Der eigentümlich freie Krisen-Seismograph

Der letzte Ritter des Liberalismus, Ludwig von Mises, empfand sich als Chronist des Untergangs. Felix Somary war der Krisen-Seismograph. „Alle Voraussagen, die ich ihn machen hörte, sind eingetroffen …“ urteilte der Schweizer Diplomat und Historiker Carl Jacob Burckhardt. Etwas Unheimliches umgab Somary, der selbst nicht genau erklären konnte, wie er die Krisen voraussah, weil er sie in den Knochen fühlte. „Innere Neigung und das Lebensgeschick haben mich zum politischen Meteorologen bestimmt.“

Fähigkeit zur Krisenprognose

Einblicke in seine präzise Krisenanalytik bieten seine Erinnerungen. Das Leben einer innerlich und wirtschaftlich vollkommen unabhängigen Persönlichkeit bildet den Ausgangspunkt, um seiner Fähigkeit zur treffsicheren Prognose nachzuspüren. Seine Unabhängigkeit ermöglichte ihm eine klarere, unverstellte und unideologische Sicht auf die Dinge. Ein weit verzweigtes, internationales Netzwerk lieferte ihm die erforderlichen außergewöhnliche Informationen und Einsichten. Das lag nicht zuletzt an seiner Tätigkeit als Bankier. Erfolgreiche Bankhäuser, häufig mit privater Haftung, waren exzellent informiert und verfügten regelmäßig über ausgezeichneten ökonomischen Sachverstand. Die Weltwirtschaftkrise sah der Krisenseismologe bereits 1926 heraufziehen. „Die Krise vorauszusehen und danach zu handeln war damals das Wesentliche für den Bankier, es entschied sein Schicksal.“ Schließlich profitierte Somary von einer sehr guten, klassischen Bildung – die Antike bietet ein unvergleichliches Verständnis der res publica – und seiner strategischen Perspektive.

Eine Welt von gestern

Die Welt von gestern war eine grundsätzlich andere als die heutige. Das tritt bei der Lektüre genauso klar vor Augen wie die Tatsache, dass viele Missstände heute sich auf eine Erosion der liberalen Ordnung zurückführen lassen. So ist der Kampf zwischen Macht und Recht zeitlos, wie ihn sein Vater lehrte. In der Weltkriegsperiode brachen indes alle Dämme. Das Recht wurde niedergewalzt. Die Pervertierung des Rechts springt heute jedem Zeitungsleser ins Auge, wenn an Stelle des Rechts Ansprüche treten und Gerechtigkeit zu einem Streben nach egalitären Lebensverhältnissen verkommen ist.

Die Episoden aus Somarys Leben inmitten des epischen Weltbebens sind nicht nur fesselnd. Der unbestechliche Beobachter des Weltgeschehens bietet dem Leser auch eine Richtschnur, die richtig und falsch trennt, die zeigt, was ehrenhaftes Handeln ausmacht. Zahlreiche politische Einschätzungen besitzen bleibenden Wert: „Die Monarchie war nicht ein historisches Überbleibsel, sondern die einzig mögliche Form für den Zusammenhalt von acht Nationen an Europas gefährlichster Grenze.“ Gemeint ist offenkundig die k. u. k. Monarchie. Zeitlos und sehr aktuell mutet der Grundsatz an: „Der König schützt sein Volk, der Tyrann schützt sich vor seinem Volk.

Österreicher

Somary studierte bei Carl Menger, dessen Assistent er gleich zu seinem Studienbeginn wurde, und Eugen von Philippovich. Er stand in engem Kontakt mit Joseph Schumpeter und dem Sozialisten Otto Bauer. Der stete Austausch mit Persönlichkeiten unterschiedlicher Lager und Weltanschauungen trug zu Somarys Weitsicht erheblich bei. Sein Urteil über John Maynard Keynes fiel indes desaströs aus. In der Person des „schweren Neurotikers“ mit „krankhafter Nevorsität“ witterte Somary die „destruktive Kraft“.

Felix Somary verließ Wien früh und lebte in Berlin, London, Washington und Zürich. Sobald die politischen Herausforderungen zu einer persönlichen Angelegenheit wurden, wechselte der spät verheiratete, tief gläubige Christ seinen Wohnort. Frühzeitig fand der Wahlschweizer in Zürich einen Hort der Ruhe und Unabhängigkeit mit weltweiten Gestaltungsspielräumen. Seit den 1920er Jahren war Somary im Bankhaus Blankart & Cie in führender Stellung tätig, selbstverständlich nicht als Manager, sondern indem er einen Teil seines beträchtlichen Privatvermögens eingebracht hatte.

