Antikapitalistische Faktenwüste

Das viel gepriesene Buch “King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus”, das von einem namhaften Historiker zum „Meisterstück der neuen Globalgeschichte“ erhoben wurde, ist aus meiner Perspektive eine antikapitalistische Faktenwüste.

Das ist schade. Zumal die vermeintliche Geschichte des globalen Kapitalismus tatsächlich eine Geschichte von Big Business und Big Government ist, eine Geschichte des Interventionismus, Protektionismus und der Privilegierung. Merkantilismus ist kein Kriegskapitalismus. Derartige fatale Fehldeutungen bilden aber das intellektuelle Gerüst des Wälzers. Zugleich deutet der Harvard Professor Sven Beckert an, der Merkantilismus sei ein gelungenes System gewesen. Ambivalente Eigenheiten und Folgen werden akademisch korrekt thematisiert, um immer wieder den revolutionären Charakter und zugleich die gigantischen Produktionssteigerungen hervorzuheben, mit 250 Jahre alten Renditebetrachtungen bis auf das Komma genau.

Es spricht für sich, wenn von der „Habgier des Kapitalismus“ die Rede ist, also ein Terminus menschliche Eigenschaften erhält oder wenn wiederholt von radikal, katapultieren und explodieren die Rede ist, um Entwicklungen Effekt heischend zu bewerten. Offen bleibt, ob sich Sven Beckert bei seiner durchgängigen Bewertung des vermeintlichen globalen Kapitalismus als elementar gewalttätig und zwanghaft klar ist, dass aus ihm Lenin zu sprechen scheint: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. In seiner gleichnamigen Schrift beabsichtigte Lenin bekanntlich, „das Gesamtbild der kapitalistischen Weltwirtschaft in ihren internationalen Wechselbeziehungen“ zu skizzieren. Ein ähnliches Unterfangen.

Als Verdienst kann die umfängliche, langjährige, weltweite Recherche angesehen werden, die dem Buch zugrunde liegt. Wer Fakten sucht, der wird sie hier finden. Unaufhörlich wechselt die Studie zwischen globalen Betrachtungen, Perspektiven auf einzelne Regionen und Städte, Geschichten über Personen und Unternehmen, Bewertungen aus aktueller Perspektive, erwartungsgemäß auch über Kinder und Frauenarbeit, und dergleichen mehr. Ich empfinde die Lektüre als Belastung, zumal ich mir die Faktenfülle nicht merken kann. Anders als in den lesenswerten Studien von Timothy Brook: Vermeers Hut. Das 17. Jahrhundert und der Beginn der globalen Welt ist der Erkenntnisgewinn entsprechend gering. Andere Historiker und Detailliebhaber werden vielleicht ihre Freude haben.

Dabei hätte die von Sven Beckert gewählte Rahmengeschichte über die Liverpool Cotton Association zeigen können, was Kapitalismus wirklich ist: ein geniales, friedliches Entmachtungsverfahren, das permanenten, auch strukturellen Wandel hervorbringt, aber nicht zentral gesteuert wird, und seine Akteure – anders als die staatlichen – nur sehr vergängliche Macht besitzen.

Michael von Prollius

Sven Beckert: King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus, C. H. Beck Verlag, 2. Auflage München 2015, 526 S., 29,95 Euro.