Toxisches Establishment

Die Bürger in den hochentwickelten Ländern sind frustriert über ein Establishment aus Wirtschaftsexperten, etablierten Politikern und dominanten multinationalen Konzernen. Diese Ansicht vertritt Mohamed El-Erian. Der Chefberater der Allianz und Vorsitzende des Global Development Council von US-Präsident Obama prägte in einem Beitrag für das Handelsblatt den Begriff „toxische Politik“.

Wie giftig eine Allianz aus Big Government und Big Business einschließlich internationaler Experten sein kann, dafür bietet die Geschichte reichhaltiges Anschauungsmaterial. Der sogenannte Washington Consensus sorgte durch sein makroökonomisches Regierungs- und Gesellschaftsmanagement beispielsweise dafür, dass in einer Reihe von Staaten in Nah-/Mittelost eine vermeintliche Liberalisierung die Herrschenden bereicherte während die Bevölkerung verarmte – die Folge: Brotunruhen, etwa 2008 in Ägypten, gefolgt vom Aufbegehren im Arabischen Frühling. Mangelhafte Ernährung und Hunger waren bereits 150 Jahre zuvor der Anlass für eine indes tatsächlich liberale Reform. Die Manchester-Kapitalisten, organisiert in der Anti-Corn-League, trotzten mit massenhafter Unterstützung der Bevölkerung der Allianz aus ländlicher Aristokratie und Regierung in England Freihandel ab.

Mohamed El-Erian hat eine bedeutende dritte Gruppe vergessen, die regelmäßig zur toxischen Politik beiträgt: die Bürokratie. Die Bürokratisierung stellt eine dunkle Bedrohung dar. Wie künftig ein solches Gebräu aus Big Government und Big Business zusammen mit der vergessenen Bürokratie aussehen könnte, schildert die gleichermaßen anregende wie verstörende Dystopie „Jonas, der letzte Detektiv“ von Michael Koser. In 40 Hörspielfolgen werden 40 Fälle des letzten Freiberuflers, Detektiv Jonas, in der Metropole Babylon geschildert. Ärzte sind in der Megacity längst Staatsangestellten geworden. Künstler haben als Medienbeamte einen Pensionsanspruch. Jonas bewundert als Nostalgiker die Detektiv Noir Helden von Raymond Chandler (Philip Marlowe) und Samuel Hammett (Sam Spade), gespielt von Humphrey Bogart. Sein Stammlokal heißt Casablanca. „Jonas, nur Jonas“, verkörpert als Antiheld selbst ein wenig diese Detektive; er trägt zudem Züge von James Bond und einem kriegserfahrenen Söldner. Eigentlich stehen er und sein sprechende Computer Sam im Mittelpunkt. Bemerkenswert ist jedoch, wie sehr er immer wieder zwischen die Räder der total bürokratisierten Welt gerät. In Babylon wird der Wert eines Menschen zentral festgelegt. Das Ranking, zumeist nach dem Beruf als vermeintlichem Wert für die Gesellschaft bemessen, ist mit einer Berechtigung für eine festgelegte Wohnungsgröße verbunden. Jonas wohnt und arbeitet in der 20 qm Klasse. Seine zeitweilige Lebensgefährtin Judith beginnt als Regierungsrätin in der 40 qm Klasse. Wer eine Organtransplantation benötigt, wird ebenfalls nach einem berufsbezogenen Punktesystem gereiht – entsprechend blüht der Schwarzmarkt. Alle Menschen beziehen ein Grundeinkommen, das Volksrente heißt. Zugleich stellt die Berieselung mit Holo-TV, eine Art 3D-Fernsehen, die Menschen ruhig, manipuliert und desinformiert sie. Autos sind verboten, aufgrund einer Dekarbonisierungsstrategie. E-Autos können sich nur Reiche leisten. Datenschutz gibt es kaum, hingegen eine weitreichende Erfassung persönlicher Merkmale und Vorlieben, darunter Hobbys.

61ywpsq0ehl-_sx258_bo1204203200_Die Fälle des letzten Detektivs handeln von Wirtschafts- und Staatskriminalität, von Organhandel und Umweltverschmutzung, von den Machenschaften, die die mitunter perfide Allianz von Big Bureaucracy und Big Business nach sicht zieht. Euthanasieprogramme werden mehrfach erprobt, nicht zuletzt um das „Überbevölkerungsproblem“ in der staatlichen Mangelwirtschaft zu lösen. Eine umfassende Überwachung ist Bestandteil der autoritär-bürokratischen Herrschaft, kann aber Terrorismus nicht verhindern. Massenzuwanderungsversuche aus der Drittwelt werden an Grenzmauern der Vereinigten Staaten von Europa mit Waffengewalt abgewehrt.

Es ist erstaunlich wie viele aktuelle Themen in den Folgen enthalten sind, die bereits ab den frühen 1980er Jahren ausgestrahlt wurden und in einer Welt der Jahre 2009 bis 2017 spielen. Die Währung ist übrigens der Euro, mit Cent als Untereinheit.

Die düstere, bedrohliche, chaotische und willkürliche Welt erinnert an das Reich des Bösen, die Sowjetunion, ähnelt indes mehr einer EUrokratie. Zu Wohlstand kommen diejenigen, die in der staatlichen Hierarchie oder in den Konzernen aufsteigen – je staatsnäher umso privilegierter. Die Bürger der Vereinigten Staaten von Europa sind frustriert und der Bürokratie hilflos ausgeliefert.

Sciencefiction-Romane nehmen immer wieder einen Teil der Zukunft vorweg. Angesichts der toxischen Politik heute und wachsenden Neigungen zu autoritären Alternativen angesichts des massiven Elitenversagens gibt das Anlass zur Sorge.

Michael von Prollius