Bildungsvielfalt statt Bildungseinfalt

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Bildung ist in Deutschland und Europa eine Selbstverständlichkeit – zugleich eine politische Dauerbaustelle, die in ihren Grundfesten nur wenig hinterfragt wird. Die nachfolgende perspektivische Analyse (die auf einem Vortrag beim Liberalen Institut, Zürich, beruht) öffnet den Raum für Alternativen zum bestehenden. Ausgehend von der Frage, was Bildung eigentlich ist und wie Bildung erfolgen kann geht es im Schwerpunkt um den zentralen, vernachlässigten Aspekt des Koordinationsproblems (knapper Ressourcen).Die Zukunft liegt in mehr privater Initiative statt herrschender staatlicher Bürokratie. Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren ermöglicht bessere Bildung, bessere Lehrer und mehr Vielfalt.

 

Bildungsvielfalt statt Bildungseinfalt

„Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!“ So klingt ein Lied aus der Sesamstraße. Als die in den 70er Jahren nach Deutschland kam, warnten Pädagogen vor dem Untergang des kindischen Abendlandes. Reizüberflutung drohte und die totale Verblödung der Kinder. Ganz so schlimm ist es nicht geworden. Die Generation kann sich sehen lassen. Fernsehen und Filme können bilden.

Filme bieten uns die Möglichkeit zu entdecken, wer wir sind.“ bemerkte der Theater- und Film Schauspieler Alan Rickman, früheres Mitglied der Royal Shakespeare Company. Von der Entdeckung ist es nicht weit bis zur proportionierlichsten Bildung der Kräfte, die mit Wilhelm von Humboldt im Mittelpunkt persönlicher Entwicklung steht.

Die Sesamstraße und der Shakespeare Schauspieler sind beide auf ihre individuelle Art erfolgreich, weil sie Bedürfnisse erfüllen. Indes soll es nachfolgend nicht um Film und Fernsehen gehen, sondern um Vielfalt und Individualität. Beide stehen im Zentrum der nachfolgenden Ausführungen. Als Gliederung bieten sich die ersten drei Fragen aus der Liedzeile der Sesamstraße an: Wer? Wie? Was? Ich möchte sie in umgekehrter Reihenfolge behandeln.

Was? Das ist die Bildung und zwar der Bildungsinhalt.

Wie? Das ist die Vermittlung von Bildung.

Die beiden Fragen werden kürzer behandelt, um etwas ausführlicher zur für Liberale entscheidenden Frage zu kommen:

Wer? Das sind die Institutionen, denn auch bei der Bildung steht das Koordinationsproblem (knapper Ressourcen) im Mittelpunkt.

Die nächsten drei Fragen aus dem Lied „Wieso, weshalb, warum?“ lassen sich mit der Bemerkung abhandeln: Bildung ist neben Kapital – als Humankapital – von herausragender Bedeutung für das großartige Entdeckungsverfahren, mit dem die Menschen in Kooperation miteinander ihre Wohlfahrt in beeindruckendem Maße steigern. Für den Einzelnen stellt Bildung die Befähigung zur Selbstreflexion dar und damit zur bestmöglichen Bildung seiner Kräfte – er wird zur Freiheit ermächtigt. Bildung ist Entfaltung innerer Freiheit (Humboldt) und Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit (Kant).

Was? Bildung und Bildungsinhalt

Der Begriff „Bildung“ geht bekanntlich zurück auf das althochdeutsche bildunga, also Schöpfung, Bildnis, Gestalt, und bezeichnet sowohl den Prozess als auch den Zustand des Menschen, der seine geistigen, kulturellen und praktischen Fähigkeiten formt. Ein durchgängiges Merkmal von Bildung ist das reflektierte Verhältnis zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Umwelt. Seit der Aufklärung ist der Mensch ein Werk seiner selbst und nicht nur ein Geschöpf Gottes. Dieses Werk wird maßgeblich von den Rahmenbedingungen beeinflusst unter denen Bildung erfolgt. Gleichwohl steht seit Wilhelm von Humboldt die Selbstständigkeit und Selbsttätigkeit des Sich-Bildens – die Persönlichkeitsbildung – im Zentrum von Bildung. Das kommt in der berühmten Formulierung zum Ausdruck: „Der wahre Zweck des Menschen, nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welche die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt, ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung.[1]

Aus den Perspektiven der politischen Ökonomie und der Geschichte lassen sich zugleich die Anreizbedingungen betonen. Das gilt nicht nur im Hinblick auf die Frage der Ordnung insgesamt, innerhalb derer Bildung erfolgt, sondern auch für den einzelnen Menschen, dessen Weg zum Selbstverstehen über das Fremdverstehen erfolgt. Um mich zu verstehen ist es erforderlich, dass ich die Umwelt begreife.

Wissen und Lernen sind zwei wesentliche Elemente von Bildung. So setzt sich Bildung zusammen aus:

  1. Wissen und damit dem Wissensinhalt,
  2. Lernen und damit Wegen oder Strategien des Gewinnens von Wissen und Erkenntnis (dazu gehört etwa, ein Problem zu erkennen, es zu beschreiben, zu erklären und zu lösen) und
  3. Kommunikation, also der Fähigkeit, anderen Menschen seine Gedanken mitzuteilen und wiederum deren Gedanken zu erfassen.

An dieser Stelle soll zweierlei deutlich werden: Einerseits hat Bildung von Individuen mit Vielfalt zu tun. Andererseits bedarf es gewisser gemeinsam geteilter Grundlagen, die den Inhalt, den Erwerb und die Kommunikation von Bildung betreffen, damit Verständigung, Kooperation und letztlich eine geteilte Kultur möglich werden. Das ließe sich auf die Formel reduzieren: Individuen sind unterschiedlich, deshalb kann es keine Standards für alle geben, aber Grundfertigkeiten sollte jedermann besitzen, sonst sind Kooperation und Kommunikation nicht möglich. Die entscheidende Frage lautet: Wer setzt die Standards?

