Freiheit erfordert Wehrhaftigkeit – wehret den Anfängen politischer Religionen!

Politische Religionen sind eine Gefahr für Demokratie und Markwirtschaft. Sie sind eine Gefahr für Menschen, die noch in Freiheit leben und ein Gefängnis für Menschen, die in Freiheit leben möchten.
Diejenigen, die Kopftuch, Burka oder Burkini (Was ist daran Kini?) lediglich für Kleidungsstücke halten und den Umgang damit als eine Frage der Toleranz erachten, bitte ich, sich mit politischen Religionen zu beschäftigen. Der ausgezeichnete NZZ-Artikel über islamistische Herrschaft zeigt, was auf dem Spiel steht. Die Islamisten streben nach der Herrschaft des Islam in ihrer kompromisslosen, radikalen Auslegung, die keine Toleranz und keinen Freiraum gegenüber Andersdenkenden zugesteht. Die Kontrolle des Körpers der Frau über Bekleidungsschriften ist dabei ein Werkzeug neben anderen. Die Islamisten schaffen sowohl eine Gegenidentität als auch eine Gegenöffentlichkeit und nutzen die Freiräume, die ihnen eine demokratische Gesellschaft bietet.
Für Islamisten ist kein Platz in einer freien Gesellschaft. Liberale können sich nicht auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments verlassen. Hier ist der Rechtsstaat gefordert – mit Polizei, Verfassungsschutz, Gerichten. Das in der Antike bewährte Mittel der Verbannung sollte heute in Form der Ausweisung ein wichtiges Instrument des Rechtsstaats bilden.

Addendum
Wer sich mit einem historischen Phänomen politischer Religion befassen möchte, findet über diese ältere Rezension über drei relevante Bücher zum Nationalsozialismus einen Zugang (erschienen in: Archiv für Sozialgeschichte 45 (2005), 652-656)

Michael Hesemann: Hitlers Religion. Die fatale Heilslehre des Nationalsozialismus, Pattloch Verlag, München 2004, 480 Seiten, gebunden, 19,90 EUR.

Hans Maier (Hg.): Totalitarismus und Politische Religionen. Konzepte des Diktaturvergleichs, Band III: Deutungsgeschichte und Theorie, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2003, 450 Seiten, 34,90 EUR.

Richard Steigmann-Gall: The Holy Reich. Nazi Conceptions of Christianity, 1919-1949, Cambridge University Press, Cambridge 2003, 17,50 EUR.

 

Drei Bücher, drei Sichtweisen, drei Stile – ein Thema: das Verhältnis von Nationalsozialismus und Religion.

Der Grenzwissenschaftler Michael Hesemann hat in seiner gut geschriebenen populärwissenschaftlichen Darstellung Bekanntes aufbereitet und in einer bemerkenswerten Interpretation verdichtet:

  1. „Der Nationalsozialismus war keine rein politische Ideologie, sondern eine mythisch-religiöse Weltanschauung, basierend auf dem Mythos vom Blut als Träger der Seele, verbunden mit einer eschatologischen Heilslehre.“ (S. 18)
  2. Die Christen/ die Kirchen waren das nächste potenzielle Opfer der Nationalsozialisten nach dem Holocaust an den Juden: „Er [Hitler] hasste die Kirchen nicht viel weniger als die Juden, und er schmiedete auch hier bereits Pläne für eine Endlösung.“ (S. 15, Hervorhebung im Original)

Hitler wird als Antichrist, als Umwerter aller Werte, charakterisiert, nicht zuletzt deshalb, da Hitler und seine Gefolgsleute an das glaubten, was sie verkündeten und taten. Die Errichtung eines neuen Zeitalters – des tausendjährigen Reiches – durch das auserwählte Volk der Arier zog mit immanenter Zwangsläufigkeit den Holocaust nach sich, als heilsgeschichtliche Notwendigkeit, als konsequente Logik einer „destruktiven Religion“. (S. 18) Nicht Größenwahn, sondern ein bewusster Gegenentwurf zum Christentum war Gegenstand der nationalsozialistischen Pseudoreligion.

