Pikettys Anthologie von Irrtümern

Ein Kommentar zum Buch von Thomas Piketty: „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Hubert Milz

Auf einem Symposium des Lord Acton Kreises, einem lockeren Kreis von wirtschaftsliberal orientierten Katholiken, im vergangenen Herbst in Wien wurde Thomas Pikettys Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ eingehend analysiert und einer systematischen Kritik unterzogen. Als Grundlage dienten unter anderem zwei Texte, die sich mit den Thesen Pikettys aus der Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie auseinandersetzen. Der eine Text stammt von George Reisman (Los Angeles), einem Schüler von Ludwig von Mises, – der Text ist als Kindle Buch unter dem Titel „Piketty’s Capital: Wrong Theory Destructive Program“ erhältlich. Der andere Text stammt von Juan Ramón Rallo, Direktor des „Instituto Juan de Mariano“ in Madrid, und stellt eine online publizierte Artikelserie in spanischer Sprache mit dem Titel „Leyendo a Piketty“ dar. Der folgende Bericht fasst die Hauptergebnisse der kritischen Auseinandersetzung zusammen, wie sie während des Wiener Symposiums erarbeitet wurden.

Zunächst einige allgemeine Bemerkungen zum Piketty-Problem, die mehr oder weniger durchgehend für alle Kapitel des Buches Geltung haben:

1. Ungleichheit der Vermögens- und Kapitalverteilung als zentrales Thema

Ganz offensichtlich ist für Piketty die Ungleichheit der Vermögens- und Kapitalverteilung das Problem per se. Piketty ist der Meinung, dass größere Ungleichheiten in der Vermögensverteilung untragbare soziale Spannungen und Verwerfungen verursachen müssen. Außerdem ist Piketty der Ansicht, dass Kapitalgewinne grundsätzlich ohne jegliche Leistung entstehen und demzufolge schon an und für sich moralisch verwerflich sind. Pikettys Begründungen für diese Annahmen sind m. E. mehr als nur anfechtbar.

Piketty will seinen Standpunkt mit Hilfe der Menschenrechtserklärung der „Französischen Revolution“ verdeutlichen, indem er als Motto für sein Buch den 1. Artikel der „Erklärung der Menschenrechte“ der „Französischen Revolution“ von 1789 wählt: „Gesellschaftliche Unterschiede dürfen nur im allgemeinen Nutzen begründet sein.“ Trotz dieses Mottos spielt für Piketty der allgemeine Nutzen nur eine verschwindend kleine Nebenrolle, eine Statistenrolle! Piketty zeigt nur an einem Drittel der Kokarde „Liberté, Égalité, Fraternité“ der „Französischen Revolution“ Interesse – und dies ist die „Égalité“. Auch wenn Piketty dies nicht explizit anmerkt, ist sein Ziel die Gleichmacherei und keineswegs die Gleichheit.

Piketty hat seine Geschichte allerdings in einem sehr suggestiven Stil formuliert, so dass darauf zu achten ist, beim Lesen nicht von diesem Sog eingefangen zu werden und das Buch dann unkritisch und unaufmerksam zu lesen.

2. Empirische und methodische Unzulänglichkeiten

Piketty arbeitet bezüglich der Erfassung und Darstellung seiner Geschichte mit umfangreichem empirischen Material. Das Material soll nach Möglichkeit das weltweite Vermögen mittels statistischer Diagramme spiegeln. Oftmals zeigen Piketty-Diagramme jedoch nur die Daten von wenigen Ländern, und er argumentiert häufig nur mit französischen Daten, weil insbesondere in Frankreich die Steuerbehörden schon im 18. Jahrhundert mit der Erfassung von Vermögen begonnen haben. Seine statistischen Zeitreihen sind vielfach unsauber in der Methodik, denn er kombiniert in seinen Schaubildern oft gänzlich unterschiedliche Zeitreihen miteinander.

Zwischen Kapital und Vermögen wird bei Piketty nicht unterschieden, tatsächlich weist er explizit daraufhin, dass er Kapital und Vermögen der Einfachheit halber synonym verwendet.

