Nationalismus kann eine Tugend sein

Globalisierung. Grenzenlosigkeit. Kosmopolitismus. Wir reisen durch die ganze Welt, die auch medial zusammenzurücken scheint. Wer die EU kritisch sieht, gilt als europafeindlich. Nationalstaaten sind out. Nationalismus ist gefährlich. Trump, Orban, Brexit, alles böse. Stopp! Nicht ganz so schnell. Vielleicht ist der Internationalismus, für den auf der Love Parade in Berlin Dr. Motte mit den Worten „One World, One Future“ eine einprägsame Formel gefunden hat, nicht der Weisheit letzter Schluss.
 
Scheinbar völlig unzeitgemäß und definitiv politisch unkorrekt grätscht Yoram Hazony von der Seite in den Lauf, den weder Ochs noch Esel aufhält. Der israelische Bibelforscher und Philosoph hat ein Querdenkerbuch geschrieben: The Virtue of Nationalism. Die Tugend des Nationalismus findet sich bereits in der Präferenz der Bibel für den Nationalstaat. Warum das so ist und warum Nationalstaaten die einzige tragfähige Form staatlicher Ordnung, das begründet der Präsident des Herzl Instituts in Jerusalem in drei großen Teilen seines Buches.
 
Teil 1, Nationalismus und westliche Freiheit, setzt sich kritisch mit dem rein vernunftmäßig begründeten Freiheitsplädoyer des Liberalismus auseinander. Teil 2, Das Eintreten für den Nationalstaat, begründet die Überlegenheit des Nationalstaats mit der geleichsam natürlichen Bindung der Menschen an die als optimal angesehene politische Ordnung eines Mittelwegs zwischen Stamm und Imperium. Teil 3, Anti-Nationalismus und Hass, setzt sich mit Kritik und Lehren aus Politik und Geschichte auseinander.
 
Was macht das leidenschaftliche, repetitive Plädoyer für den Nationalismus lesenswert?
  • Politisch die Kritik des Imperialismus, den Yoram Hazony vom Nationalismus abgrenzt. Das gilt umso mehr als er sowohl den amerikanischen Imperialismus als auch den der EU aufs Korn nimmt. So wird geradezu entlarvend plausibel, warum nicht nur amerikanische, sondern längst auch deutsche und europäische Soldaten in Regionen der Welt eingesetzt sind, die nichts mit der Verteidigung der USA, geschweige denn Deutschlands und Europas zu tun haben. Zugleich sollte sich jeder EU-Befürworter sorgfältig mit der Warnung auseinandersetzen, dass die EU absehbar despotisch werde. Die EU können kein Freiheitsstaat sein.
  • Intellektuell ist die Kritik der Vernunft als dominierendes oder alleiniges Konstruktionselement staatlicher Ordnung anregend. Das gilt nicht nur für den Totalverriss von John Locke und kräftige Seitenhiebe auf Mises und Hayek, sondern auch für das, was Yoram Hazony als Essenz der Staatsbildung ausmacht. Die Rede ist von Kohäsion, die der liberalen Zustimmung noch dazu in Form eines vermeintlichen Gesellschaftsvertrags grundsätzlich und historisch weit überlegen sei. Nicht das Hirn, sondern die gelebte und tradierte Kultur, mit anderen Worten Emotionen und Konventionen, bilden für den Israeli die Basis eines Nationalstaates. Das Problem mit einem Empire wie der EU sei die Frage der Loyalität: Warum sollte jemand Loyalität gegenüber abstrakten, entfernten Institutionen und Personen ausüben?
Wesentliche Vorteile einer nationalstaatlichen Ordnung sind für den in Princeton promovierten politischen Philosophen: die Verlagerung der Gewalt weg aus der Mitte hin an die staatliche Peripherie, sprich den Grenzen der Nation, ferner die Ablehnung von imperialen Eroberungsfeldzügen, außerdem die Gewährleistung kollektiver Freiheit und schließlich der Wettbewerb zwischen Nationalstaaten.
 
Es ist schon bemerkenswert, was man alles aus der Bibel herauslesen kann. Den Gegensatz Nationalismus versus imperiale Ordnung hat der Bibelforscher nämlich aus dem Weltbestseller gewonnen. Es wäre mehr Raum für Bibelexegese gewesen. Seine Argumentation ist zwar wiederholt historisch und sehr grundsätzlich. Gleichwohl mangelt es vielfach an hinreichend überzeugenden qualitativen und quantitativen Belegen, dem umfangreichen Fußnotenapparat zum Trotz. Die zu Röpke und Rüstow passende Argumentation für mehr als nur Angebot und Nachfrage, Konstruktivismus und verstiegene Vernunft ist dennoch ansprechend. Das nackte Gerüst der Argumentation ist hingegen ziemlich unsexy: anarchische und tribale Ebene bedeutet Krieg, Empire bedeutet Tyrannei, der Nationalstaat verkörpert Loyalität. Zugestanden, Yoram Hazony setzt den Nationalstaat nicht einfach mit dem absolut Guten gleich und sieht darin auch keine Garantie für Frieden und Freiheit. Gleichwohl idealisiert der Israeli in erheblichem Maße und findet keine klaren Abgrenzungen für eine Mindestgröße in seinem wohlfeilen Plädoyer für Minderheitenschutz bei gleichzeitiger Ablehnung von Sezession und Klein(st)staaten.
 
Zwar ist das den Nationalismus lobpreisende Buch nicht zuletzt eine Verteidigungsschrift des israelischen Nationalstaats. Gleichwohl entlarvt Yoram Hazony mehr als nur en passant, nämlich mit einer historischen Tiefensicht, dass die Parole, am EU-Wesen soll Europa genesen, das Problem und nicht die Lösung ist.
Michael von Prollius
 
Literatur: Yoram Hazony: The Virtue of Nationalism, Basic Books, New York 2018, 285 S., 27,42 Euro (Hardcover).