Während in der konservativen Wissenschaft Okkultismus, Theosophie, Esoterik, Ariosophie und Wagnerianismus eine Randstellung einnehmen, werden die „Schwärmereien“ in der Interpretation Hesemanns zum Mittelpunkt einer ekklektizistischen Rassenlehre, deren Synkretismus trotz oder gerade wegen ihrer diffusen, schrägen und absurd anmutenden Ursprünge zu Hitlers Religion und zum Programm des Nationalsozialismus.

Michael Hesemann schreitet das bekannte Terrain ab. Er beginnt mit der Rekonstruktion der Literatur, die Hitler las und zeigt den Einfluss von Wagner als Prophet des Nationalsozialismus auf. Von den arischen Rittern eines Lanz von Liebenfels, der Theosophie und dem Armanen Orden als Vordenker des nationalsozialistischen Rassenwahns geht es über den Ur-Führer Schönerer bis zur Thulegesellschaft und Dietrich Eckart weiter, so dass ein unheimliches Netzwerk aus Personen, Organisationen und deren Heilslehren Konturen annimmt. Diese in den zwanziger Jahren noch krude Parallelwelt wächst zu einer wirkungsvollen Erklärung heran, weil sie in der Lage ist, den offiziellen, gleichsam staatstragenden Erklärungen der etablierten Geschichtswissenschaft eine Mischung aus wirkungsloser Verschwörung, abseitiger Alltäglichkeit und böser Banalität entgegenzusetzen. Auf dem Weg ins Dritte Reich schildert Hesemann den Aufstieg des NSDAP und seiner Protagonisten, der „Hochstapler Hitler“ (S. 220) wird als Erlöser Deutschlands gedeutet. Abseits des quellengesicherten Terrains wird bei der Erzählung der Machtübertragung dann Erik Jan Hanussen gleichsam zum Schlüssel für Hitlers Agieren. Schließlich ergänzen Ausführungen zum Schwarzen Orden (SS) und eine Erörterung der Nachkriegspläne für eine Endlösung der Kirchenfrage die nur noch punktuell bis zum Kriegsende reichende Darstellung.

So konsequent und zugespitzt hat bisher kein Autor die spießbürgerliche Gedankenwelt und das dazugehörige Netzwerk von Gläubigen geschildert. Hesemann nimmt Hitler ernst, in seiner ganzen Schlichtheit und obskuren Radikalität. Er kann in seiner geradlinigen Argumentation auf Erfahrungen als Grenzwissenschaftler, der bekanntlich vor der Beschäftigung mit Ufos nicht zurückschreckt, zurückgreifen und ist nicht durchgängig an wissenschaftliche Regeln und Erkenntnisse gebunden. Entstanden ist eine Art Biographie, die weit gehend chronologisch die Lebens- und Glaubenswelt Hitlers entlang der bekannten Meilensteine abschreitet. Eine Fülle von Details und Zitaten werden aufgeboten, um die These zu stützen, dass es sich bei der Weltanschauungsdiktatur der Nationalsozialisten um eine (politische) Religion gehandelt hat. Die Quellenlage bietet insofern Angriffspunkte als keine neuen Quellen ausgewertet wurden, sondern Hesemann sich auf Sekundärliteratur stützt und zudem den von Ian Kershaw geschmähten und bekanntlich umstrittenen Hermann Rauschning zum Kronzeugen macht. Hinzu kommen Henry Picker und auch schon einmal ein „Informant“. Auch die theoretische Basis, die „Voegelin-Schule“, wird nicht bei allen Kritikern auf Wohlwollen stoßen. Gleichwohl lohnt sich die kurzweilige Lektüre, denn das Wollen, das hinter dieser Arbeit steht, verdient Aufmerksamkeit. Letztlich läuft alles auf die Frage hinaus, ob es sich bei Hesemanns Darstellung lediglich um Oberflächenanalogien handelt, ähnlich einer Überinterpretation, die dem Ziel folgt, möglichst viele religiöse Versatzstücke zu finden und zu einem Mosaik zusammenzufügen, die dem Nationalsozialismus die Verpackung einer Religion überzustülpen vermag.

