Konservatismus und Freiheit

von Helmut Krebs

Jede konservative Politik ist aber von vornherein dem Misserfolge geweiht; ist es doch ihr Wesen, etwas zu halten, was nicht zu halten ist, sich gegen eine Entwicklung zu stemmen, die man nicht verhindern kann. Was sie bestenfalls erreichen kann, ist Zeitgewinn; aber es fragt sich, ob dies ein Erfolg ist, der den Einsatz lohnt. Jedes Reaktionäre ermangelt der geistigen Selbständigkeit. Wollte man die in Deutschland für alle politischen Gedankengänge übliche Herübernahme von Bildern aus dem militärischen Denken hier anwenden, so könnte man sagen, dass Konservatismus Verteidigung ist und wie jede Verteidigung sich vom Gegner das Gesetz diktieren lässt, während der Angreifer dem Verteidiger das Gesetz des Handelns diktiert. (Ludwig von Mises: Nation, Staat und Wirtschaft, Flörsheim, 2014, S. 97)

Europäische Patrioten verteidigen das christliche Abendland gegen die Islamisierung. Vier Lügen in einer Losung! Weder sind die Führer, die im Winter 2014/15 in Dresden einige spektakuläre Demonstrationen veranstalteten, europäische Patrioten noch ist das Abendland christlich noch wird es islamisiert. Es handelt sich hier um eine kleine Gruppe von provinziellen Sachsen, die – bei größerer Nähe zu nationalistischen Überzeugungen – es weder mit dem Christentum, noch mit dem Abendland so sehr haben. Sie alle marschieren aus Furcht – nach dem Implodieren des repressiv-paternalistischen Sozialismus Honneckers – erneut eine gewohnte, bzw. eingebildete Ordnung zu verlieren, nun an einen sie beängstigenden Islam. Will man einer oberflächlichen Befragung glauben, deren Ergebnisse in der Tagespresse veröffentlicht wurden, verstanden viele Teilnehmer das Schlagwort von der Islamisierung eher metaphorisch als Platzhalter für einen problematischen geistigen Zustand unserer Nation. Pegida-Demonstrationen sind wo nicht nationalistische so doch konservative Bekundungen einer Illusion, im Rahmen einer Leitkultur zu leben, die christlich abendländisch genannt wird, schwammig definiert ist und irgendwo in der Vergangenheit verortet wird.

Konservativismus bedeutet nicht Erhalt der guten Werte

Konservatismus als Ideologie soll nicht mit der Sorge verwechselt werden, dass die gemeinsamen Wertevorstellungen einer Gesellschaft brüchig geworden sind. Eine arbeitsteilige Tauschgesellschaft braucht einen kulturellen Rahmen, einen Boden aus Gewohnheiten und Routinen, die von den allermeisten Bürgern wie selbstverständlich eingebracht und erwartet werden: Zuverlässigkeit in der Einhaltung von Absprachen, freiwillige Einhaltung der Gesetze, Wahrhaftigkeit und Treue. Mit dem Außerkraftsetzen der spontanen Ordnung des Marktes durch staatliche Eingriffe – einer Ordnung, die eine fortwährende Optimierung in der Verwendung der materiellen und personellen Ressourcen leistet, die jedem Arbeitswilligen einen Platz zuordnet, wo er gebraucht wird und durch den er sich erhalten kann – gerät die Gesellschaft nicht nur in eine ökonomische, sondern auch in eine geistige Krise, die eine „Krise der Inflationskultur“ genannt wurde. Die Bereitschaft zur Loyalität gegenüber anderen sinkt, wenn die eigene Lage prekär wird.

Konservativismus bedeutet Veränderungen verhindern

Der Warnruf, dass wir auf eine schiefe Bahn geraten sind, ist nicht Konservatismus. Wir verstehen darunter eine Denkweise, die das Bewahren zum Prinzip erklärt. Sie muss erklären, was zu konservieren ist und stellt sich damit eine Aufgabe, die aus logischen Gründen nicht lösbar ist. Konservatismus will im allgemeinen das vorgeblich bessere Jetzt bewahren und gegen die Veränderungen der Zeit erhalten. Sein Standpunkt ist keine klar definierte Position oder Idee, vielmehr eine Abwehrhaltung gegen alle Kräfte, die gestaltend in die Gegenwart eingreifen. Er bevorzugt das Gewohnte gegenüber dem Neuen, das einfache Bekannte gegen das komplexe Unbekannte, das Bestimmte gegen das Kontingente, das Herrschende gegen das Herausfordernde. Sein Standpunkt ist ihm selbst unklar, denn dass er im Namen des Bestehenden auftritt hat seinen Grund darin, dass die Gegenwart für ihn fragwürdig geworden ist, dass die gewohnte Ordnung aus seiner Sicht durch eine neue abgelöst zu werden droht.

