Freiheit im Film: VIKINGS

Aus: The Standards II: Filme aus der Freiheitsperspektive betrachtet, hg. von Michael von Prollius

Vikings

von Michael Hirst

gesehen von Michael von Prollius

Filmthema

Fernsehserie, die den Aufstieg des legendären Wikingers Ragnar Lodbrok zum König von Dänemark im 9. Jahrhundert schildert, angelehnt an die historischen Begebenheiten und fiktional angereichert. Die Serie vermittelt neben dem Leben der Wikinger und Expansionsfahrten u.a. nach England einen intensiven Ein­druck von den machtpolitischen Konstellationen in einer Welt vermeintlich freier Menschen.

Bedeutung

Herschaft, Hierarchien und Gewalt sind elementare Bestandteile menschlichen Zusammenlebens. „Vikings“ schildert anschaulich das machtpolitische Gezerre vor und vor allem hinter den Ku­lissen einschließlich der Folgen, die Macht über Menschen mit sich bringt. Zu Lebzeiten der Wikinger gab es keine wirksamen Institutionen, um den Schutz von Leib, Leben und Eigentum auch nur innerhalb einer Gemeinschaft zu sichern – zuweilen andersklingenden Lobliedern zum Trotz. Im rauen Alltag der Nordmänner waren Freiheit und Eigentum zwar bedeutsam. Allerdings standen sie unter dem Vorbehalt einer zentralisierten Herrschaft mächtiger Männer und wurden durch Gewalt von innen und außen bedroht.

Regisseur und Darsteller

Erscheinungsjahr: ab 2013

Regie: Michael Hirst

Darsteller Filmfiguren
Travis Fimmel
Clive Standen
Katheryn Winnick
Gustav Skarsgard
Gabriel Byrne
Ragnar Lodbrok
Rollo Lodbrok
Lagertha Lodbrok
Floki
Jarl Haraldson

Interpretation

Worum geht es bei „Vikings“?

Starke Männer und Frauen. Wagemutige und blutrünstige Eroberungsfahrten. Ein hartes Leben als Bauern, Jäger und Händler. Luxusgüter und Reichtümer, die vor allem durch Raub­züge beschafft wurden. Unberührte gewaltige Natur. Ein Leben in der Gewissheit, sein Heil letztendlich bei den Göttern zu finden. Das sind Aspekte, die die Serie „Vikings“ auszeichnen und sehenswert machen. Impressionen vom alltäglichen Leben und Sterben, vom Ringen um Macht und von wagemutigen Explorationen.

Die erste Staffel beginnt mit Ragnar, dem Protagonisten der Serie, und seiner Frau Lagertha, die unzufrieden mit der Politik ihres Stammesführers, Jarl Haraldson, sind. Das liegt vor allem an den sommerlichen Raubzügen, die fortwährend nach Osten geführt werden, wo es kaum noch etwas zu erbeuten gibt. Ragnar strebt stattdessen an, erstmals über das Meer zu den Westländern zu fahren, obwohl unklar ist, ob sie existieren, und niemand weiß, wie man dorthin navigieren kann. Der zunächst unterschwellige Konflikt wächst sich zu einem Machtkampf aus. Ragnar gelingen mit einem Kompass (einem Sonnenstein) und einem eigenen Schiff die Überfahrt und der Überfall auf ein Kloster. Sein Ansehen wächst. Ein zweiter Beutezug trägt dazu bei. Zugleich entflammt die Eifersucht seines Bruders Rollo, der für eine Intrige empfänglich ist. Jarl Haraldson, der bisher alle Schiffe kontrollierte und ungehindert seinen Reichtum mehrte, versucht schließlich, sich durch einen Überfall auf Ragnars Hof des Emporkömmlings zu entledigen. Trotz einer dabei erlittenen, nicht ausgeheilten schweren Verwundung, tötet Ragnar später den Herrscher im Zweikampf und wird neuer Jarl des Kattegat.

Die folgende zweite Staffel entfaltet die politischen Intrigen und damit verbundenen Kämpfe um die Herrschaft zunächst zwischen den beiden Brüdern und einem anderen Jarl (Borg), später mit dem intriganten König Horik, der in der großen Versammlungshalle des Kattegat von Ragnar getötet wird. Die dritte Staffel handelt vom Leben und Sterben in England, wo in Wessex Wikinger siedeln, und vom großen, verlustreichen Angriff auf Paris, die Hauptstadt des westfränkischen Reiches. Intrigen spielen erneut eine zentrale Rolle.

Was ist lehrreich?