Piketty formuliert etliche Annahmen, mit denen er jongliert, ohne dass er sich dabei festlegt, denn er relativiert seine Annahmen ständig: „Es kann so sein … es kann auch anders sein“. Im Grunde nimmt Piketty jedwede Annahme, die er irgendwann im Text aufgestellt hat, an irgendeiner anderen Stelle des Buches wieder zurück bzw. weicht seine Behauptungen durch Relativierungen wieder auf. Somit hält sich Piketty geschickt sämtliche Optionen für eine Diskussion offen; so ist er in der Lage, der Kritik an irgendeiner seiner Annahmen durch Verweis auf seine relativierenden Nebenbemerkungen auszuweichen.

Nichtsdestotrotz ist in der Zusammenschau der „rote Faden“ des Buches doch klar zu erkennen. Piketty verficht vehement eine rigorose Umverteilung des privaten Kapitals bzw. des privaten Vermögens. Das ist Pikettys höchstes Ziel, wobei ihm das oben erwähnte Motto zum Allgemeinwohl im Grunde genommen völlig gleichgültig ist.

Mit Blick auf das 19. Jahrhundert gibt es für Piketty nur drei Ökonomen, die ideengeschichtlich erwähnenswert sind: Thomas Robert Malthus, David Ricardo und Karl Marx. Denn diese drei „klassischen Ökonomen“ haben für Piketty die richtigen Fragen zur Verteilung, zum Arbeitslohn und zur Grundrente gestellt. Doch alle drei haben – gemäß Piketty – zwar die richtigen Fragen, aber die falschen Antworten gegeben. Die beste Note erhält Marx von Piketty, denn dieser habe die „Tiefenstruktur“ des Kapitalismus entdeckt. Piketty selbst ist kein „klassischer Ökonom“, sondern steht auf dem Boden der neoklassischen Theorie des „Allgemeinen Gleichgewichts“.

Piketty betont, dass er die Planwirtschaft des sogenannten real existierenden Sozialismus, der 1989/90 unterging, ablehnt. Piketty zeigt jedoch seine Sympathien für Etatismus, Interventionismus und Sozialdemokratismus bemerkenswert deutlich und offen. Auch Pikettys Sympathien für den ursprünglichen Karl Marx springen beim Lesen geradezu ins Auge.

Vermögende Leute bzw. Kapitalisten sind für Piketty nur „Rentiers“. Piketty verweist dazu gerne auf die Romane von Jane Austen oder Honoré de Balzac, die für ihn die Welt der vermögenden „Rentiers“ im 19. Jahrhundert realistisch geschildert haben. Piketty selbst erzählt seine Geschichte vornehmlich so, als ob die Welt der „Rentiers“ des 19. Jahrhunderts auch die Welt des 21. Jahrhunderts wäre.

Kritik der Kernaussagen Pikettys

Die Hauptthese Pikettys ist, dass im Kapitalismus die Kapitalrendite (r) langfristig das Wirtschaftswachstum (g) übersteigt: r > g, so lautet Pikettys Grundformel. Dabei wird „r“ für Piketty durch die Grenzproduktivität des Kapitals bestimmt.

Pikettys Ausführungen zur Grenzproduktivität des Kapitals sind eindeutig „neoklassisch“. Das neoklassische Standard-Modell ist so angelegt, dass im Modell eine Sicht verankert ist, die dauerhafte Produktionsmittel mit einem homogenen Kapitalstock impliziert, der sich stets wie von selbst erneuert. Damit unterschiedet sich diese Sichtweise grundlegend von der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“; schon Eugen von Böhm-Bawerk wandte sich gegen die Sicht eines homogenen und sich wie von selbst stets neu regenerierenden Kapitalstocks, der als solcher Zinsen abwirft. In Anlehnung an Böhm-Bawerk kann man eine solche Kapital- und Kapitalzinstheorie als „mystisch“ und „statisch“ bezeichnen. Kapital ist mit unternehmerischer Kreativität einzusetzen, um einen Zins abzuwerfen; einen automatischen Zins des Kapitals gibt es nicht. Die Kapitalrendite und auch die Zinsen hängen zudem nicht von der Grenzproduktivität des Kapitals ab, sondern sind abhängig von der Zeitpräferenz der einzelnen Menschen und deren Bereitschaft unternehmerische Risiken einzugehen. In der mystischen Kapitaltheorie der neoklassischen Chicagoer Schule verortete Friedrich August von Hayek die Basis des Keynesianismus. Der Chicagoer Schule und den Keynesianern warf Hayek vor, dass ihre ökonomischen Ansätze ohne Nutzen sind, da es ihnen an einer systematischen Kapitaltheorie mangele. Diesen Vorwurf kann man mit Fug und Recht auch Piketty machen.

