Hayek und die Praxeologie

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von Adam Knott

aus dem Englischen von Maximilian Tarrach

 

Einer der gewichtigsten Gründe, welcher seit 60 Jahren viele vom Studium der Praxeologie abgehalten hat, ist Hayeks Argument, dass die Praxeologie für das Studium der Marktphänomene ungeeignet sei. Hayek bezeichnet die Praxeologie als die „Reine Logik des Handelns“, und sein Einwand gegen sie ist ziemlich einfach. Die Reine Logik des Handels stellt eine analytische Verbindung zwischen (1) dem Ziel einer Handlung eines Akteurs und (2) der Handlung des Akteurs her. Hier sei die zu diesem Punkt wichtigste Stelle aus Hayeks Essay Die „Tatsachen“ der Sozialwissenschaften zitiert:

„Aus der Tatsache, dass immer dann, wenn wir menschliches Handeln als in irgendeiner Weise absichtsvoll oder bedeutungsvoll interpretieren, sei es im Alltag oder für die Zwecke der Sozialwissenschaften, wir die Ziele eines Handelnden und die verschiedenen Arten von Handlungen selbst definieren müssen, und zwar nicht in physikalischen Begriffen, sondern in Begriffen der Meinungen und Absichten der handelnden Person, folgen einige sehr wichtige Konsequenzen; nämlich nichts weniger als dass wir von den Ideen auf die Objekte schließen können, dass wir analytisch folgern können, worum es bei den Handlungen gehen wird. Wenn wir ein Objekt in Begriffen der Einstellung der Person zu ihm definieren, folgt daraus natürlich, dass die Definition der Objekte eine Aussage über die Haltung der Person zur Sache beinhaltet. Wenn wir sagen, dass eine Person Nahrung oder Geld besitzt oder dass sie ein Wort äußerte, meinen wir damit, dass sie weiß, dass das erste gegessen, dass das zweite zum Kaufen von etwas benutzt werden und dass das dritte verstanden werden kann – und vielleicht viele andere Dinge.“

Hayek begreift die Reine Logik des Handelns als eine Art analytisches Konzept. Wenn wir sagen, dass der Gegenstand, mit dem der Akteur konfrontiert ist, Nahrung ist, dann können wir analytisch darauf schließen, dass seine damit einhergehende Handlung essen sein wird. Wenn das Objekt, dem der Handelnde gegenübersteht, Geld ist, können wir analytisch folgern, dass seine damit einhergehende Handlung kaufen oder verkaufen sein wird usw. Somit erkennt Hayek eine analytische oder logische Beziehung zwischen (1) dem Objekt, von dem wir, als Sozialwissenschaftler, annehmen, dass sich der Akteur mit diesem konfrontiert sieht, und (2) der Handlung, die der Handelnde auf der Grundlage der Vermutungen über das Objekt ausführen wird. Der analytische Zusammenhang, den Hayek erkennt, besteht zwischen einem Objekt, das einem beobachteten oder untersuchten Handelnden erscheint, und der Handlung, die nach der begrifflichen Analyse, das Objekt „begleiten“ muss.

Nun argumentiert Hayek folgendermaßen: Der Markt setzt sich aus den Interaktionen einer Anzahl von Menschen zusammen. Wenn wir den Markt analysieren, untersuchen wir die Beziehungen zwischen einer Anzahl von Menschen und nicht nur einen einzelnen Handelnden und die Beziehung zwischen seiner Handlung und dem Objekt seiner Handlung.

Im Folgenden sei die einschlägige Stelle aus Hayeks Essay Economics and Knowledge zitiert:

„Ich habe immer gemeint, dass das Konzept des Gleichgewichts selbst, und die Methoden, die wir in der reinen Analytik verwenden, nur eine klare Bedeutung haben, wenn sie auf die Analyse der Handlung einer einzelnen Person bezogen ist und dass wir ein anderes Gebiet betreten und stillschweigend ein neues Element mit einem ganz anderen Charakter einführen, wenn wir diese Analytik zur Erklärung der Interaktion mehrerer Individuen verwenden.… Der Sinn, in dem wir den Begriff des Gleichgewichts verwenden, um die Wechselwirkung der verschiedenen Handlungen einer Person zu beschreiben, erlaubt keine unmittelbare Anwendung auf die Beziehungen zwischen Handlungen anderer Menschen.“

