Die Praxeologie und die Rothbardianer – Teil 1

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von Adam Knott

aus dem Englischen von Maximilian Tarrach

Einleitung

Die normativen Eigentumstheorien von Murray Rothbard und Hans-Hermann Hoppe gehören zu den Eckpfeilern der Praxeologie. Dies ist die erstaunliche These, die von dem Autor Konrad Graf in seinem Artikel Action Based Jurisprudence: Praxeological Legal Theory in Relation to Economic Theory, Ethics, and Legal Practice (Handlungsbasierte Rechtsprechung: Praxeologisch fundierte Rechtstheorie in Bezug auf ökonomische und ethische Theorien und der rechtlichen Praxis, Anm. d. Ü.) vertreten wird. In diesem Essay will ich die wichtigen Probleme aufzeigen, die mit dem Versuch einhergehen, die normativen Theorien von Rothbard und Hoppe mit der wertfreien Wissenschaft der Praxeologie zu vermengen, wie sie von ihrem führenden Vertreter, Ludwig von Mises, erdacht worden war.

Ich werde dieses Essay in zwei Abschnitte teilen. Der erste Abschnitt wird die von Herrn Graf ins Spiel gebrachten praxeologischen Angelegenheiten behandeln; während der zweite Abschnitt sich den normativen Theorien Rothbards und Hoppes, der Kritik an diesen Theorien und deren Bezug zur formalen Praxeologie widmen wird. Mein Ziel wird es sein, die Herrn Grafs zugrundeliegenden Ideen zu untersuchen, nicht die Anwendung dieser Ideen auf die libertäre Rechtsphilosophie. Deshalb werde ich nur den ersten Teil von Herrn Grafs Artikel kritisieren, der den Titel Foundations: An Extended Model of Praxeology (Grundlagen: Ein erweitertes Modell der Praxeologie, Anm. d. Ü.) trägt.

Teil 1

Praxeologie

Was ist die Praxeologie? Carl Menger, der Begründer der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, liefert folgende Definition:

„Das Ziel dieser Richtung, welche wir in Zukunft die exakte nennen werden, ein Ziel, welches die Forschung gleicher Weise auf allen Gebieten der Erscheinungswelt verfolgt, ist die Feststellung von strengen Gesetzen der Erscheinungen, von Regelmäßigkeiten in der Aufeinanderfolge der Phänomene, welche sich uns nicht nur als ausnahmslos darstellen, sondern mit Rücksicht auf die Erkenntniswege, auf welche wir zu denselben gelangen, geradezu die Bürgschaft der Ausnahmslosigkeit in sich tragen, von Gesetzen der Erscheinungen, welche gemeiniglich „Naturgesetze“ genannt werden, viel richtiger indes mit dem Ausdrucke: ,exakte Gesetze‘ bezeichnet werden würden.“ (I, 38)

Die exakten Gesetze, ökonomischen Gesetze oder praxeologischen Gesetze, von denen Menger spricht, sind von solcher Art, dass das Gegenteil ihrer Aussage undenkbar ist:

„Sie (die Wissenschaft, Anm. d. Ü.) geht indes von diesen Annahmen aus, da sie in anderer Weise das Ziel der exakten Forschung, die Feststellung strenger Gesetze, niemals zu erreichen vermöchte, während sie bei der Annahme streng typischer Elemente, eines exakten Maßes derselben und ihrer vollständigen Isolierung von allen sonstigen verursachenden Faktoren, allerdings und zwar auf der Grundlage, der von uns oben gekennzeichneten Erkenntnisregeln zu Gesetzen der Erscheinungen gelangt, welche nicht nur ausnahmslos sind, sondern nach unseren Denkgesetzen schlechthin gar nicht anders als ausnahmslos gedacht werden können – d. h. zu exakten Gesetzen, zu sogenannten ,Naturgesetzen‘ der Erscheinungen.“ (I, 61)

Ludwig von Mises nimmt bei seiner von ihm ersonnenen Wissenschaft vom menschlichen Handeln, der Praxeologie, eine ähnliche Beschreibung der Natur und des Charakters praxeologischer oder exakter Gesetze vor:

„Aber das charakteristische Merkmal einer Erkenntnis a priori ist, dass wir nicht die Wahrheit ihrer Negation denken können oder von etwas, das sich davon unterscheiden würde. Was das Apriori ausdrückt, ist notwendig in jeder Aussage beinhaltet, das sich auf das in Frage stehende Problem bezieht. Es ist in all unserem Denken und Handeln inbegriffen. … Wenn wir ein Konzept oder eine Aussage als aprioristisch qualifizieren, wollen wir sagen: erstens, dass die Negation dessen, was sie behauptet, undenkbar für den menschlichen Geist ist und ihm daher als Unsinn erscheint; zweitens, dass dieses aprioristische Konzept oder die Aussage notwendig in unserem geistigen Zugang auf alle betreffenden Probleme inbegriffen ist, d.i. in unserem Denken und Handeln, das mit diesen Problemen zusammenhängt.“ (U, S. 31–32)

Beide, Menger und Mises, begreifen die exakten Gesetze als anwendbar auf die „reale Welt“ (Menger) oder die „Realität der Handlungen“ (Mises). Wir können die Bedeutung ihrer Definition verstehen, wenn wir uns die zwei folgenden Aussagen ansehen:

  1. Ich möchte zu einem Ort laufen, ohne dabei einen anderen Ort zu verlassen.
  2. Mit meinen Händen versuche ich mich nach Kräften vom Boden abzustützen, so dass ich am Ende mit beiden Beinen auf dem Boden stehe, ohne mich von meinen Füßen nach unten ziehen zu lassen.

Die obigen Aussagen haben beide einen Bezug zu intendierten Handlungen. Diese intendierten Handlungen benötigen immer Mittel (laufen, aufstehen, etc.) und immer Ziele (das Verhindern des Weggehens von einem Ort, das Aufstehen vom Boden, etc.). Daran schließt sich die praxeologische Fragestellung an, ist, ob die gewählten Mittel wirklich zu dem gewünschten Zielen führen.

Mit ihrem Beharren darauf, dass praxeologische Gesetze nützliche Informationen über die „reale Welt“ bereit halten, meinten Menger und Mises, dass praxeologische Gesetze offensichtlich werden lassen, dass bestimmte Mittel niemals für bestimmte Ziele brauchbar sind, oder, was dasselbe ist, wie bestimmte Mittel immer in einem bestimmten Ziel münden müssen. In anderen Worten: Es ist unmöglich zu einem Ort zu laufen, ohne einen anderen zu verlassen, oder zu einem Ort zu gehen muss immer mit dem Verlassen eines Ortes einhergehen. Die Praxeologie bietet exaktes oder sicheres Wissen, indem sie die unvermeidbaren Konsequenzen unserer intendierten Handlungen aufzeigt.

Es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass wenn Mises von einer apriorischen Aussage oder von aprioristischem Wissen spricht, er ökonomische oder praxeologische Gesetze meint. Die ökonomischen oder praxeologischen Gesetzmäßigkeiten, die Mises dabei im Sinn hat, bestehen aus einer konstanten Beziehung (einer Regelmäßigkeit) zwischen einer intendierten Handlung (mehr Geld drucken, den gesetzlichen Zinssatz senken) und den zwangsläufigen Folgen dieser Handlung (der Entwertung des Geldes, dem Auftreten des Konjunkturzyklus, etc.). Praxeologisches Wissen versorgt uns mit nützlichen Informationen darüber, wie wir Ziel B entweder erreichen oder vermeiden können, indem wir Mittel A entweder verwenden oder lieber meiden.

