Migration schafft Kastengesellschaft – Demographie lässt EU und Euro scheitern

Gastbeitrag von Andreas Müller

Beim Lesen und Übersetzen von Emmanuel Todds Arbeiten habe ich mich in den letzten Monaten mehr als einmal gefragt, was Todd wohl über Merkels „Willkommenskultur“ denkt. Beim wiederholten Googeln danach bin ich jetzt fündig geworden.

In dem Interview, das er ursprünglich mit Atlantico geführt hat, geht es zunächst um innerfranzösische Themen, den aktuellen Streik der CGT und insbesondere seinen vielbeachteten Vorwurf, dass die sozialistische Regierung Hollande die faschistischste französische Regierung seit 1944 sei: „rosa Faschismus“. Er beklagt, dass die Linke in Frankreich nicht mehr links sei und damit auch die liberale Rechte in Schwierigkeiten bringe (In Deutschland beobachten wir ja gerade ein ähnliches Phänomen mit vertauschten Rollen). Der Sozialistischen Partei und Hollande wirft er konkret vor, dass sie sich um den Willen der Wähler in keinster Weise mehr scheren und sogar der Bedeutung von Wahlen und der Meinungsfreiheit ans Leder wollen: „Die sozialistische Partei ist wahrscheinlich gefährlicher für die Meinungsfreiheit als die Rechte„. Dieser Gedanke ist bei ihm nicht neu, sondern findet sich in den letzten 20 Jahren immer wieder in Büchern wie „Nach der Demokratie“ oder „Die ökonomische Illusion“ (dazu demnächst mehr auf diesem Blog). Explizit hatte er früher schon sozialistischen Politikern wie Lionel Jospin und Jacques Delors (früherer Chef der EU-Kommission) antidemokratisches Denken vorgeworfen.

In der allerletzten Frage des Interviews kommt aber die Merkel’sche Einwanderungswelle zur Sprache:
„Die deutsche demografische Schwäche war ein Motor der Entscheidung Angela Merkels, die die massive Ankunft von Migranten im Land begünstigt hat. Der Brexit wird genährt von der Furcht der Briten, dass sie immer mehr innereuropäische Migranten in ihr Land kommen sehen. Sind die demografischen Tendenzen dabei, Rache an der EU zu nehmen?“

Die Antwort Emmanuel Todds:
„Die Europäische Union war ein verrücktes Projekt, alle Demografen wissen genau, dass die Gesellschaften nicht konvergieren. Es genügt, die Kennzahlen der Fruchtbarkeit zu betrachten. Und wenn es Konvergenz gibt, dann nach unten, hin zum Mangel (an Kindern), außerhalb der Inselchen, die Frankreich, England und Skandinavien sind. Dort wo die Frauen das Recht haben, Kinder und eine interessante Arbeit zu haben.
Die Demografie sagt zunächst, dass die europäischen Nationen immer noch existieren und dass die Vereinigung über die Währung nicht funktionieren wird. Es lohnt sich nicht einmal weiter zu gehen, allein schon deshalb hatte ich das Scheitern des Euro vorausgesagt. Es handelt sich sehr wohl um die Rache der Demografie. Die Variablen der Demografie haben die Eigenheit, langsam aber irreversibel zu sein mit Phänomenen der Beschleunigung, wenn sich Generationenbrüche vollziehen. Das läuft sehr langsam, bevor es offensichtlich wird, aber im Allgemeinen ist es zu spät, wenn es offensichtlich wird, sind die Probleme von einer solchen Massivität, dass keinerlei Migration sie lösen können wird. In Frankreich sieht man es nicht, weil das Land kein demografisches Problem hat. Deutschland ist bei all seiner Rationalität dem kurzfristigen ökonomischen Denken in die Falle gegangen. Es wird das wahre Land der Einwanderung in Europa sein, besessen von seinem Arbeitskräfteproblem. Die Verwüstungen, die durch die Austerität in Südeuropa angerichtet worden sind, spielen unter diesem Gesichtspunkt Deutschland in die Hände, das versucht, die qualifizierten Arbeitskräfte aus Volkswirtschaften in Auflösung zu gewinnen. In Deutschland fehlt praktisch jedes Jahr ein Drittel der Kinder. Aber nun, mit dieser massiven Einwanderung aus Syrien, aus dem Irak und aus Afghanistan, patrilinearen Systemen mit vom Start weg erhöhterEndogamie, wird das für Deutschland nicht zu bewältigen sein. Das wird Phänomene der Segregation, der Schichtenbildung und der Gewalt produzieren. Aber man darf den deutschen Pragmatismus nicht unterschätzen. Die deutsche Gesellschaft wird Möglichkeiten haben, sich zu organisieren, aber der Preis, der zu bezahlen sein wird, wird die Entstehung einer Kastengesellschaft sein, mit einem extrem harten politischen und polizeilichen System. Alles ist möglich.“

Mein persönliches Fazit:

