Sind wir nicht alle ein wenig rechtsradikal?

Vor Gericht und auf hoher See … kann man nicht erwarten, das angestrebte Ziel zu erreichen. Auch wer sich im Recht fühlt, sogar Recht hat, bekommt nicht zwangsläufig ein Urteil, das er als gerecht empfindet. Juristen können beim Haare spalten schon einmal kahle Stellen verursachen.

Das liegt auch daran, dass gerade politische Begriffe schwammig verwendet oder gar ins Gegenteil verkehrt werden. Ein Beispiel: Höhe und Trend von Staatsquoten, Regulierungsausmaß und Zentralisierung widersprechen der gängigen Behauptung, wir würden in einer neoliberalen Welt leben.

Einer der herausragenden Intellektuellen in Berlin, Jörg Baberowski, hat nunmehr einen Freispruch dritter Klasse kassiert. Der Bremer Asta darf den ausgezeichneten HU-Prof. weiter als rechtsradikal bezeichnen. Vorwürfe des Rassismus, der Hetze und der Gewaltverherrlichung habe der Asta indes zu unterlassen.

Würde ich mich auf das Niveau der Bremer einlassen, könnte ich sagen: So what? Linksversiffte Ideologen haben derart viel Aufmerksamkeit nicht verdient – was klagt er auch. Erst jetzt erinnere ich mich wieder an die linksradikalen AStA-Typen an der FU in meiner Studienzeit. In der bundesrepublikanischen Öffenatlichkeit wirkt die rechtsradikale Keule indes immer noch. Was hilft ist nur Vernunft, Widerrede und Humor. Also: Für mich ist Jörg Baberowski ein glänzender Intellektueller und Historiker. Die Rezensionsabende im Literaturhaus Berlin (zs. mit Bisky und Schnitter) sind stets eine geistige Freude. Politisch würde ich ihn eher linksliberal einschätzen. Als Wissenschaftler ist er anerkannter Experte für die Geschichte Osteuropas und für Gewaltforschung. Sein Vergleich von stalinistischem und nationalsozialistischem Terror gehört für mich zur Pflichtlektüre. Bleibt noch Bremen. Der geistige Horizont des AStA scheint sich auf den des größten Tiers der Stadtmusikanten reduziert zu haben.