„Der Zweck der theoretischen Wissenschaften ist das Verständnis, die über die unmittelbare Erfahrung hinausreichende Erkenntnis und die Beherrschung der realen Welt. […] Wir beherrschen die reale Welt, indem wir, auf der Grundlage unserer theoretischen Erkenntnisse, die in unserer Gewalt befindlichen Bedingungen einer Erscheinung setzen und solcherart diese letztere selbst herbeizuführen vermögen.“ (I, 33) „Der Ausgangspunkt der experimentellen Erkenntnis ist die Wahrnehmung, dass auf ein A durchweg ein B folgt. Die Anwendung dieses Wissens entweder für die Produktion von B oder für die Vermeidung des Eintreffens von B wird Handlung genannt. Die grundlegende Zielstellung der Handlung ist, entweder B herbeizuführen oder sein Auftreten zu verhindern.“ (U, 34.)

Das zentrale Anliegen der Mengerschen und der Miseschen Praxeologie ist es, die Regelmäßigkeiten unserer Handlungen (unserer bewussten, zielgerichteten Handlungen) in praxeologischen oder exakten Sätzen zu erklären. Praxeologie ist allerdings von normaler logischer Analytik zu unterscheiden. In der praxeologischen Analyse wird eine ausgewählte Erfahrung einer bewussten Handlung (E1) so untersucht, dass ihre Implikationen zu einer zweiten Erfahrung (E2) führen, die auch „existieren muss“, da die Existenz von E2 logisch aus der Existenz von E1 hervorgeht. (Vgl.: ROB, 121–122, IEO, 62–63). Allgemein gesprochen ist E1 ein Mittel, welches wir für irgendein Ziel verwenden wollen. Der Blickwinkel sowohl der Mengerschen als auch der Miseschen Praxeologie liegt nun darauf, die Gesetzmäßigkeiten von Handlungen in exakte oder praxeologische Sätze zu fassen.

Die obigen Ideen vereinen die essentiellen und fundamentalen Charakterzüge der Praxeologie, so wie die Wissenschaft von Menger und Mises verstanden wurde. Es ist sehr aufschlussreich, dass im Abschnitt 1 von Herrn Grafs Artikel, in dem er das Konzept der Praxeologie diskutiert, kein einziges Mal Bezug auf Konzepte wie die exakten Gesetze, ökonomischen Gesetze oder praxeologischen Gesetze genommen wird. Im Gegenzug wird das Wort Norm oder normativ über fünfzigmal in diesem Abschnitt verwendet. In seinem Artikel über die grundlegenden Merkmale der Praxeologie lässt Herr Graf ein grundlegendes Merkmal der Praxeologie ohne Grund oder Erklärung einfach weg.

Handeln ohne Wissenschaft ?

Wie diejenigen, die mit Mises’ Schriften vertraut sind, sicher wissen, betonte Mises sehr oft, dass die Praxeologie eine allgemeine Wissenschaft des menschlichen Handelns ist und dass die Ökonomie nur ein Zweig dieser viel allgemeineren Wissenschaft darstellt. Dies impliziert, dass es noch andere Zweige der Praxeologie gibt. Aber was könnten diese anderen Zweige der Praxeologie sein? Es spricht für Graf, dass er die Wichtigkeit dieser Frage erkennt und versucht, eine Antwort auf sie zu geben. Es spricht auch für Graf, dass er erkennt, dass ein Teil der Antwort mit dem Begriff der Interaktion zu tun hat, „verstanden als soziale Interaktion“. (G, 14) Wie auch immer, Grafs Argumentation leidet an mehreren wichtigen Stellen. Grafs hauptsächliches Ziel ist zu beweisen, dass die Eigentumstheorien von Rothbard und Hoppe einen essentiellen Bestandteil der Praxeologie darstellen. Von diesem Ziel geleitet vernachlässigt es Graf, andere Klassen von Handlungen in seine Betrachtung mit einzubeziehen, die diesem Ziel nicht dienlich sind. Es kommt ihm nicht die Idee, dass die verschiedenen Zweige der Praxeologie möglicherweise mit den verschiedenen Sorten von Handlungen korrelieren.

Der zentrale Begriff der Praxeologie ist das Konzept Handlung. Eine prägnante Definition von Handlung lautet, „alles, was man absichtlich tut“ (GOR, 18). Wenn man über den Wesenszug von Handlungen nachdenkt, muss man zu dem Schluss gelangen, dass es verschiedene Typen oder Klassen von Handlungen gibt:

„Die Handlungen jedes Individuums – alle Handlungen – entspringen der menschlichen Vernunft, derselben Quelle, der auch unsere Theorien entspringen. Menschliches Handeln, ob auf dem Markt, in der Regierung, auf der Arbeit, in der Freizeit, beim Kaufen oder Verkaufen, wird immer von der Vernunft geleitet, indem jeder Mensch vor die Wahl gestellt wird zwischen dem, was er begehrt und dem was er nicht begehrt.“ (FM, 16)

Es gibt somit verschiedene Typen oder Klassen von Handlungen; und die Ökonomik, verstanden als das Studium der Marktphänomene (was Mises als Katallaktik bezeichnet, oder Ökonomie im engeren Sinne), interessiert sich hauptsächlich für menschliche Handlungen, die mit dem Markt zusammenhängen. In Mises eigenen Worten:

„Die Ökonomik ist hauptsächlich an der Analyse der Bestimmungsfaktoren der Geldpreise von Gütern und Diensten interessiert.“ (HA, 234) „Die allgemeine Lehre vom menschlichen Handeln, die Praxeologie, kann, was Umfang und Aufgabe anbelangt, scharf abgegrenzt und exakt bestimmt werden. Das spezifisch Nationalökonomische oder Wirtschaftliche im engeren Sinne kann man aus dem Gesamtgebiet des menschlichen Handelns nur ungefähr aussondern; historische und konventionelle Gesichtspunkte können bei seiner Abgrenzung nicht außer Acht gelassen werden.“ (HA, 234) „Nicht logische oder epistemologische Strenge, sondern Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeit und der traditionellen Konventionen veranlassen uns zu erklären, dass das Gebiet der Katallaktik oder Ökonomie im engeren Sinn die Analyse der Marktphänomene ist. Das ist gleichbedeutend mit der Feststellung: Katallaktik ist die Analyse solcher Handlungen, die auf der Grundlage der Geldrechnung ausgeführt werden.“ (HA, 234)

Es ist ganz eindeutig, dass in Mises Überlegung die verschiedenen Zweige der Praxeologie mit den verschiedenen Typen oder Klassen von Handlungen zusammenfallen. Mises schließt, dass die Nationalökonomie ein Nebenspross der Praxeologie ist, der hauptsächlich Handlungen untersucht, die auf der Grundlage der Geldrechnung ausgeführt werden. Er nannte diesen Spross „die Ökonomik im engeren Sinne“ oder „Katallaktik“. In Mises Ausführungen ist die Nationalökonomie im weiteren Sinne mit der Praxeologie identisch. Die formale Analyse von allgemeinen Handlungen ist die Ökonomik „im weiteren Sinne“ oder die „Praxeologie“. Die formale Analyse der spezifischen Marktphänomene ist die Nationalökonomie „im engeren Sinne“ oder die „Katallatik“. Unbegreiflicherweise verpasst es Graf, Mises eigene Definition der Ökonomik als die Analyse solcher Handlungen, die auf der Grundlage der Geldrechnung getan werden, überhaupt zu benennen, sondern erörtert lieber Definitionen, die Reisman und Rothbard verwendeten.

