Der Wehrmachtsoffizier, den ich liebte

Die Fahndung läuft. Gesucht: Rechtsextreme in der Bundeswehr. Unter Verdacht: Alles, was mit der Wehrmacht zu tun hat. Nachdem bereits in den 90er Jahren deutsche Kasernen in Selbstzensur mehrfach gesäubert wurden, soll es noch irgendwo Ausstellungsstücke der Organisation geben, deren Namen man lieber nicht ausspricht.

Mir kommt das vor wie der letzte abstruse Exorzismus der links-grünen politischen Korrektheit. Die Amerikaner fanden in der Wehrmacht die Organisation, die aufgrund ihrer Stärke auf dem Gefechtsfeld zahlreiche Ansätze für die Reorganisation ihrer Streitkräfte bot; nach dem Vietnamkrieg war das US-Militär in desolatem Zustand. Martin van Creveld hat mit „Kampfkraft“ die Studie angefertigt, in der die militärische Qualität die Wehrmacht analysiert wird.

Es ist viel über die Wehrmacht geschrieben und gesagt worden. Das verfügbare Bild ist hinreichend differenziert, nur nicht in der öffentlich-medialen Tagespolitik. Ich liebte einen früheren Wehrmachtsoffizier, dessen Charakter weithin als vorbildlich galt. Oberleutnant der Reserve Hans-Joachim Böckelmann war vier Jahre im Russlandfeldzug. Eisernes Kreuz 2. und 1. Klasse, Nahmkampfspange, Verwundetenabzeichen, Demjanskschild. Als Leutnant erschoss er sieben Scharfschützen in einem Baum als rund um ihn herum Kameraden und Freunde fielen. Bei bis zu 52 Grad Minus musste auch er im Demjanskkessel ausharren. Die meiste Zeit diente mein Großvater in der pommerschen 32. Infanteriedivision. Er litt im Krieg und durch das Töten. Viele Kameraden, gute Menschen, starben. Das Bild eines von ihm getöteten russischen Offiziers verfolgte ihn bis zu seinem eigenen Tod.

Der Zweck der Streitkräfte ist ein doppelter: abschrecken und den Gegner besiegen. Das bedeutet: Menschen töten und Material zerstören. Es ist töricht, die Wehrmacht auf die von ihren Angehörigen begangenen Verbrechen zu reduzieren. Die Wehrmacht bietet zahlreiche Beispiele für richtiges und falsches militärisches Handeln. Es ist geschichtsvergessen, nach über 70 Jahren Frieden mit bundesrepublikanisch-pazifistischen Maßstäben die Historie deutscher Streitkräfte zu betrachten. Das Problem geht jedoch tiefer: Soldaten, die ihr Leben auf dem Gefechtsfeld einsetzen, noch dazu aus freien Stücken, müssen an etwas größeres Glauben, um bestehen und über sich hinauswachsen zu können. Kitas, geregelte Arbeitszeiten und politische Korrektheit helfen beim Kämpfen, Bluten und Sterben am Hindukusch nicht. Ständiges Tadeln und ein Abkehr von der Auftragstaktik auch nicht. Wer traut sich diese Debatte zu führen?