Der Unterschied zwischen der Rechten und der Linken und warum ich weder das eine noch das andere bin

von Helmut Krebs

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Wikipedia weiß uns zu berichten: „Bereits im unmittelbaren Vorfeld der ersten – der „großen“ – Französischen Revolution (1789–1799) angewandt, hat sich der Begriff der politischen „Linken“ (und deren Gegenpol, der „Rechten“) während der sogenannten „Julimonarchie“ in Frankreich nach der Julirevolution von 1830 für die Einteilung der parlamentarischen Sitzordnung etabliert. Inhaltlich wurden damals unter der Linken zunächst alle in Opposition gegenüber den tradierten, monarchischen Herrschaftsformen der europäischen Staatsgebilde der frühen Neuzeit stehenden politischen Vorstellungen subsumiert. In diesem Verständnis wurden mit der Linken tendenziell antimonarchistische und republikanische, auch am klassischen Liberalismus orientierte politische Strömungen bezeichnet.“ (Stichwort: Politische Linke)

Zur inhaltlichen Unterscheidung in der Gegenwart schreibt Wikipedia:

„Als politische Rechte wird ein Teil des politischen Spektrums bezeichnet. Sie geht von einer Verschiedenheit der Menschen aus und befürwortet oder akzeptiert daher eine gesellschaftliche Hierarchie. Ungleichheit wird deshalb von der politischen Rechten als unausweichlich, natürlich, normal und wünschenswert betrachtet. (Siehe auch: Egalitarismus) Hier ist zu unterscheiden zwischen der klassischen Rechten, welche die Ungleichheit durch Erbfolge und Familientradition gerechtfertigt sieht, und der liberalen Rechten, welche Ungleichheit nur dann für gerechtfertigt hält, wenn sie das Resultat eines fairen Wettbewerbs ist. Rechte Politik kann sich sowohl auf die gesellschaftspolitische als auch auf die wirtschaftspolitische Ebene beziehen.“ (Stichwort: Politische Rechte)

„Unter der politischen Linken werden relativ breit gefächerte weltanschauliche Strömungen des politischen Spektrums verstanden. Die mitunter weit voneinander entfernten Strömungen der politischen Linken eint dabei, dass sie von einer Gleichheit der Menschen ausgehen. Mit linker Politik werden sehr unterschiedliche Umsetzungsversuche jener ideologischen Ansätze bezeichnet, welche die Aufhebung von Ungleichheit und als Unterdrückung begriffenen Sozialstrukturen, zugunsten der wirtschaftlich oder gesellschaftlich Benachteiligten, zum Ziel haben.“ (Stichwort: Politische Linke)

Dies ist eine zutreffende Beschreibung, aber ein inhaltliches Chaos. Gehen wir die Punkte durch. Zur Linken zählte ursprünglich gemeinsam mit den antimonarchistischen republikanischen Kräften der klassische Liberalismus. Die politische Rechte unterteilt sich in klassische Rechte, was ein Synonym für die Monarchisten ist und die liberalen Rechten, die Ungleichheit als Folge fairen Wettbewerbs akzeptieren. Zur politischen Linken zählen alle Kräfte, die die von der Gleichheit der Menschen ausgehen und bestehende Ungleichheit überwinden wollen.

Der Schlüssel zum Verständnis der Topologie bietet die Idee der Gleichheit (Egalitarismus). Die frühen Liberalen, insbesondere Locke, gingen von der angeborenen Gleichheit aller Menschen aus. Sie übernahmen sie aus der Naturrechtsphilosophie, die ihrerseits in der christlichen Theologie wurzelt. (Die Idee der Gottesebenbildlichkeit ist die Stammwurzel des Egalitarismus.) Der naturrechtlich begründete Egalitarismus war ein zentraler Glaubensinhalt des Rationalismus. Er wurde von Grotius über Hobbes1 und Locke bis zu Rousseau2 tradiert und fand Eingang in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 17763 und in die Erklärung der Menschenrechte in Frankreich von 17894.