Für das Kapital-Einkommen-Verhältnis verwendet Piketty das Symbol b. Gemäß Piketty beläuft sich b in den reichen Staaten, also den alten, saturierten Industriestaaten, auf „6 zu 1“. Das akkumulierte Kapital hat demnach einen Wert, der sechsmal höher ist als das jährliche Nationaleinkommen.

Dieses Verhältnis spiegelt indes nur die Kapitalausstattung einer Volkswirtschaft. Eine Aussage bezüglich bestehender Ungleichheiten lässt sich aus einem solchen Verhältnis keineswegs ableiten. Das gesteht auch Piketty zu. Die Art und Weise, in der Piketty diesen Umstand beschreibt, soll dem Leser jedoch suggerieren, dass in diesem Verhältnis eine der wesentlichen Quellen der – für Piketty ungerechten – Ungleichheiten zu finden ist.

Die Begründung bleibt Piketty allerdings schuldig! Dazu ist Piketty auch nicht in der Lage, weil gerade eine wettbewerbsfähige, technisch gute und stattliche Ausstattung einer Volkswirtschaft mit produktivem Kapital eine Grundbedingung für eine allgemein gute Versorgung der Bevölkerung mit Gütern bildet. Gerade hier blendet Piketty die „allgemeine Wohlfahrt“ aus – die mannigfaltigen Wohlstandsgewinne erzeugt der „Kapitalismus“ auch für die untersten Schichten der Gesellschaft. Stattdessen versucht Piketty durch Stil und Wortwahl den Leser zu einem Gegner des Kapitals zu machen.

Piketty stellt zwei Grundgesetze des Kapitalismus auf:

  1. Grundgesetz => (a = r . b), „a“ symbolisiert den Anteil der Kapitaleinkünfte am Nationaleinkommen und ist das Produkt aus der Kapitalrendite r und dem Kapital-Einkommen-Verhältnis (b). Dass dieses Grundgesetz eigentlich nur eine „rein rechnerische Gleichheit“ und „Tautologie“ ist, räumt auch Piketty ein.
  2. Grundgesetz => (b = s / g). Demnach ist das Kapital-Einkommen-Verhältnis determiniert durch die Sparquote (s) und die Wachstumsrate (g).

Piketty unterscheidet nicht zwischen Kapital und Vermögen. Ob er dabei tatsächlich die Netto-Vermögen ohne Schulden meint, ist ziemlich fraglich, auch die Wirkungen und Folgen des Leverage-Effektes werden von Piketty außen vor gelassen. Ein Beispiel: Wenn Immobilien als Sicherheit dazu dienen, neue Kredite zu generieren, um damit wiederum Immobilien zu erwerben, die wiederum als Sicherheit für weitere Kredite herhalten, so ergibt dies eine vermehrte Nachfrage, die die Immobilienpreise ansteigen lässt. Dies sind jedoch nur „Bubbles“ auf Immobilienvermögen in Folge des Schuldenmachens, und es scheint nur solange das Spiel anhält, als ob die „Reichen“ reicher würden.

Humankapital rechnet Piketty nicht zum Kapital. Humankapital kann es gemäß Piketty nur geben, wenn es Sklaven gibt, die auf Sklavenmärkten gehandelt werden. Auch hier versucht Piketty den Leser auszutricksen; Humankapital steht keineswegs eindimensional für Sklaverei, sondern für das vielfältige Wissen und Können des erwerbstätigen Menschen, das für andere Menschen wertvoll ist. Das Humankapital respektive die Produktivität sind von entscheidender Bedeutung für die Höhe von Lohneinkommen.