Er muss sich also auf eine Vergangenheit beziehen, die doch stets auch nur eine sich verändernde Gegenwart gewesen sein kann. Daher weicht er aus in Verklärungen, in Idealisierungen der Vergangenheit. Was er schließlich verteidigt, ist eine Fiktion, die niemals Wirklichkeit gewesen sein konnte.

Für die Zukunft kann er keine Ziele definieren. Er wird keine Bewegung für ein Programm entwickeln, sondern verteidigen, was er als das Bessere für das Ganze ansieht. Ihn umweht ein melancholischer Zug, denn seine Sendung entspringt dem Pessimismus. Die Tendenz der Zeit ist schlecht. Sie bedarf seines Protests und Beharrens, wohl wissend, dass sie dem Untergang zustrebt.

Konservativismus bedeutet Etatismus

Aus dem Bewusstsein eigener Schwäche bevorzugt der Konservative den starken Staat, den er als die Kraft sich wünscht, die das Gute schützt und das Böse abwehrt, die Ordnung gegen die Freiheit stärkt. Er wird Gehorsam verlangen, die Unterordnung unter die Staatsraison und sich darin mit dem Nationalisten verbünden.

Konservatismus ist relativ. Er kann Teilmoment jeder politischen Richtung sein. Auch der Sozialist kann konservativ denken, indem er auf das bisher Erreichte blickt, das ihm bewahrenswert erscheint. Der Sozialismus ist seinem Ursprung nach und seiner Vision erzkonservativ. Marx und die anderen Sozialisten seit Saint-Simon träumten von einer Wiederkehr des Goldenen Zeitalters, während das bestehende ein zerrissenes war, eines des Ausgestoßenseins aus dem ursprünglichen Paradies des Naturzustandes. Marx gehörte zur historistischen Strömung, die weltanschaulich antirationalistisch-mystizistisch war (Hegel, Schelling), wissenschaftlich empiristisch-szientistisch (Comte) und im Lebensgefühl romantisch.

Der Historismus wurde Ende des achtzehnten Jahrhunderts als eine Reaktion auf die Sozialphilosophie des Rationalismus entwickelt. Den Reformen und der Politik, die von verschiedenen Schriftstellern der Aufklärung vertreten wurden, stellte er ein Programm der Bewahrung bestehender Einrichtungen und, manchmal, sogar einer Rückkehr zu erloschenen Einrichtungen entgegen. Gegen die Postulate der Vernunft berief er sich auf die Autorität der Tradition und die Weisheit vergangener Zeitalter. Das Hauptziel seiner Kritik waren die Ideen, die die amerikanische und die französische Revolution und verwandten Bewegungen in anderen Ländern inspiriert hatten. Seine Verteidiger nannten sich stolz antirevolutionär und hoben ihren strengen Konservatismus hervor. In späteren Jahren änderte sich aber die politische Orientierung des Historismus. Er begann, den Kapitalismus und den freien Markt – sowohl den Binnen- als auch den internationalen Markt – als das weitaus größte Übel zu betrachten, und verband sich mit den „radikalsten“ oder „linksgerichtetsten“ Feinden der Marktwirtschaft, aggressiven Nationalisten auf der einen Seite und revolutionären Sozialisten auf der anderen. Soweit der Historismus noch aktuelles politisches Gewicht besitzt, ist er ein Nebenzweig des Sozialismus und Nationalismus. Sein Konservatismus ist fast dahingeschwunden. Er überlebt nur in den Lehren einiger religiöser Gruppen. (Mises: Theorie und Geschichte, München, 2014, S. 198)

Konservativismus bedeutet Sicherheit statt Freiheit

Wir beobachten bei Pegida das Verschmelzen von „linken“ sozialistischen und „rechten“ nationalistischen Positionen, ein typisches Merkmal vieler Menschen, die in der DDR lebten und in einer verhältnismäßig freien Ordnung aufwachten, die sie ängstigt. Es sind manche unter ihnen, die es nicht gewohnt sind, Gewinn und Verlust ihres Lebens ihrer eigenen Tatkraft und ihrem eigenen Scheitern zuzuschreiben. Sie ziehen die Illusion eines staatlichen Paternalismus dem „Unternehmertum“ der Lebensbewältigung aus eigener Kraft vor. Sie ziehen die vermeintliche Sicherheit der Freiheit vor.