Jenseits handwerklicher Schwierigkeiten lassen sich Vorbehalte gegenüber dem Konzept der politischen Religion geltend machen. Nicht, weil Kritiker argumentieren werden, Religion sei etwas Positives. Der Bestsellerautor hat hier vorgebaut und eine Überzeugende Sammlung von Argumenten in Form charakteristischer Religionsmerkmale, die mit dem Nationalsozialismus übereinstimmen, dargelegt (S. 441f.). Jedoch erscheint der Versuch, das Konzept Religion zur Schlüsselkategorie einer Erklärung des Nationalsozialismus zu machen – die „Weltformel“ konnte bisher ja nicht gefunden werden – wesentliche Facetten nicht mit einzubeziehen. Religion ist neben Politik und Wirtschaft nur ein Element der Gesellschaft. Zwar bleibt die Ideengeschichte der Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus und anderer Weltanschauungsdiktaturen. Dennoch fehlen dem dogmengeschichtlichen Erklärungsmodell Hesemanns bei all seiner pragmatischen Wendung die soziologischen, kulturellen und ökonomischen Komponenten. Zugleich spielen kriegerische, macht- und innenpolitische Aspekte eine zu sehr untergeordnete Rolle. Ferner ist Handlung in „Hitlers Religion“ unterrepräsentiert und kein eigenständiger Faktor. Handlung lässt sich aber nicht auf eine Art Fortsatz einer Ideologie reduzieren. Unklar bleibt auch, warum die deutsche Bevölkerung auf „Hitlers Religion“ hereinfiel. Gleichwohl halte ich die Deutung unter diesem Oberbegriff für eine bemerkenswerte Rekonstruktion, die in ihrem Wollen durchaus mit anderen Erklärungen zu konkurrieren vermag. Ziel des Fachautors und Journalisten war Hitlers Ideologie als Religion zu deuten und nicht ein Erklärungsmodell für den Nationalsozialismus insgesamt zu entwerfen. Seine Erklärung hat den Vorteil, für breite Kreise verständlich zu sein. Überzeugend halte ich vor allem die aus der Lektüre folgende These, den Nationalsozialismus als Gegenentwurf zu begreifen, allerdings weniger gegen das Christentum gerichtet, sondern als Alternative zum westlichen, liberalen, letztlich angelsächsischen Gesellschaftsmodell.

Das geistes- und begriffsgeschichtliche Fundament für den Begriff der Politischen Religion (und des Totalitarismus) bietet das dreibändige, von Hans Maier herausgegebene gleichnamige Handbuch. Hatten die beiden Mitte der neunziger Jahre erschienen (Tagungs)Bände erste Ergebnisse der umfassenden Forschungen zum Thema „Totalitarismus und Politische Religionen“ am Institut für Philosophie der Universität München festgehalten, so zieht der hier zu besprechende dritte Band eine Gesamtbilanz mit den Schwerpunkten Begriffs- und Deutungsgeschichte, Theorie und europäische Empirie des Diktaturvergleichs und der Diktaturkritik. Gut fünfzig Seiten mit Skizzen zur wissenschaftlichen Biographie und zum Werk wichtiger Interpreten des Totalitarismus, ein Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Register machen den Band zu einem nützlichen Nachschlagewerk. Da bereits Rezensionen in Fachpublikationen und überregionaler Presse zu diesem Band vorliegen, ist ein Beschränkung auf die Politischen Religionen und den Nationalsozialismus möglich.