Die vom Eigentümer selber genutzte Wohnung rechnet Piketty zum Kapital, obwohl diese Wohnung zu den langlebigen Konsumgütern zu rechnen ist. Dadurch, dass Piketty den Kapital- und Vermögensbegriff synonym verwendet, wird es ihm leichtfallen, den Beifall von „Otto Normalverbraucher“ zu erhaschen, denn dieser zählt sein Häuschen, für das er in der Regel hart arbeiten und sparen musste, korrekt zu seinem privaten Vermögen. Durch diesen Trick schafft es Piketty auch, die „Eigenmiete“ dem Kapitaleinkommen zuzuschlagen. Dabei ist die „Eigenmiete“ nichts weiter als eine Ausgabe für den Werterhalt der eigenen Wohnung – also Konsum. Anzumerken ist, dass in verschiedenen Staaten die finanzpolitischen Raubritter eine fiktive „Eigenmiete“ zum Einkommen des Nutzers des Eigenheims hinzuschlagen, um ein Mehr an Einkommenssteuer abpressen zu können.

Ferner zählt Piketty den Wertzuwachs bei Immobilien oder Aktien zum Kapitaleinkommen, ohne dabei die Wirkungen der Vermögensblasen korrekt herauszunehmen, deren Ursachen grundsätzlich in der staatlichen Wirtschaftspolitik und ganz besonders in der expansiven Geldpolitik begleitet von der aufgeblähten Staatsverschuldung zu finden sind. Die Wirkungen solcher Blasen werden nicht nur nicht von Piketty herausgerechnet. Vielmehr gelingt es Piketty mittels geschickter, verschleiernder Formulierungen, die Wirkungen der Blasen zu verschleiern. Gewinner und Verlierer der durch die staatliche Politik erzeugten Blasen sind eben nicht dieselben Personen.

Die Akkumulation des Kapitals ergibt sich für Piketty ganz einfach durch die Addition der Vergangenheitswerte des Kapitals. Diese rückwärtsgerichtete Betrachtung. ist falsch, denn der heutige Wert des Kapitals wird durch die zukünftig zu erwartenden Renditen determiniert und eben nicht durch Pikettys Additionen der Vergangenheitswerte. Piketty berücksichtigt nicht, dass der Wert von Kapital aufgrund der erwarteten zukünftigen Renditen zu bemessen ist; diese zukünftige Rendite hängt aber stark vom technologischen Wandel ab, deshalb kann man in einer langfristigen Betrachtung – die Piketty ja macht – nur schwer im Allgemeinen sagen, wie viel ein Kapitalstock heute wert ist. Seine richtige Bewertung und Nutzung und hohe zukünftige Renditen sind gerade eine unternehmerische Leistung, die aber von Piketty geleugnet bzw. ausgeklammert wird.

Piketty verkennt darüber hinaus den Zusammenhang zwischen Kapitalakkumulation und technologischer Innovation. Bei Piketty hängt der Anteil der Kapitaleinkünfte am Nationaleinkommen von zwei Faktoren ab: Von der Höhe des im Laufe der Zeiten akkumulierten Kapitals (b = s / g) und der Substitutionselastizität von Kapital und Arbeit (s). Piketty setzt eine Elastizität von 1,3 bis 1,6 an. Aus dieser Annahme ergibt sich, dass der Anteil des Kapitals am Nationaleinkommen durch stetig wachsenden und höheren Kapitaleinsatz steigen wird. Kapitalisten brauchen nur beständig mehr zu investieren und die hohe Elastizität sorgt dafür, dass durch den vermehrten Kapitaleinsatz die Abnahme der Grenzproduktivität des Kapitals geringer ausfallen wird.

