Buch des Monats August 2015

Volkmar Muthesius: Augenzeuge von drei Inflationen. Erinnerungen und Gedanken eines Wirtschaftspublizisten, Fritz Knapp Verlag, Frankfurt am Main, 2. Auflage 1973, 239 S., antiquarisch erhältlich.

Volkmar Muthesius (1900 – 1979) ist leider in Vergessenheit geraten. Dieses Schicksal teilt er mit anderen verdienstvollen Wirtschaftspublizisten, darunter Henry Hazlitt. Die beiden Publizisten verbindet: ihre klassisch-liberale Grundhaltung, das unermüdliche Korrigieren wirtschaftspolitischer Irrtümer und das Werben für Marktwirtschaft und einen zurückgenommenen Staat. Außerdem waren beide „Mises-Fans“. Indes blieb der Jurist Muthesius vorwiegend wirtschaftspublizistisch tätig, mit einem Schwerpunkt auf Geld, Kreditwesen und Inflation.

Seiner Erinnerungen „Augenzeuge von drei Inflationen“ sind ein lesenswerter Gang durch die Inflations- und zuweilen Interventionsgeschichte Deutschlands. Inflation war bis zum Ersten Weltkrieg ein unbekanntes Wort. Mit der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts ging ein Welt zugrunde, die durch freien Warenverkehr und eine weltweite Einheitswährung gekennzeichnet war: Gold. Allerdings galten die „blauen Lappen“, die Hundertmark-Scheine als bürgerliches Statussymbol, weil 20 Mark Goldstücke jeder Arbeiter ausbezahlt bekam. Wie diese Welt aussah, schildert Muthesius anhand einer spontanen Reise von fünf Abiturienten nach Paris zusammen, die nach der Abgangsfeier in Weimar nicht nach Hause gingen, sondern einen Zug nach Frankfurt nahmen: „Sie sandten einen Boten zu ihren Eltern und ließen ihnen sagen, sie möchten sich gedulden, nach drei Tagen würden sie heimkehren.“ Und Muthesius fährt fort, indem er die Zweifel von Zuhörern ausräumt, es hätte an Devisen, Pässen und Visa sowie Reiseutensilien gemangelt: „Einen Paß brauchte man vor dem Ersten Weltkrieg nur zur Reise nach Russland, die ganze übrige Welt stand jedem offen. ‚Devisen’ gab es nicht. Man zahlte in Paris mit deutschen Goldstücken, wie andernorts auch, oder man wechselte das Goldstück in Francs ein, in jeder Wechselstube, auf jeder Bank, ohne Formalitäten.

Es sind gerade die persönlichen Erinnerungen und Gedanken, die einen heute selten klaren Verstand für Recht, Unrecht und dilettantische Anmaßungen dokumentieren, darunter das zurecht in Bausch und Bogen verworfene Stabilitätsgesetz von 1967, die die Lektüre angenehm und erhellend zugleich machen.

Michael von Prollius