Was Bildung und Bildungsinhalt betrifft gilt es angesichts der herrschenden staatlich determinierten Realität (u.a. in Kindergärten, Schulen und Hochschulen) die Grenzen von Standards zu thematisieren und die Notwendigkeit eines Bildungskanons und eines einheitlichen methodischen Rüstzeugs zu hinterfragen. Einfalt herrscht, wenn Standards zentral vorgegeben werden. Vielfalt blüht, sobald Standards aus einem Entdeckungsverfahren erwachsen. Das Beispiel Kunst spricht für sich: bürokratische Kunst ist ein Widerspruch in sich. Offenkundig gibt es nicht eine richtige Bildung für alle Kinder. Es gibt aber ein Standardset von Grundfertigkeiten und darüber hinaus Wahlmöglichkeiten, die niemandem verwehrt werden dürfen.

Wie? Bildungsvermittlung

Zu wenig soziale und emotionale Fähigkeiten würden im deutschen Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Hochschule berücksichtigt. Charakterstärke, moralische Urteilsfähigkeit und der Umgang mit Niederlagen, schließlich auch Selbstdisziplin und soziale Kompetenz seien im Leben wichtig, ohne hinreichend auf den herkömmlichen Paukschulen berücksichtigt zu werden. So oder so ähnlich urteilte der deutsche Aktionsrat Bildung (ein von der Bayerischen Wirtschaft ins Leben gerufenes Expertengremium, das das deutsche Bildungssystem analysieren und bewerten soll) in seinem aktuellen Gutachten „Bildung. Mehr als Fachlichkeit“.[2] „Mehrdimensionale Bildung“ heißt der aktuelle Terminus. Und die Bildungsaktionsräte mahnen, dass den Schülern bei deutlich verbessertem Abschneiden im Pisa-Test die Freude am Lernen abhanden zu kommen drohe – in problematischem Ausmaß. Das zeige das Beispiel Mathematik und wirkt sich auf das Interesse am Studium von MINT-Fächern aus, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Hingegen konnte das Leseinteresse gestärkt werden. Zugleich bemängelten viele Unternehmer, dass sie zwar Experten, aber keine couragierten, neugierigen und unternehmerischen Absolventen bekämen. An dieser Stelle wird einmal mehr die Komplexität von Bildung deutlich, sowohl inhaltlich als auch was den individuellen Lernprozess selbst betrifft.

Ich möchte nachfolgend einen Blick auf die Hirnforschung werfen, die in den letzten Jahren viele Erkenntnisse über die Bildungsvermittlung bestätigen konnte und einige neue Akzente gesetzt hat.

Der populäre Hirnforscher Gerald Hüther vertritt die Auffassung, dass das gemeinsame Eintrichtern gleicher Wissensinhalte nicht möglich sei, aber gemeinsames Lernen in der Menschheitsgeschichte immer stattgefunden habe.[3] Seine Kritik am herrschenden Schulsystem richtet sich einerseits auf das praktizierte jahrgangshomogene Lernen statt eines jahrgangsübergreifenden Lernens. Kurzum, die Schule, mit Ausnahme von offenem Unterricht und Freiarbeit wie etwa bei der Montessori-Pädagogik oder der Selbstgestaltungskompetenz als Ziel des Instituts Beatenberg im Berner Oberland, schafft eine Lebenskünstlichkeit, die nur dort besteht. Ähnlich sieht es André Stern, Autor von „.. und ich war nie in der Schule“. Andererseits und tiefer reichend kritisiert Hüther die Art und Weise wie Wissen vermittelt wird: Bei der Stoffvermittlung werde keine Begeisterung ausgelöst. Bereits ab der 2. Klasse verlieren Schüler daher das Interesse am schulischen Lernen. Es geht Hüther nicht darum, dass Schule auf simple Weise Spaß machen soll. Vielmehr zeige die Hirnforschung, dass all das, war wir mit Begeisterung machen, uns schnell immer besser werden lasse. „Jeder kleine Sturm der Begeisterung führt gewissermaßen dazu, dass im Hirn ein selbsterzeugtes Doping abläuft. So werden all jene Stoffe produziert, die für alle Wachstums- und Umbauprozesse von neuronalen Netzwerken gebraucht werden. So einfach ist das: Das Gehirn entwickelt sich so, wie und wofür es mit Begeisterung benutzt wird.[4] lautet eine seiner zentralen Botschaften. Und Begeisterung entstehe durch Bedeutung, Bedeutung von etwas für uns selbst. Wer einen Mangeln an Kreativität, Lebensfreude, Entdeckerlust und Gestaltungskraft beklagt, der findet mit Hüther im Wecken von Begeisterung eine Antwort, um diesen Mangel zu beheben. Erneut dürfte das bei individuellen Menschen auf vielfältige Weise möglich sein, und eben nur auf vielfältige, nicht aber auf standardisierte Weise. Um nicht missverstanden zu werden: Die Hirnforschung zeigt, wie individuelles Lernen funktioniert, lässt aber keinen Schluss auf die Organisation von Bildung in Gemeinschaften zu.