(Privat-)Diplomat und (Nenn-)Beamter

Den Ersten Weltkrieg versuchte Somary durch Verhandlungen über einen Interessenausgleich beim Bau der Bagdadbahn zu verhindern. Das Attentat von Sarajewo durchkreuzte seine kurz vor dem Abschluss stehenden internationalen Ausgleichsbemühungen. Europa habe im Frühsommer 1914 im Zeichen der erfolgreichen englisch-deutschen Kooperation gestanden, urteilt Somary. In Belgien sanierte er nach der deutschen Besetzung das Geldsystem mit hohem, persönlichem Einsatz. Vor dem U-Boot-Krieg warnte er den egomanischen Unsympath Ludendorff persönlich und prognostizierte den Kriegseintritt der USA sowie die daraus resultierende unausweichliche Niederlage Deutschlands.

All seine Bemühungen waren von einer Grundidee getragen: dem „Kampf gegen die Auflösung der europäischen Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftsorganisation.“ Der sei „furchtbar schwer“ urteilte Somary 1955 in Zürich. Was er wohl zum EU-Europa sagen würde.

Zeitlose Einsichten

Aktuell mutet sein Urteil zum Währungsverfall an: „Der Staatsbankrott ist ein einmaliger chirurgischer Eingriff, die Inflation ist permanente Blutvergiftung.“ Genauso wie Banken damals Staatsfinanzierung organisierten, wickelten sie einen Staatsbankrott ab. Diese Funktion der Geschäftsbanken kann nicht hoch genug eingeschätzt werden und sollte bei den Bemühungen um eine verbesserte Finanzordnung eine zentrale Rolle spielen – statt der betriebenen regulatorischen Klempnerei. Mit Somarys Worten: „Es war ein merkwürdiger Zug in unserer Generation: Wo eine Idee nötig war, um einen Notstand zu beseitigen, schuf man eine Organisation; diese brachte nicht Abhilfe, erhöhte vielmehr nur die Ratlosigkeit, leistet nicht das, was sie sollte, kreierte eine wachsende Bürokratie, die aber zum Selbstzweck wurde und noch fortexistierte, wenn schon alle Welt vergessen hatte, wann und warum eigentlich diese Organisation begründet worden war.

Den lange prognostizierten Zweiten Weltkrieg sah er bereits mit der Sudetenkrise ausbrechen, irrte sich indes, wie er zugab, weil er die Schwäche und Kurzsichtigkeit der Alliierten unterschätzt habe. Eine rechtzeitige, ohnehin unvermeidliche militärische Auseinandersetzung hätte seiner Ansicht nach Millionen Menschenleben gerettet. Die Wiederaufbaubemühungen beurteilte Felix Somary ähnlich kritisch wie Henry Hazlitt. Statt eines Marshallplans, der Westeuropa mit amerikanischem Geld überflute, sprach sich Somary für die Aufhebung des Protektionismus aus. Einwanderungsfreiheit und Auslandsrücküberweisungen benannte er als Grundsätze für die Überwindung von wirtschaftlichen Ungleichgewichten.

Manches Kapitel des trotz seines Umfangs unabgeschlossenen Buches ist arg kurz geraten. Zum Beispiel hätte ich gerne mehr über Bretton Woods erfahren. Zur Überprüfung der selbstbewusst formulierten Erinnerungen wäre die Lektüre einer gewissenhaft erarbeiteten Biographie wertvoll. Die steht leider aus. Ungeachtet dessen ist die Lektüre der Erinnerungen des eigentümliche freien Mannes mit einem geistigen Spaziergang durch die Welt von gestern eine Lebensbereicherung (Dank an CM). Wenn ich eine  Somary-Lehre auswählen müsste, dann diese: Leben, Freiheit, Ehre und Eigentum müssen stets der Willkür der Regierenden entzogen sein.

Michael von Prollius

Literaturangabe: Felix Somary: Erinnerungen aus meinem Leben, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Erstauflage 1956, 2. Auflage Zürich 2013, 458 S., 24 Euro.