Um eine klare Vorstellung von Hayeks Argument zu bekommen, sollten wir uns als Sozialwissenschaftler betrachten, die von dem Dach eines nahegelegenen Hauses auf einen kleinen Marktplatz schauen. Wir sehen viele Menschen, die auf dem Markt miteinander verkehren und verschiedenste Dinge tun: kaufen, verkaufen, sprechen, essen, etc. Für jeden einzelnen dieser Handelnden wenden wir nun die analytischen Prinzipien von Hayeks Reiner Logik des Handelns an. Wenn ein Akteur Nahrung besitzt, sei die daraus logisch folgende Handlung essen. Wenn ein Akteur Geld besitzt, sei die daraus logisch folgende Handlung kaufen usw.

Aber diese Methode der Analyse sei nicht anwendbar auf die Beziehungen zwischen den Handelnden. Wenn ein Akteur Nahrung besitzt, sage dies nichts über die notwendige Handlung eines anderen Akteurs aus.

Somit sei die Reine Logik des Handelns (die Praxeologie) nicht zur Analyse von Marktphänomenen geeignet. Praxeologie als eine aprioristische Wissenschaft (eine Wissenschaft tautologischer, logisch notwendiger Aussagen) sei somit nur gültig, wenn sie die Handlungen eines einzelnen Akteurs untersucht. Wenn wir den Verkehr zwischen einer Anzahl von Personen untersuchen, sei die innere Logik der individuellen Handlung nicht mehr anwendbar. Die Handlungen eines Marktteilnehmers übertrage nicht notwendig oder a priori eine Beziehung auf andere Marktteilnehmer. Die einzig mögliche Weise, diese Wechselbeziehungen zu untersuchen, sei Beobachtung und Erfahrung, d.h. die empirische. Es könne somit keine apriorische, deduktive oder analytische Untersuchung von Marktphänomenen geben.

Diese Argumentation Hayeks begründet den fundamentalen Unterschied zwischen der misesianischen und der hayekianischen Konzeption der Ökonomik. Der elementare Lehrsatz der hayekianischen Ökonomie ist, dass die Untersuchung des Marktes nur empirisch und nicht a priori möglich ist:

„Was ich erst jetzt ganz klar sehe, ist, dass das Problem meiner Beziehung zu Mises, das mit meinem Aufsatz von 1937 über die Ökonomie des Wissens begann, welcher ein Versuch war, Mises selbst davon zu überzeugen, dass er mit seiner Aussage, die Markttheorie sei aprioristisch, falsch lag; das, was apriorisch war, war nur die Logik der individuellen Handlung, aber in dem Moment wo man von dieser Handlung zum Verkehr vieler Menschen übergeht, betritt man das Feld der Empirie.“ (Hayek on Hayek, S.72)

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Da Hayeks Argument gegen die Praxeologie einfach ist, ist es ebenso einfach, den Fehler in seiner Betrachtungsweise zu entdecken. Wir können uns fragen, warum dürfen wir keinen analytischen Schluss von diesem Gegenstand der Handlung eines Handelnden zu seiner Handlung ziehen, wenn ein Marktplatz der Gegenstand des Handelns eines einzelnen Handelnden ist (wenn der Handelnde einen Markt beobachtet oder wenn er ihn betritt oder wenn er in einem Markt etwas kauft)? Kurzum, warum können wir zu keinen analytischen Schlüssen gelangen, wenn wir irgendeinen Marktgegenstand oder ein Marktphänomen oder irgendein gesellschaftliches Objekt oder Phänomen betrachten, indem wir sie als Gegenstände der Handlung des Handelnden verstehen und analytische Schlüsse aus diesen Gegenständen ziehen, wie Hayek zu verstehen gibt?

Wenn wir annehmen, dass ein Mensch Nahrung besitzt und wenn wir aus diesem Tatbestand auf die Handlung essen schließen, warum können wir dann nicht, wenn ein Mensch einen Markt besucht, auf die Handlung kaufen schließen? Und wenn ein Akteur einen Preis erwägt, warum können wir daraus nicht logisch die Handlung tauschen ableiten?

Es scheint so, als sei Hayeks analytische Methode sehr wohl auf die Ziele und Phänomene des Marktes anwendbar und als konstituiere sie damit die Möglichkeit einer Art apriorischer Analyse des Markts.

Des weiteren sollte diese Methode ebenso auf soziale Phänomene wie Sprache, Gesetze, Familie etc. anwendbar sein.