Wenn wir den Gedanken und den Implikationen von Mises’ Vision der Praxeologie folgen, gibt es vier verschiedene Klassen von Handlungen, die somit mit vier verschiedenen Wissenschaften korrespondieren. Da sind die ökonomischen oder katallaktischen Handlungen – solche Handlunge, die auf der Geldrechnung fußen. Als nächstes, wie von Graf angedeutet, kommen die Handlungen, die man unter dem Oberbegriff der sozialen Handlungen klassifizieren könnte. Diese Klasse von Handlungen umfasst alle Handlungen, in denen eine Person in Richtung auf eine andere handelt. Diese Klasse beinhaltet Handlungen, die wir mit dem Ausdruck „ethisch“ oder „moralisch“ bezeichnen können (lügen, betrügen, nötigen, etc.) und sie beinhaltet Handlungen, die wir als „po­li­tisch“ bezeichnen können (Handlungen der Regierung etc.). Wir könnten diese Sorte von Handlungen auch als „interpersonelle Handlungen“ benennen. Dabei ist der Name, den wir dieser Art von Handlungen geben, nicht von Bedeutung. Von Bedeutung ist nur, dass in einer interpersonellen Handlung ein Akteur in Richtung auf eine andere handelt.

Eine dritte und ebenso wichtige Sorte von Handlungen ist die Klasse der geistigen Handlungen – Handlungen wie denken, reflektieren, argumentieren, hoffen und wünschen etc.

„Die Unfähigkeit des Menschen, dies zu leisten, macht das Denken selbst zum Handeln, das Schritt für Schritt von dem weniger befriedigenden Zustand ungenügender Erkenntnis zum befriedigenderen der besseren Einsicht voranschreitet.“ (HA, 99) „Wenn ich mir zum Beispiel einen Stuhl vorstelle, ist meine mentale Handlung kein Abbild eines Stuhls … Das Denken selbst ist sozusagen eine Handlung, eine geistige ,Tätigkeit‘.“ (GOR96, 5) „Manche ,Handlungen‘ kommen somit ohne physikalische Bewegung aus, wie z.B. das Denken.“ (GOR, 19)

Es wird somit in der Österreichischen Literatur allgemein anerkannt, dass das Denken einen Handlungstyp darstellt. In der Klasse der mentalen Handlungen sind auch noch Handlungen enthalten wie: sich etwas vorstellen, tagträumen, grübeln, „versuchen, die eigenen Gefühle zu kontrollieren“, etc. Dies sind Beispiele von mentalen Handlungen, die wir bewusst tun können.

Schlussendlich gelangen wir noch zu der Klasse der physischen Handlungen. Physische Handlungen sind solche, in denen ein Mensch mit der physikalischen Natur, einschließlich seines eigenen Körpers, interagiert. Den Arm heben, rennen, einen Kaffee machen oder ein Haus bauen sind Handlungen.

Aus diesen einfachen Überlegungen wird es klar, dass die Zweige der Praxeologie mit den Klassen der Handlungen korrelieren. Wenn die Nationalökonomie als ein Seitenspross der Praxeologie versucht, ökonomische Gesetzmäßigkeiten abzuleiten – Gesetzmäßigkeiten, welche die Folgen von Handlungen wie dem Erhöhen der Geldmenge, dem Erheben von Zöllen, dem Herabsetzen des Zinssatzes, etc. erklärt, dann müssen die anderen Zweige der Praxeologie versuchen, in ihren Gebieten zu exakten Gesetzen oder praxeologischen Sätzen zu gelangen. Das Ziel wird sein, die formalen Beziehungen oder formalen Implikationen (praxeologischen Sätze), die in den sozialen Handlungen, den geistigen Handlungen und den physischen Handlungen auf die selbe Art und Weise zu entfalten, wie die Nationalökonomie es tut. Wie die Nationalökonomie die unumstößlichen Folgen der „ökonomischen“ Handlungen herausarbeitet, so würde eine praxeologische Wissenschaft der sozialen Handlungen oder eine praxeologische Wissenschaft der geistigen Handlungen die unumstößlichen Folgen der sozialen oder geistigen Handlungen ausarbeiten. Dies ist es, was Mises meint, wenn er schreibt:

„Praxeologisches Wissen macht es möglich, mit apriorischer Gewissheit die Ergebnisse verschiedener Arten von Handlungen vorherzusagen.“ (HA, 117)

Die Klassifizierung der verschiedenen Klassen von Handlungen und die damit einhergehende Einsicht, dass die Zweige der Praxeologie mit ihnen korrespondieren, ist eine relativ simple Erweiterung von Mises Konzept der Praxeologie. In dieser Konzeption ist die Praxeologie die allgemeine Wissenschaft vom menschlichen Handeln, und es gibt zahlreiche Klassen oder Kategorien von Handlungen, welchen sich der Praxeologe mit Blick auf das Verstehen oder Begreifen der regelmäßigen Muster oder Ordnungen (der unveränderlichen Beziehungen) der jeweiligen Klasse von Handlungen nähert. Argumentieren und Diskutieren sind Typen von Handlungen und Typen von sozialen Handlungen. Ebenso sind Nötigen, Tanzen, Lieben, Beleidigen, Kommandieren und Bedrohen Arten von Handlungen und Typen von sozialen Handlungen.

Während soziale Handlungen (Grafs Interaktionen) eine Art von Handlungen sind und somit zu den Gegenständen der Praxeologie zählen, gibt es andere Formen des Handelns, die Graf vergaß zu erwähnen. Daher muss Grafs Konzept der Praxeologie, da sie hauptsächlich auf den ökonomischen und den rechtlichen Bereich fokussiert ist, als ungenügend betrachtet werden, da es wichtige Handlungstypen vernachlässigt. Dieser ernstzunehmende Fehler hätte möglicherweise vermieden werden können, wenn Graf über moderne Auslegungen von Mises Konzept der Praxeologie oder andere Bereiche des menschlichen Handelns im Bilde gewesen wäre oder wenn er die Praxeologie so studiert hätte, wie sie von Mises, Hayek, Schutz und anderen im frühen 20. Jahrhundert entwickelt worden war.

Rothbards misslungene Auslegung der Praxeologie

Graf macht richtigerweise Rothbard hauptverantwortlich für den geringen Kenntnisstand über das Wesen der Praxeologie. Rothbard setzte generell Praxeologie mit Ökonomik (im engeren Sinne) gleich und dies beinhaltete auch fälschlicherweise, dass andere Formen von Handlungen (ethische, moralische, politische Handlungen, etc.) nicht mithilfe der Praxeologie untersucht werden könnten:

„Wert im Sinne von Wertung oder Nützlichkeit ist rein subjektiv und wird von jedem Individuum bestimmt. Diese Vorgehensweise ist der formalen Wissenschaft der Praxeologie bzw. der Ökonomik vollkommen angemessen, aber nicht notwendigerweise anderen Gebieten. Denn in der Naturrechts-Ethik wird gezeigt, dass Ziele für den Menschen in unterschiedlichen Graden gut oder schlecht sind; Werte sind hier objektiv – sie werden durch das Naturrecht oder das Wesen des Menschen bestimmt, und hier wird des Menschen ,Glück‘ im Sinne des gesunden Menschenverstandes inhaltlich verstanden.“ (EOL, 12)

In anderen Worten, auf der politischen, moralischen und ethischen Ebene menschlichen Handelns ist die Praxeologie nicht „angemessen“. Auf diesen Ebenen von Handlungen können uns nur objektive Ethiken leiten und brauchbares Wissen liefern. Dort müssen wir die „Schreckgespenster der Wertfreiheit“ (EOL, 26) vertreiben. Das war Rothbards Ansicht.

