Anarchist, Freidenker, Grenzgänger

Reinhold Messner ist ein außergewöhnlicher Mensch. Das gilt für seine Taten, sein Schaffen und sein Denken. Der Südtiroler Bergsteiger und Bergbauer ist in der ursprünglichen Natur in und um das Vilnöß-Tal aufgewachsen. Sein Freiheits- und Entdeckungsdrang hat ihn viele Grenzen der Welt überschreiten lassen – in der Höhe, in der Weite und in der Gedankenwelt. Seine Leistungen sind und bleiben einzigartig. Als Beispiel mag war das Bewältigen der vierzehn Achttausender ohne Sauerstoff dienen, mehrfach im Alleingang. Zudem können wir tiefe Einsichten aus dem reichen Leben und Denken des Jahrhundertmenschen gewinnen. Einen Zugang bietet seine episodenhafte Autobiographie ÜBER LEBEN.

Reinhold Messner gelingt es mit vielen kompakten Schilderungen die Intensität seines Lebens als Weltbürger und Südtiroler dem Leser nahezubringen. Dazu gliedert er sein einzigartig intensives Leben in drei Teile: Die Jugend übertitelt er mit „ÜB ERLEBEN“, die Reifezeit mit „ÜBERLEBEN“ und das Alter mit „ÜBER LEBEN“. Wie in Stein gemeißelte Vorträge und packende Erzählungen wechseln sich ab. Das Ergebnis ist für mich ein Lesefluss und Lesegenuss, der zuweilen den geschilderten Erfahrungen ähnelt, die sein frühes Klettern an schwierigen und unmöglichen Stellen auszeichnete: ablenkungsfreihe Konzentration, Beschleunigung und Dehnung der Zeit, ungeahnte Leichtigkeit. Die einsichtsreichen Reflektionen, auch über Leben, Tod und Zeit, gleichen dem tiefen und weiten Blicken von Gipfeln und zum Horizont in Wüsten, die stets nicht nur nach außen, sondern immer auch nach innen gerichtet sind.

Hervorheben möchte ich einen mir wichtigen Aspekt: Das Buch strahlt Lebensfreude und Zuversicht aus, trotz beschwerlicher und dramatischer Ereignisse. Das liegt auch dran, dass Reinhold Messner seine Lebenserfahrung zur Orientierung anbietet,. Seine in intensiven Erfahrungen geronnene Lebensphilosophie ist von Freiheit durchdrungen. Damit unterscheidet sie sich von den vielen Moralisierern und ihrem bevormundenden und einengenden oder asketischen, zugleich selbstdarstellerischen Duktus.

Messners Lebens(sphilosophie) erinnert mich an Wilhelm von Humboldt, der die proportionierlichste Bildung der Kräfte zu einem Ganzen thematisierte. Der Überlebende ist wiederholt über sich hinausgewachsen, als Kletterer, Bergsteiger, Horizontalgänger, Kulturschaffender und Lebensphilosoph. Wenn er über Leben schreibt, verbinde ich damit Aufbruch und Gelingen, Wachsen durch Tun, über sich hinauswachsen können. Schaffen und Leistung statt Moral predigen ist eine geradezu unzeitgemäße Tugend geworden. Vermutlich gelingt es allein auf diese Weise, also im Handeln, sich mit sich selbst und der Welt in eins zu setzen.

Messner ist zwar ein dezidierter Verfechter der Selbsterfahrung, er betrachtet Erfahrungen aus zweiter Hand kritisch. Zugleich können wir dankbar sein, an seinen Lebenserfahrungen teilzuhaben. Letztlich wird er sich ein wenig selbst widerlegen, da er konstatierte, die Welt bliebe ohne und nach ihm unberührt. Das Gegenteil gilt für den von ihm gestalteten Kulturraum in Südtirol und für die zahlreichen Eintragungen in das Buch der Menschheitsgeschichte. Beide bleiben. Letztere lassen sich nachlesen.

Die Politik war für den Europaabgeordneten lediglich Episode. Vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, eine Reihe selektiver politischer Einblicke in drei Blöcken anzusprechen.

