Churchill – eine Jahrhundertpersönlichkeit

Boris Johnson: Der Churchill Faktor, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015, 472 S., 24,95 Euro.

Brillant geschrieben. Fesselnde Unterhaltung und berührende Einsichten in ein titaneskes Leben. Winston Churchill ist für Boris Johnson aus vielerlei Gründen ein Gigant unter den Politikern und Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Als Leser bleibt die unglaubliche Energie und Arbeitsleistung des Politikers, Publizisten, Erfinders und Malers dauerhaft in Erinnerung. Fast ein Leben lang Abgeordneter im britischen Unterhaus, Inhaber diverser Ministerämter, u.a. verantwortlich für das gesamte Kolonialreich mit 450 Millionen Menschen, Premierminister im Krieg und ein zweites Mal in den 1950er Jahren, bestbezahlter Journalist Englands, Literaturnobelpreisträger, als Soldat wiederholt an Fronten in Afrika und Europa unter Beschuss, zugleich tötete er rund ein Duzend Feinde selbst, Erfinder des Panzers und des modernen Nahen Ostens – die Superlative nehmen kein Ende.

Mich hat an der durchweg gelungenen, überaus lebendigen, kaleidoskopischen Biographie besonders die Schilderung von Churchills Textmaschine beeindruckt. Sein Anwesen glich einem menschlichen Computer. Alles war auf Churchill zugeschnitten, der permanent Texte verfasste, wenn er nicht mauerte, malte oder ein üppiges Mahl einnahm. Zugleich ist sein Intellekt geradezu furchteinflößend, nicht nur für einen Politiker.

Zwischen dem Publizisten und Politiker Boris Johnson und Churchill gibt es Berührungspunkte. Vielleicht ist das gut recherchierte Buch, das auf Churchills Lebenshöhepunkt als Kriegspremier hin konzipiert ist, deshalb so gelungen. Johnson gelingt es, seine Bewunderung abwägend und doch unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen. Es mangelt nicht an Ausführungen zu den Desastern, die Churchill auch anrichtete. In einer Zeit, in der Europa und die Welt allenfalls mediokre Politiktechnokraten hervorbringt, sich aber Herausforderungen auftürmen, klafft die Lücke zu einem der weitsichtigsten und tatkräftigsten Politiker des 20. Jahrhunderts besonders weiter. Und, das soll nicht unerwähnt bleiben, die enorme Bildung führender britischer Politiker, darunter der amtierende Außenminister, lässt manchen deutschen Spitzenpolitiker als Inbegriff geistiger Armseligkeit erscheinen. Im übrigen verdanken wir Deutschen – und Europa – unsere Freiheit nicht zuletzt dem Verfechter von Demokratie, Rechtsstaat und Freihandel: Winston Churchill.

Michael von Prollius