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Buch des Monats Januar 2017

Krise und Zukunft der Demokratie ist ein zeitloser Titel. Viele Einsichten, die Felix Somary in seinem 1952 erschienen Essay bietet, sind heute bedenkenswert. Das liegt an seiner unzeitgemäßen Haltung: Nonkonformismus gepaart mit Unabhängigkeit von der Umgebung. Sich vom Rauschen des alltäglichen Nachrichtenstroms fernzuhalten ermöglicht tiefere Einsichten. Dazu gehören die folgenden:

  1. Der Staat wurde zum Schutz der Menschen geschaffen, war aber bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem überbordenden Lenkungsorgan des täglichen Lebens angewachsen. Somary nennt drei historische Etatismusschübe: die Kreuzzüge, die Reformation, die bürgerlichen Revolutionen. Die Unterwerfung unter einen Demokratie-Staat, einen Demokratie-Absolutismus, hat nichts mit Demokratie zu tun und ist gefährlich.
  2. Nur die stets kleine Gruppe der Freiheitsfreunde denkt und handelt anders als die Herrschenden und die Masse; sie weist den Primat der Politik in die Schranken und setzt sich für den Primat der Freiheit des Individuums ein. Das Problem der egalitären Demokratie ist, dass sie nach Tocqueville in eine kommunistische Diktatur führt.
  3. Die Weltkriegsepoche ist geprägt durch die Herrschaft des Prinzips der Egalität bei gleichzeitiger Ausbreitung der Staatsgewalt. In dieser Zeit wurden Despotismus und Sozialismus, Zentralismus und Hierarchisierung ermöglicht. Ohne die Urkatastrophe wären uns angesichts einer bereits zunehmend globalisierten, unvergleichlich liberaleren Welt die mörderischen Ideologien der Knechtschaft erspart geblieben.
  4. Der demokratische Sozialismus hat den Liberalismus abgelöst, auch in den Parlamenten. Der Liberalismus hat seine Gegner, aber auch seine Anhänger verloren. Demokratie und Stimmenkauf sind unvereinbar. Der Rechtsstaat ist das Alleinstellungsmerkmal des Westens gewesen. Durch den Machtstaat der Weltkriegsepoche ist der Rechtsstaat aufs schwerste bedroht. Die Exekutive dehnt sich immer weiter aus.

Aktuell wie lange nicht erscheint die Erkenntnis, dass eine freie Gesellschaft von unabhängigen Bürgern abhängt. Nur unabhängigen Menschen wohnt ein starker Freiheitsdrang inne. Mulmig stimmt, dass der österreichisch-schweizerische Bankier und Nationalökonom Felix Somary (1881-1956) die Epochen der Zivilisation für eine Ausnahmeerscheinung von kurzer Dauer hält – zumal er unter anderem die Weltwirtschaftskrise und die Machtübertragung an Hitler prognostiziert hatte.

Felix Somary: Krise und Zukunft der Demokratie, (Erstauflage 1952) Neuauflage der 3. Auflage von 1984, TvR Medienverlag 154 S., 12,90 Euro.