Stetig sich erhöhende Investitionen der Kapitalisten bedeuten für Piketty, dass die Kapitalisten auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung einen immer größer werdenden Anteil am Nationaleinkommen erhalten. Und dies gelte auch bei verschiedenen Konstellationen von Ersparnis („s“) und Wachstum („g“): Kapital kann die Arbeit leicht ersetzen. Das 2. Grundgesetz Pikettys erzeugt, bei einem gemäß Pikettys Annahme sehr kleinen „g“, eine Art Schubkraft zur Steigerung des Anteils des Kapitals am Nationaleinkommen. Für Piketty brauchen die Kapitalisten nur das Kapital wachsen zu lassen, die Hände in den Schoß zu legen und zuzuschauen, wie ihre Einkommen ständig auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung zunehmen.

Eine solche Gesellschaft mit derartigen „Rentiers“ widerspricht – so Piketty – allen Prinzipien, die sich an Leistung und Verdienst orientieren. Dies sind für Piketty Ungerechtigkeiten, die unbedingt zu beseitigen sind, und zwar durch den Einsatz von fiskalischen Maßnahmen, sprich Steuern.

Piketty fordert dementsprechend weltweite Einkommenssteuersätze mit Grenzsteuerbelastungen von über 80%. Flankiert werden müsse die Wirkung solcher Steuersätze auf die Einkommen mittels einer progressiven Kapital-/Vermögenssteuer.

Einen weiteren Hebel zur Gleichmacherei der Vermögen findet Piketty in dem Instrumentarium der Erbschafts-/Schenkungssteuern. Ererbte Vermögen sind Piketty sowieso ein Dorn im Auge, da diese den Erben ungerechtfertigt zu arbeitslosen Einkommen verhelfen würden. Unter Anlehnung an Émile Durkheim findet sich auch bei Piketty bezüglich der Möglichkeiten Vermögen zu vererben mehr oder weniger die Ansicht, dass die Verfügungsrechte über das persönliche Eigentum mit dem Tode enden oder doch stark einzuschränken sind. Deshalb empfiehlt Piketty Erbschaftssteuern, die langfristig praktisch konfiskatorische Wirkung zugunsten des Staates haben.

Wie schon gesagt, Pikettys Sichtweise des Kapitals ist eine neoklassische Sicht. Explizit verwirft Piketty die Zeitpräferenztheorie. Nichtsdestotrotz – und dies ist typisch für Piketty –, wenn es ihm passend erscheint, dann argumentiert er mit der Zeitpräferenztheorie, z. B. hängen etliche seiner Ausführungen an einer neoklassischen Produktionsfunktion, die ganz eindeutig die Zeitpräferenztheorie enthält und akzeptiert.

Die neoklassisch-keynesianische Kritik an Piketty äußert sich z. B. darin, dass bestritten wird, dass die Substitutionselastizität von Kapital und Arbeit zwischen 1,3 und 1,6 liegt. Diese Kritik führt an, dass die Resultate empirischer Untersuchungen regelmäßig zu einer Substitutionselastizität gelangen, die kleiner als „1“ ist. Diese empirischen Untersuchungen sind kurz- bzw. mittelfristiger Art. Piketty jedoch unterstellt eine Substitutionselastizität von größer „1“ für die lange Sicht. Dieser Ansicht werden Vertreter der „Österreichischen Schule“ schwerlich widersprechen. Doch nur bei diesem Punkt; denn Pikettys Gesellschaft der kapitalistischen Rentiers blendet die unternehmerische Leistung völlig aus. Erst das Eigentum an Kapitalgütern, das kreativ und unternehmerisch zum Einsatz kommt – also beispielsweise technischen Fortschritt risikobereit nutzt, vermittelt ein positives Einkommen. Leistung und Verdienst der handelnden Menschen sind bei Piketty völlig abgemeldet; stattdessen erzählt er dem Leser die Geschichte des bequemen, faulenzenden Rentiers, dessen Kapital sich wie von selbst vermehrt und Zinsen abwirft.

