Einfalt statt Vielfalt: Multikulturalismus und seine Gegner

Multikulti ist gescheitert, wird dennoch als bunt und erstrebenswert gepriesen, zugleich aber auch heftig attackiert. Ersteres zu recht. Die Befürworter und Gegner sind hingegen beide auf dem Holzweg. Warum, das zeigt der britische Publizist indischer Herkunft Kenan Malik in seinem erhellenden Essay auf: Das Unbehagen in den Kulturen.

Vier Jahre nach der englischen Erstauflage hat Johannes Richardt die deutsche Übersetzung in der Edition Novo herausgegeben. Schön, anregende Perspektiven! Das passt zu Novo und dem Bemühen der Redaktion sowie vieler Unterstützer, einen Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit aufzuzeigen, die derzeit wieder erheblich zuzunehmen scheint.

Zurück zu Malik. Wenn ich die knapp 100 Seiten Argumentation zusammenfassen soll, dann so: Die Ideologie des Multikulturalismus ignoriert die enorme Vielfalt innerhalb von Gruppen, die ignoranterweise als homogen angesehen werden. Die vehementen Kritiker des Multikulturalismus erweisen sich und ihren Mitmenschen einen Bärendienst, weil ihre Identitätspolitik auf einfältige Abschottung setzt und ebenfalls ignorant Gruppen gegeneinander ausspielt: die Fremden gegen die Heimischen. Multikulturalismusideologen beider Lager betreiben eine rückwärtsgewandte, romantisierende Verwaltung gesellschaftlicher Entwicklungen. Die antiliberale Politik von  Befürwortern und Gegnern stützt sich auf den üblichen staatlichen Zwang und Privilegien. Die angemessene Perspektive und zugleich richtige Politik ist stattdessen die des Staatsbürgers und Rechtsstaats. Erst durch Gruppendenken entstehen Parallelgesellschaften.

Zur Illustration zwei Zitate: „Der Ausgangspunkt multikultureller Politikansätze ist die Akzeptanz der Vielfalt von Gesellschaften. Zugleich herrscht jedoch die stillschweigende Annahme, diese Vielfalt ende an den Grenzen der jeweiligen Minderheiten.“ und „Das Recht, die grundlegenden Überzeugungen des jeweils Anderen zu kritisieren, bildet die Basis jeder offenen, vielfältigen Gesellschaft. Sobald wir dieses Recht im Namen von ‚Toleranz‘ oder ‚Respekt‘ aufgeben, beschneiden wir unsere Möglichkeiten, die Mächtigen herauszufordern und mithin unsere Fähigkeit, Ungerechtigkeit anzuprangern.

Kenan Malik betrachtet in seinem Essay zunächst die historischen und philosophischen Wurzeln des Multikulturalismus, die ziemlich verzweigt sind. Anschließend werden die politischen Wurzeln und sozialen Konsequenzen multikultureller Politik analysiert. Den Schluss bildet eine knappe Kritik der Kritiker.

Bemerkenswert finde ich, dass das Thema Multikulturalismus in einer Zeit Bedeutung erlangt, die als so vielfältig wie nie zuvor angesehen wird und tatsächlich so homogen wie nie zuvor ist. Frappierend ist einmal das Politikversagen, ob in Großbritannien oder Deutschland und beim Karikaturenstreit. Statt das Recht durchzusetzen werden Gruppen Identitätsrechte zugesprochen. Politik hat einmal Probleme geschaffen.

Gegen Maliks anregende Kritik lässt sich indes auch etwas einwenden. Gruppen sind zwar vielfältig, aber nicht beliebig. Der Westen hat eine heterogene Kultur. Muslimische Länder sind ebenfalls heterogen, auch unter einer unterdrückerischen Herrschaft. Gleichwohl ist Kenans Universalismus bislang eine Utopie. Gruppen lassen sich identifizieren und abgrenzen. Das gilt für Unternehmen, Organisationen, Staaten und auch für Kulturen. Unsere Aufgabe ist nicht, Gruppen als homogen anzusehen. Unsere Aufgabe ist nicht Gruppen gegen einander auszuspielen. Unsere Aufgabe ist aber auch nicht, existierende Gruppen aufzulösen. Die Aufgabe unserer Zeit lautet vielmehr: Lernen, wann eine Abgrenzung sinnvoll ist und wann nicht. Stets gilt es das Recht durchzusetzen – ohne Ansehen der Person.