Bereits in den ersten Folgen wird deutlich, dass es sich bei den Wikingern um freie Männer handelte. Die Frauen hatten, trotz mancher Kriegerin, als schwaches Geschlecht und als Mütter keine gleichrangige Stellung. Eigentum wird als hohes, schützenswertes, aber auch begehrtes Gut im Gemeinwesen betrachtet. Recht spielt eine wichtige Rolle, gerade bei schwerwiegenden Taten, etwa die Tötung eines Wikingers aus demselben Dorf. Einen Staat gab es im frühen Mittelalter nicht, auch keinen Gewaltmonopolisten, aber einen Herrscher, dem die Entscheidung über gemeinsame Angelegenheiten und auch die Rechtsprechung oblag. Bereits zum Anfang der Serie wird deut­lich, wie missbrauchsanfällig diese überragende Position ist. Jarl Haraldson, der Ankläger und Richter zugleich ist, spricht in einem Tötungsfall ein Todesurteil aus, weil, wie sich herausstellt, er an das Land des Täters gelangen will. Dazu manipuliert er mit wenigen Worten die ohnehin aufgeputschte Menge – Todesurteil per Mehrheitsakklamation. Selbstverständlich gibt es in der Stammesordnung auch kein friedliches Verfahren, um den Jarl und seine Führungsmannschaft auszuwechseln. So bilden sich rivalisierende Gruppen. Intrigen werden gesponnen, mit tödlichem Ausgang für den Herrscher und seinen perfiden Intimus. Der körperlich Überlegene siegt und wird als neuer Herrscher anerkannt. Schließlich ist das Eigentum keineswegs unantastbar, genauso wenig wie das Leben. Jarl Haraldson verfügt über genug Macht, um Ragnars Hof anzugreifen, zu töten und zu brandschatzen. Ragnar begeht später selbst als Jarl aus taktischen Gründen einen Mord, der ungesühnt bleibt; sein vielleicht bester Freund Floki, der genial-bizarre Schiffsbau­meister, tötet in verstiegener Eifersucht den Mönch Athelstan, der ein Intimus von Ragnar ist.

Gewalt gehört zum Alltag. Treueschwüre binden die eigentlich freien Wikinger in der politischen Hackordnung an den Herr­scher. Macht speist sich aus persönlichem Ansehen, Besitz und der Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen. Das macht das Streben nach dem Thron attraktiv. Wie im Innern, so nach außen bestimmen persönliche Bündnisse, Intrigen, Verlockungen und immer wieder Gewalt die Beziehungen zu anderen Herrschafts­bereichen. Überbordende Emotionen, Mord- und Plünderlust, Reichtum und Ruhm bilden Leitlinien des Handelns. Der Handel spielt hingegen eine nachrangige Rolle. Die Arbeitsteilung ist vergleichsweise gering ausgeprägt. Der Überlebenskampf mit Hunger im Winter bindet die Kräfte. Die Gesundheitsversorgung bleibt vollkommen unterentwickelt, auch im Vergleich zu anderen Kulturen der Zeit oder den Errungenschaften des Römischen Reiches. Eine Herrschaft der Mächtigen, der Männer über Männer und Frauen, nicht des Rechts, kennzeichnet das Filmleben. Das nimmt manchen romantisierenden Lobpreisun­gen eines vorbildlichen Lebens von Wikingern, insbesondere Isländern, aber auch mit Bewunderung geschilderten Regel­systemen neuzeitlicher Piraten, den vermeintlichen Glanz von Freiheit und Selbstbestimmung.

Die wirkliche Welt der Wikinger

In der heutigen regulierten, bürokratisierten und konditionierten Welt mit ihrem vergleichsweise phantastischen Wohlstand wirkt die filmisch distanzierte und historisch verklärte Wikingerzeit attraktiv, zumal mit Chips und Cola vom gemütlichen Sofa neben der Heizung aus betrachtet. Sozial akzeptiertes Ausleben von Aggressionen kann einen Beitrag zu dieser Begeisterung leisten. Ruhm, Ehre, Rache, Runen, Sagas, Mythen mögen für eine romantische Sicht sorgen. Der Wikingerkult setzte immer­hin bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein. 1811 gründete sich in Stockholm ein Gotischer Bund. Nicht alles entpuppt sich indes im Zuge wissenschaftlicher Untersuchungen als Klischee.

Wikinger lebten überwiegend in Gehöften und kleinen Dörfern. Auch Handelszentren waren kaum größer als 1.000 Einwohner. Überlebenskampf durch die von Missernten und Notzeiten gekennzeichnete Landwirtschaft durch Unwetter, Überflutungen und Vulkanausbrüche prägten das Leben der Bauern, Jäger und Sammler.

Von 793 bis 1066 machten Wikinger vor allem als Piraten, die ein Menschenleben gering schätzten, auf der Suche nach Beute von sich reden. Als geschickte Pragmatiker waren sie die Global Player ihres Zeitalters. Das lag auch an kulturellen und organisa­torischen Fähigkeiten der Wikinger, die Wissenschaftler heute anerkennen. Wikinger hatten sich weiter entwickelt, statt ledig­lich auf einer barbarischen Entwicklungsstufe zu stagnieren. Sie kolonisierten als Bauern und Fischer Island und andere Inseln im Nordatlantik. Sie fuhren als Entdecker nach Grönland und Kanada. Halb Europa wurde von ihnen als Piraten und Plünderer heimgesucht. Als Söldner kämpften sie in England, Frankreich und der Türkei. Als Händler gelangten sie nach Russland und bis in den heutigen Irak. Als Krieger und Politiker herrschten sie zeitweise über England und begründeten das Land der Nordmänner, die Normandie.

