Apriorismus und Falsifikationismus. Mises und Popper über die Erforschbarkeit von Handlungen und sozialen Phänomenen

von Francesco Di Iorio

aus dem Englischen von Maximilian Tarrach (Download hier: 160106_MT_Popper-vs.-Mises)

Originalveröffentlichung des italienischen Textes: Nuova Civiltà delle Macchine, n. 4, 2008

 

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung 3

1. Zwei unterschiedliche Begründungen des methodologischen Individualismus 4

2. Die Praxeologie und die Erklärung des Handelns aus der empirischen Natur 6

3. Die experimentelle Methode und das Problem der Wahrheit der empirischen Gesetze im Popperschen System 8

4. Mises’ und Poppers Übereinstimmung bei der Unsicherheit der Wissenschaft 11

5. Mises’ Kritik an Popper 13

6. Mises’ Missverständnis von Poppers Abgrenzungskriterium und dessen Begriff der empirischen Tatsachen 15

7. Warum Popper das Problem der Komplexität nicht unterschätzte 18

8. Allgemeinwissen und die experimentelle Methode 21

9. Die Deutung der Geschichte 23

10. Abschließende Bemerkungen zu der empirischen Kontrollierbarkeit von
allgemeinen Theorien in den Sozialwissenschaften 26

Literaturverzeichnis 29

„Viele heutige Austrians sind dazu verdammt, Popper als einen fanatischen Empiriker anzusehen (…). Aber in Wahrheit wies Popper der Philosophie den Weg in eine sehr misesianische Richtung. Er bestand nicht nur darauf, dass empirische Fakten keine Theorien beweisen können, sondern er widerlegte auch die weit verbreitete „Legende von Bacon“ nach der eine Theorie nur ein induktiv erhobener Auszug der Erfahrung sei, und stimmte der Aussage zu, dass Theorien logischerweise eine Ebene über der Erfahrung stehen.“

Richard N. Langlois

Einleitung

Mises und Poppers Ideen zu epistemologischen Fragen der Sozialwissenschaften genau zu vergleichen, ist nicht einfach. Schuld ist zum Teil die Semantik: Diese zwei Autoren verwendeten oft ein völlig unterschiedliches Vokabular. Dazu kommt, dass einige Schlüsselwörter oder Konzepte, besonders das Wort „a priori“ aus Mises’ Werk, keine einheitlichen Bedeutungen genießen. Diese Tatsache macht einen Vergleich natürlich um so schwerer.

Viele Gelehrte unterstellen eine mehr oder weniger starke Inkompatibilität zwischen dem Apriorismus und dem Falsifikationismus.1Dieser Standpunkt wird von dem Umstand genährt, dass, wie wir noch sehen werden, Mises und Popper sich gegenseitig kritisierten. Trotzdem werde ich in diesem Artikel eine radikale Unvereinbarkeit ihrer beiden Ansätze ausschließen und mich für eine falsifikationistische Interpretation von Mises’ Werk aussprechen.

Es ist recht einfach zu zeigen, dass sich Mises und Popper in vielen Punkt sehr einig waren: Das Primat der Theorie über der Empirie; die Erkenntnis, dass jede empirische Theorie auf nicht empirischen Annahmen beruht; die Idee, dass sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Sozialwissenschaften Beschreibungen der Wirklichkeit auf Kausalitäten zurückgeführt werden, die auf allgemeinen Gesetzmäßigkeiten beruhen; das Bewusstsein von der Fehlbarkeit der Wissenschaft; der methodologische Individualismus und die Kritik an der Anwendung von Szientismus, Induktionismus und Holismus in den Sozialwissenschaften (siehe Antiseri, 2006, Champion 2002, Di Nuoscio 2006 and Smith, 1996, 1998).

In zwei Punkten scheinen sie sich jedoch zu widersprechen, die miteinander in Zusammenhang stehen: 1) Die Fundierung des methodologischen Individualismus und 2) die Beziehung zwischen Theorie und Erfahrung (siehe Mises, 2002, S. 70, 71 und 120; und siehe Popper, 1992b, S. 10; 1994, S. 172).

In diesem Papier werde ich hauptsächlich auf diese zwei Punkte eingehen. Meiner Meinung nach haben sich Mises und Popper gegenseitig missverstanden. Obwohl es natürlich unmöglich ist, zu behaupten, dass eine völlige Übereinstimmung ihrer Sichtweisen vorliege, so ist es doch von Bedeutung, meine ich, zu erkennen, dass ihre Differenzen „vergleichsweise klein“ (Hayek, 1992, S.148) sind. Bedenkt man den ersten Punkt der Meinungsverschiedenheiten, werde ich zeigen, dass obwohl hier ein unbestreitbarer Unterschied in der Methodik besteht, die Praxeologie nicht mit der Idee unvereinbar ist, welche von Popper stark vertreten wurde, dass die Erforschung von Handlungen eine empirische Note hat. Schaut man sich den zweiten Punkt an, so werde ich zu dem Schluss kommen, dass unter Berücksichtigung von ein paar kleinen und feinen Unterschieden, der Gegensatz zwischen beiden nur scheinbar und nicht wirklich besteht.

Darüber hinaus werde ich argumentieren, dass Mises’ und Poppers Ansätze sich gegenseitig befruchten können. Folglich werde ich eine Sichtweise verteidigen, die in gewisser Hinsicht der von Barry Smith gleicht, der einen falsifikationistischen Apriorismus vertritt (siehe Smith, 1996, 1998).

Ich möchte an dieser Stelle meinen Dank aussprechen an Dario Antiseri, William N. Butos, Rafe Champion, Jörg Guido Hülsmann, Mario J. Rizzo und Barry Smith, die mit mir das Thema des Artikels diskutierten und mir hilfreiche Ratschläge gaben. Auch vielen Dank an Gregory Campeau, Sebastian Grevsmühl, Hélène Stora und Claudine Vergnes-Stora dafür, dass sie mein Englisch verständlicher gemacht haben.

1. Zwei unterschiedliche Begründungen des methodologischen Individualismus

Wenn man Popper Glauben schenkt, ist Mises aprioristische Theorie des Handelns nutzlos und wissenschaftlich nicht akzeptabel (Popper, 1994, S.172). Poppers Kritik an Mises ist allerdings recht schwach und scheint auf einem Missverständnis zu beruhen (siehe auch Di Nuiscio 2004, 2006 und Nadeau 1993).

Popper geht davon aus, dass man, um eine empirische Untersuchung über die Gründe des Handelns zu machen, nicht falsifizierbares Wissen voraussetzen muss: Dieses unwiderlegbare Wissen müsse die unerlässliche rationale Struktur des Handelns beinhalten (Popper, 1994, S.169). Die Art und Weise, in der Popper sein epistemologisches Postulat der Rationalität aufstellt, ist allerdings uneindeutig und in sich widersprüchlich. Denn Popper tut dies, indem er auf der einen Seite die Rationalität als ein epistemologisches Postulat setzt (Popper, 1994, S.169), aber auf der anderen Seite feststellt, dass das Rationalitätskonzept falsch sei, da der Mensch in manchen Situationen auch irrational handeln könne, und zwar in der Weise, dass er nicht in Übereinstimmung mit den vollständigen Informationen über die Situation handelt (Popper, 1994 S.182; 1961, S.140). Da Popper hier ein objektives Rationalitätsverständnis zugrundelegt, bestreitet Popper die Gültigkeit von Mises’ Ansatz, der die Rationalität als eine aprioristische Eigenschaft des Handelns setzt: „Ein Prinzip, das nicht universell richtig ist, ist falsch. Somit ist das Rationalitätsprinzip falsch. Ich denke, es gibt hier keine andere Schlussfolgerung. Infolgedessen müssen wir verneinen, dass es a priori wahr ist“ (Popper, 1994, S.172).

Abgesehen davon, dass es Mises Ansatz vermeidet, ein objektives Rationalitätsverständnis zu verwenden, besteht hier ein Widerspruch: Wenn eine Aussage falsifiziert ist, dann ist sie empirisch. Das Problem dabei besteht darin, dass, in Poppers eigenen Worten, methodologische Postulate „nicht die Rolle von empirisch untersuchbaren Theorien, von zu testenden Hypothesen“ einnehmen (Popper, 1994, S.169). Sie sind nicht-falsifizierbare methodische Regeln, die sich aus einem epistemologischen Standpunkt heraus rechtfertigen lassen, da sie „nützlich“ (Popper, 1959, S.55) sind, um empirisches Wissen zu fördern. Paradoxerweise empfiehlt Popper anderen Gelehrten empirische Sozialtheorien zu erarbeiten, die auf dem Rationalitätsprinzip aufbauen, obwohl es sich dabei um ein falsifiziertes Prinzip handelt.

Poppers Position ist in sich widersprüchlich, wenn er in seiner eigenen Epistemologie empfiehlt, dass falsifizierte Theorien aussortiert werden sollen, und sie nicht instrumentalistisch argumentieren will. Im Namen des Realismus hatte Popper sich nachdrücklich gegen die Idee ausgesprochen, dass „wissenschaftliche Theorien nicht mehr als bloße Werkzeuge sind […], die der Vorhersage oder der praktischen Anwendung dienen“ (Popper, 1994, S. 173): „Ich […] bin ein Anti-Instrumentalist (oder, besser gesagt, ein Realist). […] Was behaupten wir Anti-Instrumentalisten? […] Wir behaupten, dass [wissenschaftliche Theorien] mehr sind, als bloße Werkzeuge. Denn wir behaupten, dass wir von der Wissenschaft etwas über die Struktur unserer Welt lernen können. […] Und wir behaupten – und das ist der bei weitem wichtigste Punkt – dass die Wissenschaft der Weg ist, zur Wahrheit zu gelangen, oder zumindest der Wahrheit näher zu kommen.“ (Popper, 1994, S. 174; siehe auch Popper 1969 S. 71ff).

Mises’ Ideen können alle Widersprüchlichkeiten und Schwächen des Popperschen Ansatzes auflösen. Er arbeitete eine Reihe von logisch notwendigen Eigenschaften des Handelns heraus – welche das Handeln von bloßen Reflexen klar unterschieden. Mises bekräftigt die Existenz von apriorischen Kategorien des Handelns – namentlich der Intentionalität, Rationalität, der ökonomischen Bewertung und der Kausalität – welche rein tautologisch oder analytisch sind (Mises, 2002, S. 12). Diese Kategorien, welche durch etwas untersucht werden, das er „Praxeologie“ nannte (Mises, 2004, S. 1), sind bereits im Begriff des Handelns enthalten: „Daher gibt es kein Handeln, in dem die praxeologischen Kategorien nicht voll und rein zum Ausdruck kommen würden.“ (Mises, 2004, S. 39f.). Sie behalten sogar ihren Wahrheitsgehalt, obwohl sie „nicht dem Beweis oder der Widerlegung unterworfen [sind].“ (Mises, 2004, S. 34). Mit anderen Worten, die Aussagen und Sätze der Praxeologie „sind nicht aus der Erfahrung gezogen. Sie sind, wie die der Logik und Mathematik, a priori“ (Mises, 2004, S. 32). Die praxeologischen Kategorien sind fundamentale Voraussetzungen jedes gesunden Menschenverstands als auch jeder Wissenschaft: „Ohne sie wären wir nicht in der Lage, im Lauf der Ereignisse etwas anderes als ein kaleidoskopisches Spiel und chaotisches Durcheinander zu sehen.“ (ibid.).

Folglich begreift Mises, im Gegensatz zu Popper, die Rationalität als eine tautologische Eigenschaft des Handelns. Sein Ansatz ist mit einem objektiven Rationalitätskriterium unvereinbar. Somit ist für ihn die Rationalität deshalb eine Tautologie, da es logisch unmöglich ist, sich eine Handlung eines Menschen zu denken, welche, vom Standpunkt des Handelnden aus gesehen, irrational ist. Nur wenn man die Tatsache beachtet, dass Mises kein objektives Rationalitätskriterium verteidigt, wird es möglich, seine Position in einer angemessenen und wahrheitsgemäßen Weise zu verstehen: Diese besagt, dass es Unsinn ist, eine Unterscheidung zwischen rationalen und irrationalen Handlungen vorzunehmen; oder, anders gewendet bei Mises: „Der Ausdruck „rationales Handeln“ ist daher pleonastisch und muss als solcher zurückgewiesen werden. (Mises, 2004, S. 18).

Mises schreibt, dass es zwei Möglichkeiten gibt, eine Handlung objektiv (und fälschlicherweise) als irrational zu betrachten. Die erste besteht darin, die Natur der letzten Ziele des Handelns zu ergründen. In Opposition zu diesem Standpunkt stellt Mises fest: „Das Endziel des Handelns ist immer die Befriedigung einiger Wünsche des handelnden Menschen. Da niemand in der Lage ist, die Werturteile des handelnden Menschen durch seine eigenen Werturteile zu ersetzen, ist es fruchtlos, über die Ziele und das Wollen anderer Menschen Urteile zu fällen. Kein Mensch ist dazu befähigt zu erklären, was einen anderen Menschen glücklicher oder weniger unzufrieden machen könnte“ (Mises, 2004, S. 18f). Laut Mises ist es willkürlich, wenn man manche Werte oder Bedürfnisse als rational, andere als irrational kennzeichnet.

