Sapiens siegt

Die Geschichte der Menschheit auf unter 500 Seiten? Nicht ganz. Der in Jerusalem lehrende Welthistoriker Yuval Noah Harari versucht zunächst zu erklären, warum und wie sich der Homo Sapiens gegen andere Menschen durchgesetzt hat. Anschließend begründet er, warum die Kultur weltweit vereinheitlicht wird und die Menschen global immer mehr zusammenrücken. Ein zentrale Rolle spielt für Harari der Konstruktivismus, die Fähigkeit des Homo sapiens jenseits biologischer Fakten eine Wirklichkeit zu imaginieren und sich an die Regeln der erdachten Welt zu halten. Religionen, Weltreiche, Entdeckungsreisen und Fernhandel seien so möglich geworden.

Die unterschätzte Revolution

Vor 70.000 Jahren änderte sich die Welt grundlegend. Die kognitive Revolution, die vermutlich das Ergebnis einer evolutionären Mutation gewesen ist, verschaffte dem Sapiens eine geistige Überlegenheit. Als einzige Art war er zu komplexen Handlungen in Großgruppen in der Lage, weil nur er über die konzeptionellen, sprachlichen und unternehmerisch-gestalterischen Fähigkeiten verfügte. Den körperlich überlegenen Neandertaler verdrängte der Homo sapiens, der kluge Mensch. Offen ist, ob das durch Siedlungswellen, Nahrungskonkurrenz oder sogar Genozid geschah. Gesichert ist hingegen, dass sich nur der Homo sapiens über die gesamte Erde ausbreitete und alle anderen Menschenarten verschwanden.

Evolution – kein Weg zurück

Der übrige, weitaus umfangreichere Teil des Buches hat mich weniger fasziniert, vielleicht weil ich darüber mehr weiß. Den Pessimismus Hararis teile ich nicht. Die Welt wird in langer Frist betrachtet immer besser. Wir haben die Möglichkeit weitaus gesünder und glücklicher zu leben als in der von ihm fast verherrlichten Wildbeutergesellschaft der Stein-, besser Holzzeit. Eingängig ist das analytische Vorgehen mit Fragen und Antworten, mit Hypothesen, die aufgestellt und dann verworfen werden. Vieles erscheint ausgewogen, manches klingt nach Strohmännern, gegen die argumentiert wird, einiges ist allzu verkürzt und dann falsch, vom Arabischen Frühling bis zum Kapitalismus. Diskussionswürdig ist die These der kulturellen Vereinheitlichung der Menschheit im Zuge von drei Revolutionen: der kognitiven, der neolithischen und der industriellen Revolution. Ausgangspunkt könnte die Feststellung sein: „.. the historical record makes Homo sapiens look like a serial killer.“ D.h. vom Beginn der Menschheit an hat der Homo sapiens seine Umwelt gestaltet und die Artenvielfalt verringert. Das bedeutet auch, es gibt kein Zurück zum natürlichen Zustand der Erde.

Biologie => + Kultur => –

Vor diesem Hintergrund ist der Übergang zur sesshaften Landwirtschaft Fluch und Segen zugleich: Mehr Menschen konnten ernährt werden, waren aber auch auf Gedeih und Verderb von einer Pflanze abhängig. Harari beschreibt das nett, indem er die Pflanze den Menschen domestizieren lässt. Erst jetzt waren Königreiche, Spezialisierung und weitreichende Arbeitsteilung in Gesellschaften möglich; Bürokratie, Schrift und Steuern sowie die Bildung von Staaten waren nützlich. All das erscheint als Folge eines evolutionär konsequenten – geradezu alternativlosen – Weges. Biologie sorgt für Vielfalt, Kultur reduziert diese, so lautet eine zentrale These von Harari. Ein anderer Dreiklang lautet: schwache Individuen, starke Familien, schwache Staaten vs. starke Individuen, schwache Familien, starke Staaten. Viel Denk- und Diskussionsstoff.

Michael von Prollius

 

Yuval Noah Harari: Sapiens. A Brief History of Humankind, Vintage Books (Erstauflage 2011), London 2014, 498 S., 9,49 Euro.