Das Wesen der Freiheit eines Individuums ist die Möglichkeit, von den traditionellen Denkweisen und Handlungsweisen abzuweichen. (ebd., S. 363)

Alles fließt. Nichts ist beständig außer dem Wandel. Die Menschheit weiß schon immer, dass das Hauptmerkmal der Welt ihre Veränderbarkeit ist. Eine unveränderliche Welt ist tot. Leben ist Ungleichgewicht, Bewegung, Streben, Handeln. In einer freien Welt wandern Arbeiter aus Gebieten, die relativ überbevölkert sind, in solche, die relativ unterbevölkert sind. (Maßstab für die Über- bzw. Unterbevölkerung ist die Versorgung mit den Subsistenzmitteln pro Kopf der Population.)

In den aufnehmenden Gebieten der Migration vermehren die einwandernden Arbeiter die Produktivität und tragen so zur Hebung des Lebensstandards aller bei. Natürlich bringen sie ihre eigenen Sitten und Gebräuche mit. Aber die friedliche Kooperation mit der autochthonen Bevölkerung ist dann kein Problem, wenn die einwandernden Arbeitssuchenden Arbeit finden und somit ihr Leben und das ihrer Angehörigen fristen können. Alle gewinnen durch die Arbeitsteilung und den Austausch der Güter und Dienstleistungen auf dem Markt. Wenn aber Teile der Bevölkerung keine Arbeit finden, entstehen die Probleme, die der Einwanderung selbst angelastet werden. Es sind genuin keine kulturellen Probleme, sondern die Folgen interventionistischer Marktverzerrungen, die zur Arbeitslosigkeit führen. Es sind Probleme eines viel zu starken, dirigistischen Staates.

Konservativismus und Sozialismus haben erhebliche Gemeinsamkeiten

Die Lösung der Probleme wird im christlichen Abendland und (versteckt) im Sozialismus gesucht, in der Fiktion eines Gesellschaft, in der jeder seinen eigenen Platz erhält und bewahrt, in einer Ordnung der Gerechtigkeit und Stabilität. Damit verbunden sind Vorstellungen einer Abschließung nach außen, einer Definition der Leitkultur zur Abwehr der Differenz und der Idee staatlicher Fürsorge statt marktwirtschaftlicher Selbstregulierung und bürgerlicher Freiheit. Unter christlichem Abendland ist tatsächlich zu verstehen, die religiöse Intoleranz, die die Aufklärer angesichts der Verheerungen der hundertjährigen Glaubenskriege im Kampf gegen die Kirche überwinden konnten, wieder aufzuheben zugunsten eines neuen obligaten Glaubensbekenntnisses. Zurück zum Obrigkeits- und Gesinnungsstaat!

Liberalismus bedeutet Frieden und Wohlstand

Unser Wohlstand ist auf den Leitideen der liberalen Aufklärer gebaut. Sie rieten dazu, der spontanen Selbstregulierung freien Lauf zu lassen. Sie erkannten, dass die Menschen arbeitsteilig produzieren und miteinander Handel treiben können, wenn sie die Glaubensunterschiede beiseite schieben und auf der Grundlage nicht gemeinsamer religiöser Überzeugungen, sondern gemeinsamer Fairnessregeln miteinander verkehren. Das schaffe Frieden und Wohlstand, sagten die klassisch Liberalen, und das trat dann auch ein. Unser heutiger Wohlstand ist auch auf die wissenschaftlich-technischen Erkenntnisse gebaut, auch auf die Sparsamkeit früherer Generationen, aber in erster Linie auf das Prinzip des bürgerlichen Friedens einer laizistischen Gesellschaftsordnung. Das bedeutet Fortschritt. In einer fortschrittlichen Wirtschaftsordnung, in der die Investition von Kapital beständig sich vermehrt und damit die Produktivität, also den allgemeinen Wohlstand, kann es keine Stabilität der Ordnung im Sinne einer starren Verteilung von Ressourcen und Plätzen geben. Vielmehr erfordert sie eine ständige Anpassung der Verhältnisse an sich verändernde Bedürfnisse. Ein wachsender Organismus muss sich häuten, wenn er in ein starres Korsett gepresst wird. Je freier eine Gesellschaft ist, desto fließender und humaner sind die Korrekturen; je starrer und staatlich gelenkter, desto größer die inneren Spannungen und desto eruptiver die Anpassungen. Liberalismus ist die Denkweise der fortwährenden Anpassung eines sich ständig wandelnden Gesellschaftssystems. Der Konservatismus ist das Gegenmodell.

