Freiheit und Sicherheit als konkurrierende Bedürfnisse

von Helmut Krebs

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Freiheit und Sicherheit werden in der neoklassischen Ökonomie oft als antagonistische Bedürfnisse aufgefasst, die zu Widersprüchen in der Interessenlage der Menschen, zu sogenannten Zielkonflikten führen. Auf den ersten Blick erscheint dies plausibel und wir nehmen diesen Sachverhalt schulterzuckend zur Kenntnis. Soll doch die Politik sich um die schwankenden Interessenlagen der Bürger kümmern und wechselnde Kompromisse finden. Eine kritische Untersuchung dieses Gemeinplatzes wird aber beweisen, dass wir es mit einem ideologisch bedingten Vorurteil zu tun haben, das über ein relevantes gesellschaftspolitisches Problem hinweggeht. Für eine Kritik müssen müssen zunächst den Begriff „Bedürfnis“ klären. Wie wir noch zeigen werden, führt eine psychologische Definition in die Sackgasse. Eine belastbare definitorische Grundlage liefert uns eine Handlungstheorie, in der der Begriff des Bedürfnisses eine eindeutige Funktion hat.

Das Handeln und das Bedürfnis

In der Praxeologie, der Theorie des Handelns nach Ludwig von Mises, ist Handeln ein aktives, bewusstes, auf die Zukunft gerichtetes, in die Welt eingreifendes Tun. Es ist begründet durch Unbefriedigtsein.1 Darunter haben wir (im engeren Sinne) einen Zustand zu verstehen, der uns Unbehagen bereitet oder die Vorstellung eines solchen unbehaglichen in der Zukunft liegenden, zu erwartenden Zustands. Im weiteren Sinne ist es die Vorstellung von äußeren Verhältnissen, die als Ursache des Unbefriedigtseins aufgefasst werden. Unbehagen oder Unbefriedigtsein ist Leid und Handlungsmotiv. Das Ziel ist Lust, Behagen, Befriedigung oder Zustände, die das begründen.

Handlungstheoretisch liegt das Bedürfnis im Grenzbereich zwischen der physischen und der intellektuellen Welt des Menschen. Es speist sich aus der physischen Gegebenheit der Lebenssituation und wird vom Intellekt als Datum eines Planentwurfs verarbeitet. Die Inhalte des Unbefriedigtseins (im engeren Sinne) nennen wir nämlich Bedürfnisse des Leibes und des Geistes. Unbefriedigtsein ist Sein, nicht Denken. Als Bedürfnisse dringen sie vom Sein in unser Bewustsein. Als Gedanken gehören sie zur Klasse der Urteile. Es sind Wertungen zwischen zwei Zuständen – eines realen (des Seins) und eines fiktiven (des durch das Handeln veränderten Seins). Diese Beiden Vorstellungen werden miteinander verglichen und in eine Rangordnung gereiht. Es sind subjektive Werturteile, weil es Vorstellungen des Befriedigtseins für das handelnde Ich nach Maßgabe der eigenen Empfindungen sind.

Ist das Bedürfnis ins Bewusstsein gedrungen, sucht dieses nach Mitteln zu seiner Realisierung. Erscheint es in Abwägung des Für und Wider der Kosten und Opportunitätskosten als möglich und vorrangig, wird es zum Handlungsmotiv. Wir nennen das Bedürfnis dann Wollen. Die Wahl der Handlungsmittel unterliegt der Analyse der kausalen Gegebenheiten der äußeren Welt. Bedürfnisse sind handlungstheoretisch folglich Handlungsziele, mit denen ein Zustand des Unbefriedigtseins beseitigt oder gemildert werden soll.