In Hinsicht auf Rothbards Version der Praxeologie, in der Ökonomik (im engeren Sinne) und Praxeologie identisch sind, schreibt Graf:

„Die Formulierung ,Praxeologie und Ökonomik‘ lässt wenig Raum für eine selbstständige Ebene der Praxeologie, unabhängig von der Ökonomik. Rothbard schreibt, dass ,die Praxeologie als der allgemeinen, formalen Theorie des menschlichen Handelns, Ökonomik die Analyse des Handelns eines isolierten Individuums (der Crusoe-Ökonomie) in sich einschließt.‘ Während die vorgeschlagene Unterscheidung zwischen ,allgemein und formal‘ und etwas Speziellerem zu sein scheint, könnte der Satz leicht Verwirrung stiften, da die ,Crusoe-Ökonomie‘ ein fiktionales Instrument ist, um die grundlegendsten Begriffe der Praxeologie selbst zu erklären – vom Verhältnis von Zielen und Mitteln bis zur Produktion und zum Zeitvorrang. Rothbard kommentiert diese Stelle an dem Ende des Kapitels ,Fundamentals of Human Action‘ (Die Grundlagen des menschlichen Handelns, Anm. d. Ü.), in dem er Crusoe verwendet, um die grundlegenden Begriffe der Praxeologie zu erklären. Dies könnte den Eindruck erwecken, dass die ,Ökonomik‘, verstanden als ,Crusoe-Ökonomie‘, urplötzlich einfiel, um das greifbare Territorium in diesem neuen Land der Praxeologie zu besetzen, um sich alles und jeden Inhalt anzueignen, was andernfalls dem Kern der Praxeologie selbst zugerechnet werden müsste – einem unabhängigen Kern, der mit anderen möglichen ,Zweigen‘ oder ,Unterabteilungen‘ neben der Ökonomik hätte geteilt werden müssen. Wenig überraschend blieb die Ökonomik bis heute der dominante Zweig der Praxeologie, auch Jahrzehnte später und nur wenige Autoren haben darüber spekuliert, welches die anderen Zweige sein könnten. (G, 4)

Somit übersahen viele Mises’ Einsicht, dass die Praxeologie auf weitere Bereiche des menschlichen Handelns erweitert werden könnte, wegen Rothbards Missverständnis von dem Wesen und dem Gültigkeitsbereich der Praxeologie und wegen seines Eintretens für ein theoretisches Paradigma, nach dem Marktphänomene von der Praxeologie und politische Handlungen von einer objektiven Ethik untersucht werden müssen. Graf hat der Forschung an der Österreichischen Schule einen Dienst erwiesen, indem er diesen Punkt in den Vordergrund rückt. Graf verweist auf einige wichtige Gedanken von Larry Sechrest, die es wert sind, hier abgedruckt zu werden:

„Deshalb ist die Praxeologie eine größer gefasste Einheit. Ökonomik ist nur ein Strang der praxeologischen Forschung. ,Die Praxeologie sieht ökonomische Belange nur in der Hinsicht als besonders oder anders an, dass sie zu dem viel größeren Gebilde der Erscheinungen gehören, deren Ursprung im menschlichen Handelns liegt.‘‘ (Kirzner 1976, S.148). Bis heute tappen viele Anhänger der Österreichischen Schule in die Falle, die Praxeologie mit der ökonomischen Theorie gleichzusetzen. Das ist verständlich, solange Österreicher die Ökonomik als die Wissenschaft vom menschlichen Handeln ansehen. Doch ist dies ein Fehler, da ja die Praxeologie und nicht die Ökonomik die Wissenschaft vom menschlichen Handeln ist. Es wäre also folgerichtig, die Ökonomik enger zu definieren, so dass sie nicht mehr mit der Praxeologie gleich gesetzt wird.“ (SEE, 24)

Das Rothbardsche Konzept der Gleichsetzung von Ökonomik mit Praxeologie ist also ein schwerer Fehler. Wir sahen jedoch bereits, dass dieser Denkfehler nicht von Mises herrührt, der klar begriff, dass es verschiedene Arten von Handlungen gibt und dass die Ökonomik (die Katallaktik) nur ein Zweig der Praxeologie darstellt, welcher sich mit solchen Handlungen beschäftigt, die auf der Geldrechnung fußen. Dass Rothbard dabei einen entscheidenden Fehler mit folgenschweren Implikationen beging, wurde schon vor Jahrzehnten von Peter Boettke entdeckt, der schrieb:

„Rothbard hat energisch das verteidigt, was er als die Eckpfeiler der misesianischen Nationalökonomie ansah: Apriorismus, Deduktion und Individualismus. Diese Eckpfeiler repräsentieren für Rothbard die ,Methodik der Ökonomie‘: die Praxeologie. Es besteht kein Zweifel, dass Mises einen transzendentalen Apriorismus vertrat, um das Handlungsaxiom zu begründen, ebenso wie kein Zweifel daran besteht, dass Mises der Meinung war, dass die deduktive Methode für klares Denken unverzichtbar ist, und dass ökonomische Theorien auf das Handeln von Individuen zurückführbar sein müssen. Aber bei einer näheren Betrachtung ist Rothbards scheinbare Autorität in dieser Thematik höchst fragwürdig. Mises Denken ist weitaus schärfer als das für Rothbard typische. Vor allem anderen ist die Praxeologie eine Disziplin und keine Methode. Rothbard übergeht diesen wichtigen Punkt in seinen methodologischen Schriften. Für Mises ist die Praxeologie die umfassende Disziplin der Sozialwissenschaften, denen die Ökonomik bloß untergeordnet ist.“ (PB, 30)

Boettke schrieb diese Worte im Jahre 1988. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass Rothbard durch die Betonung seines eigenen theoretischen Paradigmas (dass die Praxeologie nur zur Untersuchung von Marktphänomen brauchbar sei und die objektiven Ethiken und normativen Theorien für moralische, ethische, rechtliche und politische Fragestellungen zu verwenden sind) die Ausarbeitung und Erweiterung der Praxeologie jahrzehntelang behinderte.