 

Addendum: Ludwig von Mises zum Konservatismus

Christlicher Sozialismus ist konservativ – Konservatismus bringt Sozialismus

Die Vorkämpfer christlicher Sozialreform halten im allgemeinen das Gesellschaftsideal des christlichen Sozialismus keineswegs für sozialistisch. Das ist nichts als Selbsttäuschung. Der christliche Sozialismus scheint konservativ zu sein, weil er die bestehende Eigentumsordnung aufrecht erhalten will, oder, richtiger gesagt, reaktionär, weil er zunächst eine Eigentumsordnung, die irgend einmal in der Vergangenheit geherrscht haben soll, wieder herstellen und dann erhalten will. Es ist auch richtig, dass er sich mit großer Energie gegen die auf radikale Beseitigung des Sondereigentums errichteten Pläne des Sozialismus anderer Richtungen wendet und im Gegensatz zu ihnen behauptet, nicht Sozialismus, sondern Sozialreform anzustreben. Doch Konservatismus kann gar nicht anders verwirklicht werden als durch Sozialismus. Wo es Sondereigentum an den Produktionsmitteln nicht nur dem Worte nach, sondern auch dem Wesen nach gibt, kann das Einkommen nicht so verteilt sein, wie es einer bestimmten historisch oder sonstwie festgelegten Ordnung entspricht. (Die Gemeinwirtschaft, S. 238)

Die Kirche will Staatssozialismus

In Wahrheit will die Kirche nichts als einen besonders gefärbten Staatssozialismus. Sie muß, ihrem ganzen Wesen nach, heute die konservative Reform der revolutionären vorziehen. (ebd., 240)

Behörden sind der Inbegriff des Konservatismus

In einem zweckmäßig organisiertem Staatskörper hängt die Beförderung in einen höheren Dienstgrad in erster Linie vom Dienstalter ab. Die Leiter der Behörden sind größtenteils alte Menschen, die wissen, dass sie nach ein paar Jahren in den Ruhestand geschickt werden. Da sie den größten Teil ihres Lebens in untergeordneten Positionen verbracht haben, gingen Tatkraft und Unternehmungsgeist verloren. Sie meiden Erneuerungen und Verbesserungen. Sie betrachten jedes Reformprojekt als Störung ihrer Ruhe. Ihr starrer Konservativismus frustriert alle Bemühungen der Minister, den öffentlichen Dienst an veränderte Bedingungen anzupassen. Sie schauen auf den Minister als auf einen unerfahrenen Laien hinab. In allen Ländern mit einer gefestigten Bürokratie pflegten die Leute zu sagen: Die Kabinette kommen und gehen, die Behörden aber bleiben. (Die Bürokratie, Sankt Augustin, 2013, 67f)

Erziehung ist notwendig konservativ und anti-innovativ

Es besteht heute eine Tendenz, alle Bildungsunterschiede unter den verschiedenen Menschen zu verringern und die Existenz von angeborener Ungleichheit der Intelligenz, an Willenskraft und Charakter zu leugnen. Es wird allgemein nicht erkannt, dass Erziehung niemals mehr sein kann als Indoktrination mit Theorien und Ideen, die bereits entwickelt wurden. Erziehung, welche Vorzüge sie auch haben mag, ist die Übermittlung von traditionellen Lehren und Wertungen; sie ist notwendig konservativ. Sie erzeugt Nachahmung und Routine, nicht Verbesserung und Fortschritt. Erneuerer und schöpferische Genies können in Schulen nicht herangezüchtet werden. Es sind gerade die Menschen, die ablehnen, was die Schule ihnen gelehrt hat. (Human Action, S. 311)

Konservative sind Illusionisten

Natürlich arbeiteten die konservativen Denker in der Illusion, dass das traditionelle System des paternalistischen Staates und die Starrheit der ökonomischen Institutionen bewahrt werden könnten. Sie waren voll des Lobs für das alte Regime, das die Menschen wohlhabend gemacht hatte und sogar den Krieg humaner werden ließ. Aber sie sahen nicht, dass genau diese Errungenschaften es waren, die die Bevölkerungszahlen vergrößert hatten und auf diese Weise einen Bevölkerungsüberschuss schufen, für den im alten Wirtschaftssystem der Restriktionen kein Platz war. Sie verschlossen ihre Augen vor dem Wachsen einer Bevölkerungsklasse, die außerhalb der Grenzen der Gesellschaftsordnung standen, die sie verewigen wollten. Sie konnten keine Lösung für das brennendste Problem vorschlagen, die die Menschheit am Vorabend der „Industriellen Revolution“ zu meistern hatte. (ebd., S. 860)