  1. Als Kosmopolit der lokalen Gemeinschaft verbunden

Einerseits fühlt sich Messner als kosmopolitischer Weltreisender, andererseits spürt Messner seine Heimatverbundenheit immer stärker. Kein Reisen in die Welt ohne Heimkehr. Kein Grenzen überschreiten ohne abgegrenzten Rückzugsraum. Der Südtiroler ist mehrsprachig aufgewachsen und lobt die Kleinheit des menschlichen Lebens. In der überschaubaren Gemeinschaft sind seiner Erfahrung nach Kompromisse möglich, Lösungen realisierbar, die allen nützen. Die Welt ist gleichsam entpolitisiert. Noch wichtiger könnte die emotionale Gemeinsamkeit sein, die kleine Gemeinschaften verbindet und auf Lösungen verpflichtet. Während das Gegenteil ein bislang übersehenes Wirkmuster für den abgehobenen, entfremdenden politischen Streit zentralisierter Gesellschaften sein könnte.

  1. Freiraum und Selbstverantwortung statt Einengen, Gleichmachen und auf Kosten anderer leben

Messner lässt sich als Paradebeispiel eines eigentümlich freien Menschen begreifen und als europäische Inkarnation eines Selfmade Mannes. Er ist überzeugt, die Natur bestimmt unsere Chancen. Wir können zwar immerhin durch gewaltige Kraftanstrengung über uns hinaus wachsen. Das erfordert in einem Grenzgängerleben nicht ständig bloß vernünftig zu sein, sondern seinen Instinkten zu vertrauen. Leider lassen wir uns heute zuviel ablenken und zu wenig herausgefordern. Erfahrung gewinnen wir in Exposition und Eigenverantwortung. Orientierung entsteht durch Selbermachen. Gleichheit und Freiheit müssen der Gerechtigkeit untergeordnet werden, fordert Messner, was nach konsequenter Freiheitsphilosophie klingt. Nicht nur in einer Seilschaft sind Menschen gleichberechtigt und nach ihrem Können selbstverpflichtet. Dazu passend ist ihm Freiraum wichtiger als offizielle Bildung. Messners Leben wurde durch staatliche Vorschriften eingeengt. In seiner Welt ist ein Staat kaum erforderlich, auch wenn er als Demokrat repräsentative, verantwortungsvolle Politiker schätzt.

  1. Leistung wertschätzen, Selbstvertrauen erlangen und nach individueller Facon leben

Sinn wird uns vor allem in einem gelingenden Leben bewusst, resümiert Messner. Und Leben kann jeder nur selbst und vor allem selbstverantwortlich. Hilfe findet man zuerst am Ende seines rechten und linken Arms, möchte ich mit Alexander Rüstow ergänzen. Wertvoll erscheint mir, dass Messner betont: Anerkennung eigener Leistung ist Ausdruck eines gesunden Selbstwert(gefühls) und keineswegs der Mangel, der neumodisch darin ausgemacht wird. Demut stellt sich nach einem Erfolg und der Freude über das Gelungene ein, wenn man es aus eigener Kraft geschafft hat und Maß und Mitte kennt. Gespräche dienen der Vermittlung von Lebensweisheiten. Gutmenschen und Moralisierer bevormunden und können sich wie richtig fiese Möp verhalten. Jeder sollte sich auf sein Dasein beschränken und mit (Ver)Urteilen vorsichtig sein.

Reinhold Messner hat Individualität gelebt und ist zum Einzelgänger geworden, ohne je isoliert worden zu sein. Neider und falsche Gutmenschen haben ihm zugesetzt. Die besten Antworten lieferten seine Taten. Der Überlebenskünstler kann so glaubhaft wie kaum ein anderer aufzeigen, dass er nicht das ist, was andere über ihn sagen, sondern vielmehr das, was sein Schaffen und seine Lebensleistungen, aber auch sein Nachdenken über Menschen und die Welt ausmachen. Wenn es eigentümliche freie Menschen gibt, dann gehört Reinhold Messner zu den profiliertesten. Eine wunderbare Botschaft lautet: „Wir alle sind Erzähler unseres verborgenen Selbst“.

 

Literatur: Reinhold Messner: Über Leben, Piper Verlag, München, Berlin 2014, 336 S., Euro.