Die beiden Bedürfnisklassen

Es wurden schon viele Versuche unternommen, Bedürfnisse als objektive Sachverhalte zu beschreiben und zu klassifizieren, ohne dass sich ein Schema als allgemein anerkanntes durchsetzen konnte.2 Es wurden Grund-, Existenz- und Luxusbedürfnisse, leibliche und seelische Bedürfnisse unterschieden. Ein Bedürfnis zu haben, bedeutet, an einem Mangel zu leiden oder an einem Missverhältnis von Zuviel und Zuwenig. Doch ist die Zahl der Fälle solcher Mängel oder Disproportionalitäten unendlich. Alle Typologien, die die Fälle inhaltlich gliedern, beruht auf zwei Irrtümern. Erstens: Physiologische Bedürfnisse sind immer sensorisch und folglich auch geistiger Natur, wenn wir unter geistig mehr als nur das rationale Denken verstehen. Eine Trennung von Leib und Seele ist unmöglich. Sie können also nicht nach ihrem Ort im Organismus sauber unterschieden werden. Zweitens: Bedürfnisse sind ihrem Gewicht nach immer subjektiv, denn Werturteile beziehen sich in diesem Kontext auf die eigene Befindlichkeit. Was für den einen existenziell ist, also stark, mag für den anderen nur verachtenswert geringfügig sein. Die Einteilung kann nicht materiell oder inhaltlich sein. Es ist unvermeidlich, dass bei der Aufstellung solcher Listen die eigene Sichtweise zu Grunde gelegt wird und damit willkürliche Kriterien. Auf diese Weise kann keine Allgemeingültigkeit erreicht werden kann.

Dagegen bietet die Handlungstheorie eine sichere Grundlage zur Einteilung aller Bedürfnisse in zwei Klassen, denen die Einzelbedürfnisse zugeordnet werden können. Die beiden Typen von Bedürfnissen, von denen hier die Rede ist, sind eben Freiheit und Sicherheit. Es handelt sich nicht um Mängel der Befindlichkeit, sondern um Abstraktionen solcher Mängel. Es sind keine konkreten Bedürfnisse handelnder Menschen, sondern gemeinsame Wesensmerkmale, die ihnen eigen sind. Untersuchen wir die Qualität der beiden Begriffe im einzelnen.

Freiheit

Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Ängstliches Klagen
Wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme
Der Götter herbei!3

Gehen wir von banalen Fällen aus. Ein Mangel kann auftreten als Hunger und Durst, als körperlicher Schmerz oder Unbehagen, auf höherer Stufe als Fehlen von Tauschmitteln. Aber auch der Mangel an sensorischer Reizung kann peinigend sein. Wir erleben Langeweile als Unlust bis hin zur Folter in Isolationshaft. Ein Zuviel kann auftreten, als Monotonie, als Übersättigung. Umgekehrt ist die Vorstellung der Bedürfnisbefriedigung lustvoll. Sie weckt Wünschen und Begehren. Auch Wünsche können zu Inhalten von Unbefriedigtsein werden. Wir können neugierig sein, entdeckungsfreudig. Wir wollen lustvolle sinnliche Erlebnisse genießen: kulinarische Genüsse, Rausch, Sex, sinnliche Erlebnisse in schönen Welten und Vorstellungen usw.

Die Aufzählung kann nicht umfassend sein. Doch all diesen Beispielen gemein ist, dass sie einen bestimmten Typ von Handeln begründen. Handeln stellt sich Ziele und wählt Mittel. Das Wählen von Mitteln bedeutet, dass von den verfügbaren immer knappen Dingen welche verbraucht werden müssen, um die Ziele zu erreichen. Handeln ist in dieser engeren Bedeutung, innerhalb dieses Handlungstyps, immer Verbrauch. Das Changieren der Synonyme für Konsumption, Verbrauch und Genuss, drückt dies aus. Wer handelt zerstört. Er verbraucht Mittel und er verändert die Gegebenheiten. Er hat Appetit und eignet sich an, was er braucht.4 Der Mensch ist untrennbar in die Stoffwechselkreisläufe der Natur eingebunden. Seine Einbindung heißt Leben, seine Entbindung Tod.

Handeln ist transitiv. Das Ich nimmt sich die Welt als Objekt seines Eingriffs. Es ist praktisch, das heißt, es verändert die Welt. Diesen Sachverhalt nimmt der Begriff der Freiheit auf. Freiheit als Bedürfnis ist Handlungsfreiheit5. Es ist die Möglichkeit, nach seinem eigenen Wollen zu handeln. Frei sein heißt, handelnd in die Welt einzugreifen und sie zu verändern.

Handeln heißt, entschlossen sein, seine Kräfte zu gebrauchen, seine Mittel einzusetzen, sich gegen Widrigkeiten durchsetzen und für sich und für andere neue Gegebenheiten zu schaffen. Handeln heißt, sich als Beweger verstehen, als Subjekt begreifen, mutig sein, Täter sein. Ich passe mich an die Bedingungen an, um Erfolg zu haben, um aus den Angeboten das für mich vorteilhafteste anzueignen. Der Aktive rüstet sich, versieht sich mit Mitteln und ergreift die Gelegenheit. Ich nenne ein solches Handeln aktiv und die Bedürfnisse appetent, d.h. begierig, verlangend.