Die Untersuchung leiten Fragen danach, was den Beobachtern Neues auffiel, welche Perzeptionen und Terminologien sie entwickelten und welche Erklärungskraft die Konzepte Totalitarismus und Pollitische Religionen hatten. Das einführendes Kapitel des Herausgebers ist zugleich eine Bilanz: „Kommunismus und Faschismus waren Kinder des Krieges“ (S. 10), die die Individualität und mit ihr die Freiheit zerstörten. „Überall sind sie bestrebt, die im Christentum wurzelnden Dualismen von Individuum und Öffentlichkeit, Gesellschaft und Staat rückgängig zu machen.“ (S. 25) Dabei wurden durchaus christliche Elemente verarbeitet. Kennzeichen der modernen Totalitarismen sind ihre „Entgrenzung der politischen Gewalt, ihre Loslösung von rechtlichen und sittlichen Normen, ihre Perversion zur tyrannischen ‚reinen Macht’“ (S. 20). Der Aufbau eines objektiven Feind(bild)es, das Usurpieren eines totalen, finalen Rechts mit Hilfe einer Ideologie der Klasse und Rasse wurde von einer religionsähnlichen Energie getragen, die bei den Anhängern auf eine emotionale Gläubigkeit traf. In Deutschland trug das Missverstehen von Politik als Glaubenssache maßgeblich zu dieser Entwicklung bei. So ist die Remystifizierung einer säkularen Welt ein wichtiges Wesensmerkmal der modernen Totalitarismen. Dies geschah etwa durch die Verbindung von Wissenschaft und Politik mit Religion. Das bedenkenswerte Fazit des Herausgebers lautet in Anlehnung an Bernhard Welte: „Religion ist nichts harmloses. Sie hat gewinnende und schreckliche Züge, anziehende und abstoßende Seiten.“ (S. 28)

Der zweite Abschnitt besteht aus einer klugen ideengeschichtlichen Untersuchung der Begriffe Tyrannis und Despotie von Hella Mandt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass das klassische Vokabular keineswegs antiquiert ist. Vielmehr „bleiben der Wissenschaft und dem common sense zentrale Kategorien politischer Analyse und Kritik erhalten, auf die in absehbarer Zukunft nicht verzichtet werden kann.“ (S. 106). Die fünf folgenden Kapitel beschäftigen sich mit neuzeitlichen Zugängen. Hans Otto Seitschek stellt fest, dass bereits Tomaso Campanella (und vor ihm Thomson im Jahr 1606) in seinem Sonnenstaat eine Religion beschreibt, „die klare Züge der politischen Religionen des 20. Jahrhunderts aufweist, beispielsweise in ihrem alles vereinnahmenden und kontrollierenden Charakter.“ (S. 114). Seine Deutung des Totalitarismus als Religion bietet zudem einen guten Überblick über die Konzeptionen der beiden wohl bekanntesten Vertreter von Politischen Religionen: Eric Voegelin und Raymond Aaron. Ersterer hat eine historische, religiöse und psychologische Deutung der Entwicklung totalitärer Regime entwickelt, mit der er zugleich eine philosophische Einschätzung des Verhältnisses von Religion zu Politik und Staat vornahm. Die schwere geistige Krise der europäischen Kultur machte den Weg frei für eine Befriedigung religiöser Bedürfnisse durch ideologische Massenbewegungen, denn Politik und Religion haben eine gemeinsame Wurzel im Menschen. Für Raymond Aaron steigern säkulare Religionen als „Imitate der traditionellen Religionen“ (S. 152) die politische Sphäre ins Religiöse, erreichen aber nicht deren umfangreichen geistigen Inhalt. Das liegt vor allem daran, dass ihnen „zuviele Individuen und zuviele geistige Reichtümer entgehen“ (Raymond Aaron). Aaron, der bereits 1936 den Nationalsozialismus als totalitäres Regime mit religiösen Zügen deutete, schloss – weitsichtig – auf Grund dieser Begrenztheit eine dauerhafte Zukunft aus.