Das Gleichheitspostulat der rationalistischen Denker verband zwei Ideen, die in klassischer Weise bei Hobbes (siehe Fußnote) zum Ausdruck kommen. Die Menschen sind faktisch gleich und sollen daher gleichberechtigt sein. Die faktische Gleichheit bedeutet nicht, dass sie tatsächlich wie Klone sind. Die Unterschiede sind nur im Hinblick auf die gesellschaftliche Stellung unerheblich. Aus ihnen lässt sich kein Anspruch auf Vorrang (Hierarchie) ableiten. Mit anderen Worten: Die Adligen sind auch nicht anders als die Bürger. Insofern ist die Sitzordnung von 1830 korrekt. Der Liberalismus ist in damaliger Topografie links, weil er (in rechtlicher Hinsicht) die Gleichheit vertritt. Andererseits akzeptiert der Liberalismus die faktische Ungleichheit der Personen und der wirtschaftlichen Lage, die sich aus der natürlichen Ungleichheit unvermeidlich ergibt.5 Im Sinne der gängigen Definition ist er im Kontext heutiger Topografie also rechts. In der Zwischenzeit kam es zur Spaltung des liberalen, antimonarchistischen Lagers und zu einer Neuinterpretation des Egalitarismus.

Egalitarismus und Elitarismus (Kulturalismus und Biologismus)

Am Ende einer zweihundertjährigen Diskussion bekommt dieser Gedanke insbesondere bei Rousseau und seinen Anhängern (Proudhon und Marx) eine folgenschwere Bedeutungsverschiebung. Die Menschen seien nun von Geburt an völlig gleich und ihre faktischen Unterschiede ließen sich ausschließlich aus den Erfahrungen der Gesellschaft erklären. Schon Locke sprach vom Menschen als einem unbeschriebenen Blatt, von der tabula rasa. (Mao und Stalin werden diese Metapher aufgreifen.) Seine Erkenntnistheorie, der Sensualismus, soll diese These untermauern. Dessen Axiom lautet: Alles, was wir im Kopf haben, kommt durch die Sinne von außen. Das Gehirn ist anfangs leer und damit bei allen Menschen gleich. Man nennt dies eine kulturalistische Erklärung.6

Extremer Egalitarismus

Aus der gemäßigten Idee (ziemlich gleich, unbedingt gleichberechtigt) wird eine extreme Position, das Postulat der faktischen Identität bei Geburt. Aus dieser Sicht erscheinen nun nicht mehr nur die rechtlichen Ungleichheiten (Privilegien) als ungerecht, sondern alle Verhältnisse, die Ungleichheit erzeugen und alle Arten von Ungleichheit. Während der Liberalismus auf die Überwindung der Standesgesellschaft drängte um die rechtliche Gleichstellung aller Menschen zu erreichen, drängt dieser neue extreme Egalitarismus auf die Schaffung von Verhältnissen, in denen die Menschen faktisch gleich sind. Die wissenschaftlichen und philosophischen Richtungen des Positivismus und Behaviorismus sind dieser Denkschule zuzurechen. Die Ideologien des Kommunismus (wirtschaftliche Ungleichheit), des Anarchismus (Einebnung aller Machtunterschiede) und neuerdings auch Feminismus und Gender Mainstreaming (biologische Ungleichheit) setzen sich zum Ziel, jede faktische Ungleichheit zu beseitigen. Es sind im Sinne Hayeks konstruktivistische Entwürfe, die zur Schaffung einer Oberherrschaft des Hobels führen müssen, der die Gesellschaft quasi von außen glättet, wann immer sich Ungleichheit ergeben sollte. Das social engineering, das in den 1970er- und 1980er-Jahren bei uns hoch im Kurs stand und bis heute vor allem im Bildungswesen verankert ist, ist ein Auswuchs dieser Denkrichtung.

