sehen, dass es aber noch eine andere Antwort gibt: Während es keine Zeitverzögerung zwischen dem Geldverdienen (in den frühen Stufen) und dem Geldausgeben (für Konsumgüter) gibt, besteht die Möglichkeit, dass sowohl Fehlinvestitionen als auch Überkonsumption zur selben Zeit stattfinden. Wenn man strikt in der Terminologie des Hayekschen Dreiecks bleibt, kann man dort eine Kapitalstruktur erkennen, in der beide die frühen und die späten Stufen auf Kosten der mittleren Stufen erweitert werden. Dieses Verständnis der Marktprozesse, die durch eine Kreditexpansion in Gang gesetzt werden, hilft deutlich zu machen, dass Fehlinvestitionen und Überkonsumption zwei sich bedingende und zusammenfallende Probleme sind. Und selbst über diese zweifache Verzerrung der Produktionsstruktur hinaus, kann man überall temporäres, d.h. nichtnachhaltiges Wachstum der Produktion beobachten. Sowohl Kapital als auch Arbeit können intensiver genutzt werden, als es nachhaltig möglich gewesen wäre. Die Wartung der Maschinen kann hinausgeschoben werden, und die Maschinen selbst können mehr Stunden pro Tag an mehr Tagen die Woche laufen gelassen werden als sonst. Mehr Menschen finden eine Anstellung, einige machen Überstunden, andere können ihren Ruhestand noch etwas verschieben. Diese Bedingungen erlauben es, dass die Produktion der Konsum- als auch der Kapitalgüter parallel, aber natürlich auf keiner nachhaltigen Basis ansteigen können.

Zweitens hat sich Hayek in die Irre führen lassen, dass die „sehr ungünstig gewählte Bezeichnung“ des erzwungenen Sparens bedeutet, dass Einkommensbezieher ihr Geld lieber sparen als konsumieren. Was sonst könnte er damit meinen, dass „die gesamte Gesellschaft nach einiger Zeit den Konsum unfreiwillig [wird] einschränken müssen?“ Nehmen wir einmal an, solche Zurückstellungen würden tatsächlich auftreten. Dann wären ja Rückstellungen vorhanden, um die kreditfinanzierten Projekte zu Ende zu führen und die nachfolgende Krise wäre weniger verheerend. Aber das Problem besteht doch genau darin, dass die Menschen sich den Konsum eben nicht entgehen lassen. Das schlagende Argument, von Mises herausgearbeitet, ist ja gerade, dass die Anreize denen sich die Arbeiter gegenübersehen sie in die genau entgegengesetzte Richtung treibt.

Drittens lässt einen schon der gesunde Menschenverstand ahnen, dass die Menschen in einer Phase in der die Wirtschaft kapitalintensiver wird, eben nicht dazu angeregt werden, zu sparen. Die Goldenen Zwanziger (und später die Bullenphase in den 80ern und die Dot-com-Blase in den 90ern) waren Jahre in denen extrem konsumiert wurde. Dieser hohe Konsum – die Überkonsumption – wurde von denselben Anreizen angefeuert, wie die, die Fehlinvestitionen förderten. Des Weiteren sollte man sich erinnern, dass die „guten Zeiten“ immer mit künstlichen Boom-Phasen assoziiert werden. Genau das macht Kreditexpansionsphasen so attraktiv für gewählte Volksvertreter und Politiker. Politiker, die die Menschen dazu brachten wieder weniger zu konsumieren, können dies schlecht in ihrer Wiederwahlskampagne benutzen.

Alle diese Gründe Hayeks Version zu hinterfragen, sind gleichzeitig Gründe für Mises Sicht: Kreditexpansion lässt die Fehlinvestitionen (d.i. erzwungene Ersparnisse) und zur selben Zeit auch die Überkonsumption ansteigen. Am Vorabend des Abschwungs ändern sich die Marktbedingungen auf eine Weise, dass die Einkommensbezieher ihren Konsum einschränken und anfangen zu sparen. Diese Konsumenthaltung, welches die vorhergehende Überkonsumption mehr als ausgleicht, ist ein notwendiger Bestandteil der Marktkräfte, die die Ökonomie wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad führt.10

Der Begriff der erzwungenen Ersparnisse kann genauso für diese Enthaltsamkeit von Konsum am Vorabend des Busts verwendet werden. Die folgenden Ausführungen und Graphiken11 benutzen diesen Begriff genau in dieser Weise. Die analytische Kohärenz der Geschichte, die mit der Bezeichnung der erzwungenen Ersparnisse erzählt werden kann, (zusammen mit der Überkonsumption, die ihnen vorausgeht) wird diesen und anderen Begriffen der Mises-Hayek-Theorie wieder mehr Glaubwürdigkeit verschaffen.

Überkonsumption und erzwungenes Sparen nach Schema F

Eine Veränderung des aktuellen Sparverhaltens führt zu Effekten, die sich sowohl in Änderungen des Konsums als auch in Änderungen der Investitionen zeigen. Letztere (die Investitionen) werden nämlich durch das Sparen erst ermöglicht. Die Richtung der Veränderung, die von der normalen Loanable-funds-Theorie nahegelegt wird, kann mit einer Produktionsmöglichkeitenkurve (PMK) verdeutlicht werden. Die PMK zeigt alle nachhaltigen Kombinationen von Konsum (auf der Abszisse) und Investitionen (auf der Ordinate) an.12 Werden die Ersparnisse erhöht, ermöglicht dies auch eine Erhöhung der Investitionen. Dafür muss allerdings der Konsum eingeschränkt werden. Die Ökonomie bewegt sich im Uhrzeigersinn entlang der PMK. Eine Verringerung der Ersparnisse wiederum sorgt für eine Erhöhung des Konsums, indem die Investitionen eingeschränkt werden; die Ökonomie bewegt sich nun entgegen dem Uhrzeigersinn entlang der PMK.