  1. Todd kann sich durch die jüngste Entwicklung voll in dem bestätigt sehen, was er 1990 vorausgesagt hat: die Einwanderung wird das Thema werden, bei dem die europäischen Nationen jeweils ihre eigenen Wege suchen und finden werden, weil sie es müssen. Er hat dort schon geschrieben, dass die Demografie sie dazu zwingen wird. Bei aller notwendigen Kritik an einzelnen tagesaktuellen Aussagen führt kein Weg an der Tatsache vorbei, dass er eine unbestechliche langfristige Perspektive und Historie an richtigen Prognosen hat, zu der ihm absolut niemand auch nur das Wasser reichen kann.
  2. Todd hat meine eigenen Überlegungen und Urteile überraschend klar bestätigt:
  3. Fragesteller und der Interviewte gehen davon aus, dass Merkel kurzfristig nicht alternativlos gehandelt hat oder von den Ereignissen überwältigt worden ist. Sie sehen (wie viele andere in der französischen Öffentlichkeit) eine planmäßige Komponente, die in der katastrophalen deutschen Demografie und einem kurzsichtigen wirtschaftlichen Denken begründet liegt.In Deutschland wird dagegen eine überwiegend moralische, heuchlerische Erzählung gepflegt.
  4. Bei der Bewertung seiner Aussagen über die Probleme Deutschlands bei der Integration der Einwanderer aus Syrien, dem Irak und Afghanistan muss man berücksichtigen, dass er in Frankreich den Ruf hat, ein hoffnungsloser Islamversteher zu sein, der die Verantwortung für Probleme immer bei der Mehrheitsgesellschaft suche statt bei den Eingewanderten bzw. dem Islam. Er hält tatsächlich den Islam für zweitrangig und sieht die Ursache eher in den patrilinearen endogamen Familienstrukturen, wie im Zitat auch geäußert. Es ist sicherlich nicht falsch, das zu unterscheiden und auf die genaue Ursache der offensichtlichen Probleme zu verweisen. Und als Provokateur hält er natürlich auch gerne dagegen, wenn eine Mehrheit alle Probleme nur bei einer Minderheit sucht und zum Beispiel die soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung unterprivilegierter Franzosen und Einwanderer, insbesondere auch der jungen Leute, gleichzeitig unter den Teppich kehrt. Entscheidend ist jedenfalls, dass es geradezu absurd wäre, Todd als islamophob hinzustellen.
  5. Merkel und ihre Unterstützer von links und rechts sind wahlweise dumm oder unehrlich über das, was sie tun und was es für die deutsche Bevölkerung in der Zukunft bedeuten wird. Es hilft nicht weiter, diese Dummheit und die Lügen zur besseren Moral zu erklären.
  6. Meine Befürchtung, dass die Massenmigration aus dem Nahen und Mittleren Osten einen autoritären deutschen Polizeistaat hervorbringen wird, der skrupellos eine Gruppe einer ethnisch und sozial fragmentierten Bevölkerung gegen die andere ausspielen wird, ist von Emmanuel Todd voll bestätigt worden: Kastengesellschaft mit einem extrem harten politischen und polizeilichen System. Der weiterhin systematisch nicht aufgeklärte Fall des sogenannten NSU ist vielleicht nur ein erster Vorgeschmack darauf, wie das laufen könnte.
  7. Die deutsche Sozialdemokratie, die das nicht sieht oder nicht sehen will, ist ebenso autoritär und antidemokratisch, wie es Todd den französischen Sozialisten vorwirft.
  8. Eine autoritäre und zumindest teilweise xenophobe, teilweise wirtschaftsliberale Rechte bietet an und für sich natürlich keine Hoffnung auf eine positive und liberale Zukunft in Deutschland. Das demografische Problem hat sie über Jahrzehnte mitverursacht, durch ihren Ökonomismus, sinnlose Exportweltmeisterei und Sparerei. Ein Teil der autoritären Rechten steht zudem weiter treu an Merkels Seite, leugnet Merkels Verantwortung für die aktuellen Probleme und nutzt diese gleichzeitig für neue Sicherheitsgesetze und Unfreiheiten gegen alle, Staatsbürger und Neueinwanderer gleichzeitig. Ein Teil des oppositionellen Rechtsspektrums stört sich an jedem Individuum, das die „falsche“ Hautfarbe hat, sei es Staatsbürger und gut integriert oder nicht. Das ist weder mit dem objektiven demografischen Problem noch mit meinen Wertvorstellungen kompatibel.
    Die Rechte ist aber gleichzeitig ein Gegengift gegen eine mindestens ebenso autoritäre, verkommene und in Teilen die eigene Nation zutiefst hassende Linke. Gegen eine Linke, die jedes Problem leugnet, das eine so massive Einwanderung aus archaischen Gesellschaften darstellt, und die wirklich jede Thematisierung von Problemen (die nicht von oben angestoßen wird) mit der Nazi-Keule beantwortet. Es bleibt mir gleichzeitig ein Mysterium wie man sich für „links“  halten und gleichzeitig die schlecht bezahlten Schichten der arbeitenden Bevölkerung so verachten kann, die durch Masseneinwanderung am meisten zu verlieren haben und sich deshalb auch am heftigsten dagegen wehren.
  9. Für einen eigentlich sozialliberalen Familienvater mit 4 Kindern bleibt in dieser toxischen politischen Konstellation die Frage nach einer Auswanderung auf der Tagesordnung, als letzte Option der Flucht vor einem autoritären Verfall der Freiheit oder sogar offenem Bürgerkrieg. Vorbild ist mir mein Ur-Ur-Großvater, der 1850 (nach dem Scheitern der Badischen Revolution) in die Westschweiz emigriert ist und den französischsprachigen Zweig meiner Verwandtschaft begründet hat. Um es ganz klar zu sagen: es gibt Nationen, die besser in der Lage sind, Einwanderung in ihrem Sinne zu steuern und dann, im zweiten Schritt, die Eingewanderten fair zu behandeln und wirklich voll als Staatsbürger zu akzeptieren. Niemand ist auf Gedeih und Verderb verpflichtet, den Dauermurks, den weltfremde Linksfrömmler (Kein Mensch ist illegal. Grenzen gibt es nicht, Sozialhilfe bei uns aber jederzeit. Geschenkte Menschen) und Rechtsspinner, die nicht neben einem Boateng wohnen wollen, den sie gar nicht kennen, IM ZUSAMMENWIRKEN anrichten.

 

Quelle: Blog Bücher, Ideen, Kommentare – https://hintermbusch.wordpress.com