Gewalt ist eine Frage der Gelegenheit

Jörg Baberowski: Räume der Gewalt, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015, 214 S., 19,99 Euro.

„Frieden und Sicherheit gibt es nur, weil Menschen töten können. Ein Leben ohne Macht ist nicht vorstellbar, weil es ein Leben ohne Gewalt nicht gibt.“ Mit diesen beiden Sätzen schließt Jörg Baberowski seine Untersuchung über das Wesen der Gewalt ab. Im Abschnitt über die Anthropologie der Gewalt stellte der Osteuropahistoriker der Berliner Humboldt Universität fest: „Menschen können immer töten, wenn sie wissen, dass straflos bleibt, was sie tun, und sobald das Töten zum Gebot wird, braucht niemand mehr eine Lizenz oder eine Legitimation.“ Das liegt an der Tatsache, dass sich Gewalt in Situationen ausprägt: „Gewalt ist eine attraktive Handlungsoption, wenn sich Räume öffnen, in denen sie sich entfalten kann.“ Baberwoski ist mit Trutz von Trotha davon überzeugt, dass es zwecklos ist, Gedanken auf das Ende der Gewalt zu verschwenden. Menschen hätten zu allen Zeiten einander verletzt, getötet, Gewalt zugefügt. Umso wichtiger ist es, Gewalt als eine Möglichkeit, Mensch zu sein, auch für die Zukunft zu begreifen. Zivilisierte Ordnungen können kippen. Gewalt kann wieder aufbranden. Das ist eine zentrale Botschaft des ungemein lesenswerten Buches.

Jörg Baberowski hat sich Jahre, eher Jahrzehnte mit Gewalt beschäftigt. Das gilt insbesondere für seine Studien zu Osteuropa und den russischen, stalinistischen Terror sowie seine Mitarbeit an vergleichenden Arbeiten zum Nationalsozialismus und zum internationalen Sozialismus der Sowjetunion. Beide schufen „Ordnung durch Terror“. Zudem ist Baberowski ein ausgewiesener Kenner von historisch konnotierter Literatur, die er mit Kollegen und Intellektuellen regelmäßig im Literaturhaus in der Fasanenstraße bespricht. Diese Mischung aus akademischem Arbeiten, literarisch-philosophischem Interesse und einem eigenen, unabhängigen Standpunkt zeichnet Baberowski aus. Der Mann hat etwas zu sagen und spricht es aus. Er ist offen für andere Sichtweisen, belehrt nicht, bleibt aber skeptisch und begründet seine Ansicht wohl überlegt. Das ist selten und erfreulich.

In sechs Kapiteln beschreibt, analysiert und erörtert Baberowski die Gewalt. Zunächst erklärt er, was Gewalt ist und wie man sie verstehen kann. Dann werden Zivilisierung, Entgrenzung, Unsichtbarkeit, Anthropologie und Macht als Perspektiven auf die Gewalt behandelt. Zu Wort kommen Analytiker von Gewalt wie Hannah Arendt, Wolfgang Sofsky, Heinrich Popitz, ferner Hobbes und Hume, Sloterdijk und Luhmann. Eine wichtige Kritik richtet sich auf die bisher unzulängliche Erforschung von Gewalt, weil stets nach den Ursachen gefragt werde, statt sich mit der Gewalt selbst zu befassen. Diese breite Lücke füllt Baberowski aus. Er beschreibt wie die Gewalt in konkreten Situationen und in freien Räumen entsteht, sich ausbreitet, in aller Grausamkeit; wie sie die sozialen Beziehungen verändert, die Menschen verändert – Täter und Opfer –, ob in Progromen, Lagern, Kriegsverbrechen, Revolutionen. Gewalt ist nicht Folge von Ideologie, sondern ein elementares Vermögen des Menschen. Das ist der Schwerpunkt der Gewaltanamnese, nicht die punktuelle Gewalt in der westlichen Zivilisation. Damit verbunden ist die Erkenntnis, das Gewalt Vermögen ist, dass Gewalt auch in der zivilisierten Moderne allgegenwärtig ist. Die Lektüre schlägt zuweilen auf das Gemüt. Das gilt auch für die bedrückende Botschaft: „Der Glaube an die heilende Kraft der Zivilisation ist eine Illusion.“ Für Freunde der Freiheit mag zudem der Befund unerwünscht sein, dass Freiheit eine Quelle der Gewalt ist, aber auch Quelle von Vorsicht. Ohne Staat gibt es keine Sicherheit. Und der Staat birgt das größte Gewaltpotenzial. Mit dieser Dialektik müssen wir Menschen leben. Der Staat ist die Institution, die Menschen geschaffen haben, um der Gewalt und der Unsicherheit zu entkommen. Der Staat ist wiederholt in eine Tyranis umgeschlagen. Da Gewalt Teil des Menschseins ist, gilt es die Vorkehrungen gegen den Missbrauch von Gewalt zu verbessern und sie einzuhegen. Dieses Bestreben wird solange anhalten wie es Menschen gibt. Mit den Worten von Jörg Baberowski: „Erst wenn die Zentralgewalt sich gegen alle Widerstände durchsetzt und sich das Monopol auf legitime Gewaltausübung verschafft, können Menschen darauf verzichten, zu verletzen und zu töten, und sobald sie begriffen haben, dass sie Gewalt nicht benötigen, um sich zu schützen, gewöhnen sich auch daran, friedlich zu sein.“

Michael von Prollius