In deutschen Staatsschulen und in der Lehrerausbildung hat bereits ein Paradigmenwechsel Einzug gehalten – hin zu Methoden- und Projektkompetenz. In der alten Industriegesellschaft des vorigen Jahrhunderts konnten die Menschen das in der Schule und Universität erworbene Wissen noch über einen langen Zeitraum ihres Lebens nutzen. Sach- und Fachwissen besaß einen Wert an sich. In der Wissens- und Ideengesellschaft des 21. Jahrhunderts haben sich nicht nur die Wissensmenge und -vielfalt enorm erweitert. Heute kommt es zunehmend an, unbekannte Probleme mit unterschiedlichen Methoden zu lösen, die es teilweise erst zu entwickeln gilt. Eine zentrale Aufgabe von Schulbildung soll es daher sein, die Schüler auf die Bewältigung von Vielheit, Offenheit und Komplexität vorzubereiten. Metakompetenzen wie die Bereitschaft zu entwickeln, sich auf neue Herausforderungen einzulassen, die Lust am Entdecken und Gestalten, die Freude an Engagement, arbeiten in Gruppen und Übernahme von Verantwortung lauten die Schlagworte, die mitunter wie PR anmuten. Wichtig ist, dass Wertschätzung in den Mittelpunkt der Bildung rückt. Anerkennung, Ermutigung zu gemeinsamen Anstrengungen und „Supportive leadership“, wie der Führungsstil in der Wirtschaft heißt, um in angenehmer Umgebung fördern und fordern zu können, sind Schlagworte, die auch Gerald Hüther nennt. Indes gilt es offensichtlich Anspruch und Wirklichkeit beim Wortgeklingel zu trennen.

All das zuvor thematisierte bedeutet nicht, dass Lernerfolg von Hyperindividualisierung abhängt. Erfolgreiche Bildung kann durchaus mit klassischen Formen eines Frontalunterrichts zustanden kommen, aber nicht mehr allein. Allein kann aber auch kein Schüler, nur geführt von seiner Begeisterung, den Stoff gleichsam autodidaktisch bewältigen. Lernen heißt durchdenken und erklären können. Weshalb es in der Schule, Universität und praktischen Ausbildung gleichermaßen von hoher Bedeutung ist, das Gelernte anderen Mitlernenden oder dem Lehrer zu vermitteln. Zugleich sind kleine Klassen großen überlegen, ein Lehrer kann eine kleine Zahl Schüler besser unterstützen als eine große. Um auf die individuellen Stärken und Schwächen eingehen zu können, muss eine Gruppe überschaubar sein, von Ruhe und Ordnung, die herrschen müssen, ganz zu schweigen. Der Lehrer ist und bleibt beim Lernen das Maß aller Dinge, ob beim Heimunterricht oder in der Klasse.

Lehrer – ein Handwerksberuf

Elizabeth Green, Autorin des Buches „Building a Better Teacher: How Teaching Works (and How to Teach it to Anyone)“[5] vertritt mit guten Argumenten die Auffassung, dass Lehrer weniger ein akademischer als vielmehr ein Handwerksberuf ist. Der Lehrerberuf sei durch trainierbare Fähigkeiten gekennzeichnet. Diese Fähigkeiten machten den Unterschied aus, ermöglichten guten Unterricht und erfolgreiches Lehren und Lernen. Um ein guter Lehrer zu werden, benötige man keine spezielle Persönlichkeit oder Motivation wie zahlreiche Untersuchungen und Einsichten zeigten.

Zugleich sei es möglich, „jeden“ Lehrer besser zu befähigen, besser auszubilden. Dazu gehöre etwa, wie man Schüler überwache, wann man eingreife, welche Lernimpulse man gebe. Allein das vermeintlich einfache Beispiel „Schhhhhh“, um Ruhe in der Klasse zu erreichen, verdeutlicht wie komplex das Lehren ist: Sollen die Kinder leiser sein oder sollen sie still sein? Warum wird damit die Aufmerksamkeit auf das Fehlverhalten gelenkt und warum gibt es keine konkrete Handlungsanweisung? Besser wäre es, klare Erwartungen zu formulieren. Eine Selbstverständlichkeit? Keineswegs.[6]

Indes würde an Universitäten (in den USA) nach wie vor eine viel zu akademische Lehrerausbildung betrieben und zwar von Akademikern und nicht von Lehrern. Im Beruf an der Schule garantierten nach Elizabeth Green drei entscheidende Aspekte den Lehrererfolg: Erstens der Austausch- und die Weiterentwicklung der Lehrer im Alltag durch andere fachkompetente Lehrer (ggf. Coaches), zweitens einheitliche Schulcurricula, die fachbezogen einen Austausch möglich machten, weil das Gleiche unterrichtet werde, schließlich drittens einen festen Teil der Arbeitszeit täglich/ wöchentlich für die Weiterbildung vorsehen. Erwähnenswert erscheint mir noch die Beobachtung, dass Lehrer über keine mit anderen Professionen vergleichbare Fachsprache verfügten, was offensichtlich in der Finanzwelt, der Armee und bei Unternehmensberatungen anders ist.

Was ist zu tun, um besser lernen zu lehren? Russ Roberts zeigt im Econtalk Interview mit Elizabeth Green[7] am Baseballbeispiel was zu tun ist. Die Lösung beim Schlagen des Balls lautet nicht „Streng Dich mehr an!“ oder „Guck auf den Ball“. Vielmehr gilt es konkrete Verbesserungshinweise aufzeigen – für die Haltung des Kopfes beim Verwringen des Körpers. Apropos Baseball-Superstars, die haben einen eigenen Coach für eine simple Tätigkeit, Lehrer nicht. Lernen ist eine Frage des Feedbacks. Einen guten Lehrer zeichnet aus, dass er den Schülern vermitteln kann, was sie wissen und was nicht und wie sie letzteres ändern können – mit Begeisterung.

Offenkundig lassen sich Forderungen der Wissenschaft, Erfahrungen aus der Praxis für eine bessere Praxis und Alternativen zum herrschenden Alltag nicht ohne weiteres unter einen Hut bringen. Das wirft die Frage auf, wer bilden soll. Der Staat, die privaten Initiativen oder beide respektive Mischformen?