Die zweite Argumentationslinie eine Handlung als objektiv rational zu beurteilen, besteht darin, sich die gewählten Mittel für die zu erreichenden Ziele anzusehen. In diesem Falle beinhalten „[…] die Begriffe rational und irrational […], wenn sie auf die zur Erreichung von Zielen gewählten Mittel angewendet werden, ein Werturteil über die Zweckmäßigkeit und Angemessenheit des verwendeten Verfahrens.“ (Mises, 2004, S. 20). Als Argument gegen diese zweite Art eine objektive Rationalität zu rechtfertigen, unterstreicht Mises die Tatsache, dass der Mensch immer nur auf Basis begrenzten und fehlbaren Wissens handeln kann: „Eine Handlung, die ungeeignet ist, das erwünschte Ziel zu treffen, erfüllt die Erwartung nicht. Sie ist konträr zur Absicht, aber sie ist rational, d.i. die Folge einer vernünftigen – wenn auch falschen – Überlegung und Bemühung – gleichwohl einer unwirksamen Bemühung – ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Ärzte, die vor hundert Jahren gewisse Methoden für die Behandlung von Krebs anwandten, die unsere heutigen Ärzte ablehnen, waren – vom Standpunkt der gegenwärtigen Pathologie – schlecht beraten und daher unwirksam. Aber sie handelten nicht irrational; sie taten ihr Bestes. Es ist wahrscheinlich, dass in hundert weiteren Jahren mehr Ärzte wirksamere Methoden zur Behandlung dieser Krankheit zur Hand haben. Sei werden wirksamer sein, aber nicht rationaler als unsere heutigen Ärzte.“ (Mises, 2004, S. 20)

Im Gegensatz zu Poppers Rationalitätsprinzip kann Mises’ Apriorismus dem methodologischen Individualismus eine solide Basis bieten. Wenn jemand die Rationalität verneint, ebnet er den Weg für nicht-individualistische Erklärungen des Handelns, welche das Handeln nicht als das Ergebnis einer rationalen Abwägung erkennen, sondern als die determinierte Folge von Faktoren, die außerhalb des Wirkungsbereichs des Individuums liegen (wie Kultur, soziale Schicht oder Klasse). Mises’ Apriorismus verwandelt die Rationalität in ein unangreifbares Prinzip, welches analytisch-deduktiv abgeleitet werden kann. Somit bietet es die beste Fundierung der Erforschung sozialer Phänomene und ein eindringliches anti-holistisches Gegenmittel. (siehe Di Nuoscio, 2004, 2006)

2. Die Praxeologie und die Erklärung des Handelns aus der empirischen Natur

Ungeachtet der Gegensätzlichkeiten zwischen Mises und Popper bei der Ausarbeitung der Eigenschaften des menschlichen Handelns ist die Praxeologie nicht inkompatibel mit den allgemeinen Prinzipien von Poppers methodologischem Falsifikationismus. Mises apriorische Kategorien sind nicht-empirische Voraussetzungen, um empirische Theorien über die ungewissen Ursachen bestimmter historischer Handlungen zu bilden. Mises dachte, dass sie, obwohl a priori, „beim Bestreben, ein aposterioristisches Erkenntnissystem zu konstruieren, behilflich sind.“ (Mises, 2002, S. 9; 1981b, p. 49. Siehe auch Kirzner 1976, pp. 177–181)

Untersuchen wir nun im Einzelnen, warum die Verwendung dieser unfalsifizierbaren Kategorien an sich nicht mit Poppers Epistemologie in Widerspruch steht. Zuallererst muss festgestellt werden, dass Popper mit Vehemenz die Idee verteidigt hat, und das gegen den Empirismus, dass alle wissenschaftliche Erkenntnis auf nicht-empirischen Theorien beruht, die apriorisch vor der Erfahrung stehen. Nehmen wir beispielsweise das Prinzip der Regelmäßigkeit: „Die Erwartung, Regelmäßigkeiten zu entdecken, ist nicht nur psychologisch a priori, sie ist auch logisch a priori: Es steht logischerweise über jeder erkennbaren Erfahrung.“ (Popper, 1969, S. 48). Bei der Kritik Humes schreibt Popper: „Anstatt unsere Neigung ständig und in allen Ereignissen nach Regelmäßigkeiten zu suchen, als ein Ergebnis häufig erfahrener Wiederholungen zu erklären, schlage ich vor, dass die erfahrenen Wiederholungen für uns Menschen als das Ergebnis dessen verstanden wird, dass wir immer und überall Regelmäßigkeiten erwarten und nach ihnen suchen.“ (Popper, 1969, S. 46). Popper sieht somit das Kausalitätsprinzip als eine angeborene oder genetische Prädisposition an. (Popper, 1969, S.47) Ohne Prinzipien wie das der Regelmäßigkeit, der Kausalität oder des Realismus, welche tief in unserem gesunden Menschenverstand eingebrannt und nicht überprüfbar, sondern mehr „metaphysisch“ (Popper 1959, S. 248) sind, ist das Betreiben von Wissenschaft seinem Verständnis nach nicht möglich: Sie sind selbst Voraussetzungen für die Wissenschaft. (siehe auch Mises 1957, S. 9; 2002, S. 1ff; Antiseri, 2003, Champion 2002)

Ferner ist dies nicht das einzige nicht-empirische Wissen, welches für Popper in den empirischen Theorien immer stillschweigend mitgedacht werden muss: Für ihn ist die Logik ebenso eine Grundlage jeder empirischen Erkenntnis. (siehe Popper, 1973, S. 449ff) Desweiteren vertritt Popper, ebenso wie Mises, eine Position, welche „die Logik zu einer realistischen Angelegenheit macht“ (Popper, 1973, S.308; siehe auch Mises, 2002, S. 121). Er sagt, dass die realistische Konzeption der Logik, die er vertritt, auf der Idee basiert, „dass logische Folgerung Wahrheitsübermittlung ist“ (Popper, 1973, S.308). Folgerichtig leugnete Popper den Erkenntniswert von Tautologien nicht. Er unterschied die „beschreibenden Wissenschaften“ (Popper, 1973, S.305) von den „empirischen Wissenschaften“ (ibid.). Für ihn wird in den beschreibenden Wissenschaften „Logik hauptsächlich für die Beweise verwendet – also für die Übermittlung der Wahrheit“ (ibid.). In anderen Worten, Popper sah, dass einem kleinen Teil der objektiven Erkenntnis „so etwas wie ausreichende Begründung für ihre Wahrheit innewohnt: Es ist dieser kleine Teil, […] den man beweisbare Erkenntnis nennen könnte und welcher […] die Sätze der formalen Logik und der (endlichen) Arithmetik beinhaltet“ (Popper, 1973, S. 139)2.

Die Kompatibilität zwischen Mises’ Praxeologie und den allgemeinen Prinzipien der Popperschen Epistemologie erscheint uns nun als unproblematisch (siehe ebenso Di Nuoscio, 2006, S. 129ff). Aber im weiteren Verlauf versucht Popper den methodologischen Individualismus, wie Mises, auf einer nicht-falsifizierbaren Theorie der Rationalität aufzubauen. Dieser Versuch ist, wie wir gesehen haben, weder befriedigend noch konsistent. Auch von einem strikt Popperschen Standpunkt aus gesehen, scheint die Praxeologie dafür der bessere Ansatz zu sein. Popper missverstand die Natur der Praxeologie, weil er nicht sah, dass Mises eine anti-objektivistische Theorie der Rationalität verwendete und diese in eine analytische Eigenschaft des Handelns umformte.

Bei der Behandlung des Phänomens und Studiums des menschlichen Handelns trifft Mises eine Unterscheidung zwischen zwei Forschungsfeldern: Der Praxeologie, welche sich mit den notwendigen und unwandelbaren Eigenschaften des menschlichen Handelns beschäftigt, und der Thymologie, einem Feld, welches auf der Praxeologie aufbaut und welches sich „mit dem Inhalt menschlichen Denkens, Urteilens, Wünschens und Handelns befasst.“ (Mises, 2003, S. 266) Mit anderen Worten, die Thymologie beschäftigt sich mit dem Verstehen: der Analyse ex post oder, wie Popper es nannte, mit der „Situationslogik des individuellen Verhaltens“ (Popper, 1961, S. 143ff), welche in der Rekonstruktion der Gründe besteht, warum ein Mensch in einer gewissen Weise zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt gehandelt hat. (siehe Mises, 2002, S. 46−52) Diese Gründe sind die „letzten Gegebenheiten der Geschichte.“ (Mises, 2003, S. 160) Sowohl nach Mises als auch nach Popper sind die ex-post Untersuchungen der Motivationen eines Handelnden ein empirisches Problem und zwar in der Weise, dass obwohl diese Wissenschaft auf nicht-falsifizierbaren Erkenntnissen beruht, es der Überprüfung der historischen Quellen bedarf. Anders, Mises bestritt nicht, dass Theorien, die von der Thymologie aufgestellt werden, sowohl aus apriorischem als auch empirischem Wissen besteht, welches nicht aus reinem Denken gewonnen werden kann. Dieses empirische Wissen ist unabdingbar, um die objektive Richtigkeit der Hypothesen über die Intentionen des Handelnden aufzuzeigen. (siehe besonders Popper 1961, S. 138) Dies wiederum kann auf verschiedenen Wegen erfolgen: Beispielsweise können historische Dokumente wie Briefe oder Verträge herangezogen werden oder es können Interviews gemacht und Zeugenberichte verwendet werden. Aus Mises’ Sicht ist die Arbeit der Historiker ein Beispiel der Anwendung dieser Art von empirischer Untersuchung: „Was ein Historiker behauptet, ist entweder korrekt oder den Tatsachen widersprechend, ist entweder durch die vorhandenen Dokumente bewiesen oder unbewiesen oder unklar, weil die vorhandenen Dokumente uns nicht genügend Informationen liefern.“ (Mises, 2004, S. 52)

Sowohl für Mises als auch für Popper sind die Theorien der Historiker, die sie über die Intentionen der Akteure aufstellen, nicht tautologisch. Somit stimmten beide Gelehrten darin überein, dass absolute Gewissheit und Unfehlbarkeit keine konstituierenden Eigenschaften des thymologischen Betätigungsfeldes darstellen. Niemand könnte die Möglichkeit ausräumen, dass neue empirische Fakten unsere Hypothesen über die Handlungsmotive anderer Menschen falsifizieren. Dies ist einer der Gründe, warum, wie Mises feststellt, „das Verständnis der Vergangenheit in einem fortwährenden Fluss [ist].“ (Mises, 2003, S. 290; siehe ebenso Di Nuoscio 2006, S. 129ff)

3. Die experimentelle Methode und das Problem der Wahrheit der empirischen Gesetze im Popperschen System

Das zweite Uneinigkeit zwischen Mises und Popper dreht sich um die Beziehung von Theorie und Erfahrung. Bevor wir diesen Punkt im Detail analysieren, ist es notwendig, klar herauszuarbeiten, was Poppers Verständnis einer experimentellen oder szientistischen Methode ist3.

Wie Mises ist Popper ein Anti-Induktionist und stellt heraus, dass Theorien der Erfahrung immer übergeordnet sind. Für ihn ist unser Geist das biologische und kulturelle Erbe der Geschichte, voll von angeborenen oder erlernten Theorien und Erwartungen. Darum war er auch der Meinung, dass die Wissenschaft nicht mit naiven Beobachtungen beginnt: „Wissenschaft beginnt immer […] mit Problemen“ (Popper, 1994, S. 155), welche beispielsweise durch die Enttäuschung einer Erfahrung hervorgerufen werden. Probleme können aufgrund von Inkonsistenzen innerhalb einer Theorie, aufgrund des Zuwiderlaufens zweier Theorien oder aufgrund eines Widerspruchs aus einer Theorie und einem aus ihr abgeleiteten Tatbestand auftreten. Die Formulierung einer neuen Theorie ist somit niemals das Ergebnis von Beobachtungen, sondern „die Anstrengung, ein gewisses Problem zu lösen.“ (Popper, 1994, S. 157)

Popper hielt die Induktion für falsch und zwar nicht nur, weil er der Theorie einen übergeordneten Platz über der Empirie einräumte, sondern aufgrund logischer Erwägungen. Die Induktion ist aus logischen Gründen nicht möglich und zwar aufgrund des „Humeschen Problems„, wie er es nannte, welches bedeutet, dass es nicht zulässig ist, von einer Einzelaussage auf die Gesamtheit der Aussagen zu schließen und zwar unerheblich davon, wie viele Einzelaussagen man untersucht hat. Für „jeden Schluss, den wir auf diese Weise ziehen, gilt, dass er jederzeit widerlegt werden könnte: Denn egal wie viele weiße Schwäne wir auch gesehen haben mögen, es rechtfertigt nicht, zu behaupten, dass alle Schwäne weiß sind.“ (Popper, 1959, S. 27) Eine allgemeine Regel kann niemals induktiv verifiziert werden, weil die Lücke zwischen den beobachteten und den beobachtbaren Fällen immer unendlich groß ist.

Wie Popper hervorhebt, ist das „Humesche Problem“ auch noch mit einem anderen eng verknüpft: nämlich ein geeignetes „Abgrenzungskriterium“ aufzustellen, das eine Unterscheidung zwischen den empirischen Wissenschaften (den Wissenschaften, die auf faktischer Kontrollmöglichkeit basieren) und den nicht-empirischen (der Mathematik und Logik sowie den „metaphysischen“ Systemen) möglich macht. (Popper, 1959, S. 34)4 Wegen der Unmöglichkeit der Induktion kann die induktive Verifikation nicht als ein sinnvolles Kriterium verwendet werden, um die Sätze der empirischen Wissenschaften abzugrenzen. Popper schlug deshalb eine andere Lösung vor. Diese Lösung basierte auf der Idee, dass obwohl es unmöglich ist, eine Theorie zu beweisen oder zu verifizieren, es möglich ist, zu versuchen, eine Theorie zu widerlegen. Denn während Millionen von Bestätigungen einer Theorie diese nicht verifizieren können, ist nur eine einzig widersprüchliche Tatsache logisch notwendig, um die Theorie zu falsifizieren. Deswegen hielt Popper dafür, dass eine Theorie nicht dann empirisch ist, wenn sie verifizierbar, sondern wenn sie im Gegenteil falsifizierbar ist. Anders ausgedrückt, er betrachtete eine Theorie als szientistisch, wenn aus ihr beobachtbare Folgerungen hervorgehen, die diese widerlegen können. In diesem Falle ist es möglich ihre vorläufige Wahrheit festzustellen, solange es keine ihr widersprechenden Tatsachen gibt.

