Anarchokapitalismus, der Gott, der keiner ist

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Gustave de Molinari gilt mit seiner epochalen Schrift „Produktion der Sicherheit“ als einer der Begründer des Anarchokapitalismus. Genauer betrachtet handelt es sich um ein Gründungsdokument, das zunächst weitgehend folgenlos blieb, also weder schulbildend wirkte noch Mitstreiter zur Vertiefung seiner Thesen bewegte. Erst im 20. Jahrhundert wurde insbesondere durch Murray N. Rothbard und seine Anhänger, darunter auch der Historiker Ralph Raico, der belgische Ökonom und Publizist wieder entdeckt. Ihm wird zugute gehalten, den klassisch liberalen Ansatz konsequent weitergedacht zu haben. Aus klassisch liberaler Perspektive lässt sich das bestreiten; weitreichende Skepsis habe ich bereits in dem Beitrag „Sicherheit durch Gewaltmonopol oder Gewaltwettbewerb?“ zum Ausdruck gebracht. Tatsächlich ist es angebracht, weit über diese Skepsis hinaus zugehen, weil de Molinaris Text sehr simpel gestrickt ist und eine Fülle logischer Fehler enthält.

Die Auseinandersetzung mit seiner Schrift erscheint geeignet, Grundsätzliches zu einer Säule – und zu einem Säulenheiligen – des Anarchokapitalismus zu sagen. Ich werde das nachfolgend thesenhaft tun, zumal ich angesichts einer (erneuten) kritischen Durchsicht und Diskussion des Traktats überrascht bin, dass diese Säule lediglich aus Pappmaché besteht.

Die Verdienste de Molinaris um den klassischen Liberalismus im französischsprachigen Raum sollten deshalb nicht gering geschätzt werden. Sein Einsatz für Freihandel, Frieden sowie gegen Sklaverei und Etatismus, aber auch seine auf politische Ökonomie gestützte Argumentation bleiben unberührt. Allerdings sind Zweifel an Ralph Raicos Einschätzung angebracht, dass de Molinari zu den besten liberalen Denkern des 19. Jahrhunderts zählt. (weiterlesen als pdf)