Wer? Institutionen/ Koordination

James Tooley hat die Welt bereist, die ärmsten der Armen besucht – in ihren Schulen. Sein Buch machte Furore – Tooley gewann den „Gold Prize“ der Financial Times und der International Finance Coporation beim Wettbewerb „Annual Private-Sector Development Competition“. Die Rede ist von „The Beautiful Tree“.[8] Das Ergebnis seiner mehrjährigen Studien vor Ort lautet: In Indien und Afrika, auf dem Land und in den Städten wollen und können die Ärmsten der Armen alle ihre Kinder auf kostenpflichtige Privatschulen schicken; sie ziehen diese den kostenlosen staatlichen Schulen aufgrund der besseren Qualität vor. Die Eltern, regelmäßig Analphabeten, nehmen die Bildung ihrer Kinder erfolgreich selbst in die Hand. Die unternehmerischen Schulleiter und engagierten Lehrer agieren unter typischen Marktbedingungen zum Wohle aller.

Diese Erfolgsgeschichte wurde lange geradezu unterdrückt. Das gilt gerade auch für die Entwicklungshelfer, die die private Initiative weder gesehen haben noch Ernst nehmen, geschweige denn unterstützen wollten. Dabei nutzten um die Jahrtausendwende mehr als 80% der Stadtbevölkerung und mehr als 30% der Landbevölkerung private Schulen.[9] Übrigens erinnert Tooleys Erkenntnis der Lage zur Zeit der Industrialisierung; Bildung war im 19. Jahrhundert etwa in Großbritannien eine private Angelegenheit nicht zuletzt durch Armenschulen. Und schon in der Antike standen sich Athens privater Bildungsansatz und Spartas Verstaatlichung gegenüber. Heute lautet der Entwicklungshilfeansatz: Wenn wir nur mehr Geld in das bestehende staatliche System pumpen und das Personal besser qualifizieren, dann wird das Schulsystem besser.

Dieser bürokratische Ansatz ist offenkundig naiv, das gilt nicht nur für die Entwicklungshilfe, sondern auch für die Bildungspolitik in Europa. Bei allen Veränderungen bleibt eine Optimierung der Bildung ein Dauerthema und ein Dauerversprechen. Es passiert wenig von oben herab, dafür umso mehr aus der Gesellschaft heraus. Der bürokratische Ansatz blendet das Anreizsystem aus, das in einer Marktwirtschaft einen kontinuierlichen Entdeckungsprozess schafft. Das ist das berühmte Entdeckungsverfahren (im hayekschen Sinne). Versuch, Irrtum, erneuter Versuch ist die Triade, nach der Innovationen entstehen. Der Wettbewerb mit anderen Schulen und die Sorge, dass das eigene Angebot nicht mit dem anderer Schulen mithalten kann, sorgen für die schnelle Verbreitung von Verbesserungen. Die Schulleiter baten James Tooley auf seinen Reisen ständig darum, Ihnen Verbesserungen mitzuteilen und Vorträge über Neuerungen und Best Practices zu halten. Die Lehrer waren auf eine Weise motiviert, die auch Tooley immer wieder erstaunte. Das hat einen guten Grund: Die Eltern wechselten regelmäßig die Schule, wenn sie mit dem Angebot unzufrieden waren und eine andere Schule bessere Bedingungen anbot. Schulleiter und Lehrer trugen echte Verantwortung und waren gleichsam haftbar für ihre Leistungen.

Folglich sollte es nicht überraschen, dass sich die privaten Lehrer als die besseren Lehrer erwiesen, bei allen unübersehbaren Unzulänglichkeiten. Erstens waren sie in der Schule und unterrichteten, während das in den Staatsschulen regelmäßig nicht der Fall war. Zweitens, und wichtiger, war ihr Engagement viel ausgeprägter. Die Lehrer machen den Unterschied. Jeder Lernende hat das selbst erlebt. Und diese Erkenntnis besitzt Allgemeingültigkeit. Mit dem Lehrer steht und fällt der Bildungserfolg – über alle Fächer hinweg, weltweit. Dabei sind offenkundig die Bedingungen unterschiedlich: In den ärmsten Regionen der Welt lässt sich mit einfachen Mitteln erfolgreich die Aufmerksamkeit der Schüler gewinnen. In der entwickelten Welt bilden Smartphones und multimediale Designs eine Konkurrenz.

Für einen Vergleich der Lage in den Entwicklungsländern mit dem Westen spielt ein anderer Anreiz eine wichtige Rolle: Die Bildungsbeflissenheit, der Bildungshunger der Menschen, die tagtäglich spüren, dass eine Verbesserung ihrer prekären Lage entscheidend von besserer Bildung abhängt. Dieses Wissen scheint in westlichen Gesellschaften weniger verbreitet zu sein, zugleich gilt das schon frühzeitig für die Lernbegeisterung. Der von der Wiege bis zur Bahre allzuständige Wohlfahrts- und Nannystaat wirkt sedierend. Indes sollte es zur Allgemeinbildung gehören, dass Finanz- und Humankapital die entscheidenden Produktivitätstreiber sind und die Wohlstandsentwicklung von der Steigerung der Produktivität abhängt. Zugleich verdecken die Anreize auf dem erreichten, hohen Wohlstandsniveau und die im Vergleich zu den Entwicklungsländern überbordende Subventionierung des Lebens diese Einsicht.

Was können wir festhalten?