Eschatologische Deutungen des Nationalsozialismus setzten zu Beginn der 1970er Jahre ein und befassten sich mit dem apokalyptischen Charakter des Nationalsozialismus, mit NS-Feiern und dem das Christentum verdrängenden NS-Messianismus. Auch hier kam der Säkularisierung und dem Vormarsch der Rationalität bei schwindendem Einfluss von Religion und Kirche eine zentrale Rolle zu. Die alte Welt löste sich auf, die Gesellschaft wurde von politischen und wirtschaftlichen Neuerungen wie Demokratie und Industrialisierung gleichsam überrollt. In diesem Umbruch boten Nationalsozialismus und Kommunismus für alle Nostalgiker einer heilen vergangenen Welt mit ihrer antimodernen Botschaft Sicherheit, Schutz und Eindeutigkeit. Sie vermochten Religion und Politik wiederzuvereinen: „Politischer Messianismus“ schreibt Hans Otto Seitschek „meint die Durchsetzung eines politischen Programms durch das in-Aussicht-Stellen eines utopischen Ziels, das die Verwirklichung eines Heilszustandes bereits im Diesseits beinhaltet. Zu diesem Ziel leitet eine Führerperson, die ihre Ideen und Vorstellungen in einer Partei verwirklicht und die in einem Personenkult bis hin zur Apostheose verehrt wird.“ (S.191f., Hervorhebung im Original). Die Funktionsmuster und Ursachen für die Wirksamkeit sowie die Entstehungsgeschichte, die bei Hesemann ausgespart blieben, werden hier klar herausgearbeitet.

Aus dem vierten Abschnitt (Begriff und Theorie der Politischen Religionen) sei das Kapitel über die Instrumentalisierung der Religion in modernen Herrschaftssystemen von Karl-Josef Schipperges (S. 223-236) als vielleicht kompakteste Darstellung empfohlen.

Das Handbuch schließt mit einer empirisch-vergleichenden Untersuchung zu Faschismus und nicht-demokratischen Regimen (S. 247-325). In diesem längsten Aufsatz verbindet Juan Linz die Themenfelder nicht-demokratische Regime, Faschismus und Zusammenbruch von Demokratien in einer europäisch-vergleichenden Perspektive. Er steckt gleichsam den Rahmen ab, wann und wann nicht, warum und warum nicht Totalitarismus und Politische Religionen wirksam werden konnten. Der Theorie der ersten vier Abschnitte folgt gleichsam die Praxis; allerdings werden die Politischen Religionen nur gestreift.

Zusammengenommen liefern die Beiträge eine Vielzahl von Ansatzpunkten für die weitergehende Forschung, für die Auseinandersetzung mit der Aussagekraft und den Grenzen der Konzepte, aber auch einen Steinbruch für populärwissenschaftliche Darstellungen wie die von Michael Hesemann. Deutlich wird darüber hinaus, dass Politische Religionen innerweltlich bleiben und in einer politischen Gemeinschaft wurzeln, die sich abschottet. Im Unterschied zu Religionen beziehen sich ihre Führer nicht auf eine transzendente Wirklichkeit, ist der Tod nicht Dreh- und Angelpunkt Politischer Religionen. Damit sind Gegenmittel angedeutet: die Förderung von Individualität und Freiheit als Schutz vor Vermassung sowie Globalisierung, weil diese Abschottungen aufbricht und zugleich mit kulturellen Schattierungen konfrontiert.

Richard Steigmann-Gall verfolgt in seiner überarbeiteten Dissertation über die nationalsozialistischen Wahrnehmung des Christentums die These, dass der Nationalsozialismus nicht das Produkt einer säkularisierten Gesellschaft war, sondern vielmehr ein radikaler Versuch, Gott gegen eine säkularisierte Gesellschaft zu bewahren. (S. 12) Damit schließt sich der Kreis. Während Hesemann postulierte, dass die Nationalsozialisten von ihrer anti-christlichen, kruden Heilslehre Mischung überzeugt waren, arbeitet Steigmann-Gall die Gemeinsamkeiten von Nationalsozialisten und christlichem Glauben heraus und wendet die Säkularisierungsthese Maiers ins Religiöse. Dabei untersucht er das Selbstverständnis der Nationalsozialisten als Christen, sieht den Nationalsozialismus eingebettet in einen christlichen Rahmen und erkennt in christlichen Traditionen und Denkhaltungen einen Transmissionsriemen nationalsozialistischer Ideologie und Politik.