Die anfänglichen Effekte der Kreditexpansion können als Hybrid der Effekte des (1) Anstiegs der Ersparnisse und des (2) Rückgangs der Ersparnisse aufgefasst werden. Die Kreditexpansion erhöht sowohl die Investitionen als auch den Konsum ohne, dass eine korrespondierende Einschränkung einer der beiden auftritt. Tatsächlich kombiniert sie die positiven Aspekte der gegensätzlichen Präferenzverschiebungen und eliminiert (oder genauer: verzögert) die negativen. Abbildung 2 zeigt eine Makroökonomie, ausgedrückt durch die PMK, mit ihrem Angebot von und ihrer Nachfrage nach Krediten (loanable funds) und dem dazugehörigen Hayekschen Dreieck. Die schwarzen Punkte zeigen eine Ökonomie mit Vollbeschäftigung und einer markträumenden Zinsrate, so dass die Ersparnisse den Investitionen gleich sind. Die Kreditexpansion wird durch das vergrößerte Angebot von Krediten angezeigt (Saug). Durch die Verschiebung zu Saug fällt die Zinsrate von ieq auf i, was die Sparer dazu veranlasst weniger zu sparen und die Investoren mehr zu investieren.13 Dies wird durch die weißen Punkte im Loanable-funds-Diagramm mit dem Angebot und der Nachfrage nach Krediten dargestellt. Das verringerte Sparen zeigt sich im PMK Diagramm als ein Konsumanstieg. Dadurch entsprechen die sich widersprechenden Kräfte im Kreditmarkt denen im PMK Diagramm, welche unvereinbar damit sind, dass die Ökonomie auf ihrer Kurve bleibt. Die Marktkräfte drücken die Ökonomie weder im noch entgegen dem Uhrzeigersinn entlang der PMK, sondern in eine Richtung, die sich fast orthogonal zur PMK befindet. Diejenigen Konsum- und Investmentniveaus, welche mit den beiden weißen Punkten im Loanable-funds-Diagramm dargestellt werden, entsprechen dem weißen Punkt, der über die PMK hinausgeht. Das Wesen dieses Zwittereffekts hilft zu verstehen, aus welchem Grund Kreditexpansion eine so starke politische Versuchung darstellt.

Charts

Erlaubt man den Marktkräften, welche die Ökonomie während der Kreditexpansion über den vorherigen Punkt der Allokation hinaus treiben, sich zu entfalten, so muss man sich gewahr sein, dass es Marktbewegungen – Mengenanpassungen – in diese Richtung geben wird. Neues Geld wird den Unternehmern (der business community) geliehen, welche sie für Investitionen verwenden. Nahe dem Höhepunkt dieses Prozesses erhalten Arbeiter und Eigentümer anderer Produktionsfaktoren größere Einkommen und geben diese zu einem größeren Anteil als zuvor für Konsumgüter aus. In der frühen Phase der Expansion ist es nicht sonderlich wichtig, dass die neuen Gelder zuerst in die Geschäftswelt fließen. Es gibt keine signifikante Verzögerung zwischen dem Verdienen und dem Ausgeben. Nach John Hicks (1967, 208) geschieht dies alles innerhalb einer „Robertsonian week“14. Die Ressourcen werden auf Grundlage widersprüchlicher Marktsignale realloziert.

Die niedrige Zinsrate, welche mit der Aufschwungphase einhergeht, leitet die Ressourcen zu den frühen Produktionsstufen. Zur selben Zeit wird die erhöhte Nachfrage nach Konsumgütern allerdings von einer erhöhten (abgeleiteten) Nachfrage nach Ressourcen der fernen Produktionsstufen begleitet. Die Ressourcen werden ebenfalls in diese Richtung gelenkt. Für eine Weile können beide Arten der politisch induzierten Fehlallokationen auftreten, wie durch die doppelte Störung im Hayekschen Dreieck dargestellt werden kann. Die in Abbildung 2 dargestellte Fehlallokation der Ressourcen (beide: Fehlinvestition und Überkonsumption) entspricht einer Ökonomie, die den weißen Diamantenpunkt erreicht hat, der am Anpassungspfad entlang verläuft, der über die PMK hinaus geht. Das Hayeksche Dreieck zeigt, dass Ressourcen weg von den mittleren Produktionsstufen in beide Richtungen realloziert wurden. Diese Darstellung würde zu Strigls Ausführungen gut passen, dass der nicht nachhaltige Aufschwung durch erhöhten Konsum und erhöhte Schaffung langfristigen Kapitals gekennzeichnet ist. Beides ist allerdings (zum Teil) nur aufgrund des Faktums möglich, dass der aktuelle Kapitalstock nicht aufrechterhalten wird. John Cochran (2001, 19) prägte den Begriff der „(sich) duellierenden Produktionsstrukturen“15, um dieses widersprüchliche Ressourcenallokationsmuster zu beschreiben.

Während das Hayeksche Dreieck in Abbildung 2 uns eine Momentaufnahme eines Punktes auf dem Anpassungspfad zeigt, erlaubt uns Abbildung 3 die Anpassung genauer nachzuvollziehen. Der weiße Diamantenpunkt aus Abbildung 2 entspricht hier Punkt 1, in dem in der Ökonomie Überkonsum und Überinvestition auftreten.