Der Handelnde braucht ein Wirkungsfeld. Eine freie Welt ist veränderlich und darin sucht er seine Chance. Er scheut sich nicht, immer aufs Neue veränderten Bedingungen Rechnung zu tragen. Die Dinge sollen sich seinen Plänen fügen, aber wenn nicht, so passt er seine Pläne der Lage der Dinge an. Das Ganze bleibt seiner Kontrolle entzogen. Die Ungewissheit des Ausgangs begründet die Unvorhersagbarkeit der weiteren Zukunft. Eine freie Welt ist eine, in der die Menschen verändernd eingreifen, ohne dass ein zentraler Wille den Ausgang, den Zielzustand vorher bestimmt. Das Leben in Freiheit ist ungewiss, die Zukunft offen.

Sicherheit

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.6

Wir sind nicht nur Handelnde in einer sich fügenden Welt. Wir sind auch Objekte des Handelns für andere und sollen uns selbst fügen. Von uns ernähren sich andere Lebewesen, Bakterien, Pilze oder gar Raubtiere. Auf unsere Existenzmittel haben es Konkurrenten abgesehen. Wir sind potenziell Opfer von physischer Vernichtung oder Verletzung, Ausbeutung, Beraubung und Übervorteilung. Objekt und Opfer sein ist das Gegenteil zu Handelnder und Täter sein. Mehr noch – das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit wächst nicht nur aus der bösen Erfahrung. In uns pulsiert ein uralter stammhirnlicher Angstimpulsgeber7, der uns zur ständigen Wachsamkeit nötigt. Grundlose endogene Angst sucht sich äußere Gründe und ist empfänglich für Angstbilder, die mögliche Gefahren wachrufen oder eingebildete Gefahren ausmalen. Die Angst zu beschwichtigen und tatsächliche Gefahren zu entschärfen ist der Zweck der Sicherheit, ihr psychologischer Sinn.

Nicht das Einwirken auf die Welt durch mich, sondern das Einwirken der Welt auf mich ist der Ausgangspunkt des Denkens. Es soll aufhören oder an mir vorübergehen. Wer Sicherheit sucht, ist leidend, d. h. passiv. Er leidet durch andere und will flüchten, sich in Sicherheit bringen. Er braucht einen Schonraum, eine Burg, einen abgeschlossenen befestigen Raum.

Das Bedürfnis nach Sicherheit strebt einerseits nach Schutz vor anderen oder nach Macht über andere und nach Kontrolle über die Dinge. Die erwarteten negativen Ereignisse sollen aufgehalten oder abgewendet werden. Die Gegenwart soll über die Zukunft herrschen. Unsicherheit als Quelle von Gefahr soll beseitigt werden durch eine starre Ordnung, Veränderbarkeit der Verhältnisse und also Freiheit soll in Unveränderbarkeit verwandelt werden. Die Freiheit der anderen soll durch Vorschriften ersetzt werden, das sich selbst organisierende freie System durch das strenge Gesetz geregelt. Letztlich soll die bedrohliche Welt an meine Bedürfnisse angepasst werden und damit gemütlich werden. Die anakreontische Idylle drückt diese Sehnsucht aus. Aber auch das eigene Handeln birgt Gefahren. Vorsicht ist geboten. Sparsamkeit und Enthaltsamkeit, Distanzierung und Verbot, also Hemmung das Mittel der Wahl.

Ich nenne diesen Handlungstyp das gehemmte oder hemmende Handeln, seine Bedürfnisse aversiv, d.h. vermeidend.

Sicherheit und Freiheit sind folglich scheinbar Gegensätze. Die Sicherheit sieht in der Freiheit eine Bedrohung und die Freiheit in der Sicherheit eine Einschränkung und Behinderung.

