Der Zusammenbruch lässt auf sich warten oder: Warum die Banken gerettet werden müssen

Eine Streitschrift von Helmut Krebs

Wenn Warren Buffett sagt, dass Finanzderivate Massenvernichtungsmittel seien, dann sind Inflation und Kreditausweitung die Atombomben, um im Bild zu bleiben. Ludwig von Mises hat seit seiner Habilitationsschrift „Theorie des Geldes und der Umlaufmittel“ 1912 bis zum Ende seines langen Lebens ständig an der Weiterentwicklung der von ihm gefundenen Konjunkturtheorie gearbeitet. Sie besagt verknappt, dass eine inflationistische Geldpolitik zur Zerrüttung der Währung und deshalb zu einer Wirtschaftskatastrophe führt. Wir beobachten seit vielen Jahrzehnten in allen hochentwickelten Ländern und in Schwellenländern, vor allem in China, eine permanente Inflationspolitik. Im Jahre 2007 fand die österreichische Konjunkturtheorie eine Bestätigung als die Zinsanhebung der FED in den USA erst eine scharfe Krise des Immobiliensektors und dann des Finanzsektors auslöste, die sich rasch um den Globus ausbreitete. Anschließend konnten wir eine Verflechtung von zwei Krisen beobachten: die der Staatshaushalte (in Europa vor allem Griechenland und Irland, aber auch Island) mit der von Geschäftsbanken. Die Rettung Griechenlands war und ist bekanntlich mindestens ebensosehr eine Rettung von Geschäftsbanken wie des Staates.

Viele Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomik erwarten den baldigen Zusammenbruch des Weltwährungssystems. Sie haben recht, wenn sie annehmen, dass angesichts der Mechanismen, die die Österreichische Konjunkturtheorie beschreibt, ein Zusammenbruch bevorstehen muss. Der steht nur aber schon auffällig lange aus, so dass wir ungeduldig werden können und die Frage sich aufdrängt, ob etwas mit der Theorie nicht stimmt oder die Bedingungen nicht gegeben sind. Unbeeinträchtigt von wiederholten Börsencrashs und Staatspleiten prosperiert die Weltwirtschaft und denkt nicht daran zusammenzubrechen. Das gilt auch für Europa und den Euro. Der US-Dollar büßte in hundert Jahren 95 % seiner Kaufkraft ein, ohne dass das Währungssystem vernichtet wäre, und der Dollar ist immerhin die Weltleitwährung. Ich bin kein Anhänger der Zusammenbruchsnaherwartung. Ich zweifle, dass diese Erwartungen ausreichend begründet sind. Woran liegt das?

 

1. Hypothese: Liquiditätsasymmetrien verhindern Zusammenbruch

Die österreichische Konjunkturtheorie argumentiert, dass massive Fehlinvestitionen erfolgen, weil der künstlich gedrückte Darlehenszins falsche Investitionssignale aussende, die die Investoren täuschen und zu lediglich scheinbar rentablen Projekten verleiten würden. Wenn die Zinsen wieder steigen, wären viele Projekte nicht zu Ende führbar, zumal Kapitalgüter zu solchen Projekten zu verschieben wären, die nachgefragt würden. Tatsächlich hat die Erhöhung des Zinssatzes 2006 zu einem Konjunkturschock geführt. Auf die Jahrzehnte gesehen müssen wir aber feststellen, dass das Hauptmerkmal die geringe Nachfrage nach Krediten seitens der realwirtschaftlichen Investoren ist. Das von den Zentralbanken produzierte Neugeld kommt zwar bei den Geschäftsbanken an, wird aber in toto weder von den Geschäftsbanken weitergeleitet noch von den Produzenten abgerufen. Die Geschäftsbanken parken es lieber bei der Zentralbank gegen Zinsen. Die Realwirtschaft hat keinen Bedarf für eine derartige Liquiditätsschwemme. Nach Jahrzehnten der Erfahrung mit einer Politik des leichten Geldes rund um den Globus lässt sich die Wirtschaft nicht mehr von künstlich niedrigen Zinssätzen irreleiten. Firmen betreiben Marktforschung und stützen sich nicht mehr nur auf die Höhe des Zinssatzes. Sie verfolgen die Nachrichten und wissen, dass die Zinsen künstlich gebildet werden – ein lernendes System ist entstanden. Stattdessen verbleibt das Scheingeld überwiegend im Finanzsektor und bläht die Bilanzen der Geschäftsbanken auf. Derzeit beträgt die Relation des Investmentbanking im Vergleich zum Kreditgeschäft im Großen und Ganzen 9 : 1. Das heißt, dass die Banken 8 Teile überflüssiges Geld bewegen. Das erklärt die derzeit 80 Billionen Dollar, die um den Globus auf der Suche nach Rendite vagabundieren. Zugleich wird aus Angst vor den Risiken die Kreditvergabe an Mittel- und Kleinbetriebe restriktiv gehandhabt. In den Banken herrscht eine Liquiditätsschwemme, in Teilen der Realwirtschaft eine Liquiditätsenge. Zahlreiche Großbetriebe verfügen zudem über beträchtliche Eigenmittel. Diese werden insbesondere in Zeiten schlechterer Geschäfte nicht investiv, also zur Kapitalneubildung verwendet, sondern zum Beispiel für Aktienrückkäufe.