Boom and Bust

Nicht weit hinter der PMK werden die durch Knappheit bedingten Grenzen immer bindender, aber die niedrige Zinsrate begünstigt weiterhin eher Investitionen als Überkonsumption. Ab hier ist es relevant, dass die Geschäftswelt das Geld zuerst erhält.16 Die Preise der Ressourcen in konsumfernen Stufen werden weiter in die Höhe getrieben, während die Produktionsprozesse, welche sich zu Beginn der Expansion in den mittleren Produktionsstufen befanden – und in denen Ressourcen in Punkt 1 fehlalloziert wurden –, nun ein sinkendes Konsumgütervolumen produzieren. Der Überkonsum erreicht nun, gemessen an der vertikalen Verschiebung vom anfänglichen Gleichgewicht, sein Maximum in Punkt 2. In Punkt 3 setzt das erzwungene Sparen ein, das am ehesten dem Überkonsum entspricht.17 Projekte, die sich zu Beginn der Expansion in den mittleren Produktionsstufen befanden, gelangen jetzt zur Konsumreife. Frühere Fehlallokationen haben das Angebot an jetzt erhältlichen Konsumgütern reduziert und zur gleichen Zeit haben sich die Zinsraten erhöht (was in Abbildung 2 nicht sichtbar war), da die Unternehmen in ihrer Not vermehrt Kredite nachfragen. Der Aufschwung stockt; die Konsumenten stehen unter Druck. Die Überinvestition erreicht ihr Maximum bei Punkt 4, wo die Weiterführung der Investitionstätigkeit in den frühen Produktionsstufen nur aufrechterhalten werden kann, wenn Ressourcen aus den späten und der finalen Produktionsstufe dafür abgezogen werden.18 Mit dem andauernden erzwungenen Sparen in Punkt 5 hat die Liquidierung von Produktionsteilen begonnen. Insolvenzen und andere weniger dramatische Neuorientierungen von Unternehmen sorgen dafür, dass Ressourcen nun von den frühen Produktionsstufen zu den späteren gelangen.

Unter zu bevorzugenden institutionellen Rahmenbedingungen wird die Reallokation der Ressourcen, welche auf den Abschwung folgt, dafür sorgen, dass die Unternehmensentscheidungen wieder im Einklang mit den Präferenzen der Konsumenten stehen. Unter den Umständen des intertemporalen Ungleichgewichts, welches während des Aufschwungs kreiert wurde, wird die benötigte Liquidierung die Ökonomie zweifellos unter die PMK manövrieren. Ohne systemische Störungen des Anpassungsprozesses werden die Marktkräfte die Ökonomie zurück in die Richtung des anfänglichen Gleichgewichts bewegen.

Die Geschichte lehrt uns, dass es, besonders angesichts schlecht durchdachter Interventionen seitens der monetären und fiskalischen Behörden sowie durch kontraproduktive Maßnahmen der Regulierungsbehörden, eine klare Gefahr gibt, die Erholungsphase zu umgehen und eine Abwärtsspirale in Richtung Depression zu schaffen. Die Punkte 6, 7 und 8 zeigen eine Ökonomie, die sich sukzessive in Richtung niedrigerer Konsum- und Investitionsniveaus bewegt, obwohl sie sich bereits unter der PMK befindet. Das ist der Aspekt des Abschwungs, den Keynes in seiner Allgemeinen Theorie beschäftigt hat – das ist der Grund, weshalb er keine Anwendungsmöglichkeit für das Konzept des erzwungenen Sparens in seinem Buch gefunden hat. Hayek ([1939] 1975, 176; 1975, 44) erkannte den Mechanismus, nach dem sich der Abschwung selbst verstärken kann. Er nannte diese Möglichkeit sekundäre Deflation oder sekundäre Depression, um sie von den direkteren Implikationen einer künstlich niedrigen Zinsrate zu unterscheiden.

Figure 4

Die Diskussion von Abbildung 3 benutzt Bezeichnungen, die sehr gut mit der Verwendung der Begriffe in der Literatur übereinstimmen. Abbildung 4 zeigt und benennt die vier möglichen Bewegungen während des Konjunkturzyklus. Die zugehörige Tabelle bezeichnet die Bewegungen von den Punkten 1 bis 5; die Bewegungen von Punkt 6 bis 8 werden als „sekundäre Depression“ zusammengefasst.

Zwei weitere Verdeutlichungen sind angebracht. Erstens besitzt die Bewegungsrichtung der Pfeile im Kontext einer nicht wachsenden Ökonomie ihre größte Aussagekraft. In einer wachsenden Ökonomie wiederum, in der sich folgerichtig die PMK nach außen bewegt, repräsentieren die Pfeile die Bewegungen relativ zum Trend. Somit kann ein Rückgang des Konsums im PMK auch nur einen Rückgang in der Wachstumsrate des gesamten Konsums bedeuten. Zweitens wird sich die Ökonomie durch die erlittenen realen Verluste, die durch die Fehlallokationen während des Konjunkturzyklus hervorgerufen wurden, nicht mehr vollständig erholen und zum ursprünglichen Gleichgewicht zurückfinden. Daher wird sich die PMK selbst nach innen bewegen. Oder in dem Fall, dass Wachstum vorhanden ist, wird sie sich langsamer nach außen bewegen, als sie es sonst getan hätte.