Somit attestiert Popper den empirischen Wissenschaften ein Wissen, welches durch die Erfahrung kontrolliert, aber niemals absolut bewiesen werden kann. Für ihn sind szientistische Theorien wahr, wenn sie falsifizierbar und nicht falsifiziert sind. Aber sie werden niemals so sicher sein, wie es Tautologien sind. Popper bestritt die Tatsache nicht, dass eine Theorie, die durch viele Beobachtungen bestätigt wurde, sehr wichtig ist: Es bedeutet nämlich, dass wir sie als stark bekräftigt und „sicher für alle praktischen Anwendungen“ annehmen können. (Popper, 1973, S. 78) Wie auch immer, er unterstrich, dass aus einem strikt logischen Blickwinkel heraus, wir uns über die Wahrheit der Theorie nicht sicher sein können: „Der Grad an Bestätigung einer Theorie zum Zeitpunkt t sagt nichts über die Zukunft aus.“ (Popper, 1973, S. 19). Sich an dem Humeschen Problem vorbeizuschleichen, ist unmöglich.

Der Wissenschaft entsprangen viele Theorien, die durch unzählige Beobachtungen bestätigt und trotzdem auf spektakuläre Weise falsifiziert wurden. Zum Beispiel die Folgenden: 1) Die Sonne geht immer innerhalb von 24 Stunden auf und wieder unter; 2) Jedes Geschöpf ist dazu bestimmt, zu verfallen und zu sterben; 3) Brot ernährt uns; 4) Alle Schwäne sind weiß.

Alle diese Theorien wurden falsifiziert. „Die erste wurde widerlegt – so berichtet Popper – als Pytheas von Massalia die ,gefrorenen Meere und die Mitternachtssonne entdeckte“ (Popper, 1973, S. 10); die zweite wurde widerlegt „durch die Entdeckung, dass Bakterien nicht dazu verdammt sind, zu sterben, da die Multiplikation durch Zellteilung nicht unter die Definition des Todes fällt“ (ibid.); die dritte „wurde zurückgewiesen, als Menschen beim täglichen Verzehr ihre Brotes an Ergotismus starben“ (Popper, 1973, S. 11); und die vierte als schwarze Schwäne auf Australien entdeckt wurden.

Gemäß Popper müssen alle Gelehrten jede Form des Dogmatismus überwinden, wenn sie das Wissen der empirischen Wissenschaften fördern wollen, da keine empirische Aussage je als absolut sicher gelten kann. Genauer gesagt tritt er dafür ein, dass „das wichtigste Charakteristikum der Wissenschaft das Fehler-Ausmerzen durch die Infragestellung ist.“ (Popper, 1994, S. 159) Das ist das Instrument des wissenschaftlichen Fortschritts. Ein Wissenschaftler hat nicht die Macht zu verifizieren, aber er hat die Möglichkeit, durch das Auffinden von logischen oder empirischen Widersprüchen Theorien zu widerlegen. Wenn er wissenschaftlichen Fortschritt will, muss er sich dieser Möglichkeit bedienen. Wenn keine Widersprüchlichkeiten gefunden wurden, gilt die Theorie als (vorläufig) bestätigt. Wenn aber Widersprüchlichkeiten gefunden werden, entsteht ein wissenschaftliches Problem und Gelehrte werden dazu veranlasst, neue Lösungen für das Problem in Form von Theorien zu entwickeln. Die Infragestellung erlaubt es den Wissenschaftlern, Fehler zu entdecken und zu versuchen, diese zu vermeiden.

Deshalb fasste Popper die wissenschaftliche Methode in diese drei Stufen zusammen: 1) Es gibt Probleme; 2) Vermutungen werden aufgestellt, um diese zu lösen; 3) kritische Überprüfung dieser Hypothesen. (Popper, 1969) Der experimentelle Ansatz basiert auf dem Lernprozess des Versuch-und-Irrtumsverfahrens und die Essenz wird aus nichts weniger als „einer Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile einer oder mehrerer Theorien (normalerweise mehr als zweien)“ gebildet. (Popper, 1994, S. 160) Sprich, die „Methode der Wissenschaft ist die Methode des kühnen Bildens von Vermutungen und dem raffinierten und strengen Versuch, diese zu widerlegen.“ (Popper, 1973, S. 81)

Ich muss noch eine letzte Anmerkung zu Poppers Theorie der wissenschaftlichen Methode machen: Es ist wichtig, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass er zwischen logischem und methodologischem Falsifikationismus unterscheidet. Das bedeutet, dass nach ihm eine Tatsache, die der Theorie widerspricht, uns nicht ermächtigt, die Theorie sofort zurückzuweisen. Vielmehr dachte Popper, dass wenn wir eine Theorie empirisch testen, indem wir nach einer ihr widersprechenden Beobachtung suchen, wir uns auf die Anerkennung einer „beträchtlichen Ansammlung allgemeinen Hintergrundwissens“ verlassen. (Popper, 1969, S. 238) In der Folge kann es vorkommen, dass eine Falsifikation nicht auf der Unwahrheit der Aussage, sondern vielmehr darauf beruht, dass ein Teil des Hintergrundwissens, welches wir nutzten, falsch ist (zum Beispiel bei der Falschheit eines Protokolls, d.h., einer Aussage, welche eine Beobachtung beschreibt). Alles das bedeutet, dass zwar eine Falsifikation aus einem logischen Blickwinkel betrachtet immer eindeutig, aber von einem methodologischen Standpunkt heraus alles andere als absolut sicher ist. (Popper, 1969, S. 238−240)

4. Mises’ und Poppers Übereinstimmung bei der Unsicherheit der Wissenschaft

Um die Meinungsverschiedenheit von Mises und Popper bei dem Problem der empirischen Überprüfung analysieren zu können, müssen wir zuerst klarstellen, dass für beide die Wissenschaft nie absolut sicher sein kann, sondern fehlbar ist. Mises verneinte nicht die substanzielle Richtigkeit dieses Ansatzes von Popper: „Alle Theorien sind Hypothesen; alle könnten sich überholen.“ (Popper, 1973, S. 29) Auch Mises sagte: „Der Mensch ist nicht unfehlbar. […] Er kann niemals absolut sicher sein, dass seine Untersuchungen nicht irregeleitet sind und dass das, was er als eine sichere Wahrheit ansieht, nicht ein Irrtum ist. Ein Mensch kann nicht mehr tun, als alle seine Theorien immer wieder der kritischsten Überprüfung zu unterziehen. […] Es kann nicht behauptet werden, dass dieses Verfahren eine Garantie gegen Irrtümer ist. Aber es ist zweifellos die wirksamste Methode, um Irrtümer zu vermeiden.“ (Mises, 2004, S. 68)

Daraus folgt eindeutig, dass auch die „ökonomische Theorie nicht vollkommen ist. Bei der menschlichen Erkenntnis gibt es so etwas wie Vollkommenheit nicht, auch nicht bei irgendeiner anderen menschlichen Leistung. Allwissenheit ist dem Menschen verwehrt. Die ausgearbeitetste Theorie, die vollkommen zu befriedigen scheint, kann eines Tages durch eine neue Theorie berichtigt oder verdrängt werden. Wissenschaft gibt uns keine absolute und letzte Gewissheit. Sie gibt uns innerhalb der Grenzen unserer geistigen Fähigkeiten und dem vorliegenden Stand des wissenschaftlichen Denkens Sicherheit. Ein wissenschaftliches System ist nur eine Station in einer endlos voranschreitenden Suche nach Erkenntnis. Es ist durch die jedem menschlichen Streben innewohnende Unzulänglichkeit notwendig beeinträchtigt.“ (Mises, 2004, S. 7) „Es bedeutet […], dass die Ökonomik eine lebendige Sache ist – und das Leben schließt Unvollkommenheit und Wandel in sich ein.“ (ibid.)

Bei der Kritik an der induktionistischen Methodik hebt Mises den Unterschied zwischen zwei Feldern der Sozialwissenschaften hervor: Auf der einen Seite gibt es ein Feld, das er „Theorie“ nennt, welches, wie er sagt, a priori, vor jeder Erfahrung ist. Auf der anderen Seite gibt es das andere Feld der „Geschichte„. Das letztere ist ein Feld, welches die apriorischen Theorien anwendet, um bestimmte historische Ereignisse zu erklären. Mises ist nicht immer ganz klar und eindeutig, wenn er über den Inhalt des Feldes spricht, welches er „Theorie“ nennt.5 Wie auch immer, man kann seine Gedanken dahingehend zusammenfassen, dass er diesem Feld attestierte, aus zwei verschiedenen Arten von apriorischen Aussagen zu bestehen. Bei der ersten Art von Aussagen handelt es sich um tautologisches Wissen über die Kategorien des menschlichen Handelns, welches die fundamentale Voraussetzung für das Studieren sozialer Phänomene ist: die „unbestreitbare und sichere letzte Grundlage“ (Mises, 2004, S. 66) der Ökonomik und der Sozialwissenschaften. Wie wir schon feststellten, handelt es sich bei diesem Wissen um ein analytisch apriorisches. Die zweite Art von apriorischen Aussagen berührt alle ökonomischen Theorien (Kapitaltheorie, Zinstheorie, Monopoltheorie etc.), welche deduktiv aus diesem analytischen und absolut sicheren Wissen abgeleitet werden. Diese zweite Art der apriorischen Aussagen ist nicht analytisch: „Die Ökonomik folgt nicht der Verfahrensweise der Logik und der Mathematik. Sie präsentiert nicht ein einheitliches System rein apriorischer Schlussfolgerungen, das ohne jeden Bezug zur Realität ist.“ (Mises, 2004, S. 66) Diese zweite Form von aprioristischem Wissen ist synthetischer Natur. Mises versteht es als a priori verglichen mit der Erfahrung, aber es ist nicht a priori wahr. Es wird deduktiv abgeleitet und auf die Realität angewendet (Mises, 2004, S. 41), aber es ist nicht absolut sicher und unfehlbar wie das tautologische Wissen. Deshalb ist Mises Position zu empirischen Gesetzen, obwohl er zum Teil ein kantianisches Vokabular verwendet, von Kant verschieden.

Mises, ebenso wie Popper, schloss die Möglichkeit nicht aus, dass uns Erfahrung dazu bringen kann, unsere Theorien zu verändern.6 Er sagt: „In der Wissenschaft kann man aber nicht genug vorsichtig sein. Gelingt es nicht, die Theorie an den Tatsachen zu verifizieren, so kann die Ursache vielleicht auch in der Unvollkommenheit der Theorie liegen. Die Nichtübereinstimmung von Theorie und Erfahrung muss uns daher veranlassen, die Probleme der Theorie immer wieder neu zu durchdenken. Doch solange das theoretische Denken uns keine Denkfehler enthüllt, sind wir nicht befähigt oder berechtigt, an der Wahrheit der Theorie zu zweifeln.“ (Mises, 1933, S. 29) Sowohl nach Mises als auch nach Popper ist die Ökonomik eine empirische Wissenschaft: Ihre Theorien werden zwar deduktiv gewonnen, aber diese können der Erfahrung widersprechen und diese Tatsache kann die Gelehrten dazu bringen, ihre Theorien zu überprüfen.

„Andererseits [so Mises – M.T.] muss auch eine Theorie, die mit der Erfahrung nicht in Widerspruch zu stehen scheint, keineswegs endgültig sein. Der große Logiker des Empirismus, John Stuart Mill, hat zwischen der objektivistischen Wertlehre und der Erfahrung keinen Widerspruch zu finden gewusst; sonst hätte er gewiss nicht, gerade am Vorabend einer radikalen Umwälzung der Wert- und Preislehre, die Behauptung aufgestellt, soweit die Gesetze des Werts in Frage kämen, sei für die Gegenwart und für die Zukunft keine Aufgabe mehr zu lösen; die Lehre sei eben vollkommen. Solch ein Irrtum eines solchen Mannes muss allen Theorien stets als Warnung dienen.“ (ibid.)7

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich Mises und Popper in zwei Punkten einig waren: Einmal, dass Theorien nicht rein induktiv durch die Erfahrung gewonnen werden können, weil sie immer das Ergebnis von Intuition und logischem Denken sind, und, zum zweiten, dass wissenschaftliches Wissen, vor allem empirisches Wissen, nicht absolut sicher ist. Sie sehen somit nur die tautologischen Aussagen als sicher an.

5. Mises’ Kritik an Popper

Obwohl Mises die Unfehlbarkeit der Wissenschaft verwirft und zugesteht, dass es den Sozialwissenschaften unmöglich ist, sich völlig von der empirischen Erfahrung zu trennen und alle Erkenntnis auf ein System von Tautologien aufzubauen, stimmte er dem methodologischen Falsifikationismus nicht zu. Mises negatives Urteil über den letztere wird hauptsächlich durch ein schweres Missverständnis von Poppers Gedanken verursacht. (siehe Cubeddu 1996, S. 227f.) Denn Mises dachte, dass der methodologische Falsifikationismus nur eine andere Variante der experimentellen Methode sei, wie sie vom Positivismus vorgeschlagen wird und dass er auf den Säulen des induktionistischen Ansatzes steht. Aus Mises Sicht liegen Popper und die Positivisten falsch, weil sie die Verfahrensweise der Naturwissenschaften auf die Sozialwissenschaften übertragen wollen, wobei sie die Autonomie und die Besonderheit des letzteren völlig verkennten. Während der Induktionismus und die Idee, dass wissenschaftliche Wahrheit nur durch experimentelle Versuche anstatt durch die Theorien, die sie notwendigerweise beinhalten, gewonnen werden kann, den Erfolg der Naturwissenschaften nicht geschmälert haben, hätten sie, so Mises, zu katastrophalen Konsequenzen in den Sozialwissenschaften geführt.

Genauer gesagt behauptet Mises, dass das falsifikationistische Kriterium als ein Abgrenzungskriterium zwischen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Aussagen gedacht ist, welches für die Sozialwissenschaften nicht zutreffend ist: „Das positivistische Prinzip der Verifikation in der Verbesserung von Popper ist als erkenntnistheoretisches Prinzip der Naturwissenschaften unangreifbar. Es ist aber bedeutungslos, wenn es auf etwas angewendet wird, zu dem die Naturwissenschaften keine Information beisteuern können.“ (Mises, 2002, S. 70–71).