Übersicht der beiden Typen

Kategorie

Freiheit

Sicherheit

Handlungstyp

aktiv / verändernd

passiv / hemmend

Bedürfnistyp

appetent

aversiv

Selbstverständnis

Subjekt

Objekt

Erwartungshaltung

optimistisch

pessimistisch

Diese Gegenüberstellung führt uns zu der Erkenntnis, dass das Begriffspaar einen großen Bedeutungsumfang hat. Zunächst handelt es sich um charakterliche Dispositionen. Die Handlungstypen können Charakteristika von Persönlichkeitstypen sein (Optimist vs. Pessimist). Weiterhin handelt es sich um unterschiedliche Perspektiven auf die Sachverhalte. Wird die Teilnehmerperspektive oder die Beobachterperspektive eingenommen. Drittens schließt das Begriffspaar die Bedeutung von Handlungsalternativen ein, die je nach Situation besser oder schlechter geeignet sind. Soll gehandelt oder abgewartet werden, soll angegriffen oder verteidigt werden? Soll expandiert oder restringiert werden? Auch der mutige Spekulant wird zu gegebener Zeit den Gewinn einstreichen und auch der vorsichtige Zauderer zuletzt doch den wohlüberlegten Schritt wagen.

Die Verführbarkeit des Sicherheitsbedürfnisses

Die beiden Bedürfnis- und Handlungstypen sind zwar gegensätzlich und alternativ, aber nicht symmetrisch. Appetit kann gestillt werden, das Sicherheitsbedürfnis nie. Nach dem Genuss ist das Unbefriedigtsein behoben. Zwar wächst ständig neue, aber nicht systematisch aus ein und derselben Quelle und nicht sofort. Ist ein Hunger gestillt so legen wir uns gerne zur Ruhe oder genießen ein schönes Gespräch. Anders bei Sicherheitsbedürfnissen. Keine Beschwichtigung ist hier „sättigend“, das Unbefriedigtsein behält einen Rest. Es bleibt immer noch eine weitere Gefahr ungebannt, ein Restrisiko übrig. Das Sicherheitsbedürfnis kann niemals gestillt werden, weil die Mittel zur Abhilfe niemals ausreichend sind. Der Zufall ist nicht aus der Welt zu schaffen. Die Zahl möglicher Gefahren ist unendlich groß. Außerdem sind die Gründe einer endogenen Angst nicht in den äußeren Bedingungen zu suchen und daher auch nicht durch deren Veränderung zu beheben. Es sind nur Projektionen, die eine innere Befindlichkeit illustrieren und ihr einen scheinbaren Sinn verleihen. Die einzige Möglichkeit, sich aus einer Angstarre zu befreien, besteht darin, aktiv zu werden und zu handeln. Der Handelnde ergreift seine Freiheit und er befreit sich aus der passiven Rolle. Doch dies ist ein Ausbruch aus einem Dilemma. Die Angst hindert ja gerade am Handeln. Der Befreiungsakt setzt Willenskraft voraus, die die Angst lähmt.8 Die Logik der Sicherheit gleicht einem Labyrinth, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Die Sicherheitsindustrie und der Wohlfahrtsstaat

Diese niemals zu stillende sublime Angst in einer kontingenten Welt bietet die Angriffsfläche für eine lukrative Sicherheitsindustrie. Wir leben in einem Land, in dem seit Jahrhunderten der Staat als Anbieter von Sicherheit und Wohlfahrt die Bürger in ein Abhängigkeitsverhältnis bringt und zu diesem Zweck ihre Handlungsspielräume durch hohe Besteuerung und soziale Zwangssysteme einengt. Die Bürger passen ihren Handlungstypus diesen Verhältnissen an, was gleichbedeutend mit einer Abnahme unternehmerischen Geistes und dem Verstärken einer Versorgungsmentalität ist. Das hohe Sicherheitsbedürfnis wird auf diesem Hintergrund zur kollektiven Mentalität, ist geschichtlich gewordenes Produkt eines paternalistischen Staates.

Von den Versicherungen bis zu den Sicherheitsdienstleistern der Politik, von den Beratern in Gesundheits- und Ernährungsfragen bis zu den Apokalyptikern eines angeblichen selbstverschuldeten Weltuntergangs bietet sich dem geängstigten Menschen ein enormes Angebot an Gefahren und Helfern. Er muss sich nur ihrer Führung anvertrauen und seine Handlungsfreiheit gegen die ihrige eintauschen, mitmachen im Chor der Guten. Er muss, um im Wahn der Kontrollierbarkeit der Kontingenz zu schwelgen, ihnen Macht und Mittel und am besten seinen eigenen Verstand übereignen. Wir vergiften uns angeblich durch Ernährung und glauben, Nahrungsmittel wie Medikamente verwenden, uns krank- oder gesundessen zu können, durch Essen sowohl ab- als auch zuzunehmen. Das aversive Denken wird durch technische Neuerungen, Unsicherheiten und Unübersichtlichkeiten gereizt.9 Fracking, Gentechnik oder Kernenergie, jede technologische Erneuerung wird als Anschlag auf Gesundheit und Wohlergehen von Mensch und „Natur“ beargwöhnt und soll verboten werden. Uns wird eingeredet, dass wir durch die Verbrennung von Kohlenwasserstoffen die Erde zerstören und durch den Verbrauch von Konsumgütern die Rohstoffe vernichten. Wir sterben, weil wir leben!