Extremer Anti-Egalitarismus

Die Gegenposition argumentiert mit angeborenen Ungleichheiten, die eine natürliche, weil biologisch verursachte Hierarchie begründen. Man nennt dies eine biologistische Erklärung. Insbesondere die Intelligenz, aber auch die Durchsetzungsfähigkeit und die Tugenden des Mutes und der Leidensfähigkeit des Kriegers werden „natürlichen“ Gruppen von Menschen zugesprochen: der Rasse, der Nation, dem Geschlecht, der eigenen Adelsfamilie, aber auch aus der Zugehörigkeit zu elitären Zirkeln abgeleitet (Zaungasterhöhung). Die Angehörigen der jeweiligen Gruppe werden als naturgegebene Herrenmenschen angesehen, die die Aufgabe haben, die Masse zu führen. Die Masse, das Synonym für die anderen, wird verachtet, das Ego vergötzt. Hauptvertreter dieses Anti-Egalitarismus, des Elitarismus und wirkungsmächtigster Denker ist Friedrich Nietzsche (Zarathustra, Wille zur Macht). Er ist Teil einer Strömung, die sich als Reaktion auf den Liberalismus und vor allem die Französische Revolution herausbildet.7 Der Träger der Elite-Idee ist schillernd. Für Nietzsche war es der Herrenmensch (der Geistesaristokrat), Royalisten ließen nur den König gelten, Marx sah das Proletariat als kollektive historische Elite und Träger des Weltgeistes, Lenin schmiedete die Bolschewiki zur Avangarde, bei Che Guevara wird es seine Guerilla sein.

Der Haufen ist kunterbunt, doch eint sie alle ein Hintergedanken. Die elitären Zirkel und Klassen, die zur Herrschaft aufgerufen sind, brauchen Führer. Alles läuft darauf hinaus, dass der Intellektuelle, der diese Ideen ausbrütet, selbst zur Oberherrschaft berufen ist. Elitarismus ist verkappte Selbstvergötzung.8 Er tendiert aus seiner inneren Logik zum Totalitarismus und zur Despotie eines einzigen. Wir sind nun bei den großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts angelangt, den Früchten es Elitarismus, bei Hitler, Stalin und Mao Tse Tung, bei Peron, Mussolini, Franco, Nasser, Kemal Pascha, Kim Il-Sung, Pol Pot, bei Che Guevara, Fidel Castro, Hugo Chavez.

In Deutschland war der Elitarismus im 19. Jahrhundert sehr stark und wirkungsmächtig. Er war eine der dominierenden Leitideen, die insbesondere auch durch Kaiser Wilhelm II. Ausdruck fand. Dies wird verdeckt durch die Sichtweise des heutigen Links-rechts-Schemas. Die Elitaristen wetteiferten untereinander und gegeneinander, bildeten aber bei aller Heterogenität des Inhalts der Elite eine verwandte Denkschule. Sie zog mit Hurra in den Ersten Weltkrieg, polarisierte sich aber im Augenblick der deutschen Niederlage, die den Elitarismus kränken musste (Hitlers Mentalität der Revanche). Ich spreche von einer große Schar bekannter deutscher Intellektueller: die Autoren Thomas Mann, Heinrich Mann, Stefan George, Bertold Brecht, Hermann Hesse, Robert Musil, Kurt Tucholsky, Ernst Jünger, die expressionistischen Maler Pechstein, Marc, Kandinsky, Corinth, Slevogt, Käthe Kollwitz, Unternehmer und Politiker wie Walter Rathenau, Friedrich Naumann, Denker wie Rudolf Steiner bis hin zu Wirrköpfen wie Silvio Gesell, Gustav Landauer und der weiteren Münchener Bohème und darunter Hitler. Sie alle waren 1914 glühende Patrioten und Bellizisten. Die selbststilisierte Geisteselite schloss sich nach dem Ersten Weltkrieg in Scharen der KPD an, andere später der NSDAP. Zu den elitären Bewegungen gehören auch die Jugendbewegung, die Anthroposophie, der Existenzialismus und natürlich die revolutionären Strömungen des (linken) Bolschewismus und Surrealismus, und des (rechten) Futurismus, Faschismus, Nationalsozialismus.9 Im Unterschied dazu war die Sozialdemokratie und die Gewerkschaftsbewegung, aber auch der Marxismus egalitaristisch ausgerichtet. Der Zwist zwischen Lenin und Kautsky ist der zwischen elitärem Revolutionarismus und egalitaristischem Evolutionarismus.