  1. Bildung für alle nur durch Staatsschulen ist ein Mythos.
  2. Die Armen helfen sich selbst – und offenbar besser als wohlmeinende Entwicklungshelfer.
  3. Jedermann kann Schulbildung bezahlen, die der gewünschten Qualität entspricht.
  4. Die Existenz asymmetrischer Informationen spielt keine Rolle. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten für Eltern, selbst wenn sie Analphabeten sind, die Qualität der Schulen und ihre Angebote zu vergleichen.
  5. Engagement und Begeisterungsfähigkeit der Lehrer spielen eine zentrale Rolle.

Was ließe sich in den Entwicklungsländern noch verbessern? Sehr viel, von der Infrastruktur bis zur Qualität der Bildung gibt es viele brach liegende Potenziale. Insbesondere der Zugang zu Kapital spielt eine Schlüsselrolle. Dabei sollte, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden und keine Entwicklungshilfeabhängigkeit zu schaffen, auf staatliche Finanzierung verzichtet werden. Vielmehr erscheint im Sinne Hernando de Sotos eine Mikrofinanzierung geeignet zu sein.

Auf dem Weg in eine veränderte Zukunft

Es ist faszinierend wie ganz unterschiedliche, unverbundene Betrachter von Bildungsthemen in der Welt in ihren Disziplinen eine Schnittmenge von Erkenntnissen teilen: Lernen funktioniert durch Begeisterung und durch Relevanz. Richtige Anreize entstehen durch private Initiative, dezentrale Koordination und Innovationen sind zentral gesetzten Standards überlegen, die Quelle großer, schwer zu ändernder Fehler sind, etwa der weithin untauglichen Bologna-Bachelor.

Vom „Beautiful Tree“ ist es nicht weit bis zu „Beautifully British“: Britische Internate sind „in“. „Deutsche Schüler stürmen die britischen Privatschulen“, so lautet eine Schlagzeile in der Frankfurter Allgemeine Zeitung.[10] Englands Internate seien zum Exportschlager geworden. Das Alleinstellungsmerkmal sei der Unterschied wie Lehrer mit Schülern umgingen: In England arbeiteten die Lehrer mit den Schülern und nicht gegen sie. Eine konstant positive Feedbackschleife für gute und schlechte Schüler sei ein Erfolgsschlüssel. Insbesondere Internate wie Eton, Harrow und das King’s College in Canterbury stehen für Bildungsqualität angesichts von Abiturquoten von über 60 Prozent aller Schüler in Hamburg. Die bildungsorientierte deutsche Mittelschicht fürchte das schulische Mittelmaß. Inzwischen gehe jeder elfte deutsche Schüler auf eine Privatschule, einige und immer mehr auch in Großbritannien.

Damit werden Eltern die Frage auf: Privat- oder Staatsschule? Und sie beantworten sie mit: Privatschule! Ich möchte an dieser Stelle noch nicht den Gegensatz zuspitzen, sondern auf einem anderen Weg einer Antwort näher kommen. Es geht um nicht weniger als die Ordnungsfrage.

Bildung ist wie jedes andere Gut auch eine knappe Ressource und Ergebnis einer Koordination von knappen Ressourcen. Für diese Koordination gibt es zwei Verfahren: Den Staat und den Markt – die Bürokratie und die Marktwirtschaft. Das Problem des Staates besteht in der Koordination durch Experten. Sie treffen zentralisierte Entscheidungen auf unzureichender Wissensgrundlage. Fehler werden zentralisiert und systemisch. Änderungen sind schwer zu erreichen. Märkte funktionieren anders. Das überzeugendste Modell, um die Funktionsweise von Märkten zu erklären, stammt von Peter Boettke.[11]

Man braucht drei „p“ für drei „i“:

property, prices, profit & loss

sind die Voraussetzung für

information, incentives, innovation

Die zweifache Dreierkombination macht eine einzigartige Koordination möglich. Ohne die drei „p“ gibt es keine drei „i“, ohne Preise keine oder unzureichende Informationen und keine oder kaum Impulse, etwas zu ändern. Die Bürokratie mit ihrem Mechanismus, der aus Verwaltungsanordnungen besteht, kann nicht mithalten. Wer also von Innovationen spricht und von Anreizen, um herrschende Zustände zu verbessern, der sollte von Eigentum, Preisen, Gewinn und Verlust nicht schweigen. Dabei kommt der Wiederherstellung des Rechnungszusammenhangs eine zentrale Bedeutung zu. Das heißt, wer eine Dienstleistung bekommt, der bezahlt auch dafür. Heute ist Schule vermeintlich kostenlos und in Berlin auch der Kindergarten, die staatliche Universität ohnehin weitgehend. Ein teures Unterfangen – mit einer problematischen Vorgeschichte wie nachfolgend deutlich werden wird.

Nationale Einheitlichkeit oder individuelle Vielfalt? Mit andere Worten: Soll Bildung durch den Staat gesteuert werden mit nationalen Standards und nationaler Einheitlichkeit oder soll kulturelle respektive religiöse Vielfalt individuell bestimmt werden? Das ist eine Frage der Charles L. Glenn[12] in mehreren Studien und Büchern nachgegangen ist. Dazu gehört auch eine vergleichende historische Arbeit über die Bildung in den vier Ländern Österreich, Preußen/Deutschland, Belgien und den Niederlanden.