 

2. Hypothese: Too-Big-To-Fail ist sachlich begründet

Seit den 1980er Jahren wurde das Bankwesen dereguliert. Es gibt heute nur sehr geringe Eigenkapitalvorschriften. Das Eigenkapital der Geschäftsbanken sank auf erstaunlich niedrige Werte. So betrug das der Deutschen Bank zeitweilig weniger als 2 % der Passiva. Entsprechend hohe Renditen wurden möglich. Neben dem zeitweiligen Wegfall von Vorschriften, den zu geringen Anforderungen, die aus Basel II und III resultieren ist das Fractional banking (Teilreservesystem) die Ursache für die Aufblähung des Finanzsektors. Im Zentralbanksystem können Geschäftsbanken nämlich eine ungedeckte Kreditausweitung betreiben, der eine Kreditschrumpfung folgt. Damit einher geht ein Sinken der Eigenkapitalquote bei gleichbleibenden Eigenkapitalmitteln. Das Eigenkapital ist allerdings die Reserve der Bank, um Unternehmensverluste auszugleichen. Eine Beispielrechnung veranschaulicht das: Wenn wir ein Haus im Wert von 100.000 Euro mit 30 % Eigenmitteln kaufen, betragen diese 30.000 Euro. Wenn dessen Wert um 15 % sinkt, sinkt das Eigenkapital auf die Hälfte, nämlich auf 15.000 Euro. Würden wir ein Haus im Wert von 200.000 Euro mit denselben Eigenmitteln kaufen, dann wäre es bei einem Verlust von 15 % verbraucht. Dies veranschaulicht die Hebelwirkung der Eigenkapitalquote. Daher sind die Banken bei einer derart geringen Eigenkapitalquote, bei beträchtlichen Wertschwankungen an Börsen und Anleihenmärkten, immer nahe am Abgrund. Sie sind extrem verletzlich geworden. Zugleich wissen sie, dass sie auf staatliche Unterstützung setzen können. (Bei Gewinnen wirkt der Hebel zugunsten von Boni der Manager.)

Die meisten Geschäftsbanken sind nach normalen Maßstäben überschuldet. Zum Vergleich: Ein gesundes Unternehmen wie Volkswagen arbeitet mit einer Eigenkapitalquote von 25 %, Apple von 48 %, die Deutsche Bank derzeit mit 4 %. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug die Eigenkapitalquote der Geschäftsbanken normalerweise noch 25 %.

Die Liquidität der Banken wird aufrecht erhalten durch die Geldflüsse quer unter den Banken. Sie leihen sich kurzfristig Mittel. Daraus ergibt sich eine fatale Verkettung. Wenn eine Bank insolvent wird, kann dies weite Wellen schlagen. Die Pleite der Lehman Brothers löste ein Erdbeben am Finanzmarkt aus. Weitere Pleiten hätten vermutlich zu einem Einfrieren des Geldverkehrs und zu einer wirtschaftlichen Katastrophe geführt. Daher wurden Bears Stearns und AIG staatlich gestützt bzw. gerettet. Die Banken sind heute zu groß für ein Scheitern, weil sie ein zusammenhängendes System bilden, eine Seilschaft, bei der der Sturz eines Gliedes alle in den Abgrund reißen kann. Daraus folgt, dass die Eigenkapitalquote beträchtlich erhöht werden muss, bevor die Banken dem normalen Insolvenzrisiko ausgesetzt werden können. Wie hoch diese sein muss, kann nur der Markt herausfinden. Dass sie aber beträchtlich zu niedrig ist und daher schrittweise langfristig angehoben werden muss, dürfte nicht zu bestreiten sein. Erst müssen die Banken dieser Falle entrinnen, bevor ein gesunder Kapitalmarkt funktionieren kann.

 

3. Hypothese: Staatsschuldenkrisen sind das noch größere Übel

Wenn wir den Verlauf des DAX betrachten, so erkennen wir, dass er seit Ende der 1990er Jahre wie ein grober Sägezahn seitwärts läuft. Im Abstand von 5 bis 10 Jahren erleben wir Börsencrashs, die die Kurse um 30 bis 50 % abstürzen lassen, teilweise mehr. Durch die Politik des leichten Geldes wird der Finanzsektor aufgebläht und vor allem die Vermögenswerte neigen zu Blasen, die periodisch platzen. Dabei wird enorm viel Geld vernichtet. Doch die Realwirtschaft wird vergleichsweise wenig in Mitleidenschaft gezogen, weil es letztlich nur um Geld geht, um Geld, das aus Nichts geschaffen wurde und zum Nichts zurückkehrt. In einer realwirtschaftlichen Krise würden physische Kapitalgüter obsolet. Leerstehende Wohnungen, Investitionsruinen, still gelegte Betriebe, massenhafte Arbeitslosigkeit sind die Merkmale einer Depression. Börsencrashs sind keine Wirtschaftskrisen, sondern lediglich Finanzkrisen. Verluste erleiden diejenigen, die erspartes „reales“ Vermögen in die Finanzmärkte eingebracht haben und deren gegen hart erarbeitetes Geld eingetauschte Wertpapiere entwertet werden, wie bei der Telekomaktie. Die zersetzende Wirkung einer inflationistischen Politik, bei der sich der Finanzsektor aufbläht und nur ein geringer Teil des Neugeldes in die Realwirtschaft fließt, läuft vor allem über den Staatssektor. Und zwar auf zwei Kanälen: Erstens ist hier die Kredit gestützte Haushaltsfinanzierung zu nennen. Die Staatshaushalte werden allerdings weit überwiegend konsumtiv verwendet. Diese Gelder tragen also über die aufgeblähte Geldmenge und den Staatskonsum zur Verteuerung der Konsumgüter bei. Wie wir sehen können, beträgt die Teuerungsrate der Konsumgüter auch auf lange Frist mäßige 1 bis 2 %. Das ist nicht tragisch, aber ärgerlich. Es überkompensiert die Verbilligung von Standardgütern, die durch Verbesserungen der Arbeitsproduktivität eintreten müsste, und verschiebt die Einkommensverhältnisse zu Lasten derjenigen, die nicht von regelmäßigen Tariferhöhungen profitieren. Tragisch ist die schleichende und fortwährende Entwertung der Altersrücklagen über lange Zeit. Bei 2 % Kaufkraftverlust halbiert sich die Kaufkraft nach 30 Jahren. Das ist die Folge des Wirtschaftens auf Pump, des heutigen Verzehrens dessen, was morgen erst produziert wird.

Aufgrund der bekannten Bedingungen des Finanzsystems einschließlich staatlicher Vorschriften halten die Geschäftsbanken erhebliche Aktiva in Staatspapieren, und zwar von Staaten, die vielfach überschuldet sind. Die Turbulenzen, die sich aus diesem Teufelskreis von Staatsfinanzierung durch Geschäftsbanken ermöglicht durch das Zentralbanksystem ergeben, erzeugen eine beträchtliche Labilität des Finanzsektors.

 

Fazit und Ausblick:

Nach dem bisher Gesagten ist allerdings auch klar, dass es zur Bankenrettung kurzfristig keine Alternative gibt. Die finanzielle Dominotheorie würde erst den Bankensektor und dann die Staaten in die Insolvenz führen – unter Zusammenbruch des Zahlungsverkehrs und mit der Folge, dass über Nacht zahlreiche Subventionen nicht mehr gezahlt werden könnten, was wiederum, gravierende Folgen für private Haushalte und Unternehmen hätte. Fatal ist , dass langfristige Gesundungsprogramme nur unzureichend greifen werden. Daher haben Schäuble und Co. leider recht, vordergründig. Die Banken müssen gestützt werden. Sie müssen gesunden, und zwar durch Erhöhung der Eigenkapitalquote bis sie der Belastung des Marktes ausgesetzt werden können. Sollte dieses Haus, das fast zur Hälfte über dem Abhang steht, hinunter stürzen, dann bricht der gesamte Zahlungsverkehr ein. Wir hätten politische Unruhen.

Marktversagen? Nein! Der Finanzmarkt kann seine selbstregulierende Funktion nicht zur Geltung kommen lassen, weil der Staat ständig eingreift. Um die Wahlversprechungen der Gefälligkeitsdemokratie (in den USA auch die Kriege in Vietnam, Afghanistan und dem Irak) zu finanzieren, wird zur monetären Staatsfinanzierung gegriffen. Die niedrigen Zinsen sind politisch gewollt. Ihre Erhöhung birgt erhebliche Schwierigkeiten. Wir sprechen von Geldsozialismus. Dieser erzeugt viele andere Konsequenzen als die erhofften.

Was „too big“ ist, muss schrumpfen. Erforderlich sind eine erzwungene Erhöhung der Eigenkapitalquote, um Stützpfeiler einzuziehen, und die Erhöhung der Mindestreserve, um die Überliquidität abzubauen. Die aufgeblähten Bilanzen müssen eingedickt werden, indem Fiatmoney (Scheingeld) verknappt wird. Das wird an der Schraube der Mindestreserve reguliert. Das strategische Ziel ist der echte Markt im Bankwesen, die Überwindung des Geldsozialismus, nach einer Reform des Finanzsozialismus. Zunächst ist eine jährliche Erhöhung der Mindestreserve um 1 % auf 10 Jahre erforderlich, dann darf kein „Too-Big-To-Fail“ mehr gelten, sondern muss saniert werden. Der Patient muss also erst aus der Intensivstation herauskommen, um an die frische Luft gesetzt zu werden.

(Die Problematik des gesetzlichen Zahlungsmittels und der Bankfreiheit wurde in dieser Analyse ausgeklammert, damit die Sachverhalte hier nicht weiter kompliziert werden.)