Praxeologische Einsichten/ Praxeologische Fehler

Graf versteht und listet einige der wichtigsten Eigenschaften der Praxeologie auf. Praxeologie, schreibt er, „befasst sich mit dem formalen Aufbau von Handlungen und deren deduktiv ableitbaren Implikationen“ (G, 1). Die „zentralen Aussagen der Praxeologie lassen sich mit Bezug auf die Handlungen eines isolierten Individuums zurückführen“ (G, 11) und die „praxeologischen Sätze sind universell gültig; sie gehören zu allen Sorten von Handlungen und Interaktionen per Definition.“ (G, 14)

Grafs Aufsatz geht der Idee nach, dass es verschiedene Handlungstypen gibt, obgleich er diese Einsicht als Idee von anderen Denkern präsentiert. In einer Passage von Kinsella und Tinsley wird suggeriert, dass „Aggression eine besondere Form des menschlichen Handelns ist“ (5) und Graf schreibt des weiteren, dass „Hoppe die starke Verbindung zwischen dem Handlungsaxiom … und dem Apriori des Argumentierens betont – ein Bündel von Aussagen über einen Typ der Interaktion.“ (14). Die Aggression ist also eine bestimmte Form des Handelns. Argumentieren ist eine besondere Form des Handelns und eine besondere Form der sozialen Interaktion. Das Argumentieren ist eine andere Form der sozialen Interaktion als zum Beispiel Nötigen, Kooperieren, Tanzen oder Kämpfen etc.

Graf schreibt weiter, dass wenn sich die Praxeologie ökonomischen Handlungen, zwischenmenschlichen, geistigen oder physischen Handlungen zuwendet, es nicht die Inhalte des Handelns sind, die sie interessieren. So lehrt uns Mises:

„Die Praxeologie hat nichts zu tun mit den sich ändernden Inhalten des Handelns, sondern mit seiner reinen Form und kategorialen Struktur.“ (HA, 47).

Graf folgt Mises, wenn er schreibt:

„Sowohl für Handlungen als auch für Interaktionen gilt – und dass ist das Geniale an Mises Methode – dass wir in der Praxeologie nicht über den Inhalt des jeweiligen Handelns oder einer Interaktion sprechen, sondern vielmehr über die universellen Eigenschaften dieser, die bei allen Umständen des Handelns und der Interaktion vorhanden sind.“ (G, 15) „Die von Graf vorgestellte Struktur der Praxeologie beinhaltet eine Unterscheidung zwischen dem allgemeinen Konzept des Handelns und dem enger gefassten Konzept der Interaktion in dem Sinne der sozialen Aktivität – was wir mit dem Begriff des zwischenmenschlichen Handelns bezeichneten.“ „So wie die allgemeine Praxeologie solche Aspekte des Handelns erfasst, die in allen Handlungstypen innewohnen, so untersuchen die Verzweigungen der Praxeologie die Aspekte der zwischenmenschlichen Handlungen (verstanden als soziales Handeln im Gegensatz zu nur interaktivem Verhalten), welche notwendigerweise in jeder Form zwischenmenschlicher Interaktion vorkommen.“ (G, 14)

Wir werden somit an einer Sichtweise herangeführt, in der wir Handeln allgemein begreifen können (alles, was man absichtlich tut) oder Handeln im engeren Sinne (alles, was man absichtlich für einen anderen Handelnden tut). Dieses letztere Konzept können wir als Interaktion, soziale Interaktion oder zwischenmenschliches Handeln bezeichnen.

Graf führt dann weiter aus:

„Da nur ein Individuum handeln kann, ist es nur allzu natürlich, von einem isolierten Menschen auszugehen, um zu den universellen und allgemeinen Eigenschaften des Handelns zu gelangen. Da gleicherweise bei einer Interaktion jedoch immer zwei oder mehr Menschen beteiligt sein müssen, ist es logisch, zu einer handlungsbasierten Theorie zu greifen, die zwei Menschen voraussetzt, um die grundlegenden, universellen und allgemeinen Eigenschaften jeder Interaktion herauszuarbeiten.“ (G, 14)

An dieser Stelle begeht Graf einen schweren konzeptionellen Fehler. Er impliziert, dass das praxeologische Konzept der sozialen Handlungen zwei Menschen im objektiven Sinn benötigt. Dieser Vorstellung liegt ein Missverständnis über das Wesen der praxeologischen Argumentation zugrunde. Warum dies so ist, kann an den folgenden praxeologischen Überlegungen von Hayek, Kirzner und sogar Rothbard gesehen werden:

„Auch hier ist es sehr wichtig zu erkennen, dass für die menschlichen Handlungen nicht die physikalischen Gegebenheiten eines Gutes maßgeblich sind, sondern seine Wertschätzung durch den Handelnden.“ (MES, 19) „Diese [praxeologische] Sichtweise ermöglicht Argumentationsketten, die rein formal in dem Sinne sind, dass sie sich nur in abstrakter Weise auf Güter, Dienstleistungen und Produktionsfaktoren bezieht; ihre Gültigkeit hängt nicht von den spezifischen Objekten, an denen menschliches Handeln konkret interessiert sein kann, ab, sondern nur von angenommenen Einstellungen ihnen gegenüber. (KIR, 179) „Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass die sogenannten ,Daten‘, von denen wir in dieser Art der Analyse ausgingen, … alles Tatsachen sind, von denen die betreffende Person annimmt sie zu kennen (oder an die sie glaubt) und streng genommen keine objektiven Fakten sind. Nur deswegen sind die Aussagen, die wir ableiten, notwendig apriorisch gültig und bleibt die Konsistenz des Arguments erhalten.“ (IEO, 36)

Mit anderen Worten: Die Praxeologie gelangt nur zu a priori gültigen Aussagen, weil sie die notwendigen Implikationen der subjektiven Tatsachen ableitet – die Situation aus der Sicht und der Bewertung des individuellen Akteurs. Für die Praxeologie sind nicht die objektiven, physikalischen oder „realen“ Eigenschaften eines Objekts oder einer Situation wichtig. Für die Praxeologie zählt die Einstellung, Meinung oder Absicht des Handelnden bezogen auf das Objekt der Handlung. Dies wollten die oben zitierten Passagen von Rothbard, Kirzner und Hayek zum Ausdruck bringen. In seinem Essay „Die Tatsachen der Sozialwissenschaften“ beschreibt Hayek die praxeologische oder analytische Methode mit folgenden Worten:

„Aus der Tatsache, dass immer dann, wenn wir menschliches Handeln als in irgendeiner Weise absichtsvoll oder bedeutungsvoll interpretieren, sei es im Alltag oder für die Zwecke der Sozialwissenschaften, wir die Ziele eines Handelnden und die verschiedenen Arten von Handlungen selbst definieren müssen, und zwar nicht in physikalischen Begriffen, sondern in Begriffen der Meinungen und Absichten der handelnden Person, folgen einige sehr wichtige Konsequenzen; nämlich nichts weniger, als dass wir von den Ideen auf die Objekte schließen können, dass wir analytisch folgern können, worum es bei den Handlungen gehen wird. Wenn wir ein Objekt in Begriffen der Einstellung der Person zu ihm definieren, folgt daraus natürlich, dass die Definition der Objekte eine Aussage über die Haltung der Person zur Sache beinhaltet. Wenn wir sagen, dass eine Person Nahrung oder Geld besitzt oder dass sie ein Wort äußerte, meinen wir damit, dass sie weiß, dass das erste gegessen, dass das zweite zum Kaufen von etwas benutzt werden und dass das dritte verstanden werden kann – und vielleicht viele andere Dinge.“ (IEO, 62–63)

In dieser Aussage beschreibt Hayek eine Methode, in welcher der Forscher mit einer subjektiven Tatsache beginnt (der Meinung oder Absicht oder dem Ziel einer handelnden Person) und dann versucht, einen analytischen Schluss oder eine analytische Implikation aus dieser subjektiven Tatsache herauszuarbeiten. Die Daten der praxeologischen Analyse sind keine objektiven Data, sondern subjektive. Und diese Einsicht ist keine vereinzelte nur von Hayek vertretene Haltung, sondern vielmehr ein Hauptbestandteil der praxeologischen Beweisführung, zu der Hayek ebenso kam, wie Kirzner und Rothbard – über ihre Verbindung zu Mises.