Glenn gelingt es aufzuzeigen, dass die allgemeine Schulbildung, die durch starke staatliche Regulierung gekennzeichnet ist, im jakobinischen Frankreich und im 19. Jahrhundert in den USA wurzelt. Bildungspolitik war ein Mittel zum Zweck. In Deutschland war die Einrichtung eines Staatsministeriums für Bildung, einem nationalstaatlichen Curriculum und einer Lehrerausbildung bis 1817 realisiert worden. Ähnlich, aber weniger zentralisiert entwickelte sich die Rolle des Staates in Belgien und den Niederlanden. Der Grund für diese Entwicklung war einfach: Die Bildungsvielfalt sollte reduziert werden, weil sie der Nationalstaatsbildung im Weg stand. Die öffentlichen Schulen waren eine Folge des aufkommenden Nationalismus, der auf kultureller Uniformität basierte, konstatiert Glenn. Den traurigen Höhe- oder besser Tiefpunkt dieser Entwicklung bildete ein Gesetz aus dem Jahr 1938, in dem die Nationalsozialisten ein vollständig zentralisiertes nationales Bildungssystem schufen – unter Abschaffung religiöser Schulen. Zwar herrsche in Deutschland grundsätzlich Bildungsfreiheit nach dem Grundgesetz. Tatsächlich falle die Bildungsvielfalt weitaus geringer aus, weil Regulierung und verstaatlichte Bildung massive Restriktionen geschaffen habe.

Bildung ist kein öffentliches Gut, kann aber ein schlechtes öffentliches Gut sein.[13] Zwar gibt es positive Externalitäten, aber die gibt es bei vielen privat erstellten Gütern auch, seien es Lebens-, Kommunikations- oder Transportmittel. Das Problem vieler Menschen, darunter Ökonomen und Politiker, ist ein verbreiteter Fehlschluss: Sobald die als angemessen angesehene Menge eines Gutes nicht privat angeboten wird, glauben viele Menschen, dass eine Steuer finanzierte Lösung durch den Staat die Antwort sein müsse. Das Kernproblem dieser Argumentation hat Gordon Tullock bereits 1971 – 30 Jahre später zudem Richard Stroup – aufgedeckt: Das staatliche Angebot leidet nämlich selbst unter den Defiziten eines öffentlichen Gutes.[14] Das bedeutet, jeder partizipiert, auch der, der nicht bezahlt und zugleich kümmert sich kaum jemand um die Ressourcenausstattung oder kontrolliert deren Verwendung. Sicherzustellen, dass der Staat die richtige Menge und Qualität des öffentlichen Gutes bereitstellt, diese Aufgabe ist selbst ein öffentliches Gut. Damit wiederholen sich die Ursachen – in der Regel die Anreizprobleme –, die zu einem mangelnden Angebot geführt haben. Dazu passt eine Studie von Cato, in der die Vorzüge privater und staatlicher Schulen verglichen wurden.[15] Das Ergebnis war 17 : 1, die privaten Schulen hatten 35 Vorteile (akademische Leistungen, Zufriedenheit der Eltern etc.) und die staatlichen nur 2. Schon der Vergleich des verstaatlichen Schulsystems mit der weitaus stärker marktwirtschaftlich orientierten Universitätslandschaft deutet die substanziellen Unterschiede an: Vielfalt der Angebote, variierende Preise, die Suche nach Angeboten durch die Nachfrage und die Werbung durch die Anbieter, Rankings und Qualitätsberichte, Wettbewerb gehören dazu.

Offenkundig gilt auch für die Bildung: Private Initiative schlägt staatliche Bürokratie! Die private Nachfrage ist der stärkste Qualitätstreiber. Und nichtzentrale Ordnungen benötigen kein zentralisiertes System. Die Vorteile der privaten Alternative liegen auf der Hand: Wachstum statt Investitionsruine, automatische Orientierung an den Bedürfnissen der Bildungskonsumenten und des gesellschaftlichen Bedarfs, damit: Bildung und Pädagogik nach Maß, ferner eine angemessene Bezahlung, mehr Effizienz (die öffentlichen Bildungsausgaben betragen in Deutschland 120 Mrd. Euro), erhebliche Investitionsanreize statt einer politisierten Debatte um eine Erhöhung der Bildungsausgaben.

Freiheit macht einmal mehr den Unterschied aus und die damit verbundenen Anreize zu kooperieren, im Wettbewerb zu stehen, Innovationen zu ermöglichen. Schüler sind derzeit keine Kunden, Eltern sind derzeit keine Kunden. Was nichts kostet, ist nichts wert. Folglich fehlen die entscheidenden Feedbackschleifen. Bildung durch andere besteht wesentlich darin, Feedback zu geben.

 

Transformation

Da wir nicht auf der grünen Wiese eine neue Bildungswelt konstruieren können, sondern pfadabhängig das Bestehende verändern müssen, stellt sich die Frage nach Transformationsansätzen. An dieser Stelle sind nur ein paar skizzenhafte Gedanken möglich.

  1. Wettbewerb ist entscheidend, um selbsttragende Entwicklungen in Gang zu setzen. Der Wettbewerb findet zwischen den Schulen und um die besten Lehrer und ihre bessere Ausbildung statt. Eltern müssen zunächst frei auch zwischen staatlichen Schulen wählen dürfen. Die schlechten scheiden aus, sie werden geschlossen. Das schließt Verbeamtung aus und macht es erforderlich, der privaten Nachfrage Raum zu geben. In den USA gibt es Charter-Schools (Vertragsschulen), die von Regulierungen ausgenommen sind. Zudem müssen alle Formen von (Schul-)Bildung erlaubt werden, auch Heimunterricht (Home-Schooling). Letztlich ist das beste Mittel für mehr Wettbewerb, die staatlichen Schranken, sei es gesetzlicher oder politischer Natur, darunter Vorschriften, Standards und Subventionen sowie staatliche Akkreditierungen, zu schleifen. Es gilt: Vorfahrt für die Bildungskonsumenten!
  2. Privatschulen dürfen keinen Nachteil gegenüber Staatsschulen haben. Gutscheine sind keine optimale Lösung, aber ein erster Schritt zum Aufbrechen der Staatsschulenstruktur, dadurch dass nicht mehr Institutionen, sondern Personen subventioniert werden.