Dabei übersehen wir doch die meisten lauernden Gefahren. Wir sind zu unwissend und überdies einer unablässigen Fehlinformation durch eigennützige Interessengruppen ausgesetzt und sollen daher den richtigen Verkündern der Wahrheit folgen. Wir sollen den hilfreichen und gut informierten Journalisten der jeweiligen Medien vertrauen, die uns über bis dato völlig unbekannte Risiken unterrichtet haben (Fehlernährung durch zu viel Zucker, Salz, Glutamat, Fette, Kohlehydrate, Eiweiße, zu viel und zu wenig Vitamine und zu wenig Wasser usw.). Wir sollen der Propaganda der angeblich philanthropischen, semistaatlichen NGOs, den Schützern des Bewahrenswerten von Greenpeace bis Peta glauben schenken, weil diese doch uneigennützig im Dienste der guten Sache stehen.10 Die Guten, die selbsternannten moralischen Instanzen, formieren sich als Foodwatcher, Verbraucherschützer, Tierschützer, Vegetarier und so weiter. Nicht ein Bereich der persönlichen Lebensführung bleibt ihrer fürsorglichen Bevormundung ausgespart. Wir bekommen Angebote, durch die Vorkehrungen der Parteien und der Regierung von Zusammenbrüchen der Wirtschaft verschont und gerettet, durch staatliche Sozialprogramme bei den finanziellen Belastungen der Zukunft entlastet zu werden und sollen dafür unsere Stimme geben.

Ein Einzelner ist durch die Überfülle an undurchschaubaren Informationen, die von der Sicherheitsindustrie auf ihn einströmt, überfordert. Die Quintessenz all dessen ist die Vorstellung, dass sich die Dinge nicht von selbst regeln, sondern aktiv und bis in alle Einzelheiten geregelt werden müssen. Dass dieses Regeln einen enormen Verwaltungsaufwand erfordert und dass der Einzelne ohne den Staat und die ganze Sicherheitsindustrie dem sicheren Untergang geweiht wäre. Die Sicherheitsindustrie schafft die Scheinbedürfnisse, deren Abhilfe sie selbst besorgt. Sie ist der wahre Verführer und Manipulateur, vor dem sie uns warnt.

Die Mythen dieser Sicherheitsindustrie heißen Nachhaltigkeit und Schöpfung. Nachhaltigkeit soll bedeuten, nicht mehr zu verbrauchen, als nachwächst. Es ist ein grober Unfug, denn nur in kontrollierten abgeschlossenen Systemen können Output und Input gleichgeregelt werden.11 Biosphäre und Gesellschaft sind offene Systeme und nichtnachhaltig. Sie sind nicht kontrollierbar.12 Schöpfung soll bedeuten, dass die organische Welt eine harmonische ewige Ordnung hat. Aber Veränderung ist die einzige ewige Ordnung. Alles kommt und vergeht, alles hat ein Anfang und ein Ende. Es leben heute völlig andere Lebewesen auf der Erde als vor Äonen und die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich seit Anfang der Menschheit völlig gewandelt. Niemand hat die Macht, daran etwas zu ändern. Der Mensch kann den Lauf der Geschehnisse, das panta rhei, für keinen Augenblick anhalten.13

Das Argument für die Freiheit

Die mit dem Sicherheitsgedanken verbundenen Bedürfnisse sind teilweise künstlich heraufbeschworen und wahnhaft eingebildet, teilweise aber auch aus dem Leben entstanden. Der klassische Liberalismus zeigt, dass das, was an Daseinsfürsorge notwendig und möglich ist, in einer freien Gesellschaft auch und besser in Eigenverantwortung geleistet werden kann, wenn der wuchernde paternalistische Staat zurückgebaut wird.14 Es ist vernünftig, Alters- und Krankheitsvorsorge zu treffen und sich für Schicksalsschläge eine finanzielle Reserve zu halten. Es ist auch vernünftig und effizient, gesamtgesellschaftliche Aufgaben die der Allgemeinheit nützen, die Dinge der res publica gemeinsam zu besorgen,15 am besten in freiwilligen privaten Vereinigungen. Maßvolle, nicht wahnhafte Sicherheitsbedürfnisse sind kein Widerspruch zur Freiheit. Eine freie Gesellschaft braucht einen sie sichernden Rahmen, eine Rechtsordnung und eine Verteidigungsfähigkeit nach innen und außen.