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Ein weiterer wichtiger Aspekt in Hayeks Kritik sollte erwähnt werden. Erinnern wir uns, dass wenn Hayek die Herangehensweise der Reinen Logik des Handelns beschreibt, er sich in der Er-Form ausdrückt. Hayek schreibt:

„Wenn wir sagen, eine Person besitze Nahrung oder Geld oder sie spreche ein Wort, implizieren wir, dass sie weiß, dass das erste gegessen, das zweite zum Kaufen verwendet und dass dritte verstanden werden kann – und möglicherweise noch vieles mehr.“ (Hervorhebungen ergänzt.)

In Hayeks Konzeption beobachtet oder studiert der Sozialwissenschaftler einen hypothetischen Menschen und die Reine Logik des Handelns wird auf die Beziehung zwischen der beobachteten Handlung des Handelnden und dem Gegenstand der beobachteten Handlung angewendet. Aber was ist der Fall, wenn es der Sozialwissenschaftler selbst ist, der mit dem fraglichen Gegenstand oder Phänomen interagiert? Nehmen wir an, der Sozialwissenschaftler besucht einen Wochenmarkt oder bezahlt einen Preis für irgendetwas auf diesem Markt oder zahlt die Zinsen für einen Kredit. Da der Markt, der Preis, der Kredit und der Zins dem Sozialwissenschaftler als Gegenstände seines eigenen Handelns erscheinen, was sollte ihn davon abhalten, analytische Schlüsse über das Handeln aus diesen Gegenständen zu ziehen, die ihm erscheinen? Was hindert den Wissenschaftler an der Untersuchung der Beziehung zwischen seinen eigenen Handlungen und den Gegenständen seiner Handlungen? Gibt es etwas, dass den Wissenschaftler dazu zwingt, nur die Beziehungen zwischen den Gegenständen und Handlungen von anderen Menschen zu untersuchen?

Somit gibt es zwei wichtige Probleme bei Hayeks Kritik der Praxeologie:

  1. Hayek kann nicht erklären, warum die Reine Logik des Handelns nicht auf die Untersuchung des Markts angewendet werden kann, indem man Marktphänomene als Gegenstände von Handlungen betrachtet (einen Markt beobachten, einen Preis bezahlen usw.) und dann analytische Schlüsse aus den Begriffen dieser Gegenstände zieht.
  2. Hayek erklärt nicht, warum ein Sozialwissenschaftler die Reine Logik des Handelns nicht auf die Gegenstände seines eigenen Handelns anwenden kann und keine analytischen Schlüsse über die Beziehungen zwischen seinen eigenen Handlungen und den Gegenständen seiner Handlungen ziehen kann.

Diese Probleme sind Probleme in der Anwendung und dem Verständnis von Hayeks eigener Auffassung der Praxeologie. Übrigens nahmen wir an, dass Hayeks Auffassung der Praxeologie gültig ist (und mit der misesianischen übereinstimmt) und wir fragten einfach: Wenn die Praxeologie auf die Gegenstände a, b und c angewendet werden kann, wieso dann nicht auch auf die Ziele x, y und z? Hayek gibt zu, dass es möglich ist, analytische Schlüsse von den Gegenständen a, b und c zu ziehen, wenn wir sie als Gegenstände der Handlung des Handelnden A betrachten. Wir fragen einfach, warum können wir keine analytischen Schlüsse von den Gegenständen x, y, und z ziehen, wenn wir sie als Gegenstände des Handelns vom Handelnden B betrachten? Wir fragen uns, warum Hayeks Prinzipien nicht auf die Gegenstände und Personen angewendet werden können, die neben den besonderen liegen, die Hayek verwendet, um seine Prinzipien zu illustrieren.

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Es muss jedoch erwähnt werden, dass Hayeks Konzept der Reinen Logik des Handelns nicht mit Mises Konzept der Praxeologie identisch ist. Hayeks Reine Logik des Handelns ist eine Art begrifflicher Analyse. Mises Praxeologie hat nicht per se etwas mit begrifflicher Analyse zu tun, vielmehr mit der formalen Struktur des Handelns. Diese zwei Dinge sind nicht dasselbe. Mises erkennt:

„Die Praxeologie hat nichts zu tun mit den sich ändernden Inhalten des Handelns, sondern mit seiner reinen Form und kategorialen Struktur.“ (Human Action, Kapitel 2, Absatz 6 (Der Einzelne und die sich ändernden Besonderheiten des menschlichen Handelns))

Daher beziehen wir uns, sobald wir den Gegenstand Nahrung von dem Gegenstand Geld unterscheiden (wie es Hayek in der Reinen Logik des Handelns tut), nach Mises, auf die „sich ändernden Inhalte des Handelns“ und haben daher das Feld der Praxeologie verlassen.