Punkte auf einem Pfad Vertikale Bewegungen Horizontale Bewegungen
1 Überkonsumption Überinvestitionen
2 Überinvestitionen
3 Erzwungene Ersparnisse Überinvestitionen
4 Erzwungene Ersparnisse
5 Erzwungene Ersparnisse Liquidation
6 Sekundäre Depression Sekundäre Depression
7 Sekundäre Depression Sekundäre Depression
8 Sekundäre Depression Sekundäre Depression

Tabelle 1

Das Schema in Abbildung 3 ist schlüssig und steht im Einklang mit den Anreizen und Restriktionen, die von den österreichischen Ökonomen dem Konjunkturzyklus, so wie er gemeinhin verstanden wird, attestiert werden. Die Dynamiken so aufzuzeigen, hilft, die terminologischen und inhaltlichen Unterschiede innerhalb der Österreichischen Schule herauszustellen und zu beweisen, warum der Begriff erzwungene Ersparnisse das Verständnis der Konjunkturzyklustheorie sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule behinderte.

Nochmal Mises gegen Hayek

Der herausragende Unterschied zwischen Hayeks und Mises’ Verständnis des zugrundeliegenden Problems besteht darin, dass Hayek den Konsumanstieg als Umkehr des Marktprozesses sieht, der durch die Kreditexpansion in Gang gesetzt wurde. Dieser Aspekt in Hayeks Darstellung lässt sich leicht auf eine andere PMK übertragen, die diesem Prozess mehr Rechnung trägt: Die Ökonomie bewegt sich zwangsweise mit dem Uhrzeigersinn entlang der Kurve. (Wenn es das ist, was Hayek im Kopf hatte, dann sind seine „erzwungenen Ersparnisse“ in Wirklichkeit eine erzwungene Reduktion des Konsums.) Wenn die Einkommensbezieher dann anfangen, Geld für Konsumgüter auszugeben, werden die Marktkräfte umgedreht und die Ökonomie bewegt sich entgegen dem Uhrzeigersinn zurück zu ihrem originären intertemporalen Gleichgewicht. Anhaltende Versuche der Zentralbank die Ökonomie dazu zu bringen, sich im Uhrzeigersinn entlang der Kurve zu bewegen, werden diese früher oder später von der Kurve abbringen und in Richtung Depression drücken. Diese Interpretation ist konsistent mit vielen Passagen in „Preise und Produktion“ und verwandten Schriften.19

Es gibt zwei grundlegende Probleme, wenn die Effekte der Kreditexpansion als eine Bewegung entlang der PMK dargestellt werden. Erstens, wird dadurch ohne gute Gründe bestritten, dass eine generelle Überproduktion einer der Effekte der Kreditexpansion sein kann. Die Beschränkungen des Outputs der gesamten Ökonomie werden behandelt, als wären sie nur physischer Natur. Zweitens, wird dadurch die Theorie durch Kritik, wie die von John Hicks geäußerte, angreifbar. Die Grundlage für – und die Dauer der – Verzögerung zwischen den anfänglichen Bewegungen entlang der Kurve sowie der nachfolgenden Gegenbewegungen blieben ungelöste Mysterien. Ohne die Verzögerung wird der politisch induzierte Aufschwung durch die Marktkräfte im Keim erstickt. Wie sich zeigt, sind die beiden Probleme sehr miteinander verbunden und haben dieselbe Folge, nämlich eine Bewegung über die PMK hinaus zuzulassen. Sprich, während es wenig bis gar keine Verzögerung zwischen dem Geld verdienen in den frühen Produktionsstufen und dem Ausgeben desselben für Konsumgüter gibt, scheint es sehr wohl einen Spielraum für das Verdienen und Ausgeben über das effiziente Niveau der PMK hinaus zu geben, was gleichbedeutend mit einer (temporären) Expansion des Outputs über das nachhaltige Niveau hinaus ist. Dieses Verständnis ist konsistenter mit Mises Überlegungen zu Überkonsumption und Fehlinvestition als mit Hayeks erzwungenen Ersparnissen.

Es bleibt trotzdem eine Unstimmigkeit in Mises Charakterisierung des Aufschwungs. Mises arbeitet die Überkonsumption heraus – und betont diese sogar –, aber er lässt keine Überinvestition zu und bestreitet diese sogar. Mit Überkonsumption kann Mises keine dem Uhrzeigersinn entgegengesetzte Bewegung entlang der PMK meinen. Diese Bewegung wäre widersprüchlich zu seinem Verständnis des Begriffs Fehlinvestition. Der Begriff kann auch nicht relativer Überkonsum im Sinne Hayeks oder lediglich eine Tendenz in Richtung Überkonsumption bedeuten, sondern vielmehr eine Überkonsumption, die sich nicht materialisiert, die sich nicht als tatsächliche Mengenanpassungen realisiert. Er muss eine tatsächliche (aber temporäre) Bewegung hinter die Kurve in Richtung Konsum meinen. Angenommen, dass beispielsweise Überkonsum „Kapital verschwendet und die zukünftige Bedürfnisbefriedigung beeinträchtigt“ (Mises 1966, 432) und, dass „die unmittelbare Konsequenz der Kreditexpansion ein Konsumanstieg derjenigen Einkommensbezieher ist, deren Einkommen, durch die intensivere Arbeitsnachtfrage seitens der expandierenden Unternehmer, gestiegen ist.“ (556). „Abgesehen vom erzwungenen Sparen [,welches erst später in mit Abbildung 3 auftritt], ist das Ergebnis des Aufschwungs nicht eine Restriktion, sondern ein Anstieg des Konsums.“ (559) Und nochmal: „Der Aufschwung betrifft auch die Konsumgüterindustrie. Sie investieren ebenfalls mehr und vergrößern ihre Produktionskapazitäten.“ (560)