„Es ist illusorisch zu glauben, dass es möglich ist, ein kollektives Ganzes sichtbar zu machen. Es ist nie sichtbar; seine Erkenntnis ist immer die Folge des Verstehens der Bedeutung, die der handelnde Mensch seinen Handlungen beilegt. Wir können eine Menschenmenge sehen, d.i. eine Vielzahl von Leuten. Ob diese Menge von Menschen eine bloße Anhäufung oder eine Masse ist (im dem Sinne, in dem dieser Begriff in der heutigen Psychologie verwendet wird) oder ein organisierter Körper oder eine andere Art von gesellschaftlicher Entität, ist eine Frage, die nur beantwortet werden kann durch das Verstehen der Bedeutung, die sie selbst ihrer Anwesenheit beilegt. Und diese Bedeutung ist immer die Bedeutung von Individuen. Nicht unsere Sinne, sondern das Verstehen, ein geistiger Prozess, lässt uns gesellschaftliche Entitäten erkennen. (HA, 43)

In der praxeologischen Analyse sind soziale Phänomene nicht die Funktion ihrer physikalischen, objektiven oder „realen“ Situation. In der praxeologischen Analyse sind soziale Phänomene vielmehr eine Funktion der Intentionen oder Ziele des betreffenden Akteurs. Daraus folgt, dass in der praxeologischen Analyse die soziale Interaktion nicht zwei oder mehr Menschen – in dem objektiven Sinn, den Graf meint – umfasst. Für die praxeologische Analyse ist nur wichtig, dass der betreffende Akteur glaubt, dass das Objekt seiner Handlung ein anderes, Absichten verfolgendes Wesen ist. Somit können wir, entgegen Grafs Behauptung, nicht nur die Handlungen eines isolierten Einzelnen betrachten, um die universellen und allgemeinen Eigenschaften jedweder Handlung aufzufinden, sondern auch die universellen und allgemeinen Eigenschaften von zwischenmenschlichen Handlungen. Dies ist möglich, da soziale Interaktion im praxeologischen Sinne ein subjektiver Tatbestand ist und nur für das handelnde Individuum existiert, wenn es davon überzeugt ist, dass es mit einer anderen Person interagiert. Um dieses Konzept zu verstehen, müssen wir uns nur Rothbards Worte bewusst machen:

„Auch hier ist es sehr wichtig zu erkennen, dass für die menschlichen Handlungen nicht die physikalischen Gegebenheiten eines Gutes maßgeblich sind, sondern seine Wertschätzung durch den Handelnden.“ (MES, 19)

Dies ist in der Praxeologie allgemein auf jeden Gegenstand der Handlung eines Akteurs anwendbar und nicht nur auf „ökonomische“, die auf dem Markt getauscht werden, wie Rothbard es fälschlicherweise versteht. Hier kann man sehen, wie Rothbards misslungenes Konzept Graf dazu verleitet, den obigen Fehler zu begehen. Wie wir schon erarbeiteten, setzte Rothbard die Praxeologie mit der Ökonomik gleich und dies führte ihn dazu, Handlungen, die sich auf den Markt beziehen, mit einer anderen gesellschaftstheoretischen Methode zu untersuchen als die Handlungen von Personen untereinander. Wenn wir dieses seltsame Theoriegebäude heranziehen, begriff Rothbard, dass die Markttheorie mit den „subjektiven“ Wertschätzungen der Tauschgegenstände der Individuen beginnt, doch die Sozialwissenschaft, verstanden als Wissenschaft von zwischenmenschlichen Handlungen, beginnt nicht mit den subjektiven Wertschätzungen der Gegenstände in diesem Bereich ihres absichtsvollen Handelns. Rothbard hat niemals erklärt, warum theoretischer Subjektivismus und die Praxeologie keine Situationen oder Gegenstände sozialer Handlungen abseits des Marktes untersuchen können. Er begriff nur und versicherte:

„Diese Vorgehensweise ist der formalen Wissenschaft der Praxeologie bzw. der Ökonomik vollkommen angemessen, aber nicht notwendigerweise anderen Gebiete.“ (EOL, 12)

Wenn einmal Rothbards Fehler erkannt ist und wir die entsprechenden Anpassungen unserer theoretischen Annahmen vollziehen, können wir das praxeologische Konzept, wie es von Mises, Hayek und anderen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgearbeitet wurde, als anwendbar auf soziale Gegenstände und Phänomene im allgemeinen und nicht nur auf Gegenstände des Tauschmarkts verstehen.

Als ein Beispiel können wir uns eine Person vorstellen, die in einen Park läuft und eine bronzefarbene menschliche Gestalt erblickt. Im praxeologischen Verständnis ist es unwichtig, ob diese Gestalt eine Statue oder eine Person ist, die als Statue im wirklichen oder objektiven Sinn posiert. Was von Bedeutung ist, wie Rothbard schreibt, ist die Wertschätzung des „Gutes“ (des Gegenstandes) durch den Handelnden. Diese Einschätzung des Gegenstandes durch den Handelnden – die Daten der praxeologischen Analyse – ist eine subjektive und keine objektive Tatsache.

Wenn Graf also schreibt, dass „Interaktionen immer zwei oder mehr Menschen beinhalten müssen“, ist es klar, dass er eine objektive Interpretation sozialer Interaktion beabsichtigt und keine subjektive, die von der Absicht des betreffenden Handelnden abgeleitet ist. Eine objektive Auffassung sozialer Interaktion wird allgemein eine Interpretation sozialer Interaktionen mit sich bringen, wie sie einem Beobachter sozialer Interaktionen erscheinen muss, sei es dass auf den Beobachter ausdrücklich Bezug genommen wird oder dieser in der Analyse nur vorausgesetzt wird. Vom Standpunkt des Beobachters aus wird eine Visualisierung zweier Menschen erzeugt, weil begriffen wird, dass soziale Interaktion ein beobachtbares Ereignis darstellt, das zwischen zwei physikalischen Körpern im ausgedehnten Raum stattfindet. Diese Denkweise führt Grafs Argumentation zu der Aussage, dass „Interaktionen immer zwei oder mehr Menschen beinhalten müssen.“ Doch handelt die Praxeologie von subjektiven und nicht von objektiven Bedeutungen. Sie handelt von der Bedeutung, die das Individuum seiner eigenen Handlung beimisst.

Das objektive Konzept der sozialen Interaktion erhält man durch die Beschreibung einer Beobachtung eines Beobachters, während man eine direkte Bezugnahme auf den Beobachter vermeidet und somit den Eindruck erweckt, ein objektives Ereignis finde gerade statt. Wenn wir eine direkte Bezugnahme zu dem Beobachter in der Beschreibung verschwiegen wird, verbirgt dies, dass wir eine Situation beschreiben, wie sie sich für den Beobachter B während seiner Beobachtungshandlung darstellt. Wir machen nicht kenntlich, dass wir Bs Handlung des Beobachtens diskutieren, und wir täuschen uns damit darüber hinweg, dass wir kein „objektives Ereignis“ diskutieren. Doch ist in der praxeologischen Argumentation die Bedeutung der jeweiligen Handlung immer die subjektive Bedeutung, die dieser Handlung durch das handelnden Individuums beigelegt wird.