Die Unmöglichkeit, das falsifikationistische Kriterium zu verwenden, um den Sozialwissenschaften eine wissenschaftliche Grundlage zu geben, hat nach Mises zwei Gründe. Die erste hängt mit der Notwendigkeit zusammen, dass man die Sozialwissenschaften mit tautologischem Wissen fundieren muss: „Wenn man die Terminologie des Logischen Positivismus und speziell auch die von Popper akzeptiert, ist eine Theorie oder Hypothese ,unwissenschaftlich, wenn sie im Prinzip nicht durch Erfahrung widerlegt werden kann. Folglich sind alle aprioristischen Theorien, einschließlich Mathematik und Praxeologie ,unwissenschaftlich. Das ist nur eine verbale Haarspalterei. Kein ernsthafter Mensch vergeudet seine Zeit mit der Diskussion einer terminologischen Frage. Die Praxeologie und die Ökonomie bewahren sich ihre hervorragende Aussagekraft für das menschliche Leben und Handeln, gleichgültig wie die Leute sie klassifizieren und beschreiben.“ (ibid.) In anderen Worten, Mises betont, dass die Nicht-Falsifizierbarkeit der tautologischen Kategorien des Handelns nicht deren objektiven Wahrheitsgehalt in Frage stellen, ebenso wie den Wahrheitsgehalt der Ökonomie. „Tatsächlich ist nichts gewisser für den menschlichen Geist, als das, was die Kategorien des menschlichen Handels ans Licht gebracht haben.“ (Mises, 2002, S. 71)

Der zweite Grund ist der, dass nach Mises die Falsifikation durch experimentelle Versuche nur den Naturwissenschaften zur Verfügung stehen: Methodologischer Falsifikationismus „[kann] nicht auf die Probleme der Wissenschaft des menschlichen Handelns angewendet werden […]. In dieser Welt gibt es keine solchen Dinge wie experimentell festgestellte Tatbestände.“ (Mises, 2002, S. 70) Zum einen betont Mises, dass es in den Sozialwissenschaften besonders wichtig ist, zu verstehen, dass weder experimentell festgestellte Tatsachen zur Verfügung stehen, noch objektive Daten wie der naive Empirismus behauptet, sondern es sich vielmehr um theoretische Konstruktionen handelt. Er konstatiert: „Die positivistische Lehre beinhaltet, dass Natur und Realität ihre eigene Geschichte auf ein weißes Blatt Papier des menschlichen Geistes schreiben, indem sie die Sinnesdaten liefern, die die Protokollsätze aufzeichnen. Die Art von Erfahrung, auf die sie sich bei der Rede von Bestätigung und Widerlegung beziehen, hängt nach ihrem Glauben in keiner Weise von der logischen Struktur des menschlichen Geistes ab. Sie liefert ein wahrheitsgetreues Bild der Wirklichkeit.“ (Mises, 2002, S. 71. Falsch zitiert in Original) Dies ist falsch, da sowohl in den Sozial- als auch den Naturwissenschaften Tatsachen bereits Theorien enthalten; „Daher der ärgerliche Zustand, dass die Anhänger widerstreitender Lehren sich auf dasselbe Erfahrungsmaterial zur Bestätigung der Richtigkeit ihrer Auffassungen zu berufen pflegen.“ (Mises, 1933, S. 28; neu zitiert nach deutscher Ausgabe) „Dieselben historischen Ereignisse und dasselbe statistische Material wird als Bestätigung unterschiedlicher, sich widersprechender Theorien herangeführt.“ (Mises, 1947, S. 37) Was als Datum angesehen wird, hängt also von den apriorischen Theorien ab, die jeweils verwendet werden.

Mises war deshalb nicht der Meinung, dass Erfahrung erkenntnistheoretisch irrelevant ist, sondern nur, dass das positivistische Verständnis von Erfahrung uns nicht helfen kann zu verstehen, wie wir wissenschaftliche Wahrheit erlangen können. Dies gelingt nämlich nicht durch Beobachtung oder Ansammlung neutraler und atheoretischer Daten, welche es uns erlaubten eine Theorie auszuarbeiten oder welche uns sagen könnten, dass eine bestimmte Theorie unter vielen die richtige ist. Da eine Theorie nicht durch Beobachtung gewonnen wird, sondern deduktiv und da sie unsere Wahrnehmung der Realität beeinflusst, müssen die Reflexion und die Theoriebildung immer wichtiger sein, als jedwede Erfahrung. In der Folge kann das Problem, dass es einen Widerspruch zwischen der Erfahrung und unserer Theorie oder einen Gegensatz zwischen unserer Theorie und anderen Theorien gibt, nicht dadurch gelöst werden, dass wir von der Tatsache absehen, dass jede Theorie die Realität interpretieren muss: „Historische Ereignisse kommentieren sich nie selbst. Sie müssen vom Standpunkt der Theorien aus interpretiert werden, ohne auf die Hilfe von experimentellen Beobachtungen zählen zu können […]. Jede Diskussion über die Relevanz und Bedeutung historischer Tatsachen endet früher oder später bei einer Diskussion über abstrakte allgemeine Prinzipien, die logisch den Tatsachen, welche man erläutert und interpretiert, vorausgehen.“ (Mises, 1947, S. 37) Um die Antwort auf ein wissenschaftliches Problem zu finden, benötigt man zuallererst das Denken, und niemals wird man die Antwort durch die Akkumulation induktiv gewonnener neutraler Daten auffinden. Anders ausgedrückt: „Das Entscheidende an der Auseinandersetzung über die Beweiskraft konkreter geschichtlicher Erfahrung ist immer die Erörterung der dabei verwendeten Sätze der allgemeingültigen apriorischen Theorie abseits von aller Erfahrung.“ (Mises, 1933, S. 28) Wie auch immer, das bedeutet nicht, wie wir bereits ausführten, dass dieser deduktive Ansatz, nach Mises, unabhängig von jeder Erfahrung auch wahr wäre und dass uns die Erfahrung nicht dazu bringen kann, unsere Schlussfolgerungen zu überdenken: „Die Nichtübereinstimmung von Theorie und Erfahrung muss uns daher veranlassen, die Probleme der Theorie immer wieder neu zu durchdenken.“ (Mises, 1933, S. 29)

Auf der anderen Seite dachte Mises, dass die Positivisten und Popper ein weiteres Problem in Bezug auf die Eigenschaften der Erfahrung der Sozialwissenschaften nicht verstünden. Sie verstanden nicht, dass die Erfahrung, die in diesem Gebiet gemacht werden kann, sehr verschieden von den laborhaften Versuchen ist, die in den Naturwissenschaften Verwendung finden, um eine Theorie zu verifizieren oder zu falsifizieren: „[In] der Wissenschaft vom zielgerichteten menschlichen Handeln und den sozialen Beziehungen können keine Experimente gemacht werden und keine Experimente wurden je unternommen. Die experimentelle Methodik, der die Naturwissenschaften all ihren Fortschritt verdankt, ist in den Sozialwissenschaften nicht anwendbar. Die Naturwissenschaften sind in der Position eine isolierte Veränderung eines einzigen Elements in einem Laborversuch zu untersuchen, währenddessen alle anderen Elemente unverändert bleiben. Ihre experimentelle Beobachtung beruht letzten Endes auf der Möglichkeit der Isolierung einzelner Elemente der Sinneserfahrung. Was die Naturwissenschaften Tatsachen nennen, sind eigentlich kausale Beziehungen, die in diesen Experimenten offenbar werden. Ihre Theorien und Hypothesen müssen in Übereinstimmung zu diesen Tatsachen stehen.

Aber die Erfahrung, mit der die Sozialwissenschaften zu arbeiten haben, sind davon grundverschieden. Es handelt sich hierbei nämlich um historische Erfahrung. Es handelt sich um komplexe Phänomene, um das Zusammenspiel von Einflüssen, welche durch die Kooperation einer Vielzahl verschiedenster Elemente zustande kommen. Die Sozialwissenschaften befinden sich niemals in der Position, die Bedingungen von Veränderungen von einander getrennt kontrollieren und isolieren zu können, wie das der Experimentator bei der Aufstellung seines Versuchs tun kann. Sie können niemals den Vorteil genießen, den es hat, eine einzelne Konsequenz einer Veränderung eines einzigen Elements getrennt untersuchen zu können, während alle weiteren Bedingungen konstant bleiben. Sie bekommen Tatsachen, so wie die Naturwissenschaften diesen Begriff verwenden, niemals zu Gesicht. Jede Tatsache und jede Erfahrung mit der die Sozialwissenschaften es zu tun haben, ist frei und verschieden interpretierbar. Historische Tatbestände und historische Erfahrungen können eine Aussage niemals bestätigen oder widerlegen in dem Sinne, indem ein Versuch sie bestätigen oder widerlegen kann.“ (Mises, 1947, S. 37).

6. Mises’ Missverständnis von Poppers Abgrenzungskriterium und dessen Begriff der empirischen Tatsachen

Mises’ Kritik an Popper basiert hauptsächlich auf einem Missverständnis, was die Vermutung nährt, dass er nur eine oberflächliche Kenntnis von Poppers Gedanken hatte. Insbesondere nimmt Mises die falsche Idee an, dass Poppers Erkenntnistheorie nur eine Variante der neopositivistischen Position sei. Ganz im Gegensatz dazu ist der methodologische Falsifikationismus aber radikal verschieden vom neopositivistischen Ansatz und steht eher dem misesianischen näher. Eine sorgfältige Analyse zeigt, dass die Unterschiede zwischen Mises und Popper größtenteils nur Unterschiede in Nuancen sind.

Betrachten wir die verschiedenen Punkte, in denen sich Mises’ Kritik an Popper ausdrückt. Erstens sagt Mises, würde Poppers Abgrenzungskriterium die Wissenschaftlichkeit und die Objektivität der Sozialwissenschaften in Frage stellen, da diese auf nicht-empirischem Wissen beruhen, namentlich den analytisch-aprioristischen Kategorien des menschlichen Handelns. Wie wir bereits zeigten, erkennt Popper im Gegensatz zu den Neopositivisten den wissenschaftlichen Wert nicht-empirischer Sätze an und versteht, dass alle Wissenschaften auf nicht-empirischen Axiomen beruhen. Des weiteren sieht er tautologisches Wissen nicht als beliebig an, sondern sieht in ihm einen echten objektiven Wahrheitsgehalt enthalten. In anderen Worten, Popper schlug kein Kriterium vor, um, wie die Neopositivisten, zwischen Theorien, die empirisch und damit bedeutsam, und jenen, die nicht-empirisch und damit bedeutungslos sind, zu unterscheiden. Popper schlug einzig und allein ein Kriterium vor, welches es uns erlaubt, eine Unterscheidung zwischen empirischen Wissenschaften auf der einen und nicht-falsifizierbarem Wissen (der demonstrativen Wissenschaften und der Metaphysik) auf der anderen Seite zu treffen: „Beachten Sie, dass ich das Falsifikationskriterium als Abgrenzungskriterium und nicht als Bedeutungskriterium vorgeschlagen habe […]. Es ist daher ein reiner Mythos […], dass ich jemals das Falsifikationskriterium als Bedeutungskriterium etabliert hätte. Die Falsifizierbarkeit separiert zwei Arten von gleich wichtigen und bedeutsamen Aussagen: den falsifizierbaren und den nicht-falsifizierbaren. Es zieht eine Grenze innerhalb und nicht außerhalb sinnvoller Sprache.“ (Popper, 1959, S. 40 n.*3) Somit lässt sich Poppers Abgrenzungskriterium nicht bloß als Variante des neopositivistischen Kriteriums ansehen, da Popper es 1919 und damit Jahre bevor der Wiener Kreis überhaupt erst entstand, schon formuliert hatte. (Popper, 1959, pp. 311–312) Der Fehler in Mises’ Aussagen lässt sich vielleicht besser verstehen, wenn man bedenkt, dass viele Erkenntnistheoretiker (unter ihnen einige sehr berühmte Neo-Positivisten wie Carnap und Hempel) Poppers Kriterium zuerst und fälschlicherweise als eine neue durchdachtere Version des neo-positivistischen Kriteriums ansahen, und damit den Mythos erschufen, von dem Popper spricht. (siehe Boniolo & Vidali, 1999 S. 359f) Schlussendlich ist der methodologische Falsifikationismus nicht nur mit der Verwendung von nicht-falsifizierbarem Wissen in der Wissenschaft kompatibel, sondern, wie wir bereits darlegten, unterstreicht er sogar ihre Wichtigkeit als Fundierung aller empirischen Forschung.

Das zweite Argument Mises gegen Popper betrifft das Nichtvorhandensein neutraler Daten in den Sozialwissenschaften, wie es von dem naiven Empirismus unterstellt wird. Mises unterstellt Popper, dass dieser glaubt, dass ein empirischer Versuch auf Daten beruht, wie sie die Neo-Positivisten unterstellen. Kurzum, Mises tadelt Popper dafür, die theoretischen Eigenschaften der Tatsachen der Sozialwissenschaften nicht verstanden zu haben.

Auch in diesem Fall sind Mises Angriffe ungerechtfertigt. Wie wir bereits einführten, kritisiert Popper den Induktionismus nicht nur logisch, sondern auch erkenntnistheoretisch. Er greift das, was er „Oberservativismus“ nennt, an, also die Idee, dass der menschliche Geist einem weißen Blatt Papier gleicht und dass dort so etwas wie neutrale oder atheoretische Daten existieren, so es wie die „Standardansicht“ der Positivisten unterstellt.