Wenn die Unternehmer in den frühen und späten Produktionsstufen jeweils mehr investieren und ihre Produktionskapazitäten vergrößern, wie kann es dann keine Überinvestitionen geben? Wie bereits argumentiert wurde, werden einige Ressourcen aus den mittleren Stufen abgezogen. (Das ist der Aspekt der politikinduzierten Fehlallokationen, welche ihrerseits erzwungene Ersparnisse, die über den vorangegangenen Überkonsum hinausgingen, notwendig machten.) Es wäre allerdings schwierig – und nicht notwendig – zu argumentieren, dass alle fehlgeleiteten Ressourcen solche Ursprünge haben müssen. Es gibt etwas Spielraum für Überinvestitionen. Das Beschäftigungsniveau, das über das nachhaltige Niveau hinausgeht, erlaubt eine Expansion der Produktionskapazitäten in fast allen Produktionsstufen. Ohne Überinvestitionen würde nach der österreichischen Theorie das Produktionsniveau der mittleren Produktionsstufen fallen, zumindest wenn wir eine wachsende Ökonomie außer Acht lassen – und zwar genug fallen, um der Expansion in den frühen und späten Produktionsstufen Rechnung zu tragen. Aber wenn man die Möglichkeit von Überinvestitionen in Betracht zieht, lässt die Theorie einen Produktionsanstieg in den meisten Stufen zu. Allerdings vollzieht sich der Anstieg schneller in den frühen und späten Stufen der Produktionsstruktur, verglichen mit den mittleren Stufen. Diese Kombination von absoluten und relativen Effekten macht die Theorie plausibler und bringt sie mit unserem Verständnis der PMK in Übereinstimmung.20

Mises (1966, 559) bestand trotzdem darauf, dass Fehlinvestition und nicht Überinvestition das essentielle Merkmal des Aufschwungs wäre. Er führte die allgemeine Fehlwahrnehmung dieser Tatsache auf fehlerhafte Beobachtung zurück.

„Der Beobachter bemerkt ausschließlich die Fehlinvestitionen, die sichtbar sind und sieht nicht, dass diese Einrichtungen nur deshalb Fehlinvestitionen sind, weil andere Anlagen fehlen. Zum einen die zur Produktion von komplementären Produktionsfaktoren und zum anderen die zur Produktion von Konsumgütern, welche dringender von der Öffentlichkeit nachgefragt werden.“ (Emphase von Roger Garrison hinzugefügt.)

Das kursiv geschriebene nur in dieser Passage ist eigentlich überflüssig. Die Ressourcen stammen nicht vollständig aus den späteren Produktionsstufen; sie kommen ebenfalls vom erhöhten Gebrauch von Arbeit und Kapitalausrüstungen, welcher über das Vollbeschäftigungsniveau hinausgeht.

Es ist weiterhin bemerkenswert, dass, obwohl diese Passage suggeriert, Mises würde die Überkonsumption als Phänomen verneinen, es konsistenter von Mises wäre, wenn er eine ähnliche Aussage über den Effekt treffen würde, dass die beobachtete Überkonsumption, nur durch einen Abzug von Ressourcen aus den frühen Produktionsstufen erreicht werden kann. Mises (1966, 560) illustriert die essentiellen Fehlinvestitionen mit einer Parabel, welche durch ihre Konstruktion Überinvestition und Überkonsumption ausschließt. Während eines künstlichen Aufschwungs „befindet sich die gesamte Klasse der Unternehmer in der Position eines Baumeisters, dessen Aufgabe es ist, ein Gebäude mit einer begrenzten (also fixen) Menge an Baumaterial zu bauen. Wenn dieser Mann die Menge des erhältlichen Angebots überschätzt, dann entwirft er einen Plan für den die ihm verfügbaren Mittel nicht ausreichen. Er steckt zu viele Ressourcen in die Grundlagenarbeit und in das Fundament und bemerkt erst später beim Bau, dass ihm das Material ausgeht, um die Struktur fertig zu bauen. Es ist klar, dass der Fehler des Baumeisters nicht Überinvestition sondern eine unpassende Nutzung der ihm zur Verfügung stehenden Mittel war.“

Mises Parabel ist einprägsam wegen ihrer lebendigen Illustration eines Aspektes, der außerhalb der Österreichischen Schule komplett ignoriert wird. Aber sie demonstriert die Abwesenheit von Überinvestition nicht mehr als sie die Abwesenheit von Überkonsumption zeigt. Und weil Mises das Problem der Überkonsumption in einer weniger restriktiven Situation als in der, die für seinen Baumeister erdacht hat, bestätigt – ja sogar betont – hat, hätte er keinen Grund das Problem der Überinvestition zu verneinen. Was er natürlich verneinen sollte, ist, dass Überinvestition das ganze Problem ist.