Der Wohlfahrtsstaat zielt darauf, die Handlungsfähigkeit und -willigkeit der Bürger zu schwächen. Der Staat zieht die Aufgabe der Individuen zur Daseinsvorsorge an sich und entmachtet und enteignet sie zu diesem Zweck teilweise. Er schafft damit erst die Maßlosigkeit des Sicherheitswahns. Es muss aber begriffen werden, dass das Ganze des menschlichen Lebens, dass die Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse und dass die Gesamtheit der irdischen Verhältnisse nicht kontrolliert und nicht geordnet werden kann. Wir Menschen sind nicht Herr über alles. Unser Leben ist ungewiss, Veränderung ist das Wesensmerkmal des Lebendigen.

Es ist eine der epochalen Entdeckungen der Geistesgeschichte, dass sich gesellschaftliche Systeme ohne zentralen Willen selbst organisieren und in gewisser Weise auch optimieren können. Der Markt, die Bühne des Gütertauschs, ist das Paradigma dieser zukunftsweisenden Leitidee unserer Zeit. Ihr widerspricht der Sicherheitswahn. Er will das sich verändernde Freie und Offene des Lebens durch Vorschrift, Regel und Kontrolle zur Erstarrung bringen. Der ausufernde Wille zur Macht der Sicherheit beseitigt nicht nur die Freiheit, er erstickt das Leben.

Der extremlibertäre Ruf nach völliger Abschaffung des Staates provoziert auf dem beschriebenen Hintergrund nur unnötige Ängste und kann keinen allgemeinen positiven Widerhall erwarten. Die Verabsolutierung des einen Pols eines zusammengehörenden Ideenpaares ist falsch, sowohl in der einen wie der anderen Richtung. Sicherheit und Freiheit sind nur dann unversöhnliche Gegensätze, wenn das Sicherheitsdenken die Freiheit überwuchert. Eine harmonische Verbindung beider ist möglich und notwendig. Freiheit sollte als Chance verstanden werden, nicht als Bedrohung, und Sicherheit als Teil der Freiheit.

Die Freiheitlichen sollten den Sicherheitswahn bekämpfen, die realistischen Sicherheitsbedürfnisse der Menschen anerkennen und dazu Vorschläge auf freiheitlicher Grundlage erarbeiten.

Fußnoten:

1 Vgl. Ludwig von Mises: Nationalökonomie, Theorie des Handelns und Wirtschaftens, Flörsheim 2010 (Genf 1940), S. 40. „Der Handelnde sucht einen Zustand, der ohne sein Dazutun gegeben ist, durch einen anderen Zustand zu verdrängen. In seinem Denken sieht er einen Zustand, der ihm mehr zusagt als der gegebene, und sein Handeln ist darauf gerichtet, diesen gewünschten Zustand zu verwirklichen. Antrieb des Handelns ist das Unbefriedigtsein.“

2 Vgl. Wikipedia-Artikel zum Stichwort „Bedürfnis“.

3 Gedicht von Johann Wolfgang Goethe aus dem Jahre 1777.

4 Vgl. Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten, Einleitung in die Metaphysik der Sitten, IV. Vorbegriffe zur Metaphysik der Sitten. „Nur die Willkür also kann frei genannt werden.“ Kant spricht von einem „Prinzip der äußeren Erwerbung“ und in diesem Sinne von einer „Bemächtigung“. ebd. 1. Teil, Zweites Hauptstück, § 10. Die Freiheit im Sinne von Erwerbung der äußeren Welt begründet sich aus der Bedürftigkeit des Menschen.

5 Vgl. Helmut Krebs: Der Begriff der Freiheit (Forum Freie Gesellschaft, 2015)

6 Gedicht von Friedrich Hölderlin aus dem Jahre 1799.

7 Die Amygdala wurde als Angstzentrum des Gehirns identifiziert. Wikipedia Stichwort „Angst“.

8 Eine besondere deutsche Art der Hemmung ist die Furcht, ein drittes Mal vor der Geschichte zu versagen. Es ist ein wirkungsmächtiges Motiv besonders unter Gebildeten.