Schulgutscheine sind insofern nachteilig als sie eine Subvention darstellen, die wiederum die private Initiative beschränkt; das gilt selbst, wenn die Gutscheine für Privat- und Staatsschulen gleichermaßen gelten würden. Wer zahlt schafft an! D. h. der Einfluss des Staates würde sich regulierend auswirken und das Entdeckungsverfahren hemmen. Allerdings dürften derzeit die Kosten für die vorhandenen Angebote von Schulbildung den finanziellen Spielraum vieler Familien überschreiten, selbst bei Steuersenkungen. Ähnlich kritisch fällt der Blick auf Standards aus, die – zentral gesetzt – die Vielfalt und den Wettbewerb um die besten Lehrmethoden und Lerninhalte bremst. (Mikro)Kredite für Schulen haben demgegenüber zwei Vorteile, sie wären neutral und ließen sich philanthropisch unterstützen. Schulbildung darf hingegen keinesfalls von einer individuellen Kreditaufnahme abhängig sein.

  1. Der Eigenfinanzierung der Kindergärten, Schulen und Hochschulen kommt eine herausragende Bedeutung zu, denn damit geht Verantwortung und der Anreiz einher, besser zu werden und das Schlechterwerden zu fürchten.

Das Ergebnis wird allerdings nicht Bildung als reines Geschäft sein. Vielmehr werden absehbar unterschiedliche Ansätze neben einander bestehen. Das bringt die bisher nur rudimentär ausgeprägte Idee Humboldts von Nationalanstalten in Spiel. Es handelt sich dabei um freiwillige Zusammenschlüsse, die die Aufgabe der Bildung übernehmen, ggf. als Stiftungen, die auch konkurrieren und spezifische Standards für ihren Geltungsbereich ausbilden.

  1. Staatsschulen sollten perspektivisch in private Einrichtungen überführt werden. Bildung und das Beherrschen von Kulturtechniken besitzen zwar Teilaspekte eines öffentlichen Gutes. Die Bereitstellung durch den Staat ist aber wiederum ein öffentliches Gut mit den damit verbundenen massiven Defiziten. Es ist nicht erkennbar, warum Konventionen (und auch eine gemeinsame Sprache als das verbindende Element einer Nation), die so unerlässlich wie das Recht sind, das im übrigen von ihnen getragen wird und aus ihnen hervorgehen sollte, nicht durch private Institutionen erbracht werden können. Das bedeutet, dass ohne Verzug jedwede Form der Bildung zugelassen werden sollte, auch Heimunterricht. Immerhin waren Ausnahmepersönlichkeiten Goethe, Charlie Chaplin, Agatha Christie, Mozart und viele andere nie auf einer Schule.
  2. Unterrichtspflicht wäre für eine Übergangsphase angesichts der bestehenden Anreize des Wohlfahrtsstaates absehbar sinnvoll. Sie sollte allerdings regelmäßig auf ihre Notwendigkeit hin überprüft werden. Immerhin erfolgte die flächendeckende Alphabetisierung in den USA vor der Einführung der Schulpflicht. In Großbritannien und den USA waren Schulen überall verfügbar bevor Schule öffentlich, kostenlos, verpflichtend angeboten wurde. Die Aussicht auf ein höheres Einkommen durch bessere Bildung ist ein starker Anreiz, der bei Herstellung des Rechnungszusammenhangs deutlich wird (das gilt für alle Aus- und Fort, Hochschulen und letztlich auch für weiterführende Schulbildung). Zu bedenken gilt es indes, dass die Schulbildung heute weitaus differenzierter ist als die des 19. Jahrhunderts.
  3. Der Zugang zu weiterführenden Bildungsinstitutionen wie einer Hochschule sollte von Eingangsprüfungen abhängig sein. Ein herkömmliches Abitur und die Durchschnittsnote sagen beispielsweise wenig darüber aus, ob die Abiturientin eine gute Ärztin wird. Eine Ausdifferenzierung und Anpassung des Notensystems ist überfällig und sollte nicht zuletzt fachspezifisch angepasst werden.
  4. Private Einrichtungen, Kindergärten, Schulen, Hochschulen, werden ein stärkeres Elternengagement erfordern. Das liegt an der absehbaren Vielfalt und der gestärkten Rolle von Schülern und Eltern bei der Auswahl und Bewertung von Bildungseinrichtungen und Lernprozessen. Das ist anstrengend und stärkt zugleich die Bürgergesellschaft.

Immerhin stehen Hochschulen bereits im Wettbewerb einerseits um die besten Wissenschaftler, weltweit, sowohl mit staatlichen als auch zunehmend mit privaten Alternativen. Andererseits konkurrieren Hochschulen um Studenten, zunehmend international und weltweit. Bei Internaten und internationalen Schulen zeichnet sich ein ähnlicher Trend zumindest in Nachbarstaaten ab.

Fazit und Perspektive

Michael Diekmann, Vorstand Allianz AG, und Dieter Zetsche, Vorstand Daimler AG, geben in einem Handelsblatt-Interview am 28.04.2015 dem Hochschulstandort Deutschland die Note 3 bzw. 2-3.[16] Die 2 von Zetsche ist eine perspektivische Einschätzung oder Erwartung: Der Trend gehe weg von privaten zu staatlichen Hochschulen. Ihre Kritik machen sie fest an hohen Abbrecherquoten, der Unübersichtlichkeit des Angebots, dem zu geringen Interesse an MINT-Fächern, zu wenigen ausländischen Studenten, ferner überfüllten Hörsälen, zu wenigen Professoren und unreifen Studenten. Ihre Kernaussage lässt sich in der Formel zusammenfassen: Unzureichende Investitionen bei nie dagewesenem Steueraufkommen. Die beiden Vorstände übergeben den Stab des Kuratoriumsvorsitzenden der European School of Management and Technology mit Sitz in Berlin.