Irrtümer, Verwirrungen, Folgen

Pikettys Pläne für eine weltweite konfiskatorische Besteuerung der Einkommen, Erbschaften und Vermögen kann, falls solche Pläne politisch umgesetzt würden, nur die Motivation aller handelnden Menschen hemmen, egal ob Kapitalist oder Arbeiter. Dazu ein etwas utilitaristisches aber doch historisch treffendes Beispiel: Wenn in der Menschheitsgeschichte naturbelassenes Land urbar gemacht wurde, haben an der Kultivierung des Bodens oft drei Generationen einer Familie hart gearbeitet und der vierten Generation fielen die Früchte in den Schoß. Glaubt Piketty wirklich daran, dass im Falle der Realisierung seiner Erbschaftssteuersätze irgendjemand eine derartige Plackerei auf sich genommen haben würde?

Ein anderes Feindbild stellen für Piketty die „Supermanager“ dar, die mit ihren irrwitzigen Zig-Millionen-Gehälter die Aktiengesellschaften ausplündern. Solche Millionengehälter sind für Piketty offensichtlich unanständig, solche „Supermanager“ schädigen die Firmen, bei denen sie beschäftigt sind.

Oha, plötzlich sind es nicht die Kapitalisten, die z. B. in Form von Aktien-Dividenden die arbeitende Bevölkerung schädigen, sondern die „Supermanager“ plündern die Aktionäre aus. Eine Umkehrung der Verhältnisse – Arbeitnehmer beuten Kapitalisten aus?

Piketty verschleiert auch in diesem Strang verschiedene Punkte. „Supermanager“, die durch ihr Agieren einer Aktiengesellschaft auf Dauer keinen nachhaltigen Erfolg erwirtschaften, werden durch Aufsichtsräte und Aktionären abgestraft werden. Und selbst da, wo es so scheint, als ob der „Supermanager“ die Firma ausplündert, liegt dies vielfach nicht an der Dummheit der Aktionäre, sondern an gesetzlichen Rahmenbedingungen, die der „Supermanager“ zu seinem Vorteil und zum Schaden der Eigentümer einer Firma nutzen kann.

Pikettys Ausführungen zu den generell relativ hohen Schulden der Staaten wirken lächerlich. Für Piketty haben die Staaten so hohe Schulden, weil die Menschen sparen. Die institutionellen Anleger, z. B. Versicherungen, die die Spargroschen verwalten, würden nun die Regierungen zwingen, Schulden zu machen, sprich Anleihen aufzulegen, die jene institutionellen, kapitalistischen Sparer kaufen wollen, um Zinsen auf die Anleihen zu kassieren. Nach Piketty tragen also die schlimmen kapitalistischen Rentiers die Schuld an den viel zu hohen Staatsschulden.

Tatsächlich dienen die Schulden, die regierende Politiker über Jahrzehnte aufgehäuft haben, dazu, Wahlversprechen zu erfüllen, die partikularen Interessen während der Wahlkämpfe gemacht worden sind. Dabei zwingen die regierenden Politiker die institutionellen Anleger dazu Staatsanleihen zu zeichnen und ins Portfolio zu übernehmen. Ein rational denkender Mensch scheut eher den Staat als Schuldner; denn wie die Geschichte des Staates zeigt: Der Staat ist kein guter Schuldner.

Pikettys Formel des Nationaleinkommens resultiert nur aus dem Einsatz von Kapital und Arbeit; doch so simpel ist es nicht. Schon in den 1950er Jahren wurde in empirisch-ökonometrischen Untersuchungen festgestellt, dass der Einsatz von Arbeit und Kapital höchstens zu 15% die Höhe und das Wachstum des Nationaleinkommens erklären kann. Hinge dies wirklich nur an Arbeit und Kapital, so hätte gerade der Stalinismus höchst erfolgreich sein müssen, denn insbesondere Stalin steigerte die Investitionen und den Einsatz von Arbeit in seinem Machtbereich enorm, trotzdem fiel die UdSSR hinter den Westen zurück.

Die Antwort der Frage nach dem „Warum“ ist in den Interaktionen und gesellschaftlichen Institutionen verankert. Herrschen Rechtsstaatlichkeit Rechtssicherheit und Vertragssicherheit in einer Gesellschaft, dann kann man mit dem Analyse-Instrumentarium der Institutionenökonomie zeigen, dass Wachstum und Wohlstand in einem verlässlichen Ordnungsrahmen gedeihen – Arbeit und Kapital sind wichtig, aber eben nicht alles, sondern nur ein Teil der Erklärung wirtschaftlichen Wachstums.