„Denn es ist offensichtlich, dass eine Handlung nur eine subjektive Bedeutung hat: die des Akteurs selbst. Es ist X, der einer Handlung subjektive Bedeutung gibt, und die nur subjektiven Bedeutungen, die O und P dieser Situation geben, sind die subjektiven Bedeutungen, die sie ihren eigenen Handlungen geben, nämlich ihren Handlungen des Beobachtens von X.“ (SCH, 32)

Schutz stellt hier den theoretischen Weg vor, wie man Dinge aus der Sicht der jeweiligen Akteure (subjektive Bedeutung) betrachten kann, im Gegensatz zur „objektiven“ Betrachtung. In der objektiven Betrachtungsweise wird ein ausdrücklicher Bezug zum Beobachter verschwiegen; in der subjektiven werden die Beobachtungen des Beobachters als solche explizit gekennzeichnet als Handlungen des Beobachters. In der praxeologischen Sichtweise sind die objektiven Daten (z.B. die Situation, wie sie vielleicht von einem beobachtenden Individuum, welches selbst nicht in die Handlung involviert war, verstanden wird) nicht Teil der Analyse. Ganz im Gegenteil sind es hier die Bedeutungen für den Handelnden selbst, welche die Daten für die praxeologische Untersuchung liefern. Anders gesprochen: In der Praxeologie geschehen soziale Interaktionen für den Akteur A, wenn A denkt, dass er sozial interagiert, nicht wenn Beobachter B denkt, dass A sozial interagiert.

„Wenn ich im Hyde-Park spazieren gehe, gibt es eine Reihe von Dingen, die im Zuge meines Spaziergangs geschehen; aber deren Beschreibung beschreibt nicht meine intentionalen Handlungen, weil beim Handeln das, was ich tue, weitgehend von dem abhängt, was ich zu tun glaube.“ (SEA, 58) „Jetzt können wir sehen, dass die zu bevorzugende Beschreibung einer Handlung durch die Intentionen des Handelns bestimmt wird. Was eine Person wirklich tut oder wenigstens, was sie versucht zu tun, ist ganz eine Sache der Absicht, mit der sie handelt.“ (SEA, 66) „Die Erklärung einer Handlung muss denselben Inhalt haben wie das, was in dem Kopf der Person stattfand, als sie die Handlung ausführte oder als sie urteilte im Hinblick auf die Absicht, ihre Handlung auszuführen.“ (SEA, 67) „Für eine große Anzahl an sozialen und psychologischen Phänomenen ist das Konzept, das die Phänomene benennt, selbst ein Bestandteil des Phänomens. Um etwa als ein Hochzeitsritual oder eine Gewerkschaft oder Eigentum oder Geld oder selbst als Krieg oder Revolution zu gelten, müssen die Menschen, die in diese Aktivitäten involviert sind, entsprechende Gedanken haben. Allgemein gesprochen müssen sie denken, was es sein soll. Also um zum Beispiel zu heiraten oder ein Haus zu kaufen, müssen du und andere Menschen denken, das es das ist, was man gerade tut.“ (SEA, 78) „Geld zum Beispiel ist das, was Menschen als Geld verwenden und sich als Geld denken. Ein Versprechen bezieht sich immer auf das, was Menschen als Versprechen gelten lassen wollen und ansehen. Ich sage nicht, dass es nur nötig ist, das Wort Geld oder ein exaktes Synonym im Wortschatz der Menschen zu haben, damit die Institution Geld entsteht.Vielmehr müssen sie bestimmte Ideen und Einstellungen über etwas haben, damit es als Geld zählen kann, und diese Ideen und Einstellungen müssen Teil der Definition des Geldes sein.“ (SEA, 78) „Es ist leicht einzusehen, dass sich all diese [sozialen] Konzepte … nicht auf eine objektiv besessene Eigenschaft von einer Sache beziehen, die ein Beobachter über sie herausfinden kann, sondern über Ansichten, die andere Leute über diese Dinge haben … Wenn wir so wollen, können wir sagen, dass all diese Phänomene nicht durch ,reale‘ Eigenschaften definiert werden, sondern durch die Begriffe von Menschen über sie. Kurz gesagt, in den Sozialwissenschaften sind die Dinge so, wie die Menschen denken, dass sie sind. Geld ist Geld, ein Wort ist ein Wort, Kosmetik ist Kosmetik, wenn und weil jemand denkt, dass es das ist.“ (IEO, 59/60) „Wir müssen sowohl die Gegenstände menschlichen Handelns als auch die verschiedenen Arten menschlichen Handelns nicht in physikalischen Begriffen, sondern in den Begriffen der Meinungen oder Absichten der handelnden Personen …“ (IEO, 62)

Wie diese wichtigen Einsichten von Searle und Hayek zeigen, bilden die Wertungen, Einschätzungen, Absichten und Einstellungen der betreffenden Menschen die Daten der Praxeologie. Eine soziale Interaktion findet dann für Akteur A statt, falls und wenn die soziale Interaktion die Absicht von Akteur As Handlung ist, unabhängig davon, ob vom Standpunkt eines Beobachters aus, es eine soziale Interaktion ist. Wenn zum Beispiel Akteur A glaubt, dass die bronzefarbene Statue vor ihm ein anderer Mensch ist, der sich mit Farbe bemalt hat und wenn Akteur A folgedessen die Statue fragt: „Ist es schwer, so still dazustehen?“, dann handelt A sozial im subjektiven Sinn, unabhängig von der Beobachtung eines beobachtenden Wissenschaftlers B. Alles was zählt, ist ob A beabsichtigt eine zwischenmenschliche Handlung auszuführen. Dies ist ein subjektives Datum, welches die Basis der praxeologischen Analyse bildet.

Weil die Daten der Praxeologie keine objektiven Tatsachen sind, folgt daraus, dass in der praxeologischen Analyse, soziale Interaktion nicht notwendigerweise zwei oder mehr Menschen im objektiven Sinne benötigt. Grafs Behauptung, dass eine Interaktion zwei oder mehr involvierte Menschen voraussetzt, ist vielleicht eine vertretbare, dem normalen Menschenverstand entsprechende Aussage und es ist vielleicht eine vertretbare Aussage aus der Sicht der Philosophie des objektiven Realismus; aber es ist keine korrekte Feststellung im Kontext der praxeologischen Analytik.

Hoppes Entwurf der Praxeologie

Es ist wichtig, festzustellen, dass die Misessche Konzeption der Handlung essentiell von der, die Hoppe verwendet, abweicht. In der Misesschen Konzeption will ein handelnder Mensch die Befriedigung seiner Bedürfnisse erreichen oder was dasselbe ist, sein Unbefriedigtsein abstellen. Die präzise Sprache, in der diese Aussage ausgedrückt wird, ist weniger wichtig, als die fundamentale Idee dahinter:

„Eine Handlung ist die Suche nach der Verbesserung der Lebensumstände aus der Sicht desjenigen, der die Handlung ausführt.“ (FM, 14)

Man kann sowohl sagen, ein handelnder Mensch versucht sein Unbefriedigtsein abzustellen als auch, dass er versucht, seine Umstände zu verbessern. In der Misesschen Konzeption sind dies nur zwei Varianten derselben Aussage: Der Handelnde ist unzufrieden mit der jetzigen Situation und sucht sie durch eine andere zu ersetzen. Dieses Konzept der Handlung beschäftigt sich nicht mit der Frage, mit welchen Mitteln oder mit welchen Methoden ein Mensch versucht einen ihm genehmeren Zustand zu erreichen.