Der Elitarismus umfasste historisch ebenso „linke“ wie „rechte“ Gruppen. Er hat sich in heutiger Zeit nur in Gruppen gehalten, die sich als rechts bzw. konservativ verstehen.10 Seit dem Niedergang des leninistisch-maoistisch-trotzkistisch orientierten linken Revoluzzertum orientiert sich die Linke in heutiger Zeit etwa seit 1980 nur noch egalitaristisch, und nur die rudimentäre Rechte elitaristisch. Der Elitarismus hat sich mit seinen blutigen Experimenten im 20. Jahrhundert spätestens nach seiner krachenden Niederlage 1989 ins Abseits manövriert.11 Der extreme Egalitarismus wird noch von Teilen des akademischen Milieus (Genderismus) und von Sekten vertreten. In abgeschwächter Form ist er nun zur dominierenden Leitidee geworden (Mindestlohn, Deckelung der Managergehälter, progressive Einkommenssteuersätze usw.). Dies nehmen wir als

Zwischenergebnis

Die heutigen politischen Lager lassen sich, wenn überhaupt in Linke und Rechte nur gliedern, wenn als Maßstab die Ideologien des Egalitarismus und des Elitarismus als sich voneinander abgrenzende Gegensätze zugrunde gelegt werden. Die Linke will gleicher machen, die Rechte will bestimmte Ungleichheiten konservieren.

Der klassische Liberalismus im politischen Spektrum

Der klassische Liberalismus, verkörpert von Hume, Smith, Ricardo, Kant, von Humboldt, Cobden, Bastiat und in seiner Summe von Mises, hält am ursprünglichen Gedanken fest. Er leugnet nicht die natürliche Ungleichheit, aber er fordert die rechtliche Gleichheit. Er lehnt sowohl den Elitarismus wie den Egalitarismus ab, weil beide zu illiberalen Verhältnissen führen. Wissenschaftlich hat sich ein Mittelweg zwischen Kulturalismus und Biologismus herausgebildet. Natürliche Eigenschaften sind sowohl vererbt als auch durch Erfahrung erworben. Mittlerweile wird sogar schon die Vererbung von Erfahrung (über die RNA) erforscht.12 Intelligenz und Temperament sind zu einem erheblichen Anteil biologisch ererbt, aber innerhalb einer gewissen Bandbreite auch beeinflussbar.13 Diese Kuh ist längst vom Eis.

Der klassische Liberalismus ist nie den Weg in die Extreme mitgegangen. Dieser wurde von Teilen der rationalistischen Strömung, aus dem die Aufklärung und der Liberalismus sich herausbildete, gegangen, quasi am Liberalismus vorbei. Dieser hielt an der alten, gemäßigten Sichtweise fest. Rufen wir in Erinnerung, was die Kernpunkte sind. Das Hauptargument für die liberale Kernforderung der Herrschaft des Rechts (der rechtlichen Gleichstellung aller Menschen) ist seine zentrale Funktion bei der Sicherung der Zivilisation, d. h. der gesellschaftlichen Zusammenarbeit in Arbeitsteilung. Recht sichert Frieden, weil es faire Tauschbeziehungen definiert und absichert. Die marktwirtschaftliche Gesellschaft ist klassen- und kastenlos. Die persönlichen Unterschiede werden als Ursache für gesellschaftliche Unterschiede akzeptiert, und die wirtschaftlichen Unterschiede werden als Anreize für ein Gewinnstreben angesehen, das letztlich allen zugute kommt.

Das Ziel ist ganz klar die Überwindung der Klassengesellschaft, durch die Gleichstellung aller Stände, aller Menschen. Das Ziel ist die Verbesserung der Lebensbedingungen der Vielen durch die Freisetzung der wirtschaftlichen Dynamik des Kapitalismus. Der Liberalismus kämpft für die Freiheit und Gerechtigkeit, in der alle Menschen prinzipiell frei sind, sich nach ihren eigenen Möglichkeiten zu entfalten. Die Macht von Gruppen und Eliten über andere lehnt er ebenso ab, wie Eingriffe in die Eigentumsrechte zum Zwecke der Gleichmacherei. Die Kategorien rechts und links lassen sich nicht auf den klassischen Liberalismus anwenden. Es kann daher auch keinen Links- oder Rechtsliberalismus geben. Diese Begriffe stehen für Strömungen, die sich liberal wähnen, aber einen egalitaristischen oder elitaristischen Einschlag haben und daher nicht liberal sind. Es sind rechte oder linke Strömungen im liberalen Gewand.