Dies zeigt, dass Hayek die Praxeologie anders auffasst als Mises.

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Nebenbei bemerkt, aus den Fragen über die Anwendung von Hayeks Reiner Logik des Handelns ergeben sich ernste Fragen über das Wissen, das sie möglicherweise vermittelt.

Erinnern wir uns, zum Beispiel, daran, dass Hayek behauptet:

„… Wir können aus den Begriffen der Gegenstände analytisch auf die Handlungen schließen, die sich ergeben werden …“

Ist diese simple Aussage notwendig wahr? Können wir auf der Grundlage des Begriffs eines Gegenstands, mit dem der Handelnde konfrontiert ist, analytisch auf seine Handlung schließen?

Wenn wir annehmen, dass ein Mensch Nahrung besitzt, muss er dann zwangsläufig die Handlung essen vollziehen? Kann ein Mensch nicht Nahrung besitzen, ohne sie zu essen? Sagen wir, ein Mensch besitze einen Ball. Muss er ihn werfen? Wenn ein Mensch einen Ball besitzt, können wir dann analytisch darauf schließen, wie er handeln wird? Die Antwort scheint eindeutig nein zu lauten. Vielleicht können wir, wenn er einen Ball besitzt, analytisch schließen, dass er auch einen Ort besitzt und einen Gegenstand, der einen Rauminhalt hat. Hier greift die begriffliche oder tautologische Analyse, aber es ist nichts über eine notwendige Beziehung zwischen einem bestimmten Gegenstand und einer bestimmten Handlung festgestellt, die der Mensch ausführen muss, der dieses Objekt besitzt.

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Eine der Säulen von Hayeks Sozialphilosophie ist Hayeks Argument, dass die Untersuchung des Marktes nicht apriorisch sein kann. Aber Hayek scheint die Implikationen seines eigenen Konzepts der Reinen Logik des Handelns nicht voll erfasst zu haben. Er erkannte nicht, dass die Methode der deduktiven Analyse, die er sich vorgestellt hatte, sehr einfach auf die Probleme des Marktes angewendet werden kann (Preise, Zinsen usw.).

Wenn Hayek schließt, dass formale exakte Wissenschaft nicht zum Studium des Marktgeschehens angewendet werden könne, weicht sein Denken nicht nur von Mises’, sondern auch von Carl Mengers Denken ab. Mengers Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften und der politischen Oekonomie insbesondere ist zu großen Teilen der Aussage gewidmet, dass die formale exakte Wissenschaft in allen Erscheinungsfeldern gültig ist, dass Ökonomie als Gebiet menschlicher Phänomene verstanden werden muss. So kann man Mises’ Einsicht, dass die Ökonomik nur ein Zweig der Praxeologie ist, auf Mengers Vorstellung eines „exakten Zugangs zur Erkenntnis“ zurückführen. In seinen Untersuchungen gibt Menger folgende Definition für eine exakte formale Wissenschaft an:

„Das Ziel dieser Richtung, welche wir in Zukunft die exakte nennen werden, ein Ziel, welches die Forschung in gleicher Weise auf allen Gebieten der Erscheinungswelt verfolgt, ist die Bestimmung strenger Gesetze der Phänomene, von Ordnungen in der Aufeinanderfolge der Phänomene, welche sich uns nicht als absolut darstellen, sondern mit Rücksicht auf die Erkenntniswege, auf welchen wir zu denselben gelangen, geradezu die Bürgschaft der Absolutheit in sich tragen. Es ist die Bestimmung von Gesetzen der Phänomene, welche gemeinhin „Naturgesetze“ genannt werden, viel richtiger indes mit dem Ausdrucke „exakte Gesetze“ bezeichnet werden würden.“ (S. 38)

Menger folgend bezeichnete Mises den sozialen Zweig der exakten Wissenschaft Praxeologie.

 

Quelle des Originaltextes:

http://praxeology.org/2013/10/31/hayek-and-praxeology/comment-page-1/#comment-263