Die „päpstliche Revolution“ des 11. Jahrhunderts (Papst Gregor VII. versus Kaiser Heinrich IV.) führte über die von Papst Gregor VII. eingeleitete Kirchenreform und die Wiederentdeckung des Römischen Rechts zur Systematisierung des kirchlichen und weltlichen Rechts und verlieh der Etablierung einer rationalen und ordnenden Verwaltung in kirchlichen und weltlichen Angelegenheiten Schubkraft. Durch die Systematisierung des Rechts wurden Vertragssicherheit und Rechtssicherheit die Wege geebnet. Der Dualismus zwischen der geistlichen und weltlichen Macht war eines der wesentlichen Merkmale, die Europa auf den Pfad zu Rechtsstaatlichkeit, Aufklärung, Freiheit und Markt führten – hier finden sich Wurzeln des Wandels durch Handeln.

Der Weg zu Freiheit und Rechtsstaat, in welchem die Menschen ihr Recht auch gegenüber dem Staat vor den Gerichten erfechten können, verlief spontan – nicht nach einem menschlichen Plan. Also genau in der Art, wie dies von großen liberalen Denkern wie Alexis de Tocqueville, Lord Acton und Friedrich August von Hayek in ihren Werken herausgestellt worden ist. Dieser Weg ermöglichte es, dass „Markt und Recht“ in Europa in den letzten 200 Jahren den allgemeinen Wohlstand und die individuelle Wohlfahrt so ungeheuer steigern konnten, so dass der einfache Arbeiter heutzutage komfortabler lebt als ein Feudalherr in früheren Zeiten.

Eine Umsetzung der Forderungen Pikettys käme einem außerordentlichen Bruch dieser Rechtstradition gleich. Rechts- und Vertragssicherheit würden nicht mehr gegeben sein, das Eigentum würde zu einem Spielball der politisch Mächtigen und die materiellen Rechtstitel würden zu leeren, bloß noch formalen Hülsen veröden.

Fazit – die eigentliche Botschaft des Buches: Gleichheit in Armut

Piketty geht es in seinen Ausführungen nicht um die Bekämpfung der Armut, nicht um die Hebung des allgemeinen Wohlstandes, nicht um die Verbesserung der individuellen Wohlfahrt, insbesondere nicht um die Herausführung der Ärmsten der Armen aus Elend und Not, Nein es geht im nur um die Egalitarisierung der „individuellen Vermögen“. Dabei ist es Piketty gleichgültig, ob dadurch das „allgemeine Wohl“ sinkt, Hauptsache alle Menschen sind gleich arm. Das „Recht auf Ungleichheit“ wird von Piketty grundsätzlich abgelehnt. Er fragt nicht, ob Ungleichheit von allgemeinem Nutzen ist und letztlich den Wohlstand aller Gesellschaftsschichten anhebt – und damit gerade der Französischen Menschenrechtserklärung entspricht. Und wie gesagt blendet er vollkommen die Frage aus, ob die Akkumulation von Kapitalwerten nicht die Folge unternehmerischer Leistungen ist und deshalb gerade mit den meritokratischen Prinzipien unserer Gesellschaft übereinstimmt.

Daraus folgt, dass das Motto des Buches – „Gesellschaftliche Unterschiede dürfen nur im allgemeinen Nutzen begründet sein“ – letztlich nur Maskerade oder Fassade ist. Eine Steigerung des „allgemeinen Nutzen“ würde durch eine globale Umsetzung der Forderungen Pikettys (konfiskatorische Einkommens-, Vermögens- und Erbschaftssteuern) gestoppt werden, die gesellschaftlichen Unterschiede verschärfen und das Niveau des allgemeinen Nutzens erheblich absenken. Piketty strebt praktisch danach, die Menschheit zurück in die „Malthusische Armutsfalle“ zu stoßen.

 

Herrn Prof. Martin Rhonheimer danke ich dafür, dass er den ursprünglichen Text kritisch geprüft hat und konstruktive Ergänzungsvorschläge gemacht hat.