Im Kontext der Makroökonomie ist es wohl so, dass Fehlinvestitionen ein analytisches Alleinstellungsmerkmal der Österreichischen Schule darstellen, während Fehl- und Überinvestition (zusammen mit Überkonsumption) essentiell dafür sind. Fehlinvestition ohne Überinvestitionen würden die Gegenbewegungen so schnell zulassen, dass der Schaden behoben wäre, ehe viel Schaden angerichtet wurde. Überinvestition (zusammen mit Überkonsumption) ohne Fehlinvestitionen würde der Ökonomie eine temporär hohe Wachstumsrate verschaffen, wobei sie sich zuerst über und dann wieder auf die PMK bewegte und zwar ohne temporale Fehlallokationen nach sich zu ziehen, welche schmerzvolle Anpassungen erforderten, die die Ökonomie unter die Kurve bringen könnten. Nur mit Benutzung beider Präfixe (Fehl- und Über-) haben wir (1) ein Problem intertemporaler Fehlallokation und (2) Zeit dafür, dass dieses Problem Ärger bereitet, bevor der interne Konflikt der Marktkräfte den Auf- in einen Abschwung verwandelt.

Die Versöhnung innerhalb und außerhalb der österreichischen Schule

Wenn man der Darstellung des verhängnisvollen Wachstumspfads aus Abbildung 3 folgt, haben Überkonsumption und erzwungenes Sparen denselben Ursprung. Die durch Kreditexpansion in Bewegung gesetzten Marktkräfte veranlassen Einkommensbezieher dazu, mehr zu konsumieren, als sie normalerweise getan hätten und dann weniger zu konsumieren als sie sonst hätten tun können. Die Benutzung dieser Begriffe stimmt völlig mit Mises Nutzung von Überkonsumption überein sowie in einigen Fällen mit seiner Nutzung von erzwungenen Ersparnissen. Die korrespondierenden Überinvestitionen, obwohl sie von Mises bestritten wurden, sind konsistent mit einem vollen Verständnis vom Wesen des kreditinduzierten Aufschwungs.

Hayeks Nutzung des Begriffs erzwungene Ersparnisse sollte besser vermieden werden, wie Schumpeter bereits anmerkte, wenn auch nur, weil die gemeinten Ersparnisse hier in Wirklichkeit Investitionen sind. Trotzdem ist seine Benutzung immer noch mit der Bedeutung der Abwärtsbewegung des Anpassungspfads der Ökonomie, wie in Abbildung 3, konsistent. Weitere Interpretation zu dem Thema sind in einer zusammenfassenden Abhandlung in Garrison [2002, S.66] zu finden.

„Am Vorabend des Abschwungs können einige Produzenten durch Notfallkredite ihre Projekte noch abschließen und ihre Kosten minimieren. In dieser Phase verringern die Wirtschaftssubjekte ihren Konsum und sparen wegen der höheren Zinsen, welche aus der großen Notfallkreditnachfrage resultieren. Die dabei freigewordenen Ressourcen konstituieren eine explizite Form von „erzwungenen Ersparnissen“ – ein Begriff der weitläufig von Hayek benutzt wurde, um jede mit dem Aufschwung verwandte Einbeziehung von Ressourcen zu beschreiben, die den Zeitpräferenzen der Konsumenten widerstreben.“

Die Ansicht, dass ökonomische Aufschwünge durch Überinvestition charakterisiert sind, war weitestgehend akzeptiert, als die österreichische Theorie entwickelt wurde. Die Ansicht ist auch heute noch in der Mainstream-Makroökonomie evident. Monetäre Expansion schickt die Ökonomie auf eine ansteigende kurzfristige aggregierte Angebotskurve. Oder, alternativ, die Ökonomie bewegt sich hoch entlang einer sinkenden kurzfristigen Phillips-Kurve. (Die Effekte monetärer Expansion könnten ebenfalls im Kontext von Neoklassik oder Neu-Keynesianismus ausgedrückt werden.) Bei diesen Darstellungen ist die Überproduktion relativ zu den Output-Niveaus des korrespondierenden langfristigen aggregierten Angebots und der Phillips-Kurven die Essenz des Aufschwungs. Wegen der zugrunde liegenden Struktur dieses Mainstream-Theoretisierens, nämlich, aufgrund des hohen Aggregationsniveaus, kann hier den Fehlinvestitionen oder erzwungenen Ersparnissen nicht im relevanten Sinne Rechnung getragen werden, ohne die Theorie fundamental neu zu fassen.

Die Möglichkeit zur Versöhnung ist aus österreichischer Sicht etwas anders. Die Bewegungen der Mainstreamaggregate sind plausibel und konsistent mit normalen Beobachtungen. Es gibt nichts zu gewinnen, wenn man diese Bewegungen bestreitet und darauf besteht, dass der Aufschwung lediglich aus Fehlallokationen innerhalb des aggregierten Outputs besteht und nicht aus Fehlallokationen, die von aufgeblähten Aggregaten begleitet werden. Wie diese Arbeit bisher argumentierte, ist eine sinnvolle Zusammenführung dort zu suchen, wo Bewegungen des aggregierten Outputs in die österreichische Theorie eingebaut werden können. Mit Beachtung dieser Bewegungen (Überkonsumption sowie Überinvestition), umgreift die österreichische Theorie die Mainstreamökonomie, während sie zeitgleich ihre eigene innere Logik erweitert.

