Die großen Crashs aus Sicht der Meinungsführer

Barry Eichengreen: Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt, Finanzbuchverlag, München 2015, 560 S., 34,99 Euro.

Barry Eichengreen ist weit über seine Zunft hinaus bekannt. Der Professor für Ökonomie und Politologie in Berkeley hat sich mit wirtschaftsgeschichtlichen Monographien einen Namen in gebildeten Kreisen gemacht. Bei internationalen Institutionen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos und dem Weltwährungsfonds ist Eichengreen ein gern gesehener Gast.

Seine monumentale Geschichte der beiden großen Finanzkrisen von 1929 und 2008 bietet viele Einsichten in das Handeln von Menschen auf Finanzmärkten und von Politikern, die in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen. Das gilt umso mehr als es sich um globale Krisen handelt, um Brüche des jeweils vorherrschenden Paradigmas. Insbesondere eine Verbindung von Real- und Finanzwirtschaft sowie eine tiefgründige Untersuchung des Finanzsystems würden Erkenntnisse versprechen, warum es jedes Mal anders und doch ähnlich ist. Trotz des Wissensreichtums, der sich auch in 739 Fußnoten spiegelt, bleibt die Geschichte der Parallelen und Unterschiede zweier weltbewegender Wirtschaftskrisen überraschungsfrei. Der Leser erhält eine konventionelle Geschichte der Großen Depression und der Großen Rezession. Als Geschichte von Personen und Institutionen angelegt – wie sollte eine Erzählung auch sinnvoll anders möglich sein? (512) – ist der Band nicht zuletzt eine Geschichte erfolgreicher Politiker, die aus der ersten Krise gelernt haben. Allerdings hätten die Protagonisten aus Eichengreens Sicht stets mehr tun können. Das gilt schon für Hitler, der vor einer hinreichend aggressiven fiskalischen Expansionspolitik zurückgeschreckt habe. (S. 326) Eichengreen plädiert für große staatliche Stimulanz, hält Deflation, auch als realwirtschaftliche Preiskorrektur, für problematisch, erkennt Regulierungslücken, die es zu schließen gelte, misst volkswirtschaftlichen Aggregaten ein wesentliche Bedeutung zu usw. und so fort. Establishment-Keynesianismus. Die große Gegenerzählung von Mises, Hayek und vielen anderen bleibt unerwähnt oder wird abgetan wie im Fall von Robert Higgs. Damit fehlt ein substanzielle, Theorie gestützte Verbindung von Real- und Finanzwirtschaft, von Boom und Bust. Es mangelt an einer Geschichte des konsequenten Scheiterns von Zentralbanken, deren Misserfolg lediglich auf falsche Behördenleiter oder politische Ziele zurückgeführt wird. Eichengreen ist zwar selten eindimensional doch substanzielle Systemkritik geht im ab. Das dürfte ein Grund für sein Renommee sein.