Indes trifft das Bild einer Gemeinschaft von Freien nicht zu. Ein wichtiger Grund für die Eroberungsexpeditionen über die nautischen und seefahrerischen Fähigkeiten hinaus bestand darin, dass militärische Aggressionen, Erpressungen und Plün­derungen zu den gebräuchlichen politischen Mitteln gehörten. Für kleine Einfluss- und Herrschaftsbereiche bildeten Raubzüge die maßgebliche Möglichkeit, Einnahmen zu erhöhen und Gefolgschaft zu sichern. Deren Organisation, Finanzierung und Leitung widerspricht dem sagenhaften Wikingermythos, der selbst in Quellen zu finden ist: „Wir haben keinen Anführer, sondern sind alle gleich“, wie ein anonymer dänischer Wikinger um 882 zu Herzog Ragnold sagte. Das gilt auch für die lediglich vermeintlich gleichmäßige Aufteilung von Beute. Allerdings handelte es sich um (zeitweise) verschworene Gemeinschaften.

Trotz schwieriger Quellenlage gilt es als wahrscheinlich, dass Dänemark bereits im frühen 8. Jahrhundert eine Zentralmacht war. In Skandinavien herrschte damals der Stammesadel, und dieser war bemüht, sein Ansehen und seinen Reichtum zu vergrößern. Die englischen, französischen und deutschen Herrscher galten den Wikingern als Vorbilder, weshalb sie Städte gründeten, Kirchen bauten, Steuern und Abgaben ein­führten und Einheitsstaaten bildeten. Die Herrscher folgten bereits in den Jahrhunderten zuvor dem uralten Muster, nach­dem sie für Handel sichere Orte anboten und dafür Zölle erhoben. Die Herrscher kontrollierten frühzeitig über Häuptlinge und Anführer von Sippen weite Teile der skandinavischen Länder. Dementsprechend wurden Bemühungen unternommen, eine einfache Infrastruktur zu errichten, darunter Wege für Ochsenkarren und Kanäle für Boote. Das ließ die Wirtschaft florieren.

In Island wurde 930 das Althing gegründet, die gesetzgebende und gesetzsprechende Versammlung. Indes handelte es sich nicht um eine evolutionäre Entwicklung von Konventionen in Recht und Gesetz. Vielmehr wurde das Gesetz von Ulfjotr akzeptiert, der auftragsgemäß eine angepasste Form des Gulathing-Gesetzes aus Norwegen mitgebracht hatte. Und trotz der Versammlung aller freien Männer im Althing lag die tatsächliche Macht in den Händen von zunächst 36 Goden, den namhaften Repräsentanten ihrer Distrikte. Island war also eine Oligarchie und keine Republik.

Die Rolle der Frau variierte innerhalb Skandinaviens erheblich. Aufgrund der Monate, mitunter Jahre währenden Abwesenheit der Männer oblag den Frauen die gesamte Arbeit auf den Höfen. Zugleich spielten Frauen auch im Handel eine teilweise erheb­liche Rolle. Letztlich bleibt die Rolle der Geschlechter indes unklar.

Vielleicht ist es die Mischung aus Fakten und Fiktion, die die Serie „Vikings“ anschauenswert macht. Unterhaltung und Wissenserweiterung gehen Hand in Hand, sobald man neben dem Film auch Bücherwissen in Betracht zieht.

Zitate

Ragnar: „Ich habe Dir etwas zu sagen. Ich bin nicht Earl geworden, weil ich das angestrebt habe. Es hat sich so ergeben, weil andere Menschen gehandelt haben. Und ich bin nicht aus Ehrgeiz König geworden, aber wieder hatte ich keine Wahl, es war eine Folge durch das Handeln anderer Menschen. Nichtsdestotrotz, ich bin König. König Ragnar, das ist mein Name. Was tut ein König, Björn? Björn: „Er herrscht.“ Ragnar: „Ja, genau … er herrscht. Und als Herrscher, habe ich das letzte Wort. Ich! Nicht Du, nicht Du und nicht Du.

Ragnar im Gespräch mit seinem Sohn Björn

Ich habe immer geglaubt, dass der Tod ein weitaus besseres Schicksal als das Leben ist, weil man mit seinen verlorenen geliebten Menschen wieder vereinigt wird. Aber wir werden uns niemals wiedersehen mein Freund. Ich habe das Gefühl, dein Gott wird mir meinen Besuch im Himmel verwehren.

Ragnar zu Athelstan

Die Welt ändert sich und wir müssen uns mit ändern.

Ragnar

Krieger zeigen nicht ihr Herz, bis es ihre Axt tut.

Floki