Popper geht von einer Einheitlichkeit der wissenschaftlichen Methodik aus, aber er tut dies auf der Grundlage von Ideen, die denen der Wiener Schule diametral entgehen stehen. Er unterstützte nicht die fundamentale Gleichheit der Methodik, wie der Szientismus es tut. (Popper, 1961, S. 60) Nach Popper sind die „Methoden, die den Sozialwissenschaften angemessen sind, sehr verschieden von den Methoden der Naturwissenschaften, wie sie normalerweise von den Lehrbüchern, der Tradition und der Mehrheit der Natur- und Sozialwissenschaftler beschrieben werden. Aber das ist nur so, weil all diese Lehrbücher und die Tradition und diese Wissenschaftler keine Ahnung von den Methoden der Naturwissenschaften haben. Wenn wir je zu einem angemessenerem Verständnis der Methodik der Naturwissenschaften gelangen sollten, werden wir einsehen müssen, dass dort eine große Übereinstimmung zwischen diesen [den Methoden der Naturwissenschaften – M.T.] und jenen Methoden der Sozialwissenschaften besteht.

Das größte Missverständnis über die Naturwissenschaften besteht in dem Glauben, dass Wissenschaft – oder der Wissenschaftler – mit der Beobachtung und der Ansammlung von Daten oder Tatsachen oder Messungen beginnt und von dort aus fortfährt, diese in Verbindung zu stellen oder Korrelationen auszumachen und dadurch – auf wundersame Weise – bei der Verallgemeinerung und der Theorie ankommt.“ (Popper, 1994, S. 155, Hervorhebung durch den Autor)

Noch ausführlicher, das Studium der Gesellschaft betreffend, schreibt Popper, dass es „in den Sozialwissenschaften noch offensichtlicher ist als in den Naturwissenschaften, dass wir die Objekte unseres Interesses nicht beobachten oder sehen können, bevor wir nicht über sie nachgedacht haben. Für die meisten Objekte der Sozialwissenschaften gilt, wenn nicht sogar für alle, dass es abstrakte Objekte sind; es handelt sich um theoretische Konstruktionen.“ (Popper, 1961, S. 135) Somit sieht Popper ebenso wie Mises, dass die Sozialwissenschaften auf dem Denken beruhen und nicht auf der naiven Beobachtung; nur das Denken erlaubt es uns die „theoretischen Konstruktionen zu erschaffen, die wir benötigen, um unsere Erfahrung zu interpretieren.“ (ibid.)

Des weiteren, fügt Popper hinzu, „ist es unbezweifelbar, dass wir ein direkteres Wissen über das ,Innenleben eines menschlichen Atoms als über ein physikalisches Atom haben.“ (Popper, 1961, S. 138); mit „anderen Worten, wir verwenden unser Wissen über uns selbst, um zu Hypothesen über andere Menschen zu gelangen.“ (ibid.) Dieses Wissen ist notwendig, um das Handeln [der anderen Menschen – M.T.] zu verstehen. „Dem Physiker hingegen ist nicht geholfen, wenn er auf diese innere Beobachtung zurückgreift, um zu einer Hypothese für ein Atom zu gelangen.“ (ibid.)

Sowohl nach dem methodologischen Falsifikationismus als auch nach Mises’ Apriorismus ist die Kontrollierbarkeit einer Theorie durch das Primat des rationalen Denkens und durch die Kategorie der Vermutung geprägt, und zwar genau aufgrund des theoretischen Charakters dieser „Tatsachen“. Nicht anders als Mises sieht Popper, dass die Bedeutung einer Tatsache von der Theorie abhängt, welche man verwendet, um sie zu interpretieren und dass eine Theorie durch ein rein deduktives Verfahren, ohne eine Induktion vergangener Beobachtungen, zustande kommt. Aufgrund der Möglichkeit, dass eine Tatsache durch die Brille verschiedener Theorien gesehen werden kann und unter Berücksichtigung der Unterscheidung zwischen dem logischen und dem methodologischen Falsifikationismus, unterstreicht Popper, dass es notwendig ist, zu beachten, wie eine Erfahrung gewonnen worden ist, wenn die Erfahrung eine Theorie wirklich falsifizieren soll.8

7. Warum Popper das Problem der Komplexität nicht unterschätzte

Der dritte Kritikpunkt Mises’ an Poppers Erkenntnistheorie betrifft die Unmöglichkeit der Anwendung der experimentellen Methode, wie sie allgemein im Labor verwendet wird, auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften. Selbst in diesem Fall zeigt Mises, dass er Popper missverstanden hat.

Nach Mises basiert Poppers Falsifikationismus auf der Idee, dass die wissenschaftliche Wahrheit einer Theorie nur gefunden werden kann, wenn es möglich ist, ein Laborversuch durchzuführen. Popper kritisierend, führt Mises aus, dass es in den Sozialwissenschaften unmöglich ist, eine isolierte Veränderung eines einzigen Elements in einem Laborversuch zu untersuchen, währenddessen alle anderen Elemente unverändert bleiben.“ (Mises, 1947, S. 37). Mit anderen Worten, Mises behauptet, dass Popper unfähig ist, die „Komplexitätder sozialen Phänomene zu begreifen (siehe auch Mises, 2004).

Allerdings verneint Popper weder das Problem der Komplexität der Sozialwissenschaften noch die Unmöglichkeit der Anwendung der experimentellen Methode zur Untersuchung sozialer Phänomene. Er hielt jedoch fest, dass diese Tatsache hauptsächlich auf dem Unterschied zwischen künstlichen und konkreten Phänomenen beruht – einem Unterschied, welcher sowohl für die Natur- als auch für die Sozialwissenschaften gilt. In jedem Fall stimmt Popper zu, dass es nur in einem Labor möglich ist, genaue Vorhersagen zu machen und eine Theorie auf der Grundlage solider Voraussicht oder Messbarkeit zu testen. „Es besteht kein Zweifel,“ sagte Popper, „dass die Analyse konkreter sozialer Situationen durch ihre Komplexität erheblich erschwert wird. Aber dasselbe gilt für jede konkrete physikalische Situation.“ (Popper, 1961, S. 136). Allgemein ist die perfekte Voraussicht nur „bei der Verwendung künstlicher experimenteller Isolation gegeben […] (Das Sonnensystem ist eine Ausnahme – wo eine natürliche statt einer künstlichen Isolation vorliegt; aber sobald ihre Isolation durch das Eindringen eines Fremdkörpers zerstört wird, bricht unsere Voraussicht völlig zusammen). Wir sind sehr weit davon entfernt, in der Lage zu sein, auch in der Physik, das exakte Ergebnis einer konkreten Situation, wie die eines Gewitters oder eines Feuers voraussagen zu können. (Popper, 1961, S. 139) Nach Popper kommt das „weitverbreitete Vorurteil, dass soziale Situationen komplexer seien als physikalische von zwei Seiten auf. Eine von ihnen ist die, dass wir dazu tendieren, Dinge zu vergleichen, die nicht vergleichbar sind: Ich meine hiermit auf der einen Seite konkrete soziale Situationen und auf der anderen Seite künstlich erschaffene experimentelle physikalische Situationen (das letztere könnte eher mit einer künstlich hergestellten sozialen Situation verglichen werden – wie einem Gefängnis oder einer Versuchsgesellschaft). Die andere besteht in dem alten Glauben, dass die Beschreibung von sozialen Situationen die mentalen und vielleicht sogar physikalischen Stadien jedes Körpers, der daran teilnimmt, beeinhalten sollte (oder dass es sogar auf diese reduzierbar sein sollte). Dieser Glauben entbehrt allerdings jeder Grundlage; er ist weit weniger gerechtfertigt als die unerfüllbare Forderung, dass die Beschreibung einer konkreten chemikalischen Reaktion die Stadien jedes Atoms und jedes Subatoms aller beteiligten Elementenpartikel beinhalten sollte (obwohl die Chemie möglicherweise wirklich auf die Physik reduziert werden kann).“ (Popper, 1961, S. 140)

Popper stellt heraus, dass es unmöglich ist, aufgrund der Unmöglichkeit der Ceteris-paribus-Forderung approximatisch nahe genug zu kommen, das exakte Ergebnis einer konkreten Situation sowohl in den Natur- als auch in den Sozialwissenschaften vorauszusagen. Nach Popper können Theorien über diese Art von Phänomenen „niemals mehr tun, als bestimmte Möglichkeiten von vornherein auszuschließen.“ (Popper, 1961, S. 139) Folgerichtig, behauptet er, wie Hayek, dass es nur möglich ist, „negative“ Vorhersagen über nicht-experimentelle Phänomene zu treffen. (ibid.; siehe auch Hayek, 1967, und O’ Driscoll & Rizzo, 1996) Es ist genau die Tatsache, dass eine Theorie über konkrete Phänomene bestimmte Möglichkeiten ausschließen muss, die es erlaubt, sie sowohl in den Natur- als auch in den Sozialwissenschaften als kontrollierbar und wissenschaftlich im Lichte des popperschen Abgrenzungskriteriums anzusehen.

Schauen wir uns bspw. folgendes Gesetz an: Aus dem Übergang vom selbstversorgenden Wirtschaften zur arbeitsteiligen Wirtschaft resultiert ein Anstieg in der Produktivität. Dieses Gesetz macht keine quantitativen Vorhersagen möglich, aber es ist logisch widerlegbar durch konträre historische Begebenheiten. Dieses Gesetz ist somit in der Konsequenz empirisch und es unterliegt dem Humeschen Problem [auch Induktionsproblem genannt – M.T.] wie jedes andere empirische Gesetz. Nehmen wir nun dieses Gesetz: Der Anstieg in der Nachfrage eines Gutes führt in der Folge zu einem Preisanstieg eben jenes Gutes. Auch dieses Gesetz erlaubt keine quantitativen oder exakten Vorhersagen, aber es gibt uns eine „Erklärung des Prinzips“, welche logischerweise durch konträre beobachtete Tatsachen widerlegt werden könnte. In den Naturwissenschaften ist es nicht schwierig Theorien zu finden, welche nur negative Vorhersagen erlauben. Nehmen wir zum Beispiel die Theorie der biologischen Evolution durch genetische Variation und umweltbedingte Anpassung. Diese Theorie ist unfähig die Struktur oder die Maße der Tiere der Zukunft vorherzusagen. Wie auch immer, sie schließt dafür gewisse Möglichkeiten aus: Wenn wir plötzlich Hunde beobachteten, die Junge mit Flügeln bekämen, sähen wir uns mit einer Tatsache konfrontiert, die ihr widerspricht. (siehe Hayek, 1967)

Es ist implizit schon ausgearbeitet worden, dass Popper der Meinung ist, dass sowohl die Gesetze der Naturwissenschaften als auch die der Sozialwissenschaften eben aufgrund der Ceteris-paribus-Bedingung nicht voraussetzungslos wahr sind. Mises ist manchmal etwas undeutlich in diesem Punkt. Am Ende scheinen seine Kritikpunkte mehr eine Kritik an der mathematischen Ökonomie zu sein, welche es vermeidet dem Wandel der Marktdaten und dem Zeitelement genügend Rechnung zu tragen, als eine Ablehnung der Notwendigkeit die Ceteris-paribus-Klausel anzuwenden. Im Übrigen schließt Mises explizit aus, dass man soziale Forschung betreiben könnte, ohne die Bedingung vorauszusetzen, dass „im übrigen unveränderte Verhältnisse“ vorherrschen. Während er über geistige Gedankenbilder spricht, schreibt er: „Es steht uns keine andere Möglichkeit zur Verfügung, die komplexen Phänomene von Handlungen zu untersuchen, als zuerst jede Veränderung gedanklich auszuschalten und dann, unter der Annahme im übrigen unveränderter Verhältnisse, die Veränderung eines einzelnen Faktors isoliert ins Auge zu fassen. (Mises, 2004, S. 248)

Um Poppers Idee, dass Gesetze nur ceteris paribus angewendet werden können, noch deutlicher zu machen, können wir ein Beispiel mit dem oben erwähnten Gesetz anführen, welches besagt: „Aus dem Übergang vom selbstversorgenden Wirtschaften zur arbeitsteiligen Wirtschaft resultiert ein Anstieg in der Produktivität.“ Dieses Gesetz ist trotz der sich ständig ändernden Daten, welche die mathematische Ökonomie als konstant ansieht, gültig. Aber es ist natürlich nicht in dem Sinne gültig, dass die Einführung der Arbeitsteilung als notwendige und bedingungslose Konsequenz einen Anstieg in der Produktivität liefern wird. Stellen wir uns zum Beispiel vor, dass die Einwohner eines ablegenen Ortes auf der Erde, welche noch in Autarkie wirtschaften, plötzlich lernen, dass die Arbeitsteilung ihre physikalische Produktion erhöht. Stellen wir uns weiterhin vor, dass sie in der Folge entscheiden, gezielt eine Ordnung der Arbeitsteilung einzuführen und dass sie eine Reihe von Regeln und Institutionen erschaffen, welche dieses Ziel unterstützen sollen. Diese Tatsache bedeutet nicht, dass diese Einwohner in 30 oder 40 Jahren notwendigerweise in einer Gesellschaft leben werden, die reicher ist als vorher. Wir können uns viele Möglichkeiten vorstellen, welche Rahmenbedingungen dies verhindern könnten. Bspw. könnte ein Krieg die Produktivität erheblich senken oder ein fremder Eroberer könnte die Einwohner zu Sklaven machen. Wir könnten uns auch einen Virus oder einen Meteroiteneinschlag denken, der diese Menschen von der Erdoberfläche tilgt.

Wir können noch weitere Beispiele angeben. Bedenken Sie folgendes Zitat von Mises: „Wenn ein Geschäftsmann sich nicht strikt an die Befehle des Publikums hält, wie sie ihm durch die Struktur der Marktpreise übermittelt werden, erleidet er Verluste, geht Bankrott und wird von seiner bedeutenden Stellung am Ruder entfernt.“ (Mises, 2004, S. 270) Auch dieses Gesetz ist nur unter bestimmten Bedingungen anwendbar, nämlich der Abwesenheit von Finanzhilfen des Staates für Firmen, die Verluste erleiden.