Damit ist der Kern staatlicher – sprich bürokratischer – versus liberaler – sprich marktwirtschaftlicher Koordination von Ressourcen angesprochen. Freie Menschen werden sich die Institutionen und Produkte schaffen, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Der echte Bedarf spielt eine ausschlaggebende Rolle. In einem liberalen Bildungssystem würden weniger Geisteswissenschaftler hervorgebracht, die unter ihren Möglichkeiten arbeiten oder arbeitslos wären. Schule wäre realitätsnäher, praktischer, lebensintensiver und die Bildungsalternativen zur Schule reicher. Die Menschen könnten die ihnen innewohnenden Anlagen und Fähigkeiten so weit wie möglich entwickeln, nach ihren eigenen Maßstäben. Der Staat würde nicht mehr die Menschen bilden, sondern die Menschen den Staat.

Geld wird derzeit in Unmengen schlecht investiert in der Bildung. Der Return on investment ist nicht gut genug. Es geht aber nicht darum, ein Geschäft aus der Bildung zu machen, sondern eine Ordnung entstehen zu lassen, die insbesondere zwei Anreize setzt:

  1. die porportionierlichste Bildung der Kräfte eines jeden Einzelnen in den Mittelpunkt zu stellen
  2. Vielfalt und Entwicklung automatisch anstrebt, weil die Anreize stimmen.

Ludwig von Mises bemerkte: „… Bildung [kann] Schülern nicht mehr beibringen .. als das Wissen ihrer Lehrer. Bildung erzieht Schüler, Imitatoren und Routiniers, keine Bahnbrecher neuer Ideen und kreative Genies. Die Schulen sind keine Kinderstuben des Fortschritts und der Verbesserung, sondern Konservatorien der Tradition und unveränderlicher Denkweisen. Das Zeichen des kreativen Geistes ist, dass er einen Teil dessen, was er gelernt hat, ablehnt oder wenigstens etwas Neues hinzufügt.[17]

Damit ist die Herausforderung auch über 50 Jahre später noch benannt. Es ist bei allen unbestrittenen Fortschritten bezeichnend, dass ein Bauer aus dem 17. Jahrhundert heute nicht mehr auf einen Bauernhof arbeiten könnte und auch ein Fabrikarbeiter aus dem 19. Jahrhundert heute nicht mehr in einer Fabrik arbeiten könnte. Ein Lehrer und ein Professor aus dem 17. Jahrhundert würden sich zwar über eine Weiße Tafel wundern, aber ihren Unterricht in gewohnter Manier fortsetzen und kaum jemand würde sich wundern. Vielleicht sagt dieses Bild mehr aus als viele Worte.

Schließen möchte ich dennoch mit Worten, und zwar einigen von André Stern. Im Interview mit Andreas Jürgens von den Sons of Libertas bemerkte er abschließend: „Kinder sind weder Gefäße zum Füllen noch sind sie Flammen zum entzünden; Kinder sind ein brennendes Feuer und unsere Baustelle ist es dieses Feuer nicht zu löschen.[18]

[1] Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, Reclam Ausgabe Stuttgart 1991, 22.

[2] Siehe http://www.aktionsrat-bildung.de/fileadmin/Dokumente/Gutachten_2015_Internet.pdf

[3] Vgl. Auch nachfolgend statt anderer seiner Publikationen ….

[4] Gerald Hüther: Begeisterung ist Doping für Geist und Hirn

Neue Erkenntnisse der Hirnforschung – Wie Eltern lernen können, sich selbst und ihre Kinder zu begeistern, veröffentlicht auf seiner Homepage: http://www.gerald-huether.de/populaer/veroeffentlichungen-von-gerald-huether/texte/begeisterung-gerald-huether/

[5] Elizabeth Green, Autorin des Buches „Building a Better Teacher: How Teaching Works (and How to Teach it to Anyone), New York 2014.

[6] Das Beispiel stammt aus dem Gespräch mit Russ Roberts am 15. September 2014: http://www.econtalk.org/archives/2014/09/elizabeth_green.html

[7] Ebenda

[8] James Tooley: The Beautiful Tree. A personal jurney into how the world’s poorest people are educating themselves, Cato Institute, Washington 2009.

[9] Ebenda, 24

[10] Marcus Theurer: Ab ins Internat!, in: FAZ vom 29.04.2015.

[11] Vgl. Peter Boettke: What does the Price System Communicate?, in: Coordinationproblem am 14.09.2009 (http://austrianeconomists.typepad.com/weblog/2009/09/what-does-the-price-system-communicate.html )

[12] Vgl. nachfolgend Charles L. Glenn: Contrasting Models of State and School: A Comparative Historical Study of Parental Coice and State Control, London 2011.

[13] Siehe dazu auch Jane S. Shaw: Education – A Bad Public Good?, in: The Independent Review 15 (2010), 241-256.

[14] Vgl. Gordon Tullock: Public Decisions as Public Goods, in: Journal of Political Economy 79 (1971), 913-18 und Richard L. Stroup: Free Riders and Collective Action Revisited, in: The Independent Review 4 (2000), 485-500.

[15] Vgl. Andrew J. Coulson: Markets vs. Monopolies in Education: A Global Review of the Evidence, Cato Analysis No. 620, Washington 2008, hier 8f.

[16] Man braucht einen langen Atem, in: Handelsblatt Nr. 81 vom 28.04.2015, 10.

[17] Ludwig von Mises: Theorie und Geschichte. Eine Interpretation wirtschaftlicher Entwicklung, deutsche Übersetzung München 2014, 269.

[18] Das Video der Sons of Libertas ist abrufbar unter: http://sonsoflibertas.com/sons-of-libertas-andre-stern-ich-war-nie-in-der-schule/