Der klassische Liberalismus ist also weder weder rechts noch links. Diese Unterscheidungen beziehen sich auf in sich widersprüchliche und unhaltbare Ideologien, die jünger sind als der Liberalismus und die sich historisch längst überholt haben. Er ist auch nicht das Gegenteil von beiden, wie das die Anarchisten vorschlagen. Sie stellen Rechts und Links unter den Oberbegriff des Etatismus (verstanden als Staatsfreundlichkeit) und den Liberalismus als antietatistisch. Nein, auch die Stellung zum Staat in antithetischer Zuspitzung hilft nicht weiter. Die Koordinaten sind allesamt unbrauchbar. Der Liberalismus hält den minimalistischen Rechtsstaat für unverzichtbar und hat mit dem Anarchismus keine tragfähigen Gemeinsamkeiten.

Der Liberalismus ist eine Denkweise, die die Gesamtinteressen aller Menschen ins Auge fasst, die langfristigen Interessen aller den kurzfristigen und partikulären einzelner Gruppen vorzieht. Sie geht von der allen Menschen eigenen Freiheit aus. Der Liberalismus ist keine politische Partei, sondern eine humanistische Philosophie, die allen Menschen zugute kommt. Er tritt der ideologischen Überspitzung entgegen, führt zusammen, wo andere spalten; er glaubt an die Harmonie der Interessen, wo andere Hass säen.

Die Themen der amerikanischen Rechten und der deutsche Liberalismus

In den Vereinigten Staaten hat sich eine liberale Tradition von Europa von den Pilgervätern und der liberalen Elite (Jefferson, Franklin) tradiert, die vor allem in Locke, das heißt im älteren, rationalistischen Liberalismus14 wurzelt. Er wurde von einem reformsozialistischen Liberalismus überlagert, wodurch sich die amerikanischen Liberals heute kaum noch von den egalitaristischen europäischen Sozialdemokraten unterscheiden. Die Liberals sind fast identisch mit den Anhängern der Partei der Demokraten.

Dagegen entwickelte sich im Milieu der Republikaner eine liberale Bewegung, die sich zur Unterscheidung libertär nennt. Sie entwickelt als Tea-Party-Bewegung eine gewisse Breite. Der amerikanische Libertarismus ist fest im rechten republikanischen Lager verwurzelt. Daher mischen sich klassisch liberale mit konservativen und elitaristischen Ideologien. Sie halten sich für die einzigen und wahren Liberalen und sprechen diese Bezeichnung den Liberals ab, denen sie feindselig gegenüberstehen.

Der Liberalismus der amerikanischen Liberals hat seit langem einen großen Einfluss auf die europäische Intelligenz. Die FDP etwa orientiert sich stark an ihnen. Neuerdings strahlt die republikanische libertäre Strömung auf Deutschland aus. Es werden spezifisch amerikanische Themen aufgegriffen und übernommen, wie das Recht auf Waffenbesitz, und konservative moralische Einstellungen: der Wert von christlicher Familie und Ehe, die Ablehnung der Homosexualität. Elitaristische Tendenzen äußern sich sozialpolitisch in der rigorosen Ablehnung jeder nicht individualisierten Daseinsvorsorge, in einer großen Staatsferne und -feindlichkeit. Außenpolitisch wird ein isolationistischer Kurs präferiert, wodurch jede Einmischung der USA auf dem Erdball bekämpft wird, was Teile aus dieser Opposition in die Arme der Feinde Amerikas führt, in die Arme Putins.

Diese Tendenzen sind nicht liberal, sie sind konservativ und fundamentalistisch staatsfeindlich. In den neuen libertären Zirkeln werden sie von jungen Menschen gerne aufgegriffen, weil sie eine starke Wirkung haben im Sinne ihres Wunsches nach Abgrenzung und Selbststilisierung. Sie sind drastisch und oppositionell und damit für junge Menschen attraktiv.