Das Konzept Hoppes unterscheidet sich in der Hinsicht von Mises, indem es eingrenzt, dass eine Handlung immer die Bewegung oder Positionierung von physischen Gegenständen oder Körpern im Raum zum Inhalt habe:

„Handeln ist eine geistig gesteuerte Anpassung eines physischen Körpers in der physikalischen Realität.“ (ESA, 70)

Die Essenz einer Handlung bildet für Hoppe die Bewegung eines Gegenstandes im Raum. Hoppe führt damit eine neue inhaltliche Dimension in das Konzept der Handlung ein, die sich von Mises absetzt. Wo Rothbard die Praxeologie nur als das Studieren der Handlungen rundum das Marktgeschehen versteht, da fasst Hoppe die Praxeologie nur als die Untersuchung derjenigen Handlungen auf, in denen ein Körper oder ein Gegenstand bewusst in den Raum gestellt oder in ihm bewegt wird. Rothbard setzt die Praxeologie mit Marktuntersuchungen gleich. Hoppe dagegen setzt Handlungen mit physikalischen Handlungen gleich. Wie allerdings Gordon schon richtigerweise bemerkte, ist das Denken eine Handlung und eine Art der Handlung, die mit einer physischen Bewegung nicht akkurat beschrieben ist:

„Manche ,Handlungen‘ scheinen somit keine physikalischen Bewegung einzuschließen, z.B. das Denken.“ (GOR, 19)

Wir können Denken leicht als eine besondere Form von Handeln begreifen. Beim Denken versuche ich eine Schlussfolgerung zu ziehen oder eine Antwort zu erhalten, und mein Bestreben dieses Ziel zu erreichen, beinhaltet, dass ich unzufrieden mit meinem jetzigen Zustand des Wissens bin und die Erlangung dieser Schlussfolgerung oder dieser Antwort als eine Verbesserung meiner Lage betrachte. In der Misesschen Konzeption des Handelns sind die beiden wichtigsten Kategorien die Lage oder der Zustand, in dem sich der Handelnde befindet, und sein Bestreben, diese Lage oder diesen Zustand durch einen anderen zu ersetzen. Daher ist es in Mises’ Konzeption natürlich, das Denken als eine spezielle oder besondere Handlungsform zu betrachten.

„Dies mach das Denken selbst zum Handeln, das Schritt für Schritt vom weniger zufriedenstellenden Zustand der ungenügenden Erkenntnis zu einem zufriedenstellenderen Zustand der besseren Erkenntnis voranschreitet.“ (HA, 99)

Im Gegensatz dazu, wenn wir Hoppes Definition auf die bewussten mentalen Handlungen anwenden, landeten wir bei der Aussage: „Denken ist eine geistig gesteuerte Anpassung eines physischen Körpers in der physikalischen Realität.“

Hoppe scheint die wichtigsten Eigenschaften des Denkens und Handelns nicht begriffen zu haben. Den Grund kann man in der folgenden Erkenntnis von Searle erkennen:

„Wenn ich eine Runde im Hyde-Park spazieren gehe, gibt es eine Reihe von Dingen, die während meines Gangs passieren, aber deren Beschreibung beschreibt nicht meine intentionalen Handlungen, weil beim Handeln das, was ich tue, großen Teils von dem abhängt, was ich selbst glaube zu tun. Zum Beispiel gehe ich auch in ungefährer Richtung auf Patagonien zu, schüttle meine Haare auf dem Kopf, nutze meine Schuhe ab oder bewege viele Luftmoleküle. Doch scheint keine dieser anderen Beschreibungen auf das hinauszulaufen, was bei dieser Handlung wesentlich ist.“ (SEA, 58)

Wenn wir über Searles Ausführungen nachdenken, kommen wir schließlich dazu zu erkennen, dass aufgrund der Tatsache, dass physikalische Bewegungen eines Handelnden mit einer unendlichen Vielzahl an Handlungen zusammenfallen, die physikalischen Bewegungen eines Akteurs nicht wesentlich für die Bestimmung seiner Handlung ist. Die Handlung, mit der der Handelnde befasst ist, ist vollständig eine Sache der Absichten, die er verfolgt:

„Was eine Person wirklich tut, oder besser gesagt, was sie versucht zu tun, ist hauptsächlich eine Sache der Absicht, die der Handelnde verfolgt.“ (SEA, 66)

Searles Erkenntnisse ähneln denen von Hayeks, die er in „Die Tatsachen der Sozialwissenschaften“ beschreibt:

„Ich vertrete den Standpunkt, dass keine physische Eigenschaften in die ausdrückliche Definition irgendeiner dieser Klassen einfließen kann, weil die Elemente dieser Klassen keine allgemeinen physikalischen Eigenschaften besitzen müssen.“ (IEO-61) „Die gemeinsamen Eigenschaften, die die Elemente irgend einer dieser Klassen besitzen, sind nicht physische Eigenschaften; sie müssen etwas anderes sein.“ (IEO-62) „Wann immer wir menschliches Handeln in irgendeiner Weise als zweckgerichtet oder bedeutungsvoll interpretieren, … müssen wir die Gegenstände des menschlichen Handelns und die verschiedenen Handlungstypen selbst nicht in physikalischen Begriffen, sondern in Begriffen des Meinens oder der persönlichen Handlungsabsichten definieren.“ (IEO, 62).

Wie diese Passagen von Hayek und Searle aufzeigen, lässt sich eine Handlung vollständig auf die Intention des Handelnden zurückführen. Das Wichtigste an einer Handlung sind die Absichten des Handelnden. Wir können sagen, dass die expliziten beobachtbaren Bewegungen des Akteurs die historischen Inhalte des Handelns sind. Die Praxeologie aber interessiert sich nicht für die historischen Inhalte einer einzelnen Handlung, sondern nur für die kategoriale Struktur des Handelns:

„Die Praxeologie hat nichts zu tun mit den sich ändernden Inhalten des Handelns, sondern mit seiner reinen Form und kategorialen Struktur. Die Untersuchung der zufälligen und umgebungsabhängigen Eigenschaften des menschlichen Handelns ist die Aufgabe der Geschichtsschreibung.“ (HA, 47)

Natürlich hat Graf sein Konzept des Handelns von Hoppe übernommen und er scheint sich keiner der Differenzen zwischen Hoppes inhaltlichem Konzept des Handelns und Mises’ formalem Konzept des Handelns bewusst zu sein:

„Alle Handlungen beinhalten eine gewisse Form von Bewegung, und seien sie fast unmerklich, und es ist von Belang, dass sich etwas bewegt, wenn wir handeln.“ (G, 11) „Jede Handlung muss auf einem gewissen Paar räumlicher Koordinaten geschehen.“ (G, 12)

Quellenverzeichnis

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Zuerst veröffentlicht: Praxeology and the Rothbardians, Kindle Edition, 2012.