9 Vgl. Ulrich Beck: Die Risikogesellschaft, Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1986, das unter dem frischen Eindruck des Reaktorunglücks von Tschernobl entstand. „In der fortgeschrittenen Moderne geht die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken“ (Beck, S. 25), und Richard Sennett: Der flexible Mensch, Berlin 2006 (1989), S. 99 ff. „Das Risiko wird zu einer täglichen Notwendigkeit, welche die Masse der Menschen auf sich nehmen muss.“ (Senett, S. 105) Wie wenn das Leben in früheren Zeiten weniger Gefahren vorgehalten hätte. Wenn eine Grundbedingung jeden Lebens zum Charakteristikum einer Zeit und einer Generation stilisiert wird, haben wir es mit einer Wahnvorstellung zu tun. Die Kontingenz des Lebens wird einem Gesellschaftssystem angedichtet. „Persönliche Ängste sind tief mit dem neuen Kapitalismus verknüpft.“ (Senett, S. 128) was suggeriert, es gäbe eine Alternative in Form eines anderen Systems. Die Ideologen der neuen Linken sind in Wahrheit konservativ. Zu Beck vgl. auch James Heartfield: Soziologie: Ulrich Beck und die Angst vor der Moderne, in Novo Argumente # 119, S. 234, online http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0001884?utm_content=buffer39bc5&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer

10 Einige der mächtigsten NGOs werden aus dem EU-Haushalt mitfinanziert. Vgl. Hardy Bouillon: Brüsseler NGO-Finanzierung, in Novo Argumente, Frankfurt, 2014, # 117, S. 45.

11 Vgl. Dirk Maxeiner und Michael Miersch: Die Zukunft und ihre Feinde. Wie Fortschrittspessimisten unsere Gesellschaft lähmen, Frankfurt am Main, 2002; dort insbesondere S. 56 ff.

12 Rein logisch ist jeder Versuch der Kontrolle, ein Input von innen ist. Das Teil kann niemals das Ganze beherrschen.

13 Wenn auch diese ökologistischen Mythen neu erscheinen, sie sind schon ziemlich alt. Sie entstanden in ihrer heutigen Gestalt parallel zur Französischen Revolution als Reaktion auf die Turbulenzen der gesellschaftlichen Umwälzungen und haben sich seither immer wieder gewandelt und umbenannt. Ihre Masken und Ideologien hießen Romantik, Biedermeier, Lebensreform, Jugendbewegung, Eugenik, Rassenlehre, Korporatismus, Kommunismus, Hippiewesen usw. Sie setzen an beim Gedankenbild einer moralisch richtigen Lebensweise, die allen Gemeinschafts- und Gesellschaftsmitgliedern auferlegt sein soll. Doch auch diese irrationalistischen Strömungen finden Vorläufer in der Anakreontik, im Pietismus, Quietismus, Asketismus, in mönchischen Orden u.a. Das utopische Denken lässt sich bis Platon zurückführen. Der gemeinsame Nenner ist die Ordensregel, die starre utopische Idealvorstellung, der alles Lebendige, Veränderliche, Freie untergeordnet wird. Gehorsam (Bediene dich nicht deines eigenen Verstandes!), Armut (Nullwachstum und Konsumzurückhaltung) und Keuschheit (Reinheit als ethischer Konsum) sind die Maximen. Ludwig von Mises schrieb dazu in Nationalökonomie, a.a.O., S. 630: „Das Wesentliche an der Konstruktion des Gedankenbildes dieses Idealstaates ist, dass alle seine Bürger stets im Sinne der Obrigkeit handeln. Der König befiehlt, und alle gehorchen. … Diese hypothetische Gemeinwirtschaft, die man als die Verwirklichung des sittlich Richtigen ansieht, wird nun die Marktwirtschaft gegenübergehalten.“

14 Helmut Krebs und Michael von Prollius: Zur Struktur staatlicher Aufgaben und ihrer Legitimität aus liberaler Sicht (Forum Freie Gesellschaft, 2015); Frederik Cyrus Roeder: „Die unterschätzte Ausdauer privater medizinischer Vorsorge“ (Forum Freie Gesellschaft, 2015).

15 Vgl. Michael von Prollius: Die öffentlichen Angelegenheiten und der Liberalismus (Forum Freie Gesellschaft 2015).