Bedenken wir auch Mises’ Kritik der Planwirtschaft. Mises stellte fest, dass die Abschaffung des Sondereigentums, aufgrund der daraus folgenden Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung einen radikalen Einbruch der Produktivität bedeutet. Ist nun der Tatbestand, dass die Sowjetunion so lange überlebt hat und fähig war, ein großes Reich zu errichten, welches der Westen als große Bedrohung ansah, eine teilweise Widerlegung von Mises’ Theorie? Die Antwortet ist nein. Wie Mises betont, verlangt auch die Anwendung dieser Theorie die erfüllte Ceteris-paribus-Bedingung. Denn in der Sowjet Union gab es noch schwarze Märkte sowie begrenzte und lokale Formen des Sondereigentums. Des weiteren wie Mises schon schrieb, hatte dieses Land die Möglichkeit die Preise der kapitalistischen Länder einfach zu übernehmen, um interne Preise zu bilden. (Mises, 1947, S. 41) Nach ihm war seine Theorie nur unter bestimmten Bedingungen gültig: „Die Sowjets wirtschaften in einer Welt, in welcher der größte Teil immer noch eine Marktwirtschaft besitzt. Sie stützen ihre Berechnungen, mit deren Hilfe sie ihre Entscheidungen treffen, auf Preise, die sich im Ausland gebildet haben. Ohne die Zuhilfenahme dieser Preise würden ihre Handlungen völlig ziellos und hilflos sein. Nur insofern sie sich auf diese ausländischen Preise beziehen, sind sie fähig, zu rechnen, ihre Bücher zu führen und ihre Pläne zu machen. In dieser Hinsicht kann man der Aussage mancher sozialistischer oder kommunistischer Autoren zustimmen, dass solange nur ein Staat oder wenige Staaten den Sozialismus eingeführt haben, es sich noch nicht um richtigen Sozialismus handelt. Natürlich meinen diese Autoren mit ihrer Aussage etwas völlig anderes. Sie wollen damit sagen, dass sich die vollen Segnungen des Sozialismus nur entfalten könnten, wenn es einen weltumspannenden Sozialismus gäbe. Jene von uns, die mit dem Studium der Ökonomie vertraut sind, müssen im Gegenteil feststellen, dass der Sozialismus zu völligem Chaos führen muss, sobald er vom größeren Teil der Erde angewendet wird.“ (ibid.)

8. Allgemeinwissen und die experimentelle Methode

Es gibt noch einen weiteren Grund, welcher erhellt, warum Mises’ Kritik an Popper unfair ist. Popper postuliert, wie Mises, dass die Sozialwissenschaften größtenteils auf Allgemeinwissen bezogen auf das menschliche Handeln beruhen. Beide denken, dass dieses Wissen aus Theorien und Erwartungen besteht, welche wichtiger als das Beobachten sind und oft sehr trivial erscheinen, aber nichtsdestoweniger fundamental für die Sozialwissenschaften und das tägliche Leben sind.

Rufen wir uns folgendes Zitat von Mises ins Gedächtnis, um uns die Wichtigkeit des Allgemeinwissens und die daraus ableitbaren Gesetze für die Erklärung sozialer Phänomene anzuschauen und um die Tatsache hervorzuheben, dass unser Geist nur fähig ist, unsere Umgebung zu verstehen, weil er voller Theorien steckt: „Man kann nicht von Krieg und Frieden sprechen, wenn man nicht schon vor der Zuwendung zu den Quellen einen bestimmten Begriff von Krieg und Frieden hatte. Man kann nicht von Ursachen und von Folgen im Einzelfalle sprechen, wenn man nicht über eine Theorie verfügt, die bestimmte Verknüpfungen von Ursache und Wirkung als allgemeingültig setzt. Dass der Satz ,der König besiegte die Rebellen und behielt daher die Herrschaft von uns hingenommen wird, wogegen der Satz ,der König besiegte die Rebellen und verlor daher die Herrschaft als widerspruchsvoll logisch nicht befriedigt, liegt darin, dass jener unseren Theorien von den Wirkungen militärischer Siege entspricht, dieser aber ihnen widerspricht.“ (Mises, 1933, S. 1) Hier bezieht sich Mises auf eine sehr triviale Aussage des Allgemeinwissens, welche wie alle solche Aussagen, unbewusst und implizit verwendet werden: „Immer, wenn ein politischer Herrscher eines Landes einen Versuch der Rebellion vereitelt, behält er die Macht.“

Gegen den naiven Empirismus gerichtet, führt Mises aus, dass konsequenterweise der menschliche Geist kein blankes weißes Blatt Papier ist. Nur weil er voll von trivialen allgemeinen Gesetzen ist, kann er der Erfahrung überhaupt Bedeutung geben. Dank diesen Gesetzen kann er verstehen, wie bestimmte Tatsachen zusammenhängen und somit auch, was logisch ist und was nicht. (siehe Hülsmann, 2003, S. 69ff und Smith, 1986, S. 19ff; ders., 1994, S. 323ff)

Natürlich glaubte weder Popper noch Mises, dass der Zweck der Sozialwissenschaften auf das Benutzen von Allgemeinwissen beschränkt ist. Sie stimmten darin überein, dass es auch ihr Zweck ist, dieses Wissen zu vermehren oder es kohärenter zu machen und es auch zu korrigieren. Beide meinten, dass die Mehrheit dieser Gesetze nicht tautologisch sind und auch, dass es unmöglich ist, die Möglichkeit zu vermeiden, dass uns Erfahrung dazu bringen kann, unsere synthetischen Aussagen zu überdenken.

Sie waren sich sogar bei dem Tatbestand einig, dass wenn dieses Wissen eine empirische Note hat, es in gewisser Weise „unproblematisch“ (Popper, 1992a, S. 117) ist und dass es sogar unnötig oder bedeutungslos ist, es durch Beobachtung zu testen. Sie stellten fest, dass es viel wichtiger ist, es anzuwenden. Mises zeigt sich selbst nicht interessiert an der Analyse, in welcher Weise das empirische Allgemeinwissen gewonnen wurde und warum es so verlässlich ist. Popper hingegen beschäftige sich damit. Für ihn liegt der Grund, warum dieses Wissen so verlässlich ist, darin, dass es sich durch einen langen Prozess des Versuchs und Irrtums im Laufe der kulturellen Evolution gebildet hat.

Nach Popper hat sich dieses Wissen somit auf eine gewisse Weise experimentell ergeben. Natürlich meinte er damit nicht, dass es durch Beobachtung entstanden sei. Popper stellt heraus, dass wir den Begriff des Experiments auf zwei verschiedene Arten verwenden können. Auf der einen Seite können wir ihn benutzen, um „ein Mittel zu beschreiben, Wissen zu erlangen, indem wir die Ergebnisse, die wir durch das Experiment erhalten, mit denen abgleichen, die wir erwarteten.“ (Popper, 1961, S. 85) Auf der anderen Seite, können wir ihn nutzen, um eine „Handlung zu beschreiben, dessen Ausgang unsicher ist.“ (ibid.) Für Popper bedeutet diese Unterscheidung, dass sie uns erlaubt, die Tatsache zu verstehen, dass, obwohl Laborexperimente in den Sozialwissenschaften unmöglich sind, „wir trotzdem eine sehr große Ansammlung experimentellen Wissens über das soziale Leben besitzen.“ (ibid.) Dieses Wissen wurde durch einen Versuchs-und-Irrtums-Prozess der Menschheitsgeschichte gefunden und ist in unseren praktischen Fähigkeiten gespeichert. Ein handelndener Mensch entdeckt Dinge: „Es besteht ein großer Unterschied zwischen einem erfahrenen und einem unerfahrenen Geschäftsmann oder Organisator oder Politiker oder General. Der Unterschied besteht in ihrer sozialen Erfahrung, einer Erfahrung, die nicht auf Beobachtung oder Reflexion beruht, sondern auf den Erfolgen beim Erreichen gewisser praktischer Ziele.“ (ibid.) In diesem Sinne sind Experimente auch im Sozialen möglich: „Ein Krämer, der einen neuen Laden aufmacht, eröffnet ein soziales Experiment; und selbst ein Mann, der nur in einer Warteschlange vor einem Theater steht, nimmt an einem sozialen Experiment teil und gewinnt experimentelles technisches Wissen, welches er vielleicht beim nächsten Mal nutzen kann, indem er sich vorher einen Sitz reserviert. Und wir sollten des weiteren nicht vergessen, dass nur die praktische Erfahrung den Käufern und Verkäufern am Markt lehren konnte, dass Preise durch ein höheres Angebot die Tendenz entwickeln, zu fallen, und zu steigen, wenn die Nachfrage steigt.“ (Popper, 1961, S. 86)

Beispiele von „Experimenten größeren Maßstabs wären die Entscheidung eines Monopolisten den Preis seines Produkts zu verändern; die Einführung einer neuen Form der Gesundheits- oder Arbeitslosenversicherung, egal ob durch eine staatliche oder private Versicherung; oder die Einsetzung einer neuen Umsatzsteuer oder einer Politik zur Bekämpfung von Mountainbikes. Alle diese Experimente werden aufgrund praktischer und nicht wissenschaftlicher Ziele durchgeführt. Natürlich haben manch große Firmen solche Experimente auch deshalb durchgeführt, um den Markt besser verstehen (um dann im späteren Verlauf einen höheren Profit realisieren zu können) und nicht um direkt mehr Gewinn machen zu können.“ (ibid.)

Um seine Erklärungen über soziale Phänomene aufzustellen, nutzt der Sozialwissenschaftler eine Menge Allgemeinwissen, welches sich über eine lange Zeitspanne durch Versuch und Irrtum herausgebildet hat. In diesem Sinne haben sich die Sozialwissenschaften denselben praktischen Methoden bedient, „die auch das technologische Wissen in Dingen wie dem Bauen eines Schiffes oder der Kunst des Navigierens hervorgebracht haben.“(ibid.) Aus Poppers Sicht „gibt es keine klaren Abgrenzungspunkte, mit deren Hilfe man zwischen einer vor-wissenschaftlichen und wissenschaftlichen Methode des Experimentierens unterscheiden könnte. Trotzdem ist die mehr und mehr bewusste Anwendung der wissenschaftlichen Methode, die man auch die kritische nennen könnte, von größter Bedeutung. Beide Ansätze lassen sich grundsätzlich dadurch beschreiben, dass sie versuchen, die Methode des Versuchs-und-Irrtumsverfahrens dienstbar zu machen. Wir probieren schlicht und ergreifend aus. Mehr ist es nicht, was wir tun. Wir zeichnen nicht hauptsächlich Beobachtungen auf, sondern machen aktiv den Versuch, ein mehr oder weniger praktisches oder bestimmtes Problem zu lösen. Und wir machen nur und nur dann Fortschritt, wenn wir uns daran gewöhnen, aus unseren Fehlern zu lernen: Wir müssen uns unsere Fehler bewusst machen und sie dann durch kritisches Hinterfragen für uns nutzen.“ (Popper, 1961, S. 87)9

Schauen wir uns nochmal das obige Zitat von Mises an: „Wenn ein Geschäftsmann sich nicht strikt an die Befehle des Publikums hält, wie sie ihm durch die Struktur der Marktpreise übermittelt werden, erleidet er Verluste, geht bankrott und wird von seiner bedeutenden Stellung am Ruder entfernt.“ (Mises, 2004, S. 270) Obwohl auch dieses Gesetz falsifizierbar ist, da widersprechende Tatsachen logisch möglich sind, wäre es hirnrissig von uns unsere Forschung daran auszurichten, es empirisch zu widerlegen. Die Wahrheit dieses Satzes scheint uns als selbstevident. Das liegt aber nicht daran, dass der Charakter dieses Satzes fundamental von den Sätzen der Naturwissenschaften verschieden ist. Es liegt vielmehr an der Tatsache, dass dieser Satz sich in unserem Allgemeinwissen eingebrannt hat und an dem Tatbestand, dass dieses Allgemeinwissen aus Wissen zusammengesetzt ist, dass durch die Erfahrung unserer Vorfahren bestätigt wurde. Nebenbei bemerkt, erscheinen uns auch viele Sätze, welche sich mit Naturphänomenen beschäftigen, als selbstevident, zum Beispiel, dass Holz anfängt zu Brennen, wenn es mit Feuer in Berührung kommt.

9. Die Deutung der Geschichte

Hempel folgend, stellt Popper des weiteren heraus, dass die Sätze der Sozialwissenschaften nicht nur oft auf Allgemeinwissen zurückgreifen, sondern auch auf tendenzielle oder probabilistische Aussagen. (Popper, 1992a, S. 117; siehe auch Hempel 1996 und Di Nuiscio 2004) Insbesondere behandelt er die Tatsache, dass aufgrund des undeterminierten menschlichen Handelns alle empirischen Gesetze, die sich auf das menschliche Handeln beziehen, notwendigerweise unwahr sein können, in der Weise, dass die Ceteris-paribus-Bedingung nicht gegeben ist. Nehmen wir zum Beispiel den Satz: „John wurde von Carl geschlagen, weil John Carl beleidigt hatte.“ Das empirisch abgeleitete Gesetz, welches sich auf diese Erklärung stützt, ist falsch, weil manche Menschen, die beleidigt werden, nicht die Person schlagen, welche sie beleidigt hat. Die zwei Ereignisse müssen nicht notwendigerweise miteinander in Verbindung stehen.

Popper stellt heraus, dass aufgrund der unproblematischen und probabilistischen Natur und aufgrund der Notwendigkeit nicht-empirischer Theorien über die Rationalität des Handelns, die Erklärbarkeit von Handlungen durch einen Ansatz erfolgen muss, der von dem verschieden ist, den man in der reinen Physik anwenden kann. Deshalb hält er fest, dass das Studium des menschlichen Handelns nichts mit der Erstellung und dem Testen von Gesetzen zu tun hat. Des weiteren erscheint es ihm wie Mises unmöglich, das Mentale auf das Physikalische zu reduzieren (siehe Popper Eccles C. &Popper K.R., 1997; siehe auch Mises, 2002, S. 102–104).

Popper entwickelt diese Gedanken, während er sich mit dem Ansatz der Geschichte beschäftigt. Wie Mises, sieht Popper die Geschichte nicht als Wissenschaft an, die daran gebunden ist, Gesetze zu entwickeln und diese zu testen, sondern als Wissenschaft, die Gesetzmäßigkeiten nur verwendet (vor allem aus dem Allgemeinwissen gezogen, aber natürlich auch aus allen anderen Wissenschaften). Während „die theoretischen Wissenschaften hauptsächlich daran interessiert sind, universelle Gesetze zu finden und zu testen, so nimmt die Geschichte alle möglichen universellen Gesetze als gültig an und ist hauptsächlich daran interessiert mit deren Hilfe bestimmte und einzelne Ereignisse zu erklären.“ (Popper, 1961, S. 143–144) Wie Mises, dachte Popper, dass das „brennende Interesse an den Fragen nach dem Ursprung, aufgeworfen von vielen Evolutionisten und Historisten, welche die alte Geschichtswissenschaft verachten und sie in eine theoretische Wissenschaft verwandeln wollen, fehlgeleitet ist.“ (Popper, 1961, S. 144)

Popper will auf den Punkt hinaus, dass die Möglichkeit geschichtliche Ereignisse zu interpretieren, auf unserem Geist voller Theorien beruht: „Ein einzelnes Ereignis ist der Grund für ein weiteres einzelnes Ereignis – es ist seine Folge – dies allerdings nur relativ gesehen zu den universellen Gesetzen. Aber diese Gesetze mögen manchmal so trivial sein, schon so Teil unseres Allgemeinwissens geworden sein, dass wir sie nicht erwähnen müssen und sie gar nicht bemerken. Wenn wir sagen, dass Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, müssen wir das allgemeine Gesetz nicht mehr bemühen, dass alles Lebendige stirbt, wenn man es großer Hitze aussetzt. Aber solch ein Gesetz wurde von uns stillschweigend in unsere Kausalkette mit eingefügt.“ (Popper, 1961, S. 145) Das Studium der Geschichte basiert auf einem Ansatz, der dem der angewandten Physik sehr ähnlich ist, und dem der reinen Physik eher fremd: Beide Wissenschaften, die angewandte Physik und die Geschichte, sind nur daran interessiert, „ein einzelnes Ereignis kausal zu erklären“, (Popper, 1961, S. 144) und sie müssen die Theorien für wahr hinnehmen, die sie verwenden.

Popper schreibt: „Unter all den Theorien, die der politische Historiker voraussetzt, sind natürlich auch bestimmte Theorien der Soziologie – die Soziologie der Macht, zum Beispiel. Aber der Historiker benutzt diese Theorien, als eine Regel, ohne sich ihrer wirklich bewusst zu sein. Er benutzt sie nicht als allgemeine Gesetze, um seine spezifischen Hypothesen an ihnen zu testen, sondern implizit in seiner Sprache. Indem er von Regierungen, Nationen und Armeen spricht, verwendet er, meist unbewusst, die „Modelle“, welche aus der wissenschaftlichen oder der vor-wissenschaftlichen soziologischen Analyse folgen.“ (Popper, 1961, S. 145) Mises entwickelt eine ähnliche Argumentation, in der er betont, dass das Studium der Geschichte auf theoretischen Voraussetzungen und auf dem allgemeinen Wert des Allgemeinwissens beruht: „Geschichtsschreibung setzt immer ein bestimmtes Maß von allgemeingültiger Erkenntnis des menschlichen Handelns voraus. Die Erkenntnisse, die das geistige Rüstzeug des Geschichtsschreibers bilden, mögen mitunter oberflächlicher Betrachtung banal scheinen. Wer sie genauer betrachtet, wird in ihnen öfter den notwendigen Ausfluss eines das gesamte menschliche Handeln und gesellschaftliche Geschehen umfassenden Gedankenbaus erkennen. Wird z. B. ein Ausdruck wie ,Landhunger, ,Landmangel oder dergleichen verwendet, so ist damit eine Theorie entwickelt, die, folgerichtig zu Ende gedacht, zum Gesetz vom abnehmenden Ertrag oder, noch allgemeiner ausgedrückt, zum Ertragsgesetz führt.“ (Mises, 1933, S. 1f).

Popper behauptet, dass die empirische Kontrollmöglichkeit der Geschichte in der Rekonstruktion der „Situationslogik“ besteht, (Popper, 1961, S. 147) also der Rekonstruktion der Bedingungen der Erklärung. Die Bedingungen sind die Gründe eines Phänomens. Nach der deduktiven-naturgesetzlichen Methode von Popper können wir solche Gründe nur auf der Basis von allgemeinen Gesetzen herausfinden. Nehmen wir zum Beispiel folgende Situation an: Ein kleiner Junge fragt seine Mutter: „Warum hast du grade ein Glas Wasser getrunken?“ Die Mutter antwortet, „Weil ich durstig war.“ „Ich war durstig“ ist in diesem Falle die Bedingung der Erklärung. Die Mutter führt damit implizit ein triviales Gesetz des Allgemeinwissens ein: „Menschen, die durstig sind, tendieren dazu, etwas zu trinken.“ Beachten wir, dass die Anwendung dieses Gesetzes auch die Ceteris-paribus-Bedingung benötigt: Es kann nicht angewandt werden, wenn es nichts zu trinken gibt.

Wie Hempel arbeitet Popper heraus, dass die Rekonstruktion der Bedingungen sehr viel vorsichiger in der Geschichte vorgenommen werden muss, als in der angewandten Physik, weil die Mehrheit der Gesetze in den Sozialwissenschaften (nicht nur die empirischen Gesetze, die das menschliche Handeln betreffen) tendenzielle oder probabilistische Gesetze sind. (Popper, 1992a, S. 117; siehe auch Nadeau 1989) Wenn es unmöglich ist, deterministische Gesetze anzuwenden, kann das Phänomen, welches wir erklären wollen, mit verschiedenen Gründen in Einklang stehen. Nehmen wir zum Beispiel die Erklärung des Thucydides zur Wiederwahl des Perikles trotz des negativen Verlaufs seines Krieges gegen die Perser. Diese Tatsache ist mit verschiedenen tendenziellen Gesetzen kompatibel. Die Athener könnten zur Wiederwahl gezwungen worden sein oder man hat sie betrogen. Thucydides schließt der Reihe nach diese Hypothesen aus, indem er präzise, wie ein Detektiv, die Urbedingungen prüft. Er zeigt, dass Perikles von den Athenern geliebt wurde und dass er fähig war, sie davon zu überzeugen, dass es das Richtige sei, ihn wiederzuwählen. (siehe Di Nuoscio, 2004, S. 232)

Popper stimmt mit Hempel auch in der Tatsache überein, dass wenn wir probabilistische Gesetze für unsere Erklärungen verwenden, diese weniger sicher sind, da es keine logisch notwendige Deduktion unseres explanandum (dem Phänomen, das wir erklären möchten) aus den explanans (dem Bündel der Bedingungen und Gesetze auf denen unsere Erklärung beruht) gibt. Wie auch immer, sowohl Popper als auch Hempel betonen, dass die Verwendung von tendenziellen Gesetzen nicht ausschließlich in den Sozialwissenschaften vorzufinden ist. Es wird nur weit häufiger auf diesem Gebiet verwendet. Probabilistische Gesetze werden ebenso in den Naturwissenschaften verwendet. Die Medizin gibt uns viele Beispiele dieser Art: Bestimmte Behandlungen von Krebs sind nur in x % der Fälle anwendbar. Beispiele für tendenzielle Gesetze können wir auch in der Meteorologie und aus den anderen Naturwissenschaften ziehen. (siehe Di Nuoscio, 2004, S. 212; 2006, S. 41)

All das führt uns zu weiteren Gründen, warum Mises falsch liegt, wenn er Poppers Theorie der empirischen Fundierung der Sozialwissenschaften attackiert. Aufgrund Poppers Theorie in Bezug auf die Gesetze des Allgemeinwissens ist es schwierig, zu glauben, dass Poppers Erkenntnistheorie unfähig ist, etwas zu behandeln, dass nicht mit Laborexperimenten zum Testen von allgemeinen Sätzen zu tun hat.

Eine letzte Anmerkung ist allerdings angebracht. Popper besteht darauf, dass obwohl wir auf dem Feld der Geschichte die „Situationslogik-Analyse“ anwenden können, und wir keine Gesetze testen, das Gesetz der Falsifizierbarkeit nichtsdestoweniger volle Geltung beansprucht. Wenn es nach ihm geht, lässt sich mit diesem Werkzeug auch hier zwischen wissenschaftlichen und simplen Interpretationen unterscheiden (welche philosophisch, theologisch oder ideologisch sein können). (siehe Di Nuoscio, 2004, S. 267) Mit anderen Worten, er denkt, dass auch eine historische Erklärung nicht auf Gesetzen beruhen muss, die, von einem logischen Standpunkt aus gesehen, nicht falsifizierbar sind. Stellen wir uns den beispielhaften Fall einer Theorie vor, die das Ergebnis eines historischen Ereignisses als eine göttliche Fügung ansieht. Diese Theorie basiert auf dem folgenden zugrundeliegenden Gesetz: „Jedes historische Ereignis ist das Ergebnis von Gottes Willen.“ Diese Annahme ist nicht falsifizierbar, weil von einem logischen Standpunkt aus, es unmöglich ist, sich von dieser Annahme ausgehend widersprechende Beobachtungen abzuleiten. Es ist die Eigenschaft dieser Tatsache, die uns verstehen lässt, dass es sich hier um eine theologische Interpretation und keine wissenschaftliche Erklärung handelt. In der Konsequenz ist das poppersche Abgrenzungskriterium ein unentbehrliches und wichtiges Werkzeug, welches es uns erlaubt, zwischen Wissenschaft, Ideologie und auch der Geschichte zu unterscheiden. (ibid.)

10. Abschließende Bemerkungen zu der empirischen Kontrollierbarkeit von allgemeinen Theorien in den Sozialwissenschaften

Wie wir schon zeigen konnten, stimmten Mises und Popper beide bei der Tatsache überein, dass die Erfahrung uns dazu bringen kann, unsere empirischen Theorien zu ändern. Somit betrifft Mises’ Kritik an Popper diesen Punkt nicht. Es basierte auf einem Missverständnis, dass der Falsifikationismus die Erfahrung ebenso einschätzt, wie die Neo-Positivisten es tun, nämlich als ein Bündel neutraler und atheoretischer Data. Wie wir nun wissen, ist das nicht Poppers Position. In Wahrheit ist der Unterschied zwischen diesen beiden Denkern nicht sehr groß: Beide sehen die Wissenschaft als fehlbar an.

Wie Hayek schrieb, machten Mises’ „Ausführungen über den apriorischen Charakter der Theorie manchmal den Eindruck, die Position sei extremer als sie der Autor in Wirklichkeit vertrat“ (Hayek, 1992, S. 148); seine „kritischen Anstrengungen waren gegen die Ansicht gerichtet, dass Theorien auf irgendeine Weise direkt aus der historischen Erfahrung destilliert werden könnten, und sein Hauptpunkt war, welcher heute sehr viel vertrauter klingt als zu dem Zeitpunkt, zu dem er ihn entwickelt hatte, dass die Aussagen einer Theorie logisch unabhängig von einer bestimmten Erfahrung sind.“ (ibid.) Des weiteren betont Hayek, dass Mises nicht die Meinung vertrat, dass es in den Sozialwissenschaften möglich sei, von jedweder Erfahrung zu abstrahieren: „Somit wird nach reiflicher Prüfung ersichtlich, dass die Differenz zwischen der Ansicht, welche Professor Mises hielt und der modernen ,hypothetisch-deduktiven Interpretation der theoretischen Wissenschaften (z.B. wie sie von Karl Popper 1935 vertreten wurde) vergleichsweise klein ist, während beide durch einen riesigen Abgrund von dem naiven Empirismus getrennt werden, der so lange dominierend war.“ (ibid.)

Es ist notwendig zu betonen, dass die Propagierung eines großen Unterschieds in der Theorie zwischen Mises und Popper von dem letzteren selbst genährt wurde: Nicht nur weil Popper den Charakter der Praxeologie missverstand, sondern auch weil er unfähig war, Mises’ Sicht auf die empirischen Gesetze richtig zu verstehen. In einem Artikel von 1992 schreibt Popper: „Ich kannte die wichtigsten fundamentalen Beiträge von Mises und ich bewunderte ihn sehr. Ich möchte diesen Punkt herausstellen, weil wir beide, sowohl er als auch ich, uns dessen bewusst waren, dass wir auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie und der Methodologie stark unterschiedliche Meinungen vertraten. Ich denke, dass Mises in mir einen gefährlichen Gegner gesehen hat – vielleicht einen, der seinen wichtigsten Schüler, Hayek, auf seine Seite gezogen hat. Mises’ Erkenntnistheorie […] brachte ihn dazu, zu glauben, dass die Gesetzmäßigkeiten der Ökonomik absolut sichere Wahrheiten seien. Meine Methodologie […] brachte mich zu der Ansicht, dass die Wissenschaft fehlbar ist und dass sie durch die Methode der Selbstkritik und Selbstkorrektur wächst; oder, um es schöner auszudrücken, durch die Methode der Vermutung und der versuchten Widerlegung. Ich respektierte Mises, der viel älter war, viel zu sehr, um eine direkte Konfrontation mit ihm einzugehen. Er sprach oft mit mir, aber wir kamen nie über die Anspielungen von Meinungsverschiedenheiten hinaus: Er eröffnete niemals eine Diskussion durch direkte und offene Kritik. Wie ich selbst nahm er an, dass es einen gemeinsamen Nenner gab und er wusste, dass ich seine grundsätzlichen Theoreme akzeptierte und dass ich ihn für diese sehr bewunderte. Aber er machte durch Anspielungen klar, dass ich eine gefährliche Person war – obwohl ich seine Ansichten niemals kritisiert, und auch keine Kritik an Hayek herangetragen habe: Und ich würde es auch jetzt nicht tun. Wie auch immer, ich habe bis jetzt einigen Leuten von der Tatsache dieser Meinungsverschiedenheit erzählt, ohne in eine kritische Debatte zu gehen. So viel zu diesen zurückliegenden Tagen.“ (Popper, 1992b, S. 10)

Poppers Interpretation von Mises’ Erkenntnistheorie ist in Wahrheit sehr simpel und fehlgeleitet. Wie wir bereits sagten, machte Mises, obwohl er ein Kantianisches Vokabular verwendete, nicht dieselben Fehler wie Kant: Für ihn sind die Gesetzmäßigkeiten immer a priori im Vergleich zur Erfahrung, aber sie sind keine synthetischen Gesetze, welche a priori wahr sind, in dem Sinne, dass sie absolut sicher sind. Nach Mises sind nur die analytischen Sätze sicher. Kants Position ist problematisch und kann die Entwicklung der Wissenschaft nicht erklären. Nach Kant war ein großer Teil der Newtonschen Physik absolut sicher, weil sie zusammengesetzte synthetisch-apriorische wahre Sätze sind. Aber die Erfahrung hat die Newtonsche Physik falsifiziert und heute benutzen die Wissenschaftler andere Ansätze. (siehe Popper, 1973, S. 159ff; siehe auch Antiseri, 1997)

Mises verneinte nicht die Falsifizierbarkeit empirischer Sätze und die Tatsache, dass die Erfahrung uns zur Korrektur von Theorien bringen kann: „Gelingt es nicht, die Theorie an den Tatsachen zu verifizieren, so kann die Ursache vielleicht auch in der Unvollkommenheit der Theorie liegen. Die Nichtübereinstimmung von Theorie und Erfahrung muss uns daher veranlassen, die Probleme der Theorie immer wieder neu zu durchdenken.“ (Mises, 1933, S. 29)

Wie Popper, vertritt Mises einen „modifizierten Essentialismus“, (Popper, 1973, S. 197) und ist damit fähig den Realismus mit der Idee zu kombinieren, dass Wissen fehlbar ist und dass wir niemals zu absoluten Wahrheiten gelangen können. Obwohl Mises weniger Betonung als Popper auf die empirische Kontrollierbarkeit von Sozialtheorien legt, verneint er sie nicht. Im Gegensatz dazu, scheint er mehr als Popper Wert auf den Unterschied zwischen logischem und methodologischen Falsifikationismus zu legen, d.h. auf die Tatsache, dass von einem methodologischen Standpunkt aus, widersprechende Erfahrung nicht notwendigerweise eine Falsifikation bedeutet.

Ein Beispiel für den Widerspruch zwischen einer Theorie und ihren beobachteten Konsequenzen gibt Menger in seinen Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre an. Die Arbeitswertlehre kritisierend, zeigt Menger eine empirische Tatsache auf, welche in Widerspruch zu den Konsequenzen steht, die aus der Theorie folgen würden, der Idee, dass der Wert einer Ware nicht mit ihrer Nützlichkeit zusammenhängt: „Als im Jahre 1862 der nordamerikanische Bürgerkrieg Europa die wichtigste Bezugsquelle von Baumwolle verschloss, ging auch die Güterqualität tausend anderer Güter, deren komplementäres Gut jene Baumwolle war, verloren.“ (Menger, 1871, S. 15) Diese Tatsache kann im Lichte der Arbeitswertlehre nicht verstanden werden. Sie kann nur erklärt werden, auf Grundlage der Theorie, die behauptet, dass der Wert einer Ware auf ihrem Nutzen beruht: Die anderen Güter, die komplementär zur Baumwolle existierten, verloren ihre Güterqualität, weil sie ihren Nutzen verloren hatten. Menger zeigt uns hier empirisch die Fehler der Arbeitswertlehre und die Validität seines Standpunktes auf. Bekanntermaßen entwickelte er den Standpunkt, dass der ökonomische Wert und die Güterqualität vom menschlichen Verlangen abhängt.

Es ist nicht schwierig, weitere Beispiele für empirische Falsifikation von sozialwissenschaftlichen Theorien zu finden. Nach Raymon Boudon können wir die zwei folgenden Fälle zitieren: Der erste entspringt der Soziologie, der zweite der Ökonomie.

In den 1950er Jahren entwickelte Talcott Parsons folgendes Gesetz: „Die Industrialisierung der Gesellschaft hat eine Tendenz in sich, die Familie zu zerstören.“ Dieses Gesetz ist durch die Erfahrung widerlegt worden: „Was den Hinweis gab, warum es sich hier um eine unlogische Schlussfolgerung handelt (ein non-sequitur), war die Tatsache, dass in bestimmten Gesellschaften, wie Japan, die Industrialisierung eher mit und nicht gegen die große Familie vonstatten ging und dazu beitrug, sie eher zu stärken, zumindest über einen langen Zeitraum hinweg.“ (Bourdon, 1991, S. 22)

Schauen wir uns das zweite Beispiel an. In den 1960er Jahren war die Theorie von Nurkse über den Teufelskreis der Armut sehr beliebt. Diese Theorie nimmt an, dass in Abwesenheit von ausländischen Hilfen, arme Staaten dazu verdammt sind, arm zu bleiben, „da Armut eine geringfügige Spar- und Investitionsmöglichkeit impliziert und somit in der Konsequenz keine Möglichkeit besteht, die Produktivität zu erhöhen. Da das letztere nicht steigen kann, muss die Armut Bestand haben.“(Bourdon, 1991, S. 16)

Auch in diesem Fall ist möglich, der Theorie widersprechende Tatsachen zu präsentieren und sie damit zu falsifizieren: Dagegen spricht, dass „wir das Beispiel Englands und Japans im 18. Jahrhundert anführen können.“ (Boudon, 1991, 80) Denn wenn die Theorie stimmte, hätten diese zwei Länder „keine Entwicklung erleben dürfen, wie es aber in der Tat passierte.“ (Boudon, 1991, S. 25)

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Popper und Mises ist durch den Tatbestand gegeben, dass beide die Kontrollierbarkeit der allgemeinen Gesetze durch die Erfahrung als weniger wichtig in den Sozialwissenschaften ansahen, als in den Naturwissenschaften. Popper unterlegt diese These mit folgenden Argumenten: 1) Die Sozialwissenschaften können keine Experimente durchführen und können somit auch keine präzisen Vorhersagen machen; 2) Sie benutzen Gesetze des Allgemeinwissens, welche in dem Sinne unproblematisch sind, dass sie sich durch die vergangene Erfahrung bewährt haben; 3) Des weiteren sind viele Gesetze der Sozialwissenschaften nur tendenzielle Gesetze, d.h. dass sie schon falsifiziert wurden; 4) Sie schenken der empirischen Kontrolle der Bedingungen mehr Aufmerksamkeit, d.h. der Situationslogik-Analyse; 5) Aufgrund der Indeterminiertheit der meisten sozialen Phänomene, verwenden die Sozialwissenschaften weit öfter als die Naturwissenschaften nicht-empirische Werkzeuge, welche ihnen helfen, die Realität zu ordnen oder zu klassifizieren; diese Werkzeuge sind sogenannte „Modelle.“ (Popper, 1994, S. 162ff) Anders als Gesetze sind Modelle nicht-falsifizierbar, weil sie nicht die Realität beschreiben: Sie sind nur geistige Konzeptionen. Obwohl sie also geistige Konstruktionen sind, sind die Modelle wie das der selbst-organisierenden Ordnung (welches sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Sozialwissenschaften Verwendung findet) oder das der feudalen Ökonomie sinnvoll, empirische Erklärungen bestimmter historischer Ereignisse zu verfassen. Zum Beispiel kann man auf der Grundlage des Modells der feudalen Ökonomie, die Unterschiede zwischen bestimmten feudalen Systemen untersuchen, indem man ihre verschiedene historische Ausgestaltung unterstreicht. (siehe Di Nuiscio, 2006, S. 49−52)

Popper und Mises waren sich außerdem bei der Tatsache einig, dass die Sozialwissenschaften aufgrund der Unmöglichkeit in ihnen Laborexperimente zu verwenden, daran gebunden sind, „Gedankenexperimente“ zu nutzen. (Popper, 1961, S. 83ff und 105ff) Diese Methode besteht darin, dass man illusorische Bedingungen annimmt, welche nicht in der Realität vorkommen, die aber dennoch plausibel sind, und von denen man nun deduziert, was unter diesen hypothetischen Zuständen passieren würde. (siehe auch Mises, 2004, S. 237ff) Zum Beispiel könnten wir uns, indem wir eine Reihe nomologischen Wissens benutzten, welches wir besitzen, vorstellen, was die Ergebnisse einer sozialistischen Wirtschaftsordnung sein würden, selbst wenn wir eine solche Ordnung nirgendwo in der Realität erblicken würden. Auf der Grundlage unseres Wissens über die Funktion von Marktpreisen könnten wir uns ableiten, zum Beispiel, was nach ihrer Abschaffung geschehen könnte. Wie Popper betont, macht dieser Ansatz keinen fundamentalen methodologischen Unterschied zwischen Natur- und Sozialwissenschaften; abseits des Tatbestands, dass die Naturwissenschaften auch manchmal ähnliche Methoden anwenden müssen, haben Theorien, die wir auf diese Weise gewinnen, ähnlichen Charakter wie alle anderen wissenschaftlichen Theorien und zwar in dem Sinne, dass sie, aus rein logischen Gründen, niemals absolut unwiderlegbar sind. (siehe Popper, 1961, S. 83ff und 105 ff; siehe auch Di Nuoscio, 2006, S 64f; B. Smith 1994, S. 323ff; 1996)

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Forum Freie Gesellschaft (FFG) …

… setzt sich ein für eine freie Gesellschaft, die Herrschaft des Rechts, die Unverletzlichkeit des Privateigentums, eine Kultur der Freiheit und Bürgerlichkeit, und eine politische Ordnung ein, die durch maximale Abwehrrechte des Bürgers und einen minimalinvasiven Staat gekennzeichnet ist. Die Aufgaben der Staatsvertreter bleiben auf hoheitliche Funktionen beschränkt, also den Schutz von Leib, Leben und Eigentum sowie die Durchsetzung des Rechts im Fall von Konflikten. Recht wird dabei von Gesetzen unterschieden, weil ersteres aus Konventionen entsteht und letzteres Top down von Experten gesetzt wird.

Aufgabe von FFG ist es, die Erkenntnisse des klassischen Liberalismus wieder zu beleben und fortzuentwickeln. Wir sind der Auffassung, dass eine zweite Aufklärung erforderlich ist, die einer Erneuerung der geistigen Grundlagen folgt. Die Österreichische Schule, deren Stärken und Schwächen thematisiert werden, ist dabei ein Teil einer umfassenden Sozialphilosophie.

Einen Dritten Weg lehnen wir ab, da er in den Sozialismus und seine sanfteren Spielarten führt.

1Siehe zum Beispiel die Folgenden: Caldwell (2004), Bramoullé (1995), Facchini (2007), Gordon (1996), Hoppe (2007), Hülsmann (2003, 2007), Langueux (1996) Radnitzky (1995), Rothbard (1997), van den Hauwe (2007).

2Für eine Analyse von Mises’ Theorie über die Objektivität der Logik siehe R. T. Long (2008), S. 7 ff; (2004), S. 20−21.

3Für eine detailliertere Einführung in Poppers Epistemologie siehe Antiseri (1997).

4Wie wir später noch sehen werden, handelt es sich beim Abgrenzungskriterium um kein inhaltliches Kriterium wie beim neopositivistischen.

5Eben aufgrund dieser nichtvorhandenen Präzision in Mises’ Werk gibt es viele unterschiedliche Interpretationen dieses Apriorismus. Siehe über diesen Punkt Antiseri (2003) und auch Gordon (1994).

6Kant selbst hielt die Newtonsche Physik für synthetisch a priori wahr. Mises übernimmt diese falsche Vorstellung von empirischen Gesetzen nicht. Die Philosophie Kants ist problematisch, da sie nicht fähig ist, zu erklären, warum die Newtonsche Physik durch die Erfahrung falsifiziert werden konnte (siehe Popper 1973, S. 159−160; siehe auch Antiseri 1997, 2003).

7Folgt man Lakatos interpretiert Mario J. Rizzo Mises’ Ansatz als einen sehr „anspruchsvollen methodologischen Falsifikationismus“ (Rizzo, 1982, S. 53−73). Rizzos Interpretation ist natürlich interessant und in gewissem Sinne angemessen. Unabhängig davon muss betont werden, dass Mises Popper zum Großteil missverstanden hat und dass Poppers Falsifikationismus, wenn er auf behutsame Weise analysiert wird, nicht als eine blauäugige Angelegenheit abgetan werden kann. (siehe Champion 2002)

8Daraus folgt, für Popper und Mises, dass die Kritik am Oberservativismus nicht einen Skepsizismus oder Relativismus beeinhaltet. In anderen Worten, beide gehen davon aus, anders als Kuhn und die sogenannte „Neue Philosophie der Wissenschaften.“ dass die theoretische Natur der ’Tatsachen’ keine Inkommensurabilität alternativer Theorien bedeutet, noch eine Unmöglichkeit die Wahrheit zu erreichen. Besonders Popper betont, dass bei zwei oder mehr alternativen Theorien, diese immer eine gemeinsame Basis besitzen, da sie ja dasselbe Problem lösen wollen; er fand, dass alternative Theorien in Bezug auf das gleiche Problem immer vergleichbar sind (Popper, 1994, S. 33ff).

9 Manchmal scheint Mises implizit der Tatsache zuzustimmen, dass Versuche ein praktisches Problem zu lösen, die Bildung von Ökonomischen Theorien beeinflusst hat. Beachten Sie zum Beispiel seine Analyse der Konzepte des „Marktes.“ des „Kapitals.“ der „Wirtschaftsrechnung.“und der „Arbeitsteilung.“(siehe Mises, 2004, S. 143ff).