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Fußnoten

1 Die frühsten Darstellungen der Theorie fokussierten sich auf unterschiedliche originäre Ursachen. Mises (1978, 135) folgte Lord Overstone (und Knut Wicksell) und glaubte, dass eine „exogene Ursache“ (outside stimulus), wie zum Beispiel technologischer Wandel, und nicht Kreditexpansion den Aufschwung auslöste. Hayek ([1928] 1975, 143-48) glaubte, dass in einem Umfeld, in dem Bankkredit elastisch angeboten wird, meist jedwede reale Änderung einen Aufschwung auslösen konnte. Dementsprechend schlussfolgerte er, dass der zyklische Prozess „mit der existierenden Organisation des Kredits immer wiederkehren muss und es daher eine im ökonomischen System inhärente Tendenz sowie eine endogene Theorie im wahrsten Sinne des Wortes ist.“ (Emphase im Original) Seine umfangreichste Analyse (Hayek [1935] 1967, 54) konzentrierte sich allerdings auf „den Fall, der in der Praxis meistens vorgefunden wird: den Fall der Geldschaffung, wobei das Geld den Produzenten in Form von Krediten gegeben wird.“

2 Die Fußnote ist in „The Monetary Policy of the United States after the Recovery from the 1920 Crisis“ (in Hayek 1984) zu finden und ist ein Auszug einer längeren Arbeit, die zuerst auf Deutsch 1925 veröffentlicht wurde.

3 Die Benutzung des Adjektivs erzwungen und des Präfixes über, reflektiert die allgemeine Benutzung in der Literatur. Die doktrinären Probleme könnten geschliffen werden, wenn man erzwungenes Sparen mit dem gegensätzlichen erzwungenen Konsum oder Überkonsumption mit dem gegensätzlichen Übersparen kontrastiert.

4 Ohne sich direkt auf die Österreicher zu beziehen, benannte Milton Friedman (Brimelow 1982, 6) mindestens einen Fall hoher Zinsen am Vorabend des Abschwungs mit „Notkredit-Aufnahme“ (distress borrowing) der Geschäftswelt.

5 Die Verweise auf Strigl und Machlup verdanke ich Richard Ebeling, welcher eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Fritz Machlup and His Early Writings: A Summary and Appreciation“ bei dem Southern Economic Association Treffen in New Orleans im November 2002 vorstellte. Ebeling demonstrierte auf Grundlage einer handschriftlich festgehaltenen Machlup Vorlesung von 1933, welche als Datei bei der Hoover Institution festgehalten war, dass sich Machlup vollständig im Klaren über die Unterschiede zwischen Hayek und Strigl bezüglich der Überkonsumption war. (Machlups Verständnis von Strigl basierte auf einem Konferenzpapier, das Strigls Buch vorausging.) Ebeling bemerkte außerdem die Ähnlichkeit zwischen Strigls Betrachtung der kreditinduzierten Störungen des Produktionsprozesses in seinem Werk Capital and Production ([1934] 200, 130-31) und meiner eigenen graphischen Repräsentation in Time and Money (Garrison 2001, 69).

6 Wir können uns dennoch vorstellen, dass vor dem Hintergrund, dass Hayek die Idee der erzwungenen Ersparnisse (also der Fehlinvestitionen) vor seiner englischen Zuhörerschaft 1931 zu verteidigen hatte (Robinson 1972), nicht besonders erpicht darauf war, das zeitgleiche Auftreten von Überkonsumption zu erwähnen.

7 Hayek schenkt Spiethoffs Analyse in seiner Bestandsaufnahme „The Present State and Immediate Prospects of the Study of Industrial Fluctuations“ Aufmerksamkeit. Der Artikel erschien zuerst auf Deutsch in der Festschrift für Arthur Spiethoff im Jahre 1933 und ist übersetzt in Hayek [1939] 1975, 171-82 zu finden.

8 Konsistent mit diesen und ähnlichen Äußerungen baut Bruce Caldwell (1995, 16) in seine Definition von erzwungenen Ersparnissen den Konsumverzicht mit ein: „[Die Konsumenten] werden gezwungen weniger zu konsumieren als sie es sich wünschen; Hayek nannte dieses Phänomen folgerichtig erzwungenes Sparen.

9 Ohne sich auf Hicks Kritik zu beziehen, führte Tyler Cowen (1997, 97) das Verzögerungsproblem in Bezug auf die Erst-, Zweit- und Drittempfänger des neuen Geldes ein. Sobald das neue Geld durch die Hände der Geschäftsbanken, Kreditgeber und Faktoreigentümer ging, werden diese Faktoreigentümer es im Einklang mit ihren unveränderten Spar-/Konsumpräferenzen ausgeben. Daher versagt die österreichische Theorie nach Cowen darin, zu erklären, wie der Aufschwung aufrechterhalten werden kann, nachdem die Drittempfänger des neuen Geldes dieses wieder ausgegeben haben.

10 Hayek war sich niemals dessen bewusst, dass das Phänomen der Überkonsumption entscheidend war, um effektiv auf die Kritiken von Sraffa und (später) John Hicks zu antworten. Anstatt Überkonsumption zuzulassen, antwortete Hayek ([1969] 1978) mit seiner Honigberg-Analogie, um die Auffassung einer substantiellen Verzögerung zwischen erhöhten Investitionsausgaben und den nachfolgenden Konsumanstieg zu unterstützen. (Geld in die Ökonomie zu geben, ist wie Honig in ein Fass zu gießen: Wo der Honig die Oberfläche berührt, formt sich ein Hügel und dieser bleibt solange wie weiter gegossen wird. Analog dazu treten dort Fehlallokationen auf, wo das Geld in die Ökonomie gegeben wird und diese bleiben solange der Geldzufluss anhält.) Verständlicherweise fand Hicks die Analogie nicht hilfreich. Überkonsumption in Betracht zu ziehen, wäre auch kritisch für Hayek gewesen, um eine schlüssige Sicht von Auf- und Abschwung anzubieten, die man wohlwollend mit Keynes Sicht hätte vergleichen können. Wenn er auch nur spärlich wahrgenommen hatte, dass es hier ein Problem mit seiner eigenen Formulierung gab, könnte das Fehlen einer fertigen Lösung plausiblerweise einen Teil der Antwort auf die Frage, die Bruce Caldwells (1998) zurecht aufwarf, gewesen sein: „Warum hat Hayek nicht Keynes Allgemeine Theorie rezensiert?“ So eine Antwort ist nicht in der „teilweisen Antwort“ von Susan Howson (2001) inbegriffen, aber widerspricht ihr auch nicht.

11 Die graphische Darstellung ist von Garrison 2001 übernommen – einem Buch in dem Probleme von Denkschulen, wie die hier behandelten, nicht die tragende Rolle spielen.

12 Die PMK der Abbildung 2 zeigt alle Kombinationen aus Konsum und Investitionen, die nachhaltig sind. Dies impliziert, dass alle Punkte, die über diese Kombinationen hinausgehen, nicht nachhaltig sind. Normalerweise werden graphische Hilfsmittel, wie die meinen, mit einer markierten Fläche versehen für den Bereich, der außerhalb der nachhaltigen Kombinationen liegt. Dieser wird dann meist als „unerreichbar“ beschriftet. Wenn man es genau überdenkt, ist dies für Punkte, die sehr weit außerhalb der PMK liegen, richtig. Allerdings meinen viele dieser Darstellungen mit der Kurve selbst die Punkte, die Vollbeschäftigung und volle Auslastung der Kapitalgüter garantieren. Für makroökonomische Betrachtungen sollte man sich deshalb bewusst machen, dass „unerreichbar“ hier eigentlich „nicht nachhaltig“ bedeutet. Eine Ökonomie, die sich zum Beispiel kurzzeitig unterhalb der natürlichen Arbeitslosigkeit befindet, würde auch einen Output generieren, der außerhalb der PMK liegt. Das Gleiche gilt für eine Ökonomie, die ihre Kapitalgüter über das gesunde Maß hinaus ausnutzt. Sie würde auch einen „unerreichbaren“ Output generieren. Es ist also wichtig festzuhalten, dass aus makroökonomischer Perspektive die PMK nur eine ökonomische und keine physikalische Grenze darstellt. Nur mit diesem Verständnis ist sie nützlich.

13 Wurde ein Aufschwung mehrheitlich durch erhöhte Ersparnisse als durch Kreditexpansion ausgelöst, würde sich die Ökonomie entlang der PMK zu dem kleinen Punkt rechts von dem Ausgangspunkt bewegen.

14 Dieser Begriff wurde wohl in der keynesianischen Literatur eingeführt, um dynamische Prozesse in statische Modelle einzufügen. Eine Woche „week“ ist dort genauestens definiert. Meistens geht es um Unternehmerentscheidungen. Es wird dort angenommen, dass es höchstens eine Geschäftswoche dauert, bis sich gewisse Effekte zeigen. Vgl. John Hicks (2001): His Contributions to Economic Theory and Application, S. 58.

15 Im englischen Original heißt es “dueling production structures”.

16 Die Folgen einer Ausweitung von Transferleistungen, bei der das Geld zuerst an die Konsumenten gereicht wird, würden einer Änderung in der Richtung des Konsums entsprechen. Siehe Garrison, 2001, S.76.

17 In mancherlei Hinsicht spricht einiges dafür, zwischen erzwungenen Ersparnissen relativ zu dem Maximum an Überkonsumption und relativ zu dem Vor-Aufschwungsniveau zu unterscheiden.

18 Es sollte festgehalten werden, dass wenn die Zentralbank an diesem Punkt des Zyklus die Zinsen aggressiv niedrig hält, die stagnierende Nachfrage nach Investitionsgütern möglicherweise durch einen Anstieg der Nachfrage nach Konsumgütern ausgeglichen wird, der den Anpassungsprozess noch schwieriger macht.

19 Dieses Verständnis von Hayek stammt aus Garrison (1995), in dem Überkonsumption keine Rolle für den Boom und Bust Zyklus spielt. Die Berücksichtigung von Bewegungen, die über die PMK hinausgehen (sowohl Überkonsumption als auch Überinvestition), in Garrison (2001) zeigt eine kritische Differenz zwischen diesen beiden Auslegungen. Hier kann die 2001’er Variante mit einer höheren logischen Konsistenz aufwarten. Machlup legte auch eine Interpretation von Hayeks Formulierungen vor, dies wurde von Ebeling berichtet (2002, S.8), die berücksichtigte, dass im Endeffekt der Aufschwung und die folgende Rezession durch Bewegungen entlang der PMK darstellbar sind: „Hayek stellt fest, dass zusätzliche Kredite die Nachfrage nach Kapitalgütern steigern würde, und dass die Produktion von Produktionsgüter auf Kosten der Konsumgüterproduktion ausgedehnt wird. Erst zu einem späteren Zeitpunkt verwandelt sich der eingesetzte Kredit in das Einkommen von angestellten Arbeitnehmern, …welches in der Folge die Nachfrage nach Konsumgütern erhöht und die Unprofitabilität der aufgeblähten Kapitalgüterindustrie offenlegt.“ Machlup hielt somit Strigels Formulierung in dieser Sache der Hayekschen für überlegen.

20 Obwohl diese Differenzierung konsistenter mit Mises Betonung der Überkonsumption ist, unterstellt dieses Verständnis wiederum, dass Mises eigene Ausführungen zu den „Gegenbewegungen“, welche, auf den Punkt gebracht, das Verhältnis zwischen den Preisen für Konsumgüter und den Preisen für Kapitalgüter meinen, inadäquat ist.