Gegenstand seiner auf klassischer Archiv- und Literaturauswertung basierenden Forschung ist das Verhältnis der Nationalsozialisten zum Christentum und zur Kirche. Im Fokus stehen die religiösen Grundhaltungen Hitlers, der Reichleiter, Gauleiter und anderer ideologischer wie politischer Führer, und zwar sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum. Auf diese Weise streift der britische Historiker das Feld der politischen Religionen. „Politische“ muss in diesem Fall jedoch klein geschrieben werden, denn seine kritische Revision des bestehenden Geschichtsbildes läuft auf folgende Ergebnisse hinaus: Erstens hatten Religion respektive christlicher Glaube durchaus Gemeinsamkeiten mit der NS-Ideologie; Nationalsozialismus und Christentum waren nicht nur kompatibel, der Nationalsozialismus lässt sich sogar auf das Christentum zurückführen. Zweitens bildete der christliche Glaube kein Hindernis für die Nationalsozialisten. Drittens lassen sich die Nationalsozialisten in zwei Gruppierungen aufgliedern: Heiden und Christen. Erstere erreichten nie einen hegemonialen Einfluss, sondern sahen sich stets marginalisiert, letztere kämpften seit den frühen zwanziger Jahren für ein „positives Christentum“ (kirchenfreundliche Interpretation des Artikels 24 im NSDAP-Programm). Zudem speiste sich ihre Ideologie aus einer christlichen Weltsicht. Letztere lassen sich hinsichtlich ihres christlichen Selbstverständnisses in einer Dichotomie von Mehrdeutigkeit bis zu Überzeugung charakterisieren.

Richard Steigmann-Gall deutet das Verhältnis von Christentum und Nationalsozialismus vielfach neu. Als Querdenker ist er durchaus innovativ und setzt einen Akzent im intensiv erforschten Themenfeld Kirchen und Religion. Zuzustimmen ist ihm in seinem Kontrapunkt gegen die Behauptung, das Gute (die Religion) und das Böse (der Nationalsozialismus) seien unvereinbar. Ein Beispiel für eine seiner zahlreichen Kommentierungen: Der Versuch durch einen neuen Synkretismus eine Staatskirche zu schaffen, die die Spaltung der Nation in Katholiken und Protestanten zu überwinden vermochte, scheiterte. Nach dem Scheitern wuchs die Ablehnung des Nationalsozialisten gegenüber den Christen. Hitlers Wendung gegen das Christentum in der Endphase der Dritten Reiches ist für Steigmann-Gall aber nicht ideologischer Überzeugung geschuldet, sondern megalomanen Schuldzuweisungen angesichts des persönlichen Scheiterns zuzuschreiben. Der von Bormann angeführte antikirchliche Stoß, verfing sich für ihn in der NS-Polykratie. So zeige das Beispiel Kaltenbrunners, dass eine Verfolgung der Kirchen nie die Bedeutung erlangt habe wie die der Juden, Kommunisten oder anderen Reichsfeinde. Allerdings sind damit auch die Grenzen der Studie aufgezeigt, denn die Kirchenpolitik Hitlers ist bekanntlich vor 1933 im Detail umstritten, zudem blieb die NS-Kirchen- und Religionspolitik nach der Machtübertragung widersprüchlich und schließlich verlor die NSDAP den „Kirchenkampf“ im Zweiten Weltkrieg.

Auf dem Umschlag von „The Holy Reich“ ist ein Foto abgebildet, dass einen in sich gekehrten Hitler beim Verlassen der Marienkirche in Bremerhaven im Jahr 1932 zeigt. Direkt über seinem Kopf prankt das Kreuz des schmiedeeisernen Eingangstores. Mit diesem Foto kommt zum Ausdruck, worauf der Theologe Richard Rubenstein anspielte, der zum Schluss der Studie zitiert wird: „The world of the death camps and the society it engenders reveals the progressively intensifying night side of Judeo-Christian civilization. Civilization means slavery, wars, exploitation, and death camps. It also means medical hygiene, elevated religious ideas, beautiful art, and exquisite music.“ Und Richard Steigmann-Gall fährt fort: „Christianity, in other words, may be the source of some of the same darkness it abhors.“ (S. 267) Diese wichtige Botschaft, die allen drei besprochenen Bänden gemeinsam ist, gibt er Wissenschaft und Gesellschaft mit auf den Weg.