Buch des Monats Juli 2015

Raif Badawi: 1000 Peitschenhiebe: Weil ich sage, was ich denke, hg. v. Constantin Schreiber, Ullstein Verlag, 64 S., 4,99 Euro.

Raif Badawi ist 31 Jahre alt. Drei seiner besten Jahre musste er nun schon im Gefängnis in Dschidda, Saudi Arabien, verbringen. Er ist derjenige, den der saudische König erst zum Tode und dann, aus Gnade, nur zu 1000 Peitschenhieben verurteilt hat. Das saudi-arabische System bestätigt sich wieder einmal als lupenreiner Rechtsstaat. Nun wurden vom Ullstein Verlag einige seiner Artikel ins Deutsche übersetzt. Der Erlös des Werkes kommt dem Häftling zu Gute. Es sei hier zum Kauf empfohlen.

Rührend ist seine Geschichte, wichtig sind seine Worte und erfrischend ehrlich und humorvoll ist seine Schreibweise. Wer das Buch liest, sieht klarer, aber muss auch erschüttert sein über das Niveau, weswegen Raif von seinen Landsleuten verurteilt wird. Er sei vom Islam abgefallen. Dies wird in Saudi Arabien schon mit dem Tode bestraft. Es gibt dort keine Religionsvielfalt. Keine Gnade.

„Stellen Sie sich vor, Sie würden ihr gesamtes Alltagsleben, mit all seinen Einzelheiten, in einem Raum verbringen, dessen Fläche nicht mehr als zwanzig Quadratmeter beträgt. Und nun stellen Sie sich vor, Sie würden sich diese Fläche mit dreißig weiteren, wegen aller erdenklicher Kriminialdelikte angeklagten Menschen teilen!“

Er schreibt, früher hätte er sich jeden Abend versichert, genau vor diesen Menschen seine Haustür verschlossen zu haben, nun lebt er mitten unter ihnen. Aber mit unbeschreiblicher Kraft findet er selbst im Gefängnis etwas gutes: Eine Inschrift auf der versifften Toilette! Sie lautet: „Der Säkularismus ist die Lösung!“ Irgendein Häftling scheint zumindest seine Ansichten zu teilen.

Die Artikel sind unchronologisch nach Themen sortiert. Mit viel schwarzem Humor beschreibt Badawi z.B. die vielen absurden Eheformen in Saudi Arabien und nimmt die Frauengesetzgebung auf den Arm. Da gibt es zum Beispiel den „geborgten Bock“, eine Eheform, bei der eine verheiratete Frau für eine Nacht einem anderen Mann angetraut wird, damit er sie danach wieder verstoßen kann und es ihr ohne Gesichtsverlust möglich ist, zu ihrem alten Mann zurückzukehren. Der institutionalisierte One Night Stand sozusagen. Da ist die katholische Kirche den Wahabiten wirklich hinterher. Badawi bringt es auch hier auf den Punkt: „Ob es nun Abstattungsehe, Abreiseehe, Ausflugsehe oder Abflugsehe heißt: Die Bezeichnungen werden zwar immer mehr, aber moralischer Verfall und Schweinkram bleiben eben immer, was sie sind.“

Dann macht er sich über ein Gesetz von 2011 lustig, nach dem saudi-arabische Austauschstudenten in England einen männlichen Begleiter bei dem zuständigen Amt melden müssen, sonst werden sie unverzüglich zurück nach Hause geholt. Es macht Mut, dass nicht nur Menschen aus dem Westen bei solchen Regelungen den Kopf schütteln. Manchem aus der AFD sei hingegen Saudi Arabien als Reiseziel wärmstens empfohlen.

Wer die arabische Gesellschaft beobachtet, dem wird sich auf spektakuläre Weise zeigen, wie diese unter der Last der Theokratie ächzt, stöhnt und leidet, deren Kleriker nichts als den Satz:“Ich höre und gehorche“ hören wollen.

Badawi ist bekennender Liberaler. Trotz der Dunkelheit, in der er seine Kultur gefangen sieht, erkennt er klar das Wesentliche. Er formuliert in seinem Buch die kürzeste und doch prägnanteste Definition des Liberalismus, die ich je gelesen habe:

„Verkürzt kann man sagen, Liberalismus heißt ‘leben und leben lassen’. Sprich, dass wir alle die Bräuche und persönlichen Verhaltensweisen der anderen mit allem Respekt anerkennen sollten- sofern diese nicht ihren individuellen Raum und den ihres jeweiligen persönlichen Umfelds überschreiten. Es ist ein Grundrecht des Menschen, zu sagen und zu tun, was er will, doch diese Freiheit muss vom Gesetz diszipliniert werden. Denn wo die Freiheit der anderen beginnt, hört deine auf.“

Er liebt sein Land, äußert jedoch verständliche Bedenken für die nahe Zukunft : „Meine größte Befürchtung ist, dass die klugen Köpfe der arabischen Welt eines Tages alle auswandern werden, auf der Suche nach frischerer Luft, irgendwohin, weitab von den Schwertern des religiösen Autoritarismus.“

Prophetisch sieht er schon 2011 die Entstehung eines neuen Kalifats, den IS, vorraus und warnt vor dieser  „Kultur des Todes“.

Wie sieht sich ein solch mutiger Mann selbst? Ist er bescheiden? Ist er gar überheblich?

„Ich selbst sehe mich einfach als jenen dünnen, aber zähen Mann, der auf wundersame Weise fünfzig Peitschenhiebe überlebt hat, umringt von einer jubelnden Menschenmenge, die immerzu „Allahu Akbar“ rief – um der Artikel willen, die sie jetzt lesen werden.“

Der Ausruf „Allahu Akbar“ bedeutet so viel wie: „Allah ist groß!“

Das Buch umfasst 57 Seiten. Fünfzehn Artikel sind es, plus einem Brief aus dem Gefängnis.

Das Lesen lohnt sich für jeden, der einen echten Liberalen, welcher sich für seine Meinungsfreiheit in Lebensgefahr begeben hat, unterstützen will. Es gibt wenige Aktivisten, deren Einsichten solch einen Mut verlangen und mit vergleichbarem Einsatz und derart ehrlichem Engagement vorgetragen werden. Die Länge seiner Blog Beiträge sind perfekt auf je ein Thema zugeschnitten. Was für ein guter Schreiberling hier Mund tot gemacht wird, ist wirklich traurig.

Erst wenn auch die letzte Frau an der zu dünnen Luft unter ihrer Burka erstickt ist, erst wenn die letzte Fatwa (Todesurteil) gegen harmlose Intellektuelle ausgesprochen wurde und erst wenn die IS die saudischen Prinzen und Familien eigenhändig ermeuchelt haben, erst dann werden die Saudis erkennen, welch Wahnsinn sich hier abspielt. “Denn sie wissen nicht, was sie tun.”, möchte man ihnen zurufen.

Badawis Frau und seine Kinder konnten schon erfolgreich Asyl in Kanada beantragen. Man kann ihm nur wünschen, dass er ihnen bald als freier Mann folgen und sich fortan auch zu jenen klugen Menschen zählen kann, die nach freier Luft suchend gegangen sind.

Das Buch „1000 Peitschenhiebe: Weil ich sage, was ich denke“ ist schon für 4,99€ zu haben.

Max Tarrach

 

Quelle: Zuerst erschienen bei den Students for Liberty Heidelberg.