Kein vernünftiger Liberaler wird für eine Bürgerbewaffnung in Deutschland eintreten. Das atlantische Denken in außenpolitischen Fragen ist für Liberale nicht kompromissfähig. Die lebensweltlichen Liberalisierungen (Abschaffung von §§ 175 und 201, Fristenregelung, Schwulentoleranz, insbesondere die Gleichberechtigung der Frau in der Ehe) der letzten Jahrzehnte stehen nicht zur Verhandlung. Die Freiheit der privaten Lebensführung wird vom Liberalismus ebenso verteidigt wie er die staatlichen und halbstaatlichen Einmischungen in das Verbraucherverhalten bekämpft.

Es ist auch völlig verkehrt, in diesen Feldern eine Gefahr durch die Stärkung der libertären Kräfte sehen zu wollen. Die weit rechts stehenden Kräfte gewinnen neuen Zulauf über die Thematik der Schwulenehe, mehr noch über die Ausländerfurcht. Diese Thematik wird mit einer scharfen EU- und Euro-Kritik verknüpft. Es gibt hier Verbindungen und Beeinflussungen zwischen den Strömungen, zwischen der äußeren Rechten, den Konservativen, Nationalliberalen, Libertären. Es wird auch davon geträumt, dass eine neue – libertäre – Rechte, eine deutsche Tea-Party entstehen möge. Solche Träume entbehren einer realistischen Grundlage. Es kann kein Rollback der lebensweltlichen Freiheiten in Deutschland gegeben, weil sie von der breiten öffentlichen Meinung bis tief hinein in die Bevölkerung geschätzt wird. Dieses Aufbäumen des Konservatismus erschüttert den Liberalismus nicht. Es sind Moden, die vor allem junge Menschen bewegen. Es sind Internet-Stürme auf einer sehr schmalen personellen Basis. Von einer Unterwanderung des Liberalismus von Rechts kann keine Rede sein.15

Der deutsche Liberalismus muss sich am klassischen evolutionistischen orientieren und die eigenen europäischen, speziell die britischen Wurzeln in Erinnerung rufen. Er kann nicht gewinnen, wenn er sich an eine der amerikanischen Richtungen anschließt, weder an die Liberals noch an die Libertarians. Die eigene geistige Tradition ist reich und noch lange nicht ausgeschöpft.

Weder rechts noch links – freiheitlich

Vom den Vereinigten Staaten gehen vielerlei geistige Impulse aus. Wir müssen sie als Bereicherung verstehen, nicht als Bedrohung. Der Liberalismus gewinnt im Zuge dieser Impulse an Lebendigkeit, insbesondere in der akademischen Jugend, was sehr erfreulich ist. Die Auseinandersetzung mit illiberalen Positionen ist eine immerwährende Aufgabe. Aber von einer Unterwanderung des Liberalismus durch rechte Kräfte zu sprechen, wäre eine fatale Fehldiagnose und führte zu folgenschweren dogmatischen Verengungen.

Elitarismus und Egalitarismus haben sich historisch überholt. Die Konvergenz der politischen Parteien ist auch davon Ausdruck. Es finden sich heute nur noch am sektiererischen Rand Kräfte, die diese Konzepte mit Überzeugung verfolgen. Es ist eine laue Mittelmäßigkeit und Unentschlossenheit an die Stelle von ideologischer Schärfe getreten. Selbst der Feminismus, in der Nachhut des Zeitalters der Ideologien, ist sich uneins über den Grad der Radikalität seiner Ziele. Die Zeit sucht nach anderen Fundamenten. Die hat der Liberalismus zu bieten. Er muss sich als überparteiliche geistige und soziale Kraft verstehen und an seinem humanen Wesenskern festhalten. Mischt er sich in das Getümmel der Parteipolitik, wird er immer die Färbung seiner Umgebung annehmen und sich in die zahlreichen Bindestrich-Liberalismen verwandeln und verwässern. Er wird Richtungskämpfe und Ausschließungsbestrebungen durchleiden und sich daran zerreiben.

