Anthony de Jasay (1991) Liberalismus neu gefaßt – Grundsteine einer entpolitisierten Gesellschaft

Anthony de Jasay wurde 1925 in der ungarischen Gemeinde Aba geboren. Seine Ausbildung, die er in Székesfehérvár und Budapest erfuhr, schloss er mit einem akademischen Grad in Agrarökonomie ab. Von 1947-48 arbeitete er als freier Journalist, was ihn 1948 zur Emigration zwang. Nach zwei Jahren Aufenthalt in Österreich emigrierte er 1950 nach Australien. Dort studierte er nebenberuflich Volkswirtschaftslehre an der University of Western Australia. Ein Stipendium erlaubte es ihm 1955 nach Oxford zu gehen, dort sieben Jahre als Forschungsstipendiat am Nuffield College tätig zu sein und zu publizieren.

1962 übersiedelte de Jasay nach Paris und arbeitete im Bankenbereich, zunächst in Führungspositionen, dann selbstständig als Investmentbanker in verschiedenen europäischen Ländern und den USA. Seit 1979 verbringt er seinen Ruhestand an der Küste der Normandie.

De Jasay hat sich zunächst vor allem für Nationalökonomie interessiert. Später wandte er sich jedoch der politischen Philosophie zu. Seine Veröffentlichungen, darunter mehrere Bücher, die in sechs Sprachen übersetzt wurden, behandeln vorwiegend sozialphilosophische Fragen. Der gebürtige Ungar, der vor allem auf Englisch publiziert, gilt jenseits der akademischen Mainstream-Zirkel als einer der konsequentesten lebenden liberalen Philosophen.

De Jasay hat eine eindeutige theoretische Grundlegung des Liberalismus entwickelt. Sie bildet den Kern seines Buches „Liberalismus – neu gefaßt“ (engl. Original: „Choice, Contract, Consent), aus dem der nachfolgende Text entnommen ist. De Jasay hat sich eine strikte Formulierung zur Aufgabe gemacht, um den Liberalismus gegen zersetzende Einflüsse zu immunisieren. Zwei Grundthesen mögen dies verdeutlichen. Die logische lautet: Jede beabsichtigte Handlung ist frei und darf daher durch die Regierung weder geregelt noch besteuert oder bestraft werden, solange nicht nachgewiesen werden kann, dass sie nicht frei ist. Die moralische lautet: Gesetze der Unterwerfung, die eine Pflicht zum politischen Gehorsam beinhalten, sind abzulehnen, weil eine unfreiwillige Unterwerfung unter einen politischen Willen, der noch dazu häufig von einer Minderheit, nie aber von einem Kollektiv insgesamt geäußert wird, moralisch unerhört ist. Grundsätzlich gilt es, die Aufmerksamkeit weg von Gesetzen zu richten und stattdessen stärker auf Konventionen zu achten. Günstigenfalls sind Gesetze ohnehin nur Ausdruck historischer Praktiken. Konventionen beruhen, anders als Gesetze, auf Selbstüberwachung und Freiwilligkeit.

De Jasay verdanken wir die Erinnerung an die zeitlos gültige und heute wohl wichtigste Aufgabe: die Legitimität des Staates stets zu hinterfragen. Es ist ein Grundübel unserer Zeit, dass die Zuständigkeit und Rechtmäßigkeit des Staates heute als Allgemeingut gilt. Dies gilt umso mehr vor dem Diktum de Jasays: Die Verfassung ist ein Keuschheitsgürtel, zu dem die Lady selbst den Schlüssel besitzt.