Folie1

Tradition und Liberalismus in der Globalisierung

Gastbeitrag von Christoph Sprich

Müssen die alten Zöpfe ab?

Freiheitsfreunde hassen Zwang. Auch den Zwang durch traditionelle Bindungen. Denn wahre Freiheit, das ist die Abwesenheit von Zwang. In dieser Sichtweise erscheinen Traditionen als Einschränkung oder sogar als Zwang. Das Ablegen alter Zöpfe kommt also einem Befreiungsschlag gleich, sollte man meinen.

Viele Sozialphilosophen und liberalen Denker folgten diesem Gedanken. Etwa Denker der französischen Aufklärung wie René Descartes, Rationalist und „Großvater der Revolution“ (Friedrich Nietzsche). Für ihn war die Geschichte quasi ein Museum für veraltetes Denken. Auch für Denker des Sozialismus wie Lenin spielte das Abschütteln von Traditionen eine große Rolle.

So eingestellten Denkern und Politikern geht es im Kern darum, dass Menschen ihr Leben frei nach ihren eigenen Zielen und Vorstellungen ausrichten können. Um das zu ermöglichen, wollen sie eine neue Gesellschaft bauen, von Grund auf neu. Die traditionelle Ordnung der Gesellschaft muss bekämpft werden. Hauptangriffsziele in diesem Kampf waren und sind Familie, Religion und Privateigentum – die Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft. Beispielsweise sieht man in der Institution der Ehe einen solchen alten Zopf. Die starre Form dieser Tradition engt ein. Sie steht im Weg, wenn man eine moderne Beziehung führen, eine moderne Familie aufbauen will.

„Rools as tools“ – Traditionen ermöglichen Rationalität

Offener gegenüber Traditionen sind die freiheitlichen Denker der angelsächsischen Tradition. Liberale wie John Locke, Adam Smith oder Friedrich August von Hayek sehen keinen Widerspruch zwischen den traditionellen, bürgerlichen Gesellschaftsformen einerseits und den Möglichkeiten zu selbstbestimmtem Leben andererseits. Der Grund dafür liegt in einer anderen Auffassung darüber, was die Natur des menschlichen Geistes ausmacht. Das sieht man etwa beim Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek. Er betrachtet die Gesellschaft aus einer erkenntnistheoretischen Perspektive und begreift Traditionen als Wissensspeicher unserer Zivilisation. In einem Prozess der „Kulturellen Evolution“ bilden sich Werte, Normen und Verhaltensweisen über viele Menschengenerationen heraus. Schlechte Verhaltensweisen werden nicht bewahrt, erfolgreiche in Form von Traditionen gespeichert. Diese Traditionen werden von Heranwachsenden erlernt, weitergegeben, vermischen sich mit dem Wissensschatz anderer Kulturen. Traditionen sind der Werkzeugkasten unseres Geistes. Sie helfen uns, künftige Probleme zu lösen (Hayek: „rools as tools“). Auch für Karl Popper ist die Menge der überlieferten Traditionen, seine „Welt 3“, der Wissensspeicher der Zivilisation. In dieser Sichtweise würde man Traditionen als willkommene Hilfsmittel bei der Erfüllung von Lebenszielen begreifen. So etwa die Ehe. Sie ist ein „historisch zertifiziertes“ Werkzeug zur Lösung der vielfältigen zwischenmenschlichen Probleme, die durch partnerschaftliche Bindungen entstehen können.

Der Verzicht auf Tradition nützt dem Staat mehr als der Freiheit

Während die französisch geprägten Denker also eher darum besorgt sind, dass der Mensch seine Vernunft zur Geltung bringen kann, betrachten die Angelsachsen eher die Quellen der Vernunft. In beiden – gleichermaßen liberalen – Sichtweise ist die Vernunft der Maßstab des Handelns und ihre Entfaltung das höchste Ideal. Während die französischen Liberalen Tradition aber eher als Hindernis sehen, ist Tradition für angelsächsische Denker eher das Instrument zur Entfaltung freien Handelns. Die Sichtweise der angelsächsischen Denker führt uns zu einem respektvollen Umgang mit Tradition. Respektvoll deshalb, weil der Verzicht auf Traditionen Wissenslücken in der Gesellschaft hinterlassen würde. Lücken im sozialen Gefüge, die ein immer mächtigerer Staat füllen würde. Das Abschneiden alter Zöpfe kann unter Umständen eine hässliche Glatze zurücklassen.

Das zeigen nicht nur erkenntnistheoretische Ökonomen, sondern auch die Geschichte seit den Revolutionen. Die Erosion der Institutionen Familie, Religion und Privateigentum, die teilweise planvoll vorangetrieben wird, hat sicherlich in gewisser Hinsicht Freiheiten eröffnet. Die entstandenen Lücken wurden aber fast durchweg durch den Staat gefüllt. Sei es durch Umverteilung, sei es durch soziale Sicherung, durch kollektive Kindererziehung oder durch zentralistische Information der Massen. Einhergegangen ist das mit drastisch gestiegener Regulierung und Besteuerung. Der große Profiteur beim Ablegen alter Zöpfe ist also nicht die Freiheit, sondern der Staat.

Liberale Politik schafft Tradition nicht ab – sie fördert ihre Entwicklung

Allerdings sind nach meiner Einschätzung die Zeiten vorbei, in denen sich die Staatsmacht immer weiter ausdehnt. In der Globalisierung nehmen die Einflussmöglichkeiten der Staaten wieder ab. Finanziell, aber auch kulturell. Standortwettbewerb engt Staatshaushalte ein. Geopolitische Herausforderungen und zunehmende Migration drängen den Rechtstaat wieder stärker in seine Kernaufgaben. Sozialstaatliche Experimente und gesellschaftlicher Konstruktivismus mit dem Ziel der Überwindung von Traditionen wird schwieriger. Wir werden zunehmend darauf angewiesen sein, unsere sozialen Probleme auf traditionelle Weise zu lösen. Beispiel Ehe. Ganz unabhängig vom Staat ermöglicht sie soziale Sicherheit und Planbarkeit. Sie hilft Menschen, ihr Leben selbstbestimmt planen zu können. Traditionen wie Familie, Religion und Privateigentum gewinnen in der globalen Bürgergesellschaft an Bedeutung.

Eine Zunahme an sozialem Zwang ist dadurch nicht zu befürchten. Worauf es ankommt, ist, dass niemand dem Anderen traditionelle Werte, Normen und Verhaltensweisen aufzwingen kann. Für Liberale sind Traditionen willkommene Werkzeuge, aber nicht der Sinn der Gesellschaft. Das unterscheidet uns von Konservativen.

Außerdem kommt es gerade in unserer Zeit des raschen Wandels darauf an, dass sich die „sozialen Werkzeuge“ weiter entwickeln können. Kulturelle Evolution muss zugelassen, ja gefördert werden. Darin besteht die ordnungspolitische Hauptaufgabe liberaler Politik: nicht in der Überwindung von Traditionen. Sondern in Kultivierung des Bodens, auf dem sich Traditionen so fortentwickeln können, dass sie uns bei der freien Lebensgestaltung helfen.

 

Quelle: erschienen als Leitartikel im freiraum, dem Magazin der Stipendiaten und Altstipendiaten der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Ausgabe #52, 4|16 im Dezember 2016.