Fußnoten

1 Leviathan, Kapitel 13: „Die Natur hat die Menschen hinsichtlich ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten so gleich geschafften, dass trotz der Tatsache, dass bisweilen der eine einen offensichtlich stärkeren Körper oder gewandteren Geist als der andere besitzt, der Unterscheid zwischen den Menschen alles in allem doch nicht so beträchtlich ist, als dass der eine auf Grund dessen einen Vorteil beanspruchen könnte, den ein anderer nicht ebenso gut für sich verlangen dürfte.“

2 Gesellschaftsvertrag, Erstes Buch, 1. Kapitel: „Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Ketten.“

3 „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal …

4  Artikel 1: Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten.

5 Vgl. Dagmar Schulze Heuling: Lob der Ungleichheit. Das Postulat der Gleichheit unter Legitimationsdruck, Edition Forum Freie Gesellschaft, hg. v. Michael von Prollius, Fürstenberg 2015.

6 Der theoretische Sensualismus wurde – nach Vorarbeiten von Thomas Hobbes – begründet durch John Locke, der seinen Ansatz mit einem Satz des Thomas von Aquin rechtfertigte: „Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu“ (Nichts ist im Verstande, was nicht [zuvor] im Sinne war). Dem widersprach bereits Leibniz mit dem Zusatz „nisi intellectus ipse“ (ausgenommen der Verstand selbst). Hier streiten sich zwei Monismen, ein materialistischer und ein idealistischer. Ludwig von Mises verficht einen methodologischen Dualismus.

7 Ihren Ursprung hat diese Richtung im sogenannten Rechts-Hegelianertum (Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer, Max Stirner), an dem sich Marx in seiner Jugend rieb.

8 Den Auftakt spielt Max Stirner mit seiner Schrift Der Einzige und sein Eigentum. In diesem schreibt er konsequent alle Pronomen in der ersten Person groß. „Das Jenseits außer Uns ist allerdings weggefegt, und das große Unternehmen der Aufklärer vollbracht; allein das Jenseits in Uns ist ein neuer Himmel geworden und ruft Uns zu neuen Himmelstürmen auf.“ (aus der Präambel zur 2. Abteilung des Einzigen – EE, 170) Der Ich-Kult hat sich aus dem Genie-Kult des deutschen Idealismus und der Spätaufklärung entwickelt.

9 Wolfgang Prabel: Der Bausatz des Dritten Reiches, E-Book, 2015 (Edition Freiheit, Deutscher Arbeitgeberverband).

10 Bei den Ökologisten scheinen Züge des Elitarismus wieder auf. Die Absage an den niederen Materialismus (des Kapitalismus) und das Gebot des ethischen Konsums wird von einer selbsternannten Moralelite vorgetragen, sodass wir vielleicht von einem Neo-Elitarismus sprechen können. Unverkennbar sind auch die konservierten Traditionen aus dem alten Elitarismus, die Affinität zur Anthroposophie, zu Vegetarismus u.ä. Die Partei der Grünen setzt sich aus beiden Lagern zusammen. Sie hat neben den braun-grünen und wertkonservativen (Springmann, Guhl) auch sozialistische und anarchistische Wurzeln (Trittin, Fischer).

11 Er kehrt durch die Hintertür als Al Quaida und eurasischer Dulginismus zurück.

12 Artikel Die Auferstehung des Monsieur Lamarck, in Bild der Wissenschaft, Ausgabe 3, 2011, S. 36, online http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=32548185 .

13 Vgl. Dieter E. Zimmer: Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung, Reinbeck, 2012.

14 Zur Unterscheidung zwischen dem rationalistischen und dem evolutionistischen Liberalismus, siehe Hayek: Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen, 2013, Kapitel 1, insbesondere S. 31. Ludwig von Mises ist aus meiner Sicht eindeutig dem evolutionistischen Flügel zuzurechnen. Ob Hayek diese Sichtweise teilte, weiß ich nicht. Ich vermute, die Ablehnung der Praxeologie durch viele Neoliberale liegt an ihrer Ähnlichkeit mit rationalistischen Systemen.

15 Günter Ederer: Auf Horn genommen. Hayek und die „Liberalen“, in Achse des Guten, 01.06.2015, online http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/